Die Ereignisse des gestrigen Palmsonntags in Jerusalem fügen sich zu einem Bild zusammen, das ebenso irritierend wie bezeichnend ist: Sicherheitsargumente, die in letzter Konsequenz dazu führen, daß selbst höchste kirchliche Würdenträger am Zugang zu ihrer heiligsten Stätte gehindert werden – und ein politisches Krisenmanagement, das erst im nachhinein und nur nach weltweiter Empörung reagiert.
Im Zentrum steht ein Vorfall, der weit über eine bloße „Unannehmlichkeit“ hinausgeht. Die israelische Polizei verweigerte dem Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Pierbattista Kardinal Pizzaballa, sowie dem Kustos des Heiligen Landes den Zutritt zur Grabeskirche in Jerusalem. Dort wollten sie – wohlgemerkt privat – die Messe zum Palmsonntag feiern. Privat, weil die israelischen Behörden bereits seit dem 28. Februar Gläubigen den Zutritt zur Basilika verwehren. Daß ein solches Ereignis in einem der sensibelsten Momente des Kirchenjahres stattfindet, verleiht dem Vorgang besonderes Gewicht.
Erst nachdem der Vorfall öffentlich geworden war und weltweit für Irritation gesorgt hatte, meldete sich der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu zu Wort. Selbst der sozialistische Ministerpräsident Spaniens Pedro Sanchez übte scharfe Kritik, während im deutschen Sprachraum nicht einmal die christdemokratischen Parteien ein Wort dazu sagten.
Über die Plattform X ließ Netanjahu mitteilen, er habe angewiesen, dem Kardinal „vollen und unmittelbaren Zugang“ zur Grabeskirche zu gewähren. Den Gläubigen allerdings weiterhin nicht. Die Begründung lautet: Es gebe massive Sicherheitsbedenken infolge iranischer Raketenangriffe auf Jerusalem, bei denen auch in unmittelbarer Nähe der Grabeskirche Trümmer niedergegangen seien. Ein Vorwand, sagen Kritiker, denn das Risiko liegt bei den Christen.
Diese Darstellung wurde von offizieller Seite bereits mehrfach wiederholt. Das israelische Außenministerium verweist auf die Gefährdungslage durch iranische Angriffe, die nicht nur christliche, sondern auch muslimische und jüdische Heiligtümer wie die Al-Aqsa-Moschee und die Klagemauer betreffen. Aufgrund der dichten Bebauung der Altstadt und der schwierigen Einsatzbedingungen für Rettungskräfte seien Einschränkungen unvermeidlich gewesen, größere Menschenansammlungen müßten verhindert werden.
So nachvollziehbar Sicherheitsbedenken in einer angespannten militärischen Lage erscheinen mögen – die konkrete Umsetzung wirft allerdings zahlreiche Fragen auf. Die jüngste Maßnahme traf nicht eine unüberschaubare Menschenmenge, sondern nur zwei Personen, zwei der ranghöchsten Vertreter der katholischen Kirche im Heiligen Land, die eine nichtöffentliche Liturgie feiern wollten. Die Entscheidung wirkt daher weniger wie eine zwingende Notwendigkeit als vielmehr wie ein Ausdruck administrativer Überdehnung: ein Sicherheitsapparat, der im Zweifel pauschal handelt und dabei die religiöse Realität vor Ort aus dem Blick verliert.
Generell stellt sich jedoch die Frage, welche angemessenen und verhältnismäßigen Gründe es überhaupt geben könnte, die heilige Liturgie zu unterbinden. Aus kirchlicher Sicht nämlich gar keine. Aus diesem Grund handelt es sich in jedem Fall um staatliche Repression, da sich der Staat in Angelegenheiten einmischt, die ihn nichts angehen.
Daß erst nachträglich dem Patriarchen und dem Kustos „volle und unmittelbare“ Zugangsrechte zugesichert werden, unterstreicht einen irritierenden Eindruck. Es entsteht das Bild eines Krisenmanagements, das nicht präventiv differenziert, sondern reaktiv korrigiert – und damit lediglich politischen Schaden begrenzen will, der zuvor durch eigenes Handeln entstanden ist. Dazu gehört auch, daß Israel mit den USA den Krieg gegen den Iran begonnen hat, dessen Folgen nun als Grund genannt werden. Der Lateinische Patriarch selbst fand am Nachmittag Worte, die über den konkreten Vorfall hinausweisen. Vom Ölberg aus, unweit von Getsemani, hielt Kardinal Pierbattista Pizzaballa eine Meditation, in der er das behördliche Verbot der traditionellen Palmprozession in den Kontext stellte und damit Kritik anklinken ließ: „Es ist nicht eine formale Abwesenheit“, sagte er sinngemäß, „es ist der Krieg, der unseren festlichen Weg unterbrochen hat.“ Die Straßen blieben leer, die Palmenzweige bleiben aus – doch der religiöse Gehalt des Tages, so seine Botschaft, bleibe bestehen.
Bemerkenswert ist der Kontrast zwischen dieser geistlichen Deutung und der administrativen Realität des Vormittags. Während der Kardinal die Einschränkung religiöser Praxis in einen größeren Kontext von Leid, Hoffnung und Glauben einordnet, operieren die israelischen Behörden mit einem sicherheitspolitischen Raster, das wenig Raum für Differenzierung läßt. Religion erscheint darin vor allem als Risiko – nicht als schützenswertes Gut mit eigener Logik und Würde.
Tatsächlich wird in christlichen Kreisen, auch im Lateinischen Patriarchat, inoffiziell deutlichere Kritik geübt: Es besteht der Verdacht, daß die Einschränkungen und auch das gestrige Zutrittsverbot für den Patriarchen eine Rache der israelischen Staatsführung für die wiederholte Kritik des Patriarchen an der israelischen Politik gegenüber den Arabern des Heiligen Landes, den Palästinensern, die Muslime und Christen umfassen. Der Kardinal trat auch international als gewichtige Stimme gegen die Art der israelischen Militärangriffe im Gazastreifen auf. Damit würde es sich zusätzlich um einen direkten Akt der Repression gegen die Person des Patriarchen handeln.
Zwar kündigten die Behörden inzwischen Gespräche mit dem Patriarchen an, um „zur Normalität zurückzukehren“, soweit dies unter den gegebenen Umständen möglich sei. Auch soll ein Plan erarbeitet werden, der religiösen Führern in den kommenden Tagen den Zugang zu den heiligen Stätten ermöglicht. Doch auch hier bleibt der Eindruck: Die Normalität wird nicht gewahrt, sondern bestenfalls aus Imagegründen nachträglich wiederhergestellt – und das unter Bedingungen, die jederzeit erneut außer Kraft gesetzt werden können.
Der Vorfall von Jerusalem steht damit exemplarisch für ein Grundproblem: Sicherheit wird zum dominierenden Paradigma, das andere Dimensionen – in diesem Fall die Religionsfreiheit – nicht nur einschränkt, sondern zeitweise suspendiert. Und sie kann leicht zum Vorwand oder Druckmittel werden. Daß dies ausgerechnet am Palmsonntag geschah und ausgerechnet die Grabeskirche betraf, verleiht dem Ganzen eine symbolische Schärfe, die politische Erklärungen allein kaum entschärfen können.
So bleibt am Ende weniger die Frage, ob Sicherheitsmaßnahmen notwendig sind – das sind sie zweifellos. Entscheidend ist vielmehr, wie sie umgesetzt werden. Und hier zeigt der aktuelle Fall: Wo Differenzierung fehlt, entsteht nicht Sicherheit, sondern Vertrauensverlust. Gerade in einer Stadt wie Jerusalem, in der Religion nicht Beiwerk, sondern Kern der Identität ist, ist das ein Risiko, das sich langfristig kaum kalkulieren läßt.
Und mit dem Palmsonntag wurde die Karwoche erst eröffnet. Was wird in der Zeit des Triduum Paschalis geschehen?
Patriarch Pizzaballa fand als Reaktion auf die gestrige Maßnahme ungewöhnlich deutliche Worte. Seit Jahrhunderten – „wohlgemerkt seit Jahrhunderten“ – habe es eine derartige Einschränkung der Kultusfreiheit am Palmsonntag nicht gegeben. Die Anspielung war unmißverständlich: Selbst unter muslimischer Herrschaft sei den Christen seit der Errichtung der Franziskanerkustodie des Heiligen Landes, vor 800 Jahren, der Zugang zur Grabeskirche niemals verwehrt worden.
Damit erhält der Vorfall eine historische Tiefenschärfe, die weit über den konkreten Anlaß hinausweist. Denn Kardinal Pizzaballa zog implizit einen Vergleich, der für die verantwortlichen Behörden unerquicklich ist: Was über Jahrhunderte hinweg unter unterschiedlichsten politischen Ordnungen möglich blieb, wird nun im modernen Staat Israel, einem jüdischen Staat, eingeschränkt.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Youtube/Aleteia (Screenshot)
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