Der sehr vertrauliche und zweideutige Dialog zwischen Kirche und Freimaurerei 1968–1972 (2. Teil)

Die offensichtliche Unvereinbarkeit von Kirche und Loge

Das Auge der Freimaurerei und ihr zweifelhafter Antrieb, eine Versöhnung mit der Kirche zu erreichen.
Das Auge der Freimaurerei und ihr zweifelhafter Antrieb, eine Versöhnung mit der Kirche zu erreichen.

von Pater Pao­lo M. Siano*

2. Die unausgesprochene Unvereinbarkeit

Im ersten Teil habe ich gezeigt, daß der Dia­log von 1968–1972 zwi­schen Kle­ri­kern wie Msgr. de Toth, Kar­di­nal König, Kar­di­nal Šeper (Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on) und Ver­tre­tern der deutsch­spra­chi­gen Frei­mau­re­rei (Ver­ei­nig­te Groß­lo­gen von Deutsch­land, Schwei­ze­ri­sche Gross­lo­ge Alpi­na, Groß­lo­ge von Öster­reich) nicht imstan­de oder nicht wil­lens war, die Grün­de für die grund­le­gen­de Unver­ein­bar­keit zwi­schen der katho­li­schen Kir­che und der „regu­lä­ren“ Frei­mau­re­rei zu erken­nen und auf­zu­decken. Die­ses schwer­wie­gen­de Ver­säum­nis begün­stig­te die Zuge­hö­rig­keit vie­ler Katho­li­ken, dar­un­ter auch Prie­ster, zur Frei­mau­re­rei in jener Zeit. Aber gera­de die frei­mau­re­ri­sche Lite­ra­tur, die den frei­mau­re­ri­schen Mei­stern vor­be­hal­ten ist, zeigt die Unver­ein­bar­keit von Kir­che und Frei­mau­re­rei. Ich stel­le hier nur einen Teil der unver­öf­fent­lich­ten Ergeb­nis­se mei­ner Unter­su­chun­gen vor.

2.1. Aus den Schriften von Theodor Vogel, Franz Carl Endres, August Horneffer 

1949 wur­de in Frank­furt am Main die Ver­ei­nig­te Groß­lo­ge von Deutsch­land gegrün­det, die 1958 ihren heu­ti­gen Namen Groß­lo­ge der Alten Frei­en und Ange­nom­me­nen Mau­rer von Deutsch­land (GLAFu­AMvD) annahm. Im Jahr 1958 schlos­sen sich die GLAFu­AMvD und die Gro­ße Lan­des­lo­ge der Frei­mau­rer von Deutsch­land (GLLFvD) zu den Ver­ei­nig­ten Groß­lo­gen von Deutsch­land (VGLvD) zusam­men, denen 1970 drei wei­te­re deut­sche Groß­lo­gen beitraten.

Theo­dor Vogel, Spie­gel-Titel­sei­te 1963

Theo­dor Vogel (1901–1977), „Patri­arch“ der deut­schen Frei­mau­re­rei nach dem Zwei­ten Welt­krieg, war seit 1926 Frei­mau­rer, betei­lig­te sich 1949 an der Grün­dung der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­ge von Deutsch­land, die er bis 1958 lei­te­te (dann wur­de sie zur GLAFu­AMvD), und war dann von 1958 bis 1959 Groß­mei­ster der VGLvD. Vogel gehör­te dem Yor­ker Ritus an, des­sen „Groß­prie­ster“ er 1956 ist. Im Jahr 1960 gehör­te er zu den Grün­dungs­mit­glie­dern der Loge Zur Wei­ßen Lilie in der Obö­di­enz der VGLvD. 1947 wird Vogel in den Alten und Ange­nom­me­nen Schot­ti­schen Ritus ein­ge­weiht und 1949, als Groß­mei­ster, sofort zum 33. Grad zuge­las­sen (vgl. Com­pen­di­um Maso­ni­cum. Pau­lus Ehm­ke: Leben und Wir­ken für eine eigen­stän­di­ge Gei­stes­hal­tung der Frei­mau­rer, Eigen­ver­lag der Per­fek­ti­ons­lo­ge „Pau­lus Ehm­ke“ i. O. Han­no­ver, o. J. [1993], S. 18f).

