Zehn Jahre Amoris laetitia

Die Verwirrung dauert an


Am 19. März jährt sich zum zehnten Mal die Promulgierung des umstrittenen nachsynodalen Schreibens Amoris laetitia von Papst Franziskus. Eine Korrektur ist noch nicht erfolgt.
Am 19. März jährt sich zum zehnten Mal die Promulgierung des umstrittenen nachsynodalen Schreibens Amoris laetitia von Papst Franziskus. Eine Korrektur ist noch nicht erfolgt.

Von Cri­sti­na Siccardi*

Zehn Jah­re sind ver­gan­gen, seit Papst Fran­zis­kus das apo­sto­li­sche Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia ver­öf­fent­licht hat. In die­sem Zeit­raum hat sich die Lage der Fami­lie wei­ter ver­schlech­tert. Betrach­tet man etwa die Sta­ti­sti­ken des ita­lie­ni­schen Sta­ti­stik­am­tes Istat, so ist allein in Ita­li­en die Zahl der Geschie­de­nen seit 2015 um 59 Pro­zent gestie­gen und über­schritt im Jahr 2024 die Mar­ke von zwei Mil­lio­nen – begün­stigt durch die gesetz­li­che Ein­füh­rung der soge­nann­ten „Ver­kürz­ten Schei­dung“. Die kirch­li­chen Trau­un­gen ver­zeich­nen einen immer deut­li­che­ren Rück­gang und ver­stär­ken damit einen bereits seit Län­ge­rem bestehen­den Abwärts­trend: Sechs von zehn Ehe­schlie­ßun­gen (58,9 %) wer­den inzwi­schen stan­des­amt­lich voll­zo­gen. Neben den ein­ge­tra­ge­nen Lebens­part­ner­schaf­ten gleich­ge­schlecht­li­cher Paa­re neh­men auch Zweit- und wei­te­re Ehe­schlie­ßun­gen zu. Der Anstieg der Zweit­ehen, der ins­be­son­de­re im Bien­ni­um 2015–2016 infol­ge der Ein­füh­rung der Kurz­zeit­schei­dung im Jahr 2015 ver­zeich­net wur­de, ist inzwi­schen in eine all­mäh­li­che Sta­bi­li­sie­rung übergegangen.

Amo­ris lae­ti­tia hat – zusam­men mit der „Ver­kürz­ten Schei­dung“ [Schei­dung mit ver­kürz­ter Tren­nungs­frist] – die Auf­lö­sung fami­liä­rer Bin­dun­gen begün­stigt, wenn man bedenkt, daß über 60 Pro­zent der Schei­dun­gen Paa­re mit Kin­dern betref­fen. „Es gibt kei­nen guten Baum, der schlech­te Früch­te bringt, noch einen schlech­ten Baum, der gute Früch­te bringt. Denn jeden Baum erkennt man an sei­nen Früch­ten: Von Dor­nen ern­tet man kei­ne Fei­gen, und von einem Dorn­busch liest man kei­ne Trau­ben“ (Lk 6,43–44).

Die hef­ti­gen Kon­tro­ver­sen, die Amo­ris lae­ti­tia im katho­li­schen Umfeld aus­lö­ste – datiert auf den 19. März 2016, das Hoch­fest des rein­sten Bräu­ti­gams, des hei­li­gen Joseph, und ver­öf­fent­licht am 8. April des­sel­ben Jah­res –, ent­zün­de­ten sich ins­be­son­de­re an eini­gen Punk­ten, die von vorn­her­ein den bibli­schen Leh­ren sowie der gesam­ten Tra­di­ti­on der Kir­che dia­me­tral ent­ge­gen­zu­ste­hen schie­nen. Der Text war das Ergeb­nis der Zusam­men­fas­sun­gen zwei­er Fami­li­en­syn­oden: der außer­or­dent­li­chen Syn­ode von 2014 zum The­ma „Die pasto­ra­len Her­aus­for­de­run­gen der Fami­lie im Kon­text der Evan­ge­li­sie­rung“ sowie der ordent­li­chen Syn­ode von 2015 zum The­ma „Die Beru­fung und Sen­dung der Fami­lie in Kir­che und Welt von heu­te“. Die Her­aus­for­de­run­gen der Gegen­wart wur­den dabei, so die Kri­tik, auf der Grund­la­ge säku­la­rer Erfor­der­nis­se unse­rer Zeit betrach­tet – Erfor­der­nis­se, die an christ­li­chen Wer­ten ver­armt seien.

