Kirche und Freimaurerei: Michael Heinrich Weningers neues Buch „Aus Nacht zum Licht“

Gnosis


"Aus Nacht zum Licht", das neue freimaurerfreundliche Buch des österreichischen Priesters und Freimaurermeisters Michael Heinrich Weninger
"Aus Nacht zum Licht", das neue freimaurerfreundliche Buch des österreichischen Priesters und Freimaurermeisters Michael Heinrich Weninger

Von P. Pao­lo M. Siano*

In die­sem Arti­kel ver­wen­de­te Abkürzungen:

AGM Vogel: Alt­groß­mei­ster (d. h. ehe­ma­li­ger Groß­mei­ster) Theo­dor Vogel von der Ver­ei­nig­sten Groß­öo­ge von Deutsch­land (VGLvD).

CDF: Con­gre­ga­tio pro doc­tri­na fidei (Kon­gre­ga­ti­on für die Glaubenslehre).

CIC: Codex Iuris Cano­ni­ci (Kodex des kano­ni­schen Rechtes).

DBK: Deut­sche Bischofskonferenz.

DGM Baresch: Stell­ver­tre­ten­der Groß­mei­ster (Depu­tier­ter Groß­mei­ster /​ Groß­mei­ster­ad­junkt) Kurt Baresch von der Groß­lo­ge von Öster­reich (GLvÖ).

GLvÖ: Groß­lo­ge von Österreich.

VGLvD: Ver­ei­nig­te Groß­lo­gen von Deutschland.

1. Der hochwürdige („Br.“) Weninger und der Dialog Kirche – Freimaurerei (1965–1983)

Ich habe bereits über den Prie­ster Micha­el Hein­rich Wenin­ger geschrie­ben, den ehe­ma­li­gen öster­rei­chi­schen Bot­schaf­ter, der seit 2011 Prie­ster und seit 2012 Mit­glied des Päpst­li­chen Rates für den inter­re­li­giö­sen Dia­log ist. Aus einer eng­lisch­spra­chi­gen frei­mau­re­ri­schen Inter­net­sei­te aus dem Jahr 2014 geht her­vor, daß Weni­unger Frei­mau­rer­mei­ster der Groß­lo­ge von Öster­reich ist. Im Jahr 2019 ver­öf­fent­lich­te er an der Päpst­li­chen Uni­ver­si­tät Gre­go­ria­na eine auf deutsch vor­ge­leg­te frei­mau­rer­freund­li­che Dis­ser­ta­ti­on mit dem Titel „Weis­heit. Stär­ke. Schön­heit. Über die Aus­söh­nung von katho­li­scher Kir­che und regu­lä­rer Frei­mau­re­rei“ (Tesi Gre­go­ria­na – Serie Spi­ri­tua­li­tà 16, GBP, Rom 2019, 523 Seiten).

Im Jahr 2020 wur­de die­se Dis­ser­ta­ti­on von Hoch­wür­den Wenin­ger unter einem neu­en Titel als Buch neu auf­ge­legt: „Loge und Altar. Über die Aus­söh­nung der katho­li­schen Kir­che und der regu­lä­ren Frei­mau­re­rei“ (Löcker Ver­lag, Wien). Das Buch wur­de vom Groß­mei­ster der Groß­lo­ge von Öster­reich, Georg Sem­ler, vorgestellt.

Ich kom­me erneut auf den Fall Wenin­ger zurück, weil im Jahr 2025 der Deut­sche Wirt­schafts­buch Ver­lag (Neu­burg an der Kam­mel) ein wei­te­res frei­mau­rer­freund­li­ches Buch von ihm ver­öf­fent­licht hat mit dem Titel „Aus Nacht zum Licht. Katho­li­sche Kir­che und Frei­mau­re­rei im Rin­gen um Ver­söh­nung“. Auf der Rück­sei­te des Buch­um­schla­ges wird der Autor auch als „Mon­si­gno­re“ vor­ge­stellt. Mit die­sem kirch­li­chen Titel („Mon­si­gno­re“) wur­de Hochw. Wenin­ger auch von der Gro­ßen Lan­des­lo­ge der Frei­mau­rer von Deutsch­land (GLLFvD), auch „Frei­mau­rer­or­den“ genannt, bezeich­net, die ihn zu sei­nem Buch „Aus Nacht zum Licht“ inter­viewt hat.

Von Anfang bis Ende des Buches dankt und lobt der Autor das Andenken an Kar­di­nal Franz König (1905–2004), Erz­bi­schof von Wien, Vor­sit­zen­der der Öster­rei­chi­schen Bischofs­kon­fe­renz (1958–1985) und Vor­sit­zen­der des Sekre­ta­ri­ats für die Nicht­glau­ben­den (1965–1980).1 Aus der Tages­zei­tung Avve­ni­re vom 13. März 2024 erfah­ren wir, daß Kar­di­nal König „zu den Archi­tek­ten des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils gehör­te“. Kar­di­nal König nahm als Kon­zils­va­ter am Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil teil, wo er mutig – gegen die Mei­nung des dama­li­gen Prä­fek­ten des Hei­li­gen Offi­zi­ums, Kar­di­nal Alfre­do Otta­via­ni – den Theo­lo­gen Karl Rah­ner zu sei­nem per­sön­li­chen Peri­tus wähl­te. Wäh­rend der Kon­zils­ver­samm­lun­gen spiel­te der öster­rei­chi­sche Kar­di­nal eine füh­ren­de Rol­le und äußer­te sich wie­der­holt zum bischöf­li­chen Amt, zur Lit­ur­gie­re­form und zur Reform des kano­ni­schen Rech­tes, zu den Auf­ga­ben der Lai­en, zur bischöf­li­chen Kol­le­gia­li­tät und zur Mariologie.

Was Avve­ni­re jedoch nicht erwähnt – wor­auf Mon­si­gno­re Wenin­ger in sei­nen Büchern aus­drück­lich hin­weist –, ist die Tat­sa­che, daß Kar­di­nal König nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil der maß­geb­li­che Archi­tekt des Dia­logs zwi­schen Kir­che und Frei­mau­re­rei war und der Haupt­ak­teur bei der Abschaf­fung der aus­drück­li­chen Erwäh­nung der Exkom­mu­ni­ka­ti­on von Frei­mau­rern aus dem neu­en Codex des kano­ni­schen Rech­tes (CIC 1983).

Ich ver­mei­de es, hier zu wie­der­ho­len, was ich bereits über Kar­di­nal König und den Dia­log Kirche–Freimaurerei in den Jah­ren 1968–1983 geschrie­ben habe (sie­he Der sehr ver­trau­li­che und zwei­deu­ti­ge Dia­log zwi­schen Kir­che und Frei­mau­re­rei 1968–1972, Teil 1 und Teil 2).

In den Jah­ren 1968–1970 waren sowohl hoch­ran­gi­ge Ver­tre­ter der Frei­mau­re­rei – ins­be­son­de­re der öster­rei­chi­schen und deut­schen – als auch bedeu­ten­de vati­ka­ni­sche Prä­la­ten (Kar­di­nal König, Kar­di­nal Šeper u. a.) davon über­zeugt, daß im neu­en Codex des kano­ni­schen Rech­tes (pro­mul­giert 1983) der Canon 2335, der die Exkom­mu­ni­ka­ti­on von Katho­li­ken vor­sah, die der Frei­mau­re­rei bei­tre­ten, nicht mehr ent­hal­ten sein werde.

2. Die Struktur des Buches „Aus Nacht zum Licht“

Wie bereits sei­ne bei­den vor­her­ge­hen­den Bücher („Weis­heit. Stär­ke. Schön­heit“, 2019; „Loge und Altar“, 2020) ist auch „Aus Nacht zum Licht“ ein ein­deu­tig frei­mau­rer­freund­li­ches Buch, das sowohl die Ver­söh­nung zwi­schen Kir­che und „regu­lä­rer“ Frei­mau­re­rei als auch die Zuläs­sig­keit der Dop­pel­zu­ge­hö­rig­keit – katho­lisch und regu­lä­rer Frei­mau­rer zugleich – ver­tei­digt. In die­sem Zusam­men­hang ist es bemer­kens­wert, daß der Autor den Stoff in sie­ben Kapi­tel glie­dert, deren Titel – eben­so wie der Buch­ti­tel selbst – ganz vom Licht­sym­bo­lis­mus geprägt sind, der in der Frei­mau­re­rei von zen­tra­ler Bedeu­tung ist.

  • Das erste Kapi­tel, das den Zeit­raum 1965–1968 behan­delt, trägt den Titel „Die Mor­gen­däm­me­rung“.
  • Das zwei­te Kapi­tel heißt „Röt­li­ches Leuch­ten am Hori­zont“ und befasst sich mit dem Dia­log der Jah­re 1968–1970 sowie mit der katho­lisch-frei­mau­re­ri­schen und frei­mau­rer­freund­li­chen Erklä­rung von Lich­ten­au (Juli 1970).
  • Das drit­te Kapi­tel trägt den Titel „Mor­gen­tau“ und behan­delt die Initia­ti­ven im Vati­kan (Kar­di­nal König, Kar­di­nal Šeper, Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on) sowie die Akti­vi­tä­ten ver­schie­de­ner Bischö­fe mit dem Ziel, den Canon 2335 aus dem neu­en Codex zu entfernen.
  • Das vier­te Kapi­tel heißt „Schwe­re Nebel­schwa­den ver­dun­keln die Son­ne“ und behan­delt den Dia­log Kirche–Freimaurerei in Deutsch­land von 1974 bis 1980 sowie die anti­ma­so­ni­sche Erklä­rung der deut­schen Bischö­fe von 1980.
  • Das fünf­te Kapi­tel trägt den Titel „Die Strah­len der Son­ne“ und behan­delt die Voll­ver­samm­lung der Päpst­li­chen Kom­mis­si­on zur Revi­si­on des Codex des kano­ni­schen Rech­tes (20.–29. Okto­ber 1981), den neu­en Codex von 1983 und das Ver­schwin­den des aus­drück­lich anti­ma­so­ni­schen Canons 2335.
  • Das sech­ste Kapi­tel heißt „Erneut Gewit­ter­wol­ken am Mor­gen­him­mel“ und rich­tet sich gegen die anti­ma­so­ni­sche Erklä­rung der Kon­gre­ga­ti­on für die Glau­bens­leh­re vom 26. Novem­ber 1983.
  • Das sieb­te und letz­te Kapi­tel trägt den Titel „Licht“ und bekräf­tigt erneut die Abschaf­fung des anti­ma­so­ni­schen can. 2335 sowie die Ver­söh­nung zwi­schen Kir­che und Frei­mau­re­rei und die Zuläs­sig­keit der Zuge­hö­rig­keit eines Katho­li­ken zur Freimaurerei.

In den „Dan­kes­wor­ten“ (S. 297ff) dankt Mon­si­gno­re Wenin­ger auch ver­schie­de­nen Wür­den­trä­gern der regu­lä­ren öster­rei­chi­schen und deut­schen Frei­mau­re­rei, ins­be­son­de­re dem Groß­mei­ster der Groß­lo­ge von Öster­reich, Georg Sem­ler, sowie dem ehe­ma­li­gen Groß­mei­ster der­sel­ben Groß­lo­ge, Micha­el Kraus.

Es fol­gen fünf Anhänge: 

  • die Lich­ten­au­er Erklä­rung (1970);
  • die Erklä­rung der deut­schen Bischö­fe zur Zuge­hö­rig­keit von Katho­li­ken zur Frei­mau­re­rei (1980);
  • die Gegen­er­klä­rung von Pater Alo­is Kehl SVD zu die­ser Erklärung; 
  • Zehn Leit­li­ni­en des Codex Iuris Cano­ni­ci von 1983; 
  • sowie eine Bio­gra­phie von Kar­di­nal Franz König. 

Danach fol­gen Abkür­zun­gen, Biblio­gra­phie, Namens­re­gi­ster, Anmer­kun­gen und schließ­lich eine sehr kur­ze Bio­gra­phie von Mon­si­gno­re Wenin­ger, in der sei­ne Zuge­hö­rig­keit zur Frei­mau­re­rei jedoch voll­stän­dig ver­schwie­gen wird, obwohl die­se durch frei­mau­re­ri­sche Quel­len ein­deu­tig belegt ist.

Ich gehe nun auf das neue Buch von Mon­si­gno­re Wenin­ger, „Aus Nacht zum Licht“ (2025), ein, um eini­ge inter­es­san­te Aspek­te her­vor­zu­he­ben und zugleich ver­schie­de­ne kri­ti­sche Anmer­kun­gen vorzubringen.

3. Freimaurerische Strategien im Dialog: Diskretion (GLvÖ) versus Öffentlichkeit (VGLvD)

Mon­si­gno­re Wenin­ger macht deut­lich, wie sehr die Dis­kre­ti­on im Dia­log Kirche–Freimaurerei der Jah­re 1968–1983 dem stell­ver­tre­ten­den Groß­mei­ster der Groß­lo­ge von Öster­reich, Dr. Kurt Baresch (1921–2011), am Her­zen lag. Alle Dia­log­be­mü­hun­gen Bareschs waren kon­se­quent von Zurück­hal­tung und Ver­trau­lich­keit geprägt. Im Gegen­satz dazu woll­te der ehe­ma­li­ge Groß­mei­ster der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­gen von Deutsch­land, Theo­dor Vogel (1901–1977), daß der Dia­log Kirche–Freimaurerei öffent­lich bekannt und offi­zi­ell zwi­schen der deut­schen Frei­mau­re­rei und der katho­li­schen Kir­che in Deutsch­land geführt werde.