Vogel lob­te das Buch „Das Geheim­nis des Frei­mau­rers“ von Franz Carl End­res, selbst Frei­mau­rer (vgl. Theo­dor Vogel: Begeg­nun­gen und Weg­ge­fähr­ten, Bau­hüt­ten Ver­lag, Ham­burg 1976, S. 36). Vogel zitiert dar­in einen Satz von End­res (1878–1954), wonach in jedem von uns Faust (pro­me­t­hei­scher Mensch, Magi­er) und der Teu­fel Mephi­sto steckt:

„Ein jeder von uns ist ein Faust und ein jeder von uns hat den Mephi­sto in sich selbst“ (S. 36).

Ich habe eine Neu­auf­la­ge des Buches von End­res: „Das Geheim­nis des Frei­mau­rers“ (Edi­ti­on Geheim­nis Wis­sen, Graz 2019), kon­sul­tiert, aus dem Eso­te­rik und Pan­the­is­mus her­vor­ge­hen. End­res erklärt, daß die Frei­mau­re­rei ein Geheim­nis hütet, das uns mit dem Kos­mos ver­bin­det, und daß aus dem Geheim­nis oder Myste­ri­um des Lebens Magie und Reli­gio­nen her­vor­ge­hen (vgl. S. 14). Die Frei­mau­re­rei ist die Toch­ter der älte­sten Eso­te­rik, und schon in den alten eleu­si­ni­schen Myste­ri­en ist das gro­ße Geheim­nis der Frei­mau­re­rei dar­ge­stellt, näm­lich daß Leben und Tod kei­ne Gegen­sät­ze sind, son­dern Pole eines unun­ter­bro­che­nen Kreis­laufs (vgl. S. 15). Die Anti­ke war dem Kos­mi­schen und Gött­li­chen näher als wir (vgl. S. 16). End­res lehnt die kirch­li­che Jen­seits-Leh­re ab (vgl. S. 98); es gibt kei­nen Teu­fel und kei­ne Höl­le (vgl. S. 204). Das mensch­li­che Den­ken ist Teil des Kör­pers, der zu Asche wird; wir sind Teil der Natur (vgl. S. 205). Gut und Böse sind nur unse­re Kon­zep­te (vgl. S. 206).

Theo­dor Vogel lobt auch den Frei­mau­rer August Horn­ef­fer (vgl. Theo­dor Vogel, Begeg­nun­gen und Weg­ge­fähr­ten, a. a. O., S. 88–91).

August Horn­ef­fer (1874–1955) erklärt in sei­nem Buch „Die Auf­nah­me­hand­lung“, das 1976 im Bau­hüt­ten Ver­lag, Ham­burg, neu auf­ge­legt wur­de, daß die frei­mau­re­ri­sche Ein­wei­hung Tod-Wie­der­ge­burt ist und die Frei­mau­re­rei mit den alten heid­ni­schen Myste­ri­en ver­bun­den ist (vgl. S. 20–25). Bei der frei­mau­re­ri­schen Ein­wei­hung erfährt der Kan­di­dat eine inne­re „Ver­wand­lung“ (S. 36). Frei­mau­rer erle­ben „die Anwe­sen­heit einer höhe­ren Macht“ (S. 40). Horn­ef­fer stellt fest, daß der Tapis (Arbeits­tep­pich der Loge) hei­lig ist, er stellt einen hei­li­gen Ort dar, und die Frei­mau­rer sind beein­flußt vom alten Glau­ben, daß ein Zei­chen oder Bild ein mäch­ti­ges magi­sches Medi­um ist (vgl. S. 54f). Der Logen­mei­ster reprä­sen­tiert die Gott­heit, die die Welt lenkt (vgl. S. 58). Um die frei­mau­re­ri­sche Sym­bo­lik der Tria­de Logen­mei­ster – Son­ne – Mond zu erklä­ren, bezieht sich Horn­ef­fer auf die Leh­ren der Rosen­kreu­zer, der Alche­mie und der jüdi­schen Kab­ba­la (vgl. S. 59f). Horn­ef­fer weist aus­drück­lich auf die Ver­bin­dung zwi­schen Frei­mau­re­rei und Magie hin (vgl. S. 64).

