Im historischen Böhmen, dem einstigen Königreich im Herzen Mitteleuropas, befindet sich im Süden ein besonderer Ort: Řimov, auf Deutsch Řimau (ausgesprochen Rschimau, im Deutschen auch als Rimau bekannt). Für viele klingt das, was sich hier ereignet hat und noch ereignet, ganz im positiven Sinn wie ein modernes Märchen. Doch das Schöne ist: Es ist wahr.
Řimau ist ein malerisches Dorf in schöner Landschaft, dessen Geschichte bis ins Hochmittelalter zurückreicht. Hier begegnet man einem lebendigen Glaubenszeugnis, das über Jahrhunderte gewachsen ist und bis heute Pilger aus nah und fern anzieht.
Heute steht in Řimau mit Pater Jakub Zentner ein Priester der Priesterbruderschaft St. Petrus (FSSP) an der Spitze der Pfarrei – nicht als Leiter einer sogenannten Personalpfarrei, eine Möglichkeit, die Papst Benedikt XVI. mit dem Motu proprio Summorum Pontificum eingeführt hatte, die jedoch von Papst Franziskus durch das Motu proprio Traditionis custodes wieder abgeschafft wurde. Pater Zentner ist stattdessen regulärer Pfarrer, vom Diözesanbischof ernannt. Diese offenbar weltweit einzigartige Situation verleiht dem Ort eine ganz außergewöhnliche Bedeutung in der gegenwärtigen kirchlichen Landschaft. Und sie funktioniert einwandfrei.
Die Bedeutung von Řimau geht jedoch noch tiefer und weiter zurück in der Geschichte. Řimau ist ein Ort der Erscheinungen, des Gebets und der Kunst.
Bereits im 17. Jahrhundert wurde Řimau als Wallfahrtsstätte bekannt, da dem aus Brünn in Mähren stammenden Jesuitenbruder Johannes Gurre unter einer Linde – die noch heute in Řimau steht – eine Erscheinung von Jesus Christus in Begleitung der Gottesmutter Maria zuteilwurde.
Frater Gurre war im Frühjahr 1640 von seinem Orden als Apotheker in das Jesuitenkolleg von Krumau geschickt worden. Als er in dem bezaubernden Städtchen an der Moldau ankam, wütete dort gerade die Pest. Hunderte Menschen erkrankten, kein Arzt befand sich mehr in der Stadt. Gurre ließ sie nicht im Stich, sondern übernahm sofort die gesamte medizinische Versorgung und warf sich mit größer Aufopferungsbereitschaft in den Kampf um Leben und Tod. Er tat dies, ohne sein eigenes Leben zu schonen. Entsprechend groß war der Dank der Menschen und sein Ansehen.
Das Gut Řimau gehörte zum Krumauer Kolleg und war ein Ort, an den sich Frater Gurre gerne zurückzog. Zwischen dem Sommer 1640 und dem Sommer 1642 wurde ihm dort die himmlische Schauung geschenkt. Sie wird wie folgt überliefert:
Gurre ging häufig und gerne in die Natur, um dort zu beten. Bei einem Aufenthalt in der zum Krumauer Kolleg gehörenden Burg Řimau, das Datum ist nicht sicher überliefert, hat er unter der später nach ihm benannten Gurre-Linde eine Vision. Ihm erscheint Christus, der Herr, begleitet von Maria der Schmerzensmutter. Ihm wird die Errichtung eines Lauretanischen Hauses und eines Kreuzweges der Passion Christi eingegeben. Christus sagt zu ihm: „An diesem Ort will ich mein Volk heilen“. Und die Gottesmutter äußert: „An diesem Ort will ich unter meinem Volk weilen“. Als sie das sagte, habe sie den Frater „liebevoll“ angesehen und sei dann seinem Blick entschwunden.
Die Bestätigung erhielt der aufgewühlte Gurre, weil sich kurz darauf ein anderer Kleriker, wahrscheinlich aus einem franziskanischen Orden, bei ihm meldete und berichtete, den gleichen Traum gehabt zu haben.
Aufgrund dieser Schauung legte Gurre mit Unterstützung seiner Mitbrüder 1648 den Grundstein für eine Loretokapelle und kurz darauf auch für einen weitläufigen Passionsweg mit 25 Barockkapellen in der umgebenden Landschaft, der sich auf sechs Kilometern durch sanfte Wiesen und Wälder und entlang des Flusses Maltsch schlängelt.
Gurre hatte zuvor, wie es sein Orden beim endgültigen Ordenseintritt verlangte, seinem gesamten Besitz entsagt. Diesen stiftete er für die Errichtung des neuen Heiligtums.