Tat­säch­lich führ­te die Stra­te­gie Bareschs – per­sön­li­cher Dia­log direkt mit Kar­di­nal König und über ihn mit dem Hei­li­gen Stuhl, ins­be­son­de­re mit Kar­di­nal Šeper von der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on – zum Erfolg, näm­lich zur Abschaf­fung des can. 2335. Die­se war von vati­ka­ni­schen Auto­ri­tä­ten Baresch bereits seit 1968/​1970 in Aus­sicht gestellt wor­den. Die­se Stra­te­gie, die man als „Geheim­di­plo­ma­tie“ bezeich­nen könn­te, miß­fiel dem Alt­groß­mei­ster Vogel und den bun­des­deut­schen Freimaurern.

Die Stra­te­gie Vogels erwies sich in der Tat als nach­tei­lig für die Frei­mau­re­rei, ins­be­son­de­re für die deut­sche, da im Ver­lauf des Dia­logs die katho­li­sche Dele­ga­ti­on ver­lang­te und erreich­te, die Ritua­le der drei frei­mau­re­ri­schen Gra­de ein­ge­hend zu prü­fen – etwas, das weder Kar­di­nal König noch ande­re katho­li­sche Prot­ago­ni­sten des Dia­logs von 1968–1970 getan hatten.

4. Im Dialog von 1968–1974 hat die Kirche die freimaurerischen Rituale weder geprüft noch verstanden

Dies geht auch aus den ersten drei Kapi­teln des neu­en Buches von Mon­si­gno­re Wenin­ger her­vor. Kar­di­nal König, Kar­di­nal Šeper und ande­re Prä­la­ten, die die Abschaf­fung des can. 2335 befür­wor­te­ten, ver­lie­ßen sich im wesent­li­chen auf die beru­hi­gen­den Erklä­run­gen ein­zel­ner hoher frei­mau­re­ri­scher Wür­den­trä­ger, ins­be­son­de­re aus dem deutsch­spra­chi­gen Raum.

1968 sand­te die Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on an vier­zehn Bischofs­kon­fe­ren­zen (Bel­gi­en, Bra­si­li­en, Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Phil­ip­pi­nen, Frank­reich, Eng­land und Wales, Ita­li­en, Nie­der­lan­de, Öster­reich, Skan­di­na­vi­en, Schott­land, Schweiz, Spa­ni­en, USA) einen Fra­gen­ka­ta­log mit zwölf Fra­gen, der an Ver­tre­ter der Frei­mau­re­rei wei­ter­ge­ge­ben wur­de, die in den jewei­li­gen Län­dern im Dia­log mit der Kir­che stan­den. Dabei blieb es jedoch. Eine Prü­fung der Ritua­le oder ande­rer inter­ner Schrif­ten fand nicht statt. Drei­zehn von vier­zehn Bischofs­kon­fe­ren­zen äußer­ten sich posi­tiv über die regu­lä­re Frei­mau­re­rei und emp­fah­len eine Ände­rung der kirch­li­chen Rechts­auf­fas­sung sowie die Abschaf­fung der Exkom­mu­ni­ka­ti­on. Nur die spa­ni­schen Bischö­fe hiel­ten an einer nega­ti­ven Bewer­tung der Frei­mau­re­rei fest. Nach Auf­fas­sung Mon­si­gno­re Wenin­gers ist die Ver­söh­nung der Kir­che mit der Frei­mau­re­rei ein Zei­chen der Nächstenliebe.

Am 24. und 25. Novem­ber 1970 infor­mier­te Kar­di­nal König den stell­ver­tre­ten­den Groß­mei­ster Baresch und Alt­groß­mei­ster Vogel über die Ergeb­nis­se der kurz zuvor abge­hal­te­nen Voll­ver­samm­lung der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, die sich ange­sichts der Lich­ten­au­er Erklä­rung und der Ant­wor­ten der Bischofs­kon­fe­ren­zen für eine Ände­rung der kano­ni­schen Hal­tung der Kir­che gegen­über der Frei­mau­re­rei aus­ge­spro­chen habe.

Auch nach einer wei­te­ren Ple­nar­ver­samm­lung der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on im Jahr 1982 ver­si­cher­te Kar­di­nal König sei­nen frei­mau­re­ri­schen Gesprächs­part­ner Baresch erneut, daß im neu­en Codex kein Bezug mehr auf die Frei­mau­re­rei ent­hal­ten sein werde.

Neben Kar­di­nal König und Kar­di­nal Šeper stellt Mon­si­gno­re Wenin­ger Kar­di­nal Peri­c­le Feli­ci (1911–1982) als eine wei­te­re Schlüs­sel­fi­gur im Pro­zeß der Ver­söh­nung zwi­schen Kir­che und Frei­mau­re­rei dar. Peri­c­le Feli­ci war ab 1967 Kar­di­nal und Vor­sit­zen­der der Päpst­li­chen Kom­mis­si­on zur Revi­si­on des Codex des kano­ni­schen Rech­tes (1963–1982) und ab 1977 Prä­fekt des Ober­sten Gerichts­hofs der Apo­sto­li­schen Signa­tur.

Wenin­ger behaup­tet, Kar­di­nal Feli­ci habe eine Ände­rung der kirch­li­chen Hal­tung gegen­über der Frei­mau­re­rei befür­wor­tet (vgl. Wenin­ger: Aus Nacht zum Licht, S. 148).

4.1. Ist die „Verschwörungstheorie“ wirklich so „dumm“, wie Monsignore Weninger behauptet?

Am 18. und 19. Juli 1974 über­mit­tel­te die Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on unter Kar­di­nal Fran­jo Šeper eine Note (Prot.N. 272/​44) an Kar­di­nal Krol und die Vor­sit­zen­den der Bischofs­kon­fe­ren­zen bezüg­lich der Katho­li­ken, die Frei­mau­rer­bün­den ange­hö­ren, wonach nur jene Katho­li­ken exkom­mu­ni­ziert sei­en, die Logen bei­tre­ten, die aktiv gegen die Kir­che arbei­ten; Kle­ri­kern, Ordens­leu­ten und Mit­glie­dern von Säku­lar­in­sti­tu­ten blei­be die Zuge­hö­rig­keit zur Frei­mau­re­rei jedoch wei­ter­hin ver­bo­ten. Die­ses Doku­ment von Kar­di­nal Šeper wur­de von der regu­lä­ren Frei­mau­re­rei begrüßt, und auch von Mon­si­gno­re Wenin­ger. Wenin­ger weiß, daß die­se Note von tra­di­tio­na­li­sti­schen katho­li­schen Krei­sen, ins­be­son­de­re im Umfeld von Erz­bi­schof Mar­cel Lefeb­v­re, kri­ti­siert wur­de. Wenin­ger bezeich­net die­se Kri­tik als Ergeb­nis „dum­mer Ver­schwö­rungs­theo­rien“, wonach der Vati­kan von Frei­mau­rern unter­wan­dert wor­den sei – von Kar­di­nä­len, Mit­ar­bei­tern des Pap­stes, Kle­ri­kern und Lai­en (vgl. Wenin­ger: Aus Nacht zum Licht, S. 161). 

In Wahr­heit zeigt gera­de Mon­si­gno­re Wenin­ger mit sei­nem Buch, wie stark der nach­kon­zi­lia­re Vati­kan von einer eigen­tüm­li­chen Sym­pa­thie gegen­über der Frei­mau­re­rei geprägt war.

4.2. Ein freimaurerisches Buch, das von der katholischen Delegation 1968–1970 nicht geprüft wurde?

Im Zusam­men­hang mit dem Dia­log Kirche–Freimaurerei von 1968–1970, der zur frei­mau­rer­freund­li­chen Lich­ten­au­er Erklä­rung (1970) führ­te, berich­tet Mon­si­gno­re Wenin­ger ein Detail von gro­ßer Bedeu­tung. Die von Kar­di­nal König gewoll­te katho­li­sche Dele­ga­ti­on bestand aus Mon­si­gno­re Johan­nes Bap­tist de Toth Dom­herr im Late­ran), Prof. Josef Wod­ka (Dozent für Kir­chen­ge­schich­te in St. Pöl­ten), Prof. Engel­bert Schwarz­bau­er (Dozent für Dog­ma­tik in Linz) und Prof. Her­bert Vor­grim­ler (Dozent für Dog­ma­tik in Luzern/​Freiburg i. Üe.). Die frei­mau­re­ri­sche Dele­ga­ti­on setz­te sich aus Ver­tre­tern der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­gen von Deutsch­land, der Groß­lo­ge von Öster­reich und der Schwei­zer Groß­lo­ge Alpi­na zusam­men. Prof. Wod­ka stirbt am 17. April 1970 noch vor der Lich­ten­au­er Erklä­rung (vgl. Wenin­ger: Aus Nacht zum Licht, S. 109).

Ein Detail hal­te ich für beson­ders wich­tig: Beim Tref­fen in Ein­sie­deln zwi­schen den bei­den Dele­ga­tio­nen am 5. und 6. Juli 1969, so Msgr. Wenin­ger, sei­en die Mit­glie­der der katho­li­schen Dele­ga­ti­on gut vor­be­rei­tet gewe­sen, unter ande­rem durch die Lek­tü­re zwei­er Bücher von Alec Mell­or: „Unse­re getrenn­ten Brü­der, die Frei­mau­rer“ und „Logen, Rit­au­le, Hoch­gra­de“ (vgl. Aus Nacht zum Licht, S. 86).

Alec Mell­or (1907–1988) war ein fran­zö­si­scher Jurist, der 1969 in die regu­lä­re fran­zö­si­sche Frei­mau­re­rei auf­ge­nom­men wur­de. Sein Werk „Logen, Ritua­le, Hoch­gra­de“, das der katho­li­schen Dele­ga­ti­on emp­foh­len wur­de, stellt die Frei­mau­re­rei trotz vor­sich­ti­ger For­mu­lie­run­gen als magisch-initia­to­ri­sches System dar, ein­schließ­lich der Leh­re vom Egre­gor, der Initia­ti­ons­ri­ten, der sym­bo­li­schen Tode und Wie­der­ge­bur­ten sowie der gno­sti­schen Ziel­rich­tung der frei­mau­re­ri­schen Erkenntnis.

Sowohl die erste als auch die zwei­te deut­sche Aus­ga­be umfas­sen 555 Sei­ten; daher gehe ich davon aus, daß bei­de Aus­ga­ben im wesent­li­chen iden­tisch sind. Nach ein­ge­hen­der Durch­sicht eines Exem­plars der zwei­ten Auf­la­ge bin ich der Ansicht, daß die Mit­glie­der der katho­li­schen Dele­ga­ti­on (Wod­ka, Schwarz­bau­er, Vor­grim­ler, de Toth, König …), hät­ten sie die­ses Werk sorg­fäl­tig geprüft, die Unver­ein­bar­keit zwi­schen Kir­che und Frei­mau­re­rei hät­ten erken­nen müs­sen; in die­sem Fall wäre es nicht zur Lich­ten­au­er Erklä­rung gekom­men, die hin­ge­gen die Ver­ein­bar­keit zwi­schen Kir­che und regu­lä­rer Frei­mau­re­rei behauptet.

Denn trotz aller frei­mau­rer­freund­li­chen Vor­sichts­for­meln macht Mell­or deut­lich, daß die Frei­mau­re­rei in magi­scher Hin­sicht aus­ge­rich­tet ist, auch wenn er unter „Magie“ nicht etwas Dia­bo­li­sches ver­steht, son­dern viel­mehr etwas „Magi­sches“ im Sin­ne einer Erkennt­nis­form, die eines Tages mög­li­cher­wei­se durch die expe­ri­men­tel­le Psy­cho­lo­gie erschlos­sen wer­den könn­te. Mell­or räumt die Prä­senz des Egre­gors oder des kol­lek­ti­ven Gei­stes im frei­mau­re­ri­schen Ritu­al ein, das heißt einer Kraft, einer Energie.

In die­sem Zusam­men­hang ist es auf­schluß­reich, daß Mell­or den schwei­ze­ri­schen Okkul­ti­sten und Frei­mau­rer Oswald Wirth (Mit­glied der Gran­de Loge de France) aus­drück­lich lobt, der die Ritua­le der drei Frei­mau­rer­gra­de in einem magisch-okkul­ti­sti­schen, alche­misch-her­me­ti­schen Sinn inter­pre­tiert. Mell­or zeigt klar, daß er die­se Inter­pre­ta­ti­on teilt. In der frei­mau­re­ri­schen Initia­ti­on zum ersten Grad des Lehr­lings wird der Kan­di­dat inner­lich durch die vier alche­misch-her­me­ti­schen Ele­men­te (Erde, Luft, Was­ser, Feu­er) gerei­nigt, emp­fängt die Erleuch­tung und wird auf die Gno­sis hin aus­ge­rich­tet. Nach­dem dem Kan­di­da­ten die Augen­bin­de abge­nom­men wor­den ist, sieht er die Frei­mau­rer, die das Schwert mit der lin­ken Hand – auf der Sei­te des Her­zens – hal­ten und es ihm ent­ge­gen­rich­ten, um ihm ihre Unter­stüt­zung zu signa­li­sie­ren. Mell­or erkennt dar­in aus­drück­lich einen Akt wei­ßer Magie: „Hier ste­hen wir vor rei­ner Wei­ßer Magie.“

Im zwei­ten Frei­mau­rer­grad, dem Grad des Gesel­len, erblickt der Frei­mau­rer den Flam­men­den Stern, das Sym­bol der inne­ren Erleuch­tung und der Gnosis.

Im drit­ten Grad des Frei­mau­rers, dem Mei­ster­grad, wird der Kan­di­dat mit Hiram, dem Archi­tek­ten des salo­mo­ni­schen Tem­pels, iden­ti­fi­ziert und erlei­det folg­lich einen sym­bo­li­schen Tod sowie eine sym­bo­li­sche Auf­er­ste­hung. Auch hin­sicht­lich des drit­ten Gra­des zitiert Mell­or zustim­mend den Kom­men­tar Oswald Wirths, der fest­stellt, daß sich in der soge­nann­ten „Mitt­le­ren Kam­mer“, das heißt in der Loge des drit­ten Gra­des, der zwei­te initia­ti­sche Tod voll­zieht. Mell­or ist sich bewußt, daß hier­in das Her­me­ti­sche gegen­wär­tig ist, und fährt fort mit der Bemer­kung, daß Hiram aus einer tie­fe­ren phi­lo­so­phi­schen Per­spek­ti­ve der Geist der Initia­ti­on sei.

Bezüg­lich des Begriffs der (frei­mau­re­ri­schen) „Initia­ti­on“ zitiert Mell­or Pas­sa­gen aus Oswald Wirths Werk „Les Mystères de l’Art Roy­al“, dar­un­ter jene Stel­le, an der Wirth schreibt, die Initia­ti­on sei auch ein Anruf an die unru­hi­gen Gei­ster. Mell­or ver­schweigt jedoch, daß Wirth in eben die­sem Buch die Schlan­ge der Gene­sis als „Agen­ten der Erleuch­tung“, als den „ursprüng­li­chen Offen­ba­rer, dem wir ver­dan­ken, nicht län­ger Tie­re zu sein“, ja als den „ersten Initia­tor“ darstellt.

Wenn Mell­or und Wirth daher erklä­ren, Hiram sei der Geist der Initia­ti­on, so eröff­net sich auf der Ebe­ne einer tie­fe­ren frei­mau­re­ri­schen Her­me­neu­tik bezie­hungs­wei­se Gno­sis die Mög­lich­keit, Hiram mit der Schlan­ge der Gene­sis zu assi­mi­lie­ren oder gar zu identifizieren.

Zusam­men­fas­send läßt sich sagen: Eine gründ­li­che und unvor­ein­ge­nom­me­ne Lek­tü­re der Tex­te Mell­ors und Wirths hät­te die Mit­glie­der der katho­li­schen Dele­ga­ti­on zur Erkennt­nis der Unver­ein­bar­keit zwi­schen Kir­che und Frei­mau­re­rei füh­ren müs­sen; auf die­se Wei­se wäre die ver­wor­re­ne und irre­füh­ren­de Lich­ten­au­er Erklä­rung ver­mie­den worden.

5. Die Untersuchung der Delegation der Deutschen Bischofskonferenz (1974–1980) mißfällt Monsignore Weninger

Der Alt­groß­mei­ster Vogel und die Ver­ei­nig­ten Groß­lo­gen von Deutsch­land (VGLvD) errei­chen ihr seit Jah­ren ver­folg­tes Ziel: einen offi­zi­el­len Dia­log mit der katho­li­schen Kir­che in Deutsch­land, also mit der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz (DBK), auf­zu­neh­men und eine Gemisch­te Kom­mis­si­on ein­zu­set­zen, bestehend aus einer Dele­ga­ti­on der deut­schen Bischö­fe und einer Dele­ga­ti­on der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­gen von Deutsch­land (VGLvD).

Die Dele­ga­ti­on der DBK steht unter dem Vor­sitz des Bischofs von Augs­burg, Msgr. Josef Stimpf­le (1916–1996); zum Sekre­tär und Ver­ant­wort­li­chen für die Abfas­sung der Sit­zungs­pro­to­kol­le („Pro­to­koll­füh­rer“) wird Pater Ingo Dol­lin­ger (1929–2017) bestellt.

Die Dele­ga­ti­on der VGLvD wird bis 1977 vom Alt­groß­mei­ster Theo­dor Vogel († 1977) gelei­tet, danach vom Baron Lud­wig-Peter von Pöl­nitz († 30. Janu­ar 1982).

5.1. Nach Msgr. Weninger kann die Theologie die Freimaurerei weder verstehen noch beurteilen

Msgr. Wenin­ger wirft Msgr. Stimpf­le und des­sen Dele­ga­ti­on vor, kei­nen Dia­log, son­dern viel­mehr eine Unter­su­chung gegen­über der deut­schen Frei­mau­re­rei durch­ge­führt zu haben. Wäh­rend der Dia­log der Jah­re 1968–1970 zur Lich­ten­au­er Erklä­rung führ­te, die voll­stän­dig zugun­sten der Frei­mau­re­rei aus­fiel, wur­de der Dia­log bezie­hungs­wei­se die Unter­su­chung der Jah­re 1974–1980 hin­ge­gen von Theo­lo­gen und im Licht der Theo­lo­gie geführt, wes­halb die Frei­mau­re­rei als eine Art Super­re­li­gi­on wahr­ge­nom­men wur­de, die den Got­tes­be­griff der Kir­che nivelliert.

Wenin­ger beklagt in sei­nem Buch wie­der­holt, daß die Dele­ga­ti­on Stimpf­le dar­auf bestan­den habe, die Frei­mau­re­rei im Licht der Theo­lo­gie zu beur­tei­len, obwohl die Frei­mau­rer kei­ne Theo­lo­gen sei­en und auch die an dem Dia­log von 1974–1980 betei­lig­ten Frei­mau­rer über kei­ne theo­lo­gi­schen Kennt­nis­se ver­fügt hät­ten. Die Frei­mau­re­rei kön­ne weder durch die Theo­lo­gie noch anhand theo­lo­gi­scher Begrif­fe ver­stan­den oder beur­teilt werden.

In Wirk­lich­keit ist die Argu­men­ta­ti­on Wenin­gers – der fak­tisch aus der Per­spek­ti­ve eines Frei­mau­rers denkt – vor­ge­scho­ben und irre­füh­rend. Die Theo­lo­gie ist das ein­zi­ge Instru­ment, mit dem aus Sicht der katho­li­schen Kir­che die Ver­ein­bar­keit oder Unver­ein­bar­keit der Kir­che selbst mit der Frei­mau­re­rei erkannt und beur­teilt wer­den kann.

5.2. Begegnungen und Themen des katholisch-freimaurerischen Dialogs in Deutschland

Die Tref­fen der bei­den Dele­ga­tio­nen – jener der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz und jener der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­gen von Deutsch­land – fan­den in Würz­burg (20. Novem­ber 1974), Nürn­berg (8. Febru­ar 1975), Augs­burg (31. Mai 1975), Mün­chen (1978) und erneut in Augs­burg (1979) statt.

Bereits beim ersten Tref­fen (Würz­burg 1974) wur­den auf Wunsch der katho­li­schen Dele­ga­ti­on äußerst wich­ti­ge und heik­le The­men ange­spro­chen, auf die die Frei­mau­rer (Vogel und die ande­ren) wie folgt ant­wor­te­ten (Zusam­men­fas­sung kur­siv im Ori­gi­nal): Das frei­mau­re­ri­sche Geheim­nis sei nichts ande­res als die emo­tio­nal-ratio­na­le Erfah­rung des frei­mau­re­ri­schen Ritu­als … Die hohen frei­mau­re­ri­schen Gra­de sei­en den katho­li­schen Ordens­ge­mein­schaf­ten vergleichbar …

Wenin­ger macht dem Leser deut­lich, daß es sich um zwei unter­schied­li­che Wel­ten han­del­te: auf der einen Sei­te die Kir­che und die katho­li­sche Theo­lo­gie, auf der ande­ren Sei­te die Frei­mau­re­rei mit ihren Riten, Sym­bo­len, Gebräu­chen und ihrem Geheim­nis. Es sei­en zwei unter­schied­li­che Ver­ständ­nis­ho­ri­zon­te (Aus Nacht zum Licht, S. 178f). Wenin­ger räumt jedoch nicht ein, daß es sich um: zwei unter­schied­li­che Wel­ten oder gei­sti­ge Hori­zon­te han­delt, weil der erste – jener der Kir­che – auf dem Glau­ben und der Offen­ba­rung Got­tes grün­det, wäh­rend der zwei­te – jener der Frei­mau­re­rei – de fac­to auf der Gno­sis beruht. Der Ver­ständ­nis­ho­ri­zont der Frei­mau­re­rei mit ihren Riten und Sym­bo­len ist eine beson­de­re Form von „Erkennt­nis“, die man auch ety­mo­lo­gisch als „Gno­sis“ bezeich­nen kann.

Das zwei­te Tref­fen fand im Logen­haus von Nürn­berg statt. The­ma waren das Ritu­al des ersten Gra­des des Lehr­lings, des zwei­ten Gra­des des Gesel­len und des drit­ten Gra­des des Frei­mau­rer­mei­sters. Mon­si­gno­re Wenin­ger macht deut­lich, dass es ins­be­son­de­re beim drit­ten Grad zu einer Kol­li­si­on des Ver­ste­hens, zu einem Wider­streit der Argu­men­te („zu einem Wider­streit der Argu­men­te“) zwi­schen den bei­den Dele­ga­tio­nen kam (vgl. S.180). Das Initia­ti­ons­ri­tu­al des ersten Gra­des mit der Augen­bin­de des Kan­di­da­ten erschien der Dele­ga­ti­on um Msgr. Stimpf­le als ein Rück­fall in einen vor­christ­li­chen Sta­tus; der Zustand des Kan­di­da­ten bezie­hungs­wei­se Initi­an­den wur­de als eine „Null-Punkt-Situa­ti­on“ bewer­tet. Die in der Loge ver­wen­de­te Bibel wur­de als Sym­bol der Offen­ba­rung und der Bezie­hung des Gro­ßen Bau­mei­sters des Uni­ver­sums zu den Men­schen ver­stan­den, im Rah­men einer Tole­ranz gegen­über allen Reli­gio­nen und allen christ­li­chen Konfessionen.

Wenin­ger erklärt, „ein klei­ner Licht­strei­fen des Ver­ste­hens habe am Hori­zont“ auf­ge­leuch­tet, als einer der Theo­lo­gen der katho­li­schen Dele­ga­ti­on den anwe­sen­den Frei­mau­rern erklär­te: „Sie lei­sten also Ein­übung von Tran­szen­den­zen­er­fah­rung – dem soll­te man Raum und Exi­stenz zubil­li­gen!“ (S. 184). Ich mer­ke an, daß die­se Aus­sa­ge – trotz der Zustim­mung Mon­si­gno­re Wenin­gers – der frei­mau­re­ri­schen Sache kei­nes­wegs för­der­lich ist, da sie erken­nen läßt, daß das frei­mau­re­ri­sche Ritu­al die Erfah­rung der Tran­szen­denz voll­zieht; dies kann im a‑dogmatischen oder über-dog­ma­ti­schen Kon­text der Frei­mau­re­rei nichts ande­res sein als eine beson­de­re Form von Magie: frei­mau­re­ri­sche Magie.

Mon­si­gno­re Wenin­ger stellt fest, daß beim zwei­ten Tref­fen das Gesprächs­kli­ma zwi­schen den bei­den Dele­ga­tio­nen „rau­er“ gewor­den sei und die Frei­mau­rer in Abwehr­hal­tung gegen­über den Fra­gen und Anmer­kun­gen der katho­li­schen Dele­ga­ti­on agier­ten (S. 184).

Beim drit­ten Tref­fen (Augs­burg 1975) wur­den fol­gen­de The­men dis­ku­tiert: der Begriff Got­tes, die Auf­er­ste­hung Chri­sti, das Licht in Chri­stus usw. Wenin­ger hält fest, daß die­se The­men nichts mit der Frei­mau­re­rei zu tun hat­ten, und betont erneut, daß die an die­sem Dia­log teil­neh­men­den Frei­mau­rer kei­ne Theo­lo­gen waren. Wenin­ger unter­streicht, daß die Frei­mau­rer beim drit­ten Tref­fen ein­deu­tig „in eine Defen­siv­po­si­ti­on“ gin­gen. Für die Dele­ga­ti­on um Msgr. Stimpf­le waren fol­gen­de Punk­te im Hin­blick auf den katho­li­schen Glau­ben problematisch:

a) das frei­mau­re­ri­sche Kon­zept des Gro­ßen Bau­mei­sters des Uni­ver­sums (offen für alle Auf­fas­sun­gen, z. B. christ­lich, jüdisch, isla­misch usw.);
b) die frei­mau­re­ri­sche Ritua­li­tät, die als Mit­tel zur ethi­schen Ver­voll­komm­nung des Frei­mau­rers erscheint, und somit wie eine Art Kon­kur­renz zu den Sakra­men­ten der Kir­che wir­ken kann;
c) das Über­win­den des Todes bzw. die sym­bo­li­sche Todes­er­fah­rung im drit­ten Grad.

Wenin­ger teilt die Posi­ti­on, die Skep­sis und die antim­asso­ni­sche Kri­tik der Stimpf­le-Dele­ga­ti­on nicht. Er betont, daß es eine Diver­genz im Ver­ständ­nis zwi­schen den bei­den Dele­ga­tio­nen gab („die eine ver­stand die Spra­che der ande­ren nicht“), macht aber deut­lich, daß er die katho­li­sche Dele­ga­ti­on dafür kri­ti­siert, zu vor­ein­ge­nom­men, kämp­fe­risch und ratio­nal ver­sucht zu haben, die frei­mau­re­ri­schen Din­ge zu ver­ste­hen. Zugleich wirft er der frei­mau­re­ri­schen Dele­ga­ti­on vor, sich auf das Glatt­eis der Theo­lo­gie habe zie­hen las­sen. In Wahr­heit war ein ande­res Vor­ge­hen nicht mög­lich; die Dele­ga­ti­on unter Lei­tung von Mon­si­gno­re Stimpf­le han­del­te daher richtig.

Das für den 4. Okto­ber 1975 ange­setz­te vier­te Tref­fen fand nicht statt. Es soll­te etwa drei Jah­re dau­ern, bis ein erneu­tes Tref­fen der bei­den Dele­ga­tio­nen, katho­lisch und frei­mau­re­risch, zustan­de kam. Inzwi­schen: 1975 ver­öf­fent­lich­ten der Frei­mau­rer Rolf Appel (VGLvD) und der Theo­lo­ge Her­bert Vor­grim­ler (einer der Unter­zeich­ner der Lich­ten­au­er Erklä­rung 1970) in dem Buch „Kir­che und Frei­mau­re­rei im Dia­log“ (her­aus­ge­ge­ben vom frei­mau­re­ri­schen Ver­lag „Bau­hüt­ten Ver­lag“) die Exi­stenz der Lich­ten­au­er Erklä­rung. Die­se wur­de 1976 auch in einer frei­mau­re­ri­schen Ver­öf­fent­li­chung der Loge Qua­tu­or Coro­na­ti Nr. 808 in Bay­reuth (VGLvD) offen­bart. Der öster­rei­chi­sche Frei­mau­rer DGM Baresch und Kar­di­nal König waren über die­sen Bruch der Ver­schwie­gen­heit durch die deut­sche Frei­mau­re­rei zutiefst bestürzt. 1977 ver­öf­fent­lich­ten die Unter­zeich­ner der Lich­ten­au­er Erklä­rung aus Öster­reich und der Schweiz eine Erklä­rung – eben­falls vom Kar­di­nal König unter­zeich­net –, in der die­se bei­den deut­schen frei­mau­re­ri­schen Publi­ka­tio­nen als schwer­wie­gen­der „Ver­trau­ens­bruch“ bezeich­net wurden.

Mon­si­gno­re Wenin­ger betont – und läßt dabei sei­nen Unmut erken­nen: „So neh­men die Gesprä­che mehr den Cha­rak­ter einer kirch­li­chen Unter­su­chung, denn eines Gesprä­ches auf sach­ge­ge­be­ner Augen­hö­he oder gar eines Dia­logs an“ (S. 196).

Am 17. Dezem­ber 1976 fand ein per­sön­li­ches Tref­fen zwi­schen Alt­groß­mei­ster Vogel und Mon­si­gno­re Stimpf­le statt. Bei dem Gespräch war mit Vogel der Baron von Pöl­nitz anwe­send. Am 9. Febru­ar 1977 ver­starb Alt­groß­mei­ster Vogel. Der neue Vor­sit­zen­de der VGLvD-Dele­ga­ti­on wur­de der erwähn­te Baron Lud­wig-Peter von Pöl­nitz, Mit­glied der Loge Qua­tu­or Coro­na­ti Nr. 808.

Das fünf­te Tref­fen der Gemisch­ten Kom­mis­si­on – dies­mal mit je drei Mit­glie­dern pro Dele­ga­ti­on – wur­de für den 8. Dezem­ber 1978 in Mün­chen ange­setzt. Die Mit­glie­der der frei­mau­re­ri­schen Dele­ga­ti­on baten die katho­li­sche Sei­te, ihnen bis vier Wochen vor dem näch­sten Tref­fen eine Liste von Fra­gen zu über­mit­teln, damit sie sich vor­be­rei­ten könn­ten. Die Liste erreich­te die Frei­mau­rer jedoch erst unmit­tel­bar vor dem Tref­fen, sodaß eine Vor­be­rei­tung nicht mög­lich war. Ein wei­te­res Tref­fen war daher erfor­der­lich. Die­ses fand am 30. Juni 1979 erneut in Augs­burg statt. Wenin­ger schreibt, daß der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zeß zwi­schen den bei­den Kom­mis­sio­nen inzwi­schen zer­stört sei („Der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zess ist zer­rüt­tet“): Es gab kei­ne Eini­gung über Inhalt, Art und Struk­tur einer gemein­sa­men Abschluß­form. Ein neu­es Tref­fen wur­de zunächst auf den 26. Janu­ar 1980 in Ham­burg ange­setzt, spä­ter von katho­li­scher Sei­te auf den 15. März 1980 ver­scho­ben. Die Gemisch­te Kom­mis­si­on kam jedoch nicht mehr zusam­men; es fand kein wei­te­res Tref­fen der bei­den Dele­ga­tio­nen statt (Vgl. S. 201).

Wenin­ger berich­tet, daß Mon­si­gno­re Stimpf­le mit einem „völ­lig ein­sei­ti­gen Schluß­be­richt“ den Dia­log mit der frei­mau­re­ri­schen Dele­ga­ti­on abschloß. Tat­säch­lich leg­te er sei­nen Abschluß­be­richt vom 8. Febru­ar 1980 der Ver­samm­lung der deut­schen Bischö­fe (DBK), die vom 25. bis 28. Febru­ar 1980 tag­te, vor. Dar­in erklär­te Mon­si­gno­re Stimpf­le, daß die ver­tief­ten Unter­su­chun­gen der Ritua­le und der Wesens­art der Frei­mau­re­rei klar­ge­stellt hät­ten, dass eine gleich­zei­ti­ge Zuge­hö­rig­keit zur katho­li­schen Kir­che und zur Frei­mau­re­rei unmög­lich sei. Der Bericht bekräf­tigt, dass die Zuge­hö­rig­keit zur katho­li­schen Kir­che unver­ein­bar mit der Zuge­hö­rig­keit zur Frei­mau­re­rei ist; daher sei im näch­sten CIC Kanon 2335 beizubehalten.

In der im Mai 1980 ver­öf­fent­lich­ten, auf April datier­ten Erklä­rung sahen die Bischö­fe der DBK im Rela­ti­vis­mus und Sub­jek­ti­vis­mus die grund­le­gen­de Hal­tung der Frei­mau­re­rei. Sie (bzw. Mon­si­gno­re Stimpf­le und sei­ne Dele­ga­ti­on) stütz­ten sich auf eine frei­mau­re­ri­sche Quel­le von 1932, das Inter­na­tio­na­les Frei­mau­rer­le­xi­kon von Eugen Lenn­hoff und Oskar Pos­ner. Msgr. Wenin­ger wies die Wahr­heit die­ser DBK-Erklä­rung zurück, indem er sich auf die Aus­sa­gen zwei­er frei­mau­rer­freund­li­cher Prie­ster stützte:

a) der Jesu­it P. Rein­hold Sebott erklär­te, daß der der Frei­mau­re­rei zuge­schrie­be­ne Rela­ti­vis­mus nichts ande­res sei als die vom Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil gelehr­te Reli­gi­ons­frei­heit;
b) der Ver­bi­ten-Pater Alo­is Kehl SVD behaup­te­te, daß die Annah­me, das genann­te „Frei­mau­rer­le­xi­kon“ sei reprä­sen­ta­tiv für die Frei­mau­re­rei, eben­so falsch sei wie die Annah­me, Hans Küng oder Mar­cel Lefeb­v­re sei­en reprä­sen­ta­tiv für die zeit­ge­nös­si­sche katho­li­sche Theologie.

Msgr. Wenin­ger und die frei­mau­rer­freund­li­chen Katho­li­ken wer­te­ten das „Frei­mau­rer­le­xi­kon“ als sub­jek­ti­ve Sicht auf die Frei­mau­re­rei durch zwei frei­mau­re­ri­sche Autoren, die weder für die Frei­mau­re­rei spre­chen noch eine all­ge­mein gül­ti­ge Aus­sa­ge über ihr Wesen tref­fen könn­ten. Auch die­ses Argu­ment Wenin­gers ist falsch und irre­füh­rend: Wenn sei­ne Aus­sa­ge zuträ­fe, wären auch die frei­mau­re­ri­schen Vor­stel­lun­gen von Vogel, Baresch usw. sowie Wenin­gers eige­ne subjektiv.

Tat­säch­lich gilt:

  • a) die bei­den Autoren des Inter­na­tio­na­les Frei­mau­rer­le­xi­kon waren kei­ne „belie­bi­gen“ Freimaurer;
  • b) ihre soge­nann­ten „sub­jek­ti­ven Mei­nun­gen“ waren und sind objek­tiv fun­diert inner­halb des Rah­mens der Ritua­li­tät, Sym­bo­lik und Eso­te­rik der Freimaurerei. 

Wie auch mei­ne eige­nen For­schun­gen bele­gen, las­sen sich die Theo­rien des Inter­na­tio­na­les Frei­mau­rer­le­xi­kon in der zeit­ge­nös­si­schen, ins­be­son­de­re inter­nen, frei­mau­re­ri­schen Lite­ra­tur wiederfinden.

Die Autoren des Inter­na­tio­na­les Frei­mau­rer­le­xi­kon sind:

Eugen Lenn­hoff (1891–1944), Jour­na­list und Kriegs­be­richt­erstat­ter, 1920 in Wien in der Loge „Zukunft“ der Groß­lo­ge von Wien auf­ge­nom­men, Groß­se­kre­tär der Groß­lo­ge von Wien, von 1923 bis 1933 Chef­re­dak­teur der Logen­zeit­schrift Wie­ner-Frei­mau­rer­zei­tung, 1925–1930 erster Sou­ve­rä­ner Groß­kom­man­deur (33. Grad!) des Ober­sten Rates des Alten und Ange­nom­me­nen Schot­ti­schen Ritus für Öster­reich.

Oskar Pos­ner (1878–1932), Arzt, Groß­mei­ster („Zuge­ord­ne­ter Groß­mei­ster“) der Gro­ßen Loge „Frei­mau­rer­groß­lo­ge Les­sing zu den drei Rin­gen“ in der dama­li­gen Tsche­cho­slo­wa­kei und Mit­glied der histo­ri­schen For­schungs­lo­ge Qua­tu­or Coro­na­ti in Prag.

Zu den rela­ti­vi­sti­schen und eso­te­ri­schen Inhal­ten der Frei­mau­re­rei, wie sie im Inter­na­tio­na­les Frei­mau­rer­le­xi­kon dar­ge­stellt wer­den, habe ich bereits publi­ziert. Mon­si­gno­re Stimpf­le berich­tet, dass gera­de die Mit­glie­der der frei­mau­re­ri­schen Dele­ga­ti­on das Inter­na­tio­na­les Frei­mau­rer­le­xi­kon als „qua­li­fi­zier­te Quel­le“ bezeich­ne­ten; das Werk wur­de 1975 nach­ge­druckt und erschien 2000 in neu­er Auf­la­ge, deren sech­ste Auf­la­ge 2011 erschien.

Keh­ren wir zum Buch von Mon­si­gno­re Wenin­ger, Aus Nacht zum Licht, zurück. Am 20. August 1980 schrieb der Baron von Pöl­nitz bit­ter an Mon­si­gno­re Stimpf­le, daß des­sen Aus­sa­gen über die Frei­mau­re­rei sich auf rein theo­lo­gi­sche Grün­de stütz­ten. Nach Ansicht von von Pöl­nitz und Wenin­ger kann und darf die Theo­lo­gie (ver­an­kert in den Dog­men) die Frei­mau­re­rei nicht beurteilen.

Wir ver­ste­hen: Eine „flüs­si­ge“ Theo­lo­gie – also eine, die die Gewiss­hei­ten von Glau­ben und Moral „ver­flüs­sigt“ und im Zwei­fel auf­löst –, wür­de, da sie im Ein­klang mit der moder­nen Welt steht, leicht und rasch auch mit der Frei­mau­re­rei in einen sym­pa­thi­schen Kon­takt treten… 

(Fort­set­zung folgt).

*Pater Pao­lo Maria Sia­no gehört dem Orden der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta (FFI) an; der pro­mo­vier­te Kir­chen­hi­sto­ri­ker gilt als einer der besten katho­li­schen Ken­ner der Frei­mau­re­rei, der er meh­re­re Stan­dard­wer­ke und zahl­rei­che Auf­sät­ze gewid­met hat. In zahl­rei­chen sei­ner Ver­öf­fent­li­chun­gen geht es ihm dar­um, den Nach­weis zu erbrin­gen, daß die Frei­mau­re­rei von Anfang an eso­te­ri­sche und gno­sti­sche Ele­men­te ent­hielt, die bis heu­te ihre Unver­ein­bar­keit mit der kirch­li­chen Glau­bens­leh­re begründen.

Übersetzung/​Fußnote: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana


  1. Das 1965 errich­te­te Sekre­ta­ri­at für die Nicht­glau­ben­den wur­de von Papst Paul VI. geschaf­fen, um den Dia­log zwi­schen der katho­li­schen Kir­che und Athe­isten und Agno­sti­kern zu för­dern. Es spiel­te eine wich­ti­ge Rol­le für das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. 1993 inte­grier­te ihn Johan­nes Paul II. in den von ihm 1982 errich­te­ten Päpst­li­chen Rat für die Kul­tur, der heu­te Teil des Dik­aste­ri­ums für die Kul­tur und die Bil­dung ist. ↩︎

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