Papst Fran­zis­kus wid­me­te sich im ach­ten Kapi­tel des Schrei­bens den „irre­gu­lä­ren Situa­tio­nen“ und den „ver­wun­de­ten Fami­li­en“ und rief Hir­ten, Bischö­fe und Pfar­rer dazu auf, „eine auf­merk­sa­me Unter­schei­dung der Situa­tio­nen“ vor­zu­neh­men. In einer als revo­lu­tio­när emp­fun­de­nen und zugleich als mehr­deu­tig kri­ti­sier­ten Vor­ge­hens­wei­se wur­den die Türen für die Gewäh­rung der Kom­mu­ni­on auch für geschie­de­ne und stan­des­amt­lich wie­der­ver­hei­ra­te­te Per­so­nen geöff­net. So heißt es: „Auf­grund der Bedingt­hei­ten oder mil­dern­der Fak­to­ren ist es mög­lich, dass man mit­ten in einer objek­ti­ven Situa­ti­on der Sün­de – die nicht sub­jek­tiv schuld­haft ist oder es zumin­dest nicht völ­lig ist – in der Gna­de Got­tes leben kann, dass man lie­ben kann und daß man auch im Leben der Gna­de und der Lie­be wach­sen kann, wenn man dazu die Hil­fe der Kir­che bekommt“, und – wie es in der dazu­gehö­en­den Fuß­no­te 351 heißt – „in gewis­sen Fäl­len könn­te es auch die Hil­fe der Sakra­men­te sein. Des­halb »erin­ne­re ich [die Prie­ster] dar­an, dass der Beicht­stuhl kei­ne Fol­ter­kam­mer sein darf, son­dern ein Ort der Barm­her­zig­keit des Herrn«.“

Der Beicht­stuhl war nie­mals ein Ort der Fol­ter, son­dern stets ein Ort der Umkehr und der Reue über die gegen unse­ren Herrn began­ge­nen Ver­feh­lun­gen. Des Ehe­bruchs schul­dig wird, wer außer­halb der sakra­men­ta­len Ehe – die unauf­lös­lich ist – eine Bezie­hung unter­hält, selbst wenn das Paar getrennt oder geschie­den ist, aber die Ehe nicht von der Rota für nich­tig erklärt wur­de; für den beken­nen­den Katho­li­ken stellt dies eine Tod­sün­de dar. In sei­ner gan­zen sitt­li­chen Trag­wei­te wird dies durch den Mär­ty­rer­tod des hei­li­gen Johan­nes des Täu­fers unter­stri­chen, des Vet­ters Jesu Chri­sti, der Ihm vor­aus­ging und Ihn ankün­dig­te und zum Mär­ty­rer für die Hei­lig­keit und Unauf­lös­lich­keit der Ehe wurde.

Vier Kar­di­nä­le – Ray­mond Bur­ke, Car­lo Caf­farra, Wal­ter Brand­mül­ler und Joa­chim Meis­ner – brach­ten ihren Wider­spruch gegen Amo­ris lae­ti­tia öffent­lich in den soge­nann­ten Dubia zum Aus­druck: fünf Lehr­fra­gen, beglei­tet von einem Schrei­ben vom 19. Sep­tem­ber 2016, das von Demut und kirch­li­cher Treue getra­gen war. Dar­in heißt es: „[…] Nicht nur uns Unter­zeich­nern, son­dern auch vie­len Bischö­fen und Prie­stern sind zahl­rei­che Anfra­gen von Gläu­bi­gen ver­schie­de­ner gesell­schaft­li­cher Schich­ten zur rech­ten Aus­le­gung des ach­ten Kapi­tels der Exhorta­ti­on zuge­gan­gen. Aus Gewis­sens­pflicht und in Wahr­neh­mung unse­rer pasto­ra­len Ver­ant­wor­tung, im Wunsch, jene Syn­oda­li­tät zu ver­wirk­li­chen, zu der Eure Hei­lig­keit uns ermahnt, erlau­ben wir uns mit tie­fem Respekt, Sie, Hei­li­ger Vater, als höch­sten Leh­rer des Glau­bens, beru­fen vom Auf­er­stan­de­nen, sei­ne Brü­der im Glau­ben zu stär­ken, zu bit­ten, die Unge­wiß­hei­ten zu klä­ren und wohl­wol­lend auf die ‚Dubia‘ zu ant­wor­ten.“ Kenn­zeich­nend für die­ses Doku­ment war die aus­drück­li­che Bit­te um ein kla­res „Ja“ oder „Nein“ (Mt 5,37) auf die gestell­ten Fra­gen, ohne theo­lo­gi­sche Argu­men­ta­tio­nen oder Inter­pre­ta­tio­nen, die den Kern der Ant­wor­ten hät­ten ver­wäs­sern können.

Die vier Kar­di­nä­le ersuch­ten den Papst um lehr­amt­li­che Klar­stel­lun­gen zu bestimm­ten Punk­ten des Doku­ments, ins­be­son­de­re hin­sicht­lich der Fra­ge, ob geschie­de­ne und stan­des­amt­lich wie­der­ver­hei­ra­te­te Gläu­bi­ge wie­der zur vol­len sakra­men­ta­len Gemein­schaft mit der katho­li­schen Kir­che zuge­las­sen wer­den kön­nen. Wäh­rend sich eini­ge Bischö­fe, Erz­bi­schö­fe und Kar­di­nä­le öffent­lich für die Not­wen­dig­keit einer päpst­li­chen Ant­wort aus­spra­chen, distan­zier­ten sich ande­re von den Dubia. Auch die intel­lek­tu­el­le und säku­la­re Welt bezog Stel­lung – zustim­mend oder ableh­nend. So unter­zeich­ne­te im Juli 2017 eine Grup­pe von Kle­ri­kern, Hoch­schul­leh­rern und Lai­en eine Cor­rec­tio filia­lis (die erste Kor­rek­tur die­ser Art wur­de im 14. Jahr­hun­dert wäh­rend des Pon­ti­fi­kats von Papst Johan­nes XXII. ver­faßt). In dem im dar­auf­fol­gen­den Sep­tem­ber ver­öf­fent­lich­ten, fünf­und­zwan­zig Sei­ten umfas­sen­den Doku­ment wur­den sie­ben The­sen – dar­un­ter die Mög­lich­keit, geschie­de­nen Wie­der­ver­hei­ra­te­ten die Kom­mu­ni­on zu spen­den – als häre­tisch bezeichnet.

Eine direk­te Ant­wort des Pap­stes auf die Dubia erfolg­te nicht. Infol­ge­des­sen dau­ert die Ver­wir­rung an, und man­cher Bischof oder Pfar­rer sieht sich bis­wei­len legi­ti­miert, nach eige­nem Ermes­sen zu han­deln – nicht sel­ten unter Ver­nach­läs­si­gung des Wor­tes Got­tes und des ewi­gen Lehr­am­tes der Kir­che in einer Fra­ge von zen­tra­ler Bedeu­tung: was die sakra­men­ta­le Ver­ei­ni­gung der Ehe­gat­ten ihrem Wesen nach wirk­lich ist.

*Cri­sti­na Sic­car­di, Histo­ri­ke­rin und Publi­zi­stin, zu ihren jüng­sten Buch­pu­bli­ka­tio­nen gehö­ren „L’inverno del­la Chie­sa dopo il Con­ci­lio Vati­ca­no II“ (Der Win­ter der Kir­che nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil. Ver­än­de­run­gen und Ursa­chen, 2013); „San Pio X“ („Der hei­li­ge Pius X. Das Leben des Pap­stes, der die Kir­che geord­net und erneu­ert hat“, 2014), „San Fran­ces­co“ („Hei­li­ger Fran­zis­kus. Eine der am mei­sten ver­zerr­ten Gestal­ten der Geschich­te“, 2019), „Quella mes­sa così mar­to­ria­ta e per­se­gui­ta­ta, eppur così viva!“ „Die­se so geschla­ge­ne und ver­folg­te und den­noch so leben­di­ge Mes­se“ zusam­men mit P. Davi­de Pagli­a­ra­ni, 2021), „San­ta Chia­ra sen­za fil­tri“ („Die hei­li­ge Kla­ra unge­fil­tert. Ihre Wor­te, ihre Hand­lun­gen, ihr Blick“, 2024), 

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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