Die Loretokapelle in Řimau ist eine genaue Nachbildung der Casa Santa – des „Heiligen Hauses“ Mariens –, wie es in Italien in dem namengebenenden Ort Loreto in den Marken verehrt wird. Das Haus der Heiligen Familie, in dem Jesus aufwuchs, war 1294 aus Nazareth nach Loreto übertragen und so nach dem Scheitern der Kreuzzüge in Sicherheit gebracht worden. Die Übertragung („traslatio“) geschah durch Engel. Die Fundamente des Heiligen Hauses können noch heute in der großen Verkündigungsbasilika in Nazareth bewundert werden. Sie passen exakt mit den Hausteilen in Loreto überein. In diesem Haus war Maria der Erzengel Gabriel erschienen und hatte ihr die Geburt Jesu Christi verkündigt.
Um das Lauretanische Haus in Řimau wurde ein beeindruckender Kreuzgang errichtet, der reich mit Freskenschmuck ausgestattet ist, mit der bildlichen Darstellung der Lauretanischen Litanei, mit einem Bilderzyklus zum Leben Mariens und den bedeutendsten Wallfahrtsorten der Länder der Böhmischen Krone. Im frühen 18. Jahrhundert wurde die Anlage noch durch die Kirche des Heiligen Geistes flankiert, die heute als Pfarrkirche dient.
In Řimau, einem Gnadenort, ereigneten sich im Laufe der Zeit zahlreiche wunderbare Heilungen. Heute ist er zudem ein ganz besonderer Ort der katholischen Tradition, an dem täglich das heilige Meßopfer in der überlieferten Form des Römischen Ritus zelebriert wird.
Der Passionsweg: Andacht in der Natur
Der Passionsweg, der vom Heiligtum ausgeht und wenige Jahre nach Fertigstellung der Loretokapelle entstand, ist eine echtes Barockensemble: 25 Stationen mit kunstvoll gestalteten Kapellen und Figuren führen in der Landschaft entlang und veranschaulichen den Leidensweg Jesu. Sie sind nicht nur künstlerisch bedeutend, sondern laden die Besucher zur inneren Einkehr, zum Gebet und zur Buße ein. Hier begeben sich die Menschen auf die persönlichen Pilgerschaft – oft in stiller Betrachtung, singend oder betend.
Früher war das Heilige Land das große Ziel christlicher Pilger, doch mit dem Scheitern der Kreuzzüge war diese lange Zeit kaum mehr möglich. Ab dem Spätmittelalter übernahmen – wie dann auch in Řimau – Kreuzwege funktional und spirituell diese Rolle: sie ermöglichen im gläubigen Geiste eine konkrete Pilgerschaft mitten im Herzen Europas und doch durch Jerusalem, wo sich das Heilsgeschehen zutrug.
Wallfahrt gestern und heute
Im 18. Jahrhundert strömten bis zu 80.000 Menschen jährlich nach Řimau, um den Passionsweg zu gehen und das Lauretanische Haus aufzusuchen. Das der Ort nach der einstigen Sprachgrenze lag, kamen gleichermaßen Tschechen wie Deutsche nach Řimau. Ihnen wurde in beiden Landessprachen gepredigt. Die jüngsten Restaurierungen zeigen, daß alle Inschriften auf lateinisch, tschechisch und deutsch, gehalten sind.
Viele Pilger gingen die Stationen barfuß oder in stiller Buße, andere in Gemeinschaft, um im Gebet den Spuren Christi nachzufolgen. Auch heute ist Řimau – nahe der österreichischen und bayerischen Grenze und nicht weit von Budweis und Krumau entfernt – ein lebendiger Wallfahrtsort. 30 Kilometer südöstlich von Řimau liegt das altrituelle Zisterzienserkloster Hohenfurth – Vyšší Brod.

Die Geschichte des Heiligtums ist reich an Höhen und Tiefen: Kaiser Leopold I. pilgerte selbst nach Řimau und wurde Mitglied der beim Heiligtum errichteten Todesangstbruderschaft, die Pilger im Glauben stärkte und auf die letzten Dinge des Lebens vorbereitete. Später versuchte ein anderer Kaiser, Joseph II., im Zuge der Aufklärung, das Wallfahren zu unterdrücken – doch die Anlage blieb wie durch ein Wunder erhalten und erlebte während der Napoleonischen Kriege eine Renaissance.
Nach dem Ende des Kommunismus verfielen der Passionsweg und das Lauretanische Haus weitgehend. Unter der Leitung von P. Jakub Zentner und mit Unterstützung vieler helfender Hände wurde das Ensemble in den vergangenen Jahren aufwendig restauriert; verlorene Holzfiguren wurden rekonstruiert und Originalwerke ergänzt.
Řimau liegt eingebettet in die sanfte Landschaft Südböhmens – eine Region, die nicht nur reich an Kultur und Geschichte, sondern auch an natürlicher Schönheit ist. Der Pilgerweg rund um das Heiligtum bietet Gelegenheit, Geist und Sinne gleichermaßen zu öffnen.
Nun wurde ein sehenswerter Dokumentarfilm über dieses außergewöhnliche Heiligtum veröffentlicht – der eine Einladung ist, Řimau persönlich kennenzulernen und sich von der Verbindung aus Glaube, Natur, Kunst und Geschichte begeistern zu lassen.

Hier der ausgezeichnete Dokumentarfilm „Passionsweg in Řimau“ von dronBee.cz in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Řimov in der Tschechischen Republik erstellt:
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Dokumentarfilm/Youtube/dronBee.cz (Screenshots)
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