Wie konn­te Groß­mei­ster Vogel die Ver­söh­nung mit der Kir­che und die Auf­he­bung von can. 2335 des Codex Iuris Cano­ni­ci for­dern, wenn er und sei­ne deut­sche Frei­mau­re­rei (GLAFu­AMvD und VGLvD) die oben genann­ten Ideen hoch­hiel­ten, die in frei­mau­re­ri­schen Krei­sen noch immer geschätzt werden?

2.2. Der Lehrling und der Freimaurer-Meister = Luzifer und Luzifers Abstammung

Im Jah­re 1960 wur­de in Würz­burg eine beson­de­re Loge gegrün­det, die Loge „Zur Wei­ßen Lilie“ Nr. 871 unter dem Gehor­sam der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­gen von Deutsch­land (VGLvD). Sie ist eine Wan­der­lo­ge, hat kei­nen festen Stand­ort, trifft sich als Gast bei ande­ren Logen oder Ori­en­ten und setzt sich aus Frei­mau­rern aus ver­schie­de­nen Logen und Groß­lo­gen zusam­men.

Die­se Loge besteht noch heu­te und ist im Gegen­satz zu ande­ren Logen unmit­tel­ba­res Mit­glied der VGLvD, d. h. sie gehört kei­ner der fünf Groß­lo­gen der VGLvD an, son­dern ist direkt den VGLvD ange­schlos­sen, was ihr die „welt­wei­te Aner­ken­nung als regu­lä­re Frei­mau­rer­lo­ge“ ein­bringt.

Zumin­dest in den 1960er- und 1970er-Jah­ren gab die­se Loge die Zeit­schrift die wei­sse lilie her­aus. Im Titel des Maga­zins wird „lilie“ mit einem klei­nen „l“ anstel­le eines Groß­buch­sta­bens geschrie­ben.

In dem Arti­kel „Weder beschuht noch unbe­schuht. Ver­such einer Deu­tung“, ver­öf­fent­licht in der wei­ssen lilie, Heft Nr. 40, Juli 1968 (vgl. S. 1046–1059), stellt der Frei­mau­rer Br. Roland Bert­hold (aus Ber­lin) fest, daß Hiram (das Vor­bild jedes Frei­mau­rer­mei­sters) dem Geschlecht von Tubal­kain ange­hört (vgl. S. 1049); „Tubal­kain“ ist das Paß­wort des 1. Frei­mau­rergra­des, und somit ist Tubal­kain der Patron des Frei­mau­rer­lehr­lings (vgl. S. 1051). Bert­hold lobt Kain und Luzi­fer in den höch­sten Tönen: Kain-Tubal­kain-Hiram gehö­ren zum Geschlecht Luzi­fers und Luzi­fer ist der Licht­trä­ger, der der Mensch­heit gött­li­ches Wis­sen ver­mit­telt (vgl. S. 1054). Bru­der Bert­hold stellt zudem klar, daß die frei­mau­re­ri­sche Initia­ti­on (Ein­wei­hung) den Tod des Kan­di­da­ten für das Geschlecht Adams bedeu­tet und somit sei­ne Wie­der­ge­burt für das Geschlecht Luzi­fers und Kains, das Geschlecht des Lichtträgers:

„Die frei­mau­re­ri­sche Auf­nah­me ist auch ganz bewußt das Abster­ben des Soh­nes Adams, der Zuge­hö­rig­keit zum Geschlecht des Todes, und die Wie­der­ge­burt in das Geschlecht Luzi­fers und Kains, in das wahr­haft gött­li­che Geschlecht der Licht­trä­ger“ (S. 1055).

Die beson­de­re Loge „Zur wei­ßen Lilie“ in Würzburg

Bert­hold iden­ti­fi­ziert die Frei­mau­rer und sich selbst mit Luzifer-Prometheus-Kain:

„Wir sind vom Olymp gewor­fen wor­den wie Hephai­stos, aus dem Him­mel gestürzt wor­den wie Luzi­fer, ver­bannt wor­den wie Kain, in den Mut­ter­schoß der Dunk­len Kam­mer, weil wir uns erho­ben haben aus der Ver­ban­nung des Todes Zuge­hö­rig­keit, weil wir tätig wur­den, gehan­delt haben, Licht such­ten. […] Die Metal­le sym­bo­li­sie­ren das Erd­ge­bun­de­ne, Erd­haf­te, das wir im Mut­ter­schoß der Dunk­len Kam­mer zurück­las­sen, bevor wir dann den Weg Hephai­stos‘, Luzi­fers, Tubal­kains zurück­ge­hen, vom Westen in den Osten, hin­kend und wie ein Betrun­ke­ner unsi­cher mit ver­bun­de­nen Augen. Erst im Osten der Loge ver­lie­ren wir das spe­zi­fisch Luzi­fe­ri­sche, sind wir wie­der eins gewor­den mit dem Urbild des unmit­tel­ba­ren Lich­tes“ (S. 1056).

In der wei­ssen lilie Nr. 47, Okto­ber 1969, stellt Roland Bert­hold in dem Arti­kel „Vom hei­li­gen Raum“ (S. 1435–1444) erneut fest, daß die Loge ein hei­li­ger Raum ist, in dem sich das Hei­li­ge, Tran­szen­den­te mani­fe­stiert (vgl. S. 1435f); die Frei­mau­re­rei ist ein Licht­kult (vgl. S. 1438); in bestimm­ten ritu­el­len Hand­lun­gen fin­det ein „mysti­scher Tod“ (S. 1440) statt.

Bert­hold erklärt, daß „der Mei­ster vom Stuhl“ durch Logen­ri­tua­le einen hei­li­gen Raum schafft (vgl. 1442) und ein Licht­brin­ger ist (S. 1442) wie „Horus, Tubal­kain, Luzi­fer“ (S. 1442).

Alte frei­mau­re­ri­sche Kate­chis­men besa­gen, daß sich die Loge bis zum Mit­tel­punkt der Erde erstreckt, dem Ort der Wie­der­ge­burt, an dem – den frei­mau­re­ri­schen Legen­den zufol­ge – Hiram auf Kain trifft (vgl. S. 1442–1444). Aus der Dun­kel­heit, aus den Ein­ge­wei­den der Erde, kommt das Licht (vgl. ebd.).

2.3. Aus den Ritualen der GLAFuAMvD (1971/​1972)

In den Jah­ren 1971/​1972 ver­öf­fent­lich­te der Bau­hüt­ten Ver­lag in Ham­burg drei klei­ne Bän­de mit Kom­men­ta­ren zu den 3 frei­mau­re­ri­schen Gra­den der GLAFu­AMvD. Die Unver­ein­bar­keit von Kir­che und Frei­mau­re­rei geht auch aus die­sen drei klei­nen Bän­den her­vor.

In der Ritual­kun­de I der GLAFuAM (Bau­hüt­ten Ver­lag, Ham­burg 1971) heißt es über den 1. frei­mau­re­ri­schen Lehr­lings­grad, daß die Loge eine hei­li­ge Umge­bung ist („in den sakra­len Bereich“, S. 25). Die frei­mau­re­ri­sche Ein­wei­hung ist unaus­lösch­lich und ver­wan­delt den Ein­ge­weih­ten, der damit für immer an die Frei­mau­re­rei gebun­den ist (vgl. S. 45). Im 1. Grad des Lehr­lings, in der Refle­xi­ons­kam­mer, die den Schoß der Erde dar­stellt, fin­det Tod-Wie­der­ge­burt des Kan­di­da­ten statt (vgl. S. 47f). Des­halb steigt der Kan­di­dat sym­bo­lisch in die Ein­ge­wei­de der Erde hin­ab (vgl. S. 52). Der Frei­mau­rer­lehr­ling wird mit „Tubal­kain“, dem Nach­kom­men der Kaini­ten, iden­ti­fi­ziert, dem Schlüs­sel­wort des ersten Gra­des der Frei­mau­re­rei (vgl. S. 79f). In bezug auf die bei­den Säu­len des Por­ti­kus der Frei­mau­rer­lo­ge lernt der Ein­ge­weih­te, daß Licht und Dun­kel­heit, Leben und Tod nur dem Anschein nach unver­söhn­li­che Gegen­sät­ze sind, in Wahrheit/​Wirklichkeit aber Tei­le eines gro­ßen Gan­zen (vgl. S. 87).

In der Ritual­kun­de II der GLAFuAM (Bau­hüt­ten Ver­lag, Ham­burg 1971) erscheint um den 2. Grad her­um der Flam­men­de Stern, ein magi­sches, pytha­go­rei­sches, kab­ba­li­sti­sches Sym­bol (Sym­bol des „Adam Kad­mon“; vgl. S. 60f).

In der Ritual­kun­de III der GLAFuAM (Bau­hüt­ten Ver­lag, Ham­burg 1972) erfah­ren wir, daß die Ein­wei­hung in den 3. Grad des Frei­mau­rer­mei­sters die Pfor­ten des Todes durch­schrei­ten und das uni­ver­sel­le Bewußt­sein der Macht des Ewi­gen, der unver­än­der­li­chen Gesetz­mä­ßig­keit des Makro­kos­mos, erlan­gen läßt. Das Hand­buch der Frei­mau­rer lehrt, daß der Geist des Men­schen ein Teil des unend­li­chen Gei­stes ist (vgl. S. 40f), d. h. des gött­li­chen Gei­stes (vgl. S. 66).

2.4. Aus dem Handbuch des Schweizer Freimaurers Gottlieb Imhof (SGLA 1970)

1970 ver­öf­fent­lich­te die Schwei­ze­ri­sche Gross­lo­ge Alpi­na (SGLA) die drit­te Auf­la­ge (her­aus­ge­ge­ben von Frei­mau­rer Br. Hans-Peter Löw) des Buches von Br. Gott­lieb Imhof: Klei­ne Werk­leh­re der Frei­mau­re­rei. I. Das Buch des Lehr­lings.

Das Gesamt­werk des Schwei­zer Frei­mau­rers Imhof (eine Tri­lo­gie über die drei frei­mau­re­ri­schen Gra­de) wur­de min­de­stens seit den 1960er Jah­ren in der Zeit­schrift der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­gen von Deutsch­land (VGLvD), Die Bru­der­schaft, ver­öf­fent­licht (Nr. 1/​1960, S. 28f; Nr. 3/​1960, S. 97f; Nr. 5/​1961, S. 187f). Gott­lieb Imhof, Mei­ster der SGLA, starb am 28. Febru­ar 1960 (vgl. Die Bru­der­schaft, Nr. 4/​1960, S. 132).

In der 1970 erschie­ne­nen Aus­ga­be des ersten Ban­des über den Lehr­lings­grad fin­den sich zwei Vor­wor­te von Br. Imhof: Das erste ist von 1955, das zwei­te von 1959.

Bereits im ersten Band fin­den wir sehr deut­li­che Ele­men­te der Unver­ein­bar­keit zwi­schen Kir­che und Frei­mau­re­rei. Ich wer­de mich auf eini­ge weni­ge beschrän­ken.

Imhof erklärt, daß die alten Myste­ri­en und die Frei­mau­re­rei in der Leh­re vom Wech­sel­spiel der Gegen­sät­ze, der Ambi­va­lenz allen Seins, im Sein ist Dua­lis­mus über­ein­stim­men, d. h. Gut und Böse, Ord­nung und Cha­os, Licht und Dun­kel­heit, Him­mel und Hölle:

Gott­lieb Imhof: Das Buch des Gesellen

„Im wesent­li­chen haben wir es immer mit der Wech­sel­wir­kung gegen­sätz­li­cher Prin­zi­pi­en zu tun, wie Gut und Böse, Kos­mos und Cha­os, Licht und Fin­ster­nis, Him­mel und Höl­le, die unter ver­schie­den­sten Aspek­ten auf­tre­ten. Aber ihr Urgrund, die Ambi­va­lenz allen Seins, der Dua­lis­mus, der die Innen- wie die Außen­welt spal­tet, ist stets der­sel­be“ (Br.·. Gott­lieb Imhof: Klei­ne Werk­leh­re der Frei­mau­re­rei. I. Das Buch des Lehr­lings, Ver­lag der Schweiz. Gross­lo­ge Alpi­na, Bern 1970, S. 19).

Im Abschnitt „Vom Zau­ber der Zah­len“ (S. 133–138) erläu­tert Imhof die Magie der Zah­len in der Frei­mau­re­rei. Die Zahl 1 steht für die Ein­heit, das All-Eine, dar­ge­stellt durch den Ouroboros, d. h. die Schlan­ge, die sich in den Schwanz beißt, das Sym­bol für die höch­ste Ein­heit, den Urgrund alles Seins“ (S. 134). Imhof fügt hin­zu, daß die Ein­heit auch Gut und Böse, Gott und Luzi­fer umfaßt:

„Die Ver­fol­gung die­ses Gedan­kens muß­te zur Got­te­s­idee füh­ren, zur Erkennt­nis, daß hin­ter aller Viel­heit eine letz­te Ein­heit exi­stiert, eine Ein­heit, die auch gut und böse, Gott und Luzi­fer in das unaus­sprech­li­che Eine zusam­men­faßt“ (S. 134).

Imhof erklärt, daß die Zahl 2, die durch die bei­den frei­mau­re­ri­schen Säu­len dar­ge­stellt wird, für die Dua­li­tät oder Pola­ri­tät steht: „Es sind die bei­den Span­nungs­zen­tren Gott–Welt, Gott–Mensch, Gott–Teufel, Himmel–Erde, Himmel–Hölle, Gutes–Böses, Licht–Finsternis, These–Antithese, Seligkeit–Verdammnis, Frömmigkeit–Sünde usw.“ (S. 135).

Und die Dua­li­tät wird „in der Syn­the­se“ auf­ge­löst (S. 135), also in der Zahl 3, dem Sym­bol der Gött­lich­keit (vgl. S. 135f).

Im zwei­ten Band über den 2. Grad des Gesel­len erklärt Imhof, daß der fünf­zacki­ge Flam­men­stern, der in der Loge des 2. Gra­des erscheint, die Pola­ri­tät im Höch­sten darstellt:

„Him­mel und Höl­le, Gott und Luzi­fer, wer­den von einer ein­zi­gen uni­ver­sel­len Kraft umspannt. Es sind die bei­den Pole allen Seins, die sich hier offen­ba­ren“ (Br. Gott­lieb Imhof: Klei­ne Werk­leh­re der Frei­mau­re­rei. II. Das Buch des Gesel­len, Kom­mis­si­ons­ver­lag Asch­mann & Schel­ler, Zürich 1966, S. 38). 

Die­se frei­mau­re­ri­sche Gno­sis oder Myste­ri­ums-Phi­lo­so­phie lehrt also, daß Luzi­fer in Gott ist, ein Teil von Gott ist… Alle Gegen­sät­ze müs­sen ver­söhnt wer­den, weil sie in sich selbst bereits Teil eines Gan­zen, einer Ein­heit sind… Ich den­ke, das ist die eso­te­ri­sche und gno­sti­sche Grund­la­ge des frei­mau­re­ri­schen Stre­bens nach Ver­söh­nung zwi­schen Kir­che und Freimaurerei.

3. Schlußfolgerung

Ange­sichts der aus­schließ­lich frei­mau­re­ri­schen Doku­men­ta­ti­on, die ich hier berich­tet habe, ist der Dia­log zwi­schen Kir­che und Frei­mau­re­rei in den Jah­ren 1968–1972, der von Anfang an offen­sicht­lich frei­mau­rer­freund­lich geprägt war, sehr ver­wun­der­lich und wirft ern­ste Fra­gen auf.

Kle­ri­ker wie Msgr. de Toth, Kar­di­nal König und Kar­di­nal Fran­jo Šeper haben sich nicht von der tra­di­tio­nel­len Zurück­hal­tung der Kir­che von Rom gegen­über der Frei­mau­re­rei lei­ten las­sen. Wie von einem fort­schritt­li­chen Opti­mis­mus geblen­det, unter­nah­men sie von Anfang an eine plü­schi­ge, ent­schie­den pro-frei­mau­re­ri­sche Akti­on, ohne zu zögern und mit einer fast frei­mau­re­ri­schen Verschwiegenheit.

Seit 1968/​1970 ist man sich im Vati­kan und in der Frei­mau­re­rei bereits sicher, daß im neu­en Codex des Kir­chen­rechts (1983) der can. 2335, der ver­pflich­tend für Katho­li­ken, die in die Frei­mau­re­rei ein­ge­weiht wur­den, die Exkom­mu­ni­ka­ti­on latae sen­ten­tiae vor­sah, nicht mehr vor­kom­men würde.

Haben die Kle­ri­ker, die den Dia­log mit der Frei­mau­re­rei in den Jah­ren 1968–1972 för­der­ten, „inter­ne“ frei­mau­re­ri­sche Doku­men­te gesucht, erhal­ten und geprüft? Oder ver­trau­ten sie ein­fach den Zusi­che­run­gen ihrer frei­mau­re­ri­schen Gesprächs­part­ner (Vogel usw.)?

Gehör­te einer die­ser Kle­ri­ker (z. B. de Toth) der Frei­mau­re­rei an?

Kurz gesagt, ich erken­ne in die­sem Dia­log von 1968–1972 schwer­wie­gen­de Ver­säum­nis­se auf kirch­li­cher Sei­te, die Schat­ten auf die kirch­li­che Urteils­kraft eini­ger ehe­ma­li­ger Kon­zils­vä­ter oder Peri­ti wer­fen, die auf der einen Sei­te so ver­söhn­lich mit der Frei­mau­re­rei (und mit fort­schritt­li­chen Theo­lo­gen) waren, aber auf der ande­ren Sei­te ver­ächt­lich oder unnach­gie­big gegen­über „kon­ser­va­ti­ven“ Kle­ri­kern, Ordens­leu­ten und Laien.

*Pater Pao­lo Maria Sia­no gehört dem Orden der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta (FFI) an; der pro­mo­vier­te Kir­chen­hi­sto­ri­ker gilt als einer der besten katho­li­schen Ken­ner der Frei­mau­re­rei, der er meh­re­re Stan­dard­wer­ke und zahl­rei­che Auf­sät­ze gewid­met hat.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Romana/​Wikicommons/​MiL


Der sehr ver­trau­li­che und zwei­deu­ti­ge Dia­log zwi­schen Kir­che und Frei­mau­re­rei 1968–1972 (1. Teil)

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2 Kommentare

  1. Es ist nichts neu­es, dass die Frei­mau­rer auf die Mau­rer zurück­ge­hen, die im Mit­tel­al­ter der katho­li­schen Kir­che die gro­ßen Kathe­dra­len gebaut haben. Nun gibt es zwei Wider­sprü­che. Ein­mal den zwi­schen den Frei­mau­rern und der Kir­che. Und dann zwi­schen den Frei­mau­rern des Mit­tel­al­ters und den heu­ti­gen Frei­mau­rern. Die Logen­ge­schich­ten wei­sen schon im 17. Jahr­hun­dert Lücken auf. Schon zu die­ser Zeit muss sich etwas ver­än­dert haben. 

    Das Wesen der Mau­rer ist das Bau­en. Man schaue sich des­halb Gebäu­de der Gegen­wart und des Mit­tel­al­ters an. Die alten Bau­ten unter­stüt­zen das Stre­ben des Men­schen zu Gott wie es die Kir­che in der Eucha­ri­stie dar­stellt. Inso­fern ist die Lit­ur­gie auf der glei­chen Ebe­ne zu sehen wie die frei­mau­re­ri­schen Ritua­le. Nur eben ein­mal am Bau­werk ori­en­tiert (Loge) und in der Kir­che an der Kom­mu­ni­on mit Gott orientiert. 

    Der Blick auf Archi­tek­tur der Gegen­wart gibt einen völ­lig ande­ren Ein­druck. Es steht nicht mehr der Mensch im Mit­tel­punkt mit sei­nem Stre­ben zu Gott. Was im Mit­tel­punkt steht, ist das Stre­ben des Men­schen aus sei­ner Unzu­läng­lich­keit her­aus­zu­kom­men ohne auf Gott zu bau­en. Prak­tisch gibt es Ein­kaufs­tem­pel, in denen jeder die Ori­en­tie­rung ver­liert. Gebäu­de, die einen beim Betre­ten gefühls­kalt frei­wer­den las­sen. Wohl füh­len sich dar­in die­je­ni­gen, die am wei­te­sten von Gott ent­fernt sind. 

    Wenn die neue­re Archi­tek­tur alte For­men benutzt, wer­den die­se ent­we­der ent­stellt oder durch fal­sche Attri­bu­te gestört. Ein fal­sches Attri­but ist zu erken­nen an alten restau­rier­ten Gebäu­den, die eine zusätz­li­che Dach­eta­ge auf­ge­setzt bekom­men. Dadurch ver­liert das Gebäu­de sei­ne alte Atmo­sphä­re. Der Reichs­tag in Ber­lin mit der Glas­kup­pel wäre ein Bei­spiel. Ent­stell­te For­men sind dar­an zu erken­nen, dass sie nicht eine Abbil­dung natür­li­cher For­men sind. Ver­dreht, in die Län­ge gezo­gen, gestaucht, scharf aus­lau­fend, unstim­mi­ge Pro­por­tio­nen usw. Bei­spiel wäre das Lon­do­ner Arcelor­Mit­tal Orbit mit dem Olympiastadion. 

    Es drängt sich der Ver­gleich zu Natur­recht (von Gott) und posi­ti­vem Recht (vom Men­schen) auf. Fal­sche Form und fal­sche Attri­bu­te sind dann der Natur wider­sprüch­lich, somit gegen Gott. 

    In der Schöp­fungs­ge­schich­te erschafft Gott und dann heißt es jeweils „Gott sah, dass es gut war“. Die Tho­ra belehrt uns über die Makel­lo­sig­keit der Schöp­fung. Die For­men der Schöp­fung sind makel­los, per­fekt. Alles hat sei­nen rech­ten Platz.

  2. Erstaun­lich ist die Rol­le, wel­che der kroa­ti­sche Kar­di­nal Seper in die­sem hier beschrie­be­nen Dia­log zwi­schen Kir­che und Frei­mau­re­rei gespielt hat. Die­sen ernann­te 1965 Papst Paul VI. zum Kar­di­nal­prie­ster. Drei Jah­re spä­ter ernann­te er 1968 Fran­jo Šeper als Nach­fol­ger von Kar­di­nal Otta­via­ni zum Prä­fek­ten der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on. Er blieb es bis 1981. Vor dem Hin­ter­rund sei­ner Kon­tak­te mit den Frei­mau­rern ist zu beach­ten, dass in sei­ne Amts­zeit auch 1979 der Ent­zug der kirch­li­chen Lehr­erlaub­nis (Mis­sio cano­ni­ca) des der frei­mau­ri­schen Leh­re eher nahe­ste­hen­den Theo­lo­gen Hans Küng fiel.1981 berief Johan­nes Paul II zum Nach­fol­ger von Seper zum Prä­fek­ten der Glaubenskonkregation.

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