Zum 40. Jahrestag des umstrittenen Weltgebetstreffens von Assisi, das von gestern Sonntag bis morgen Dienstag stattfindet, sollte Papst Leo XIV. persönlich erscheinen. Eine ärztliche Empfehlung verhindert seine Teilnahme. Für die Kritiker des „Geistes von Assisi“ ist sein Fernbleiben dennoch kein Grund zur Trauer. Es lenkt vielmehr den Blick auf die Frage, welches Verständnis von Religion, Wahrheit und Frieden hinter dieser Initiative der Gemeinschaft von Sant’Egidio steht.
Am 27. Oktober 2026 jährt sich zum 40. Mal jenes berühmt-berüchtigte Ereignis, das die Gemeinschaft von Sant’Egidio 1986 in Assisi ins Leben rief und dafür die Anwesenheit von Papst Johannes Paul II. gewinnen konnte. Dieses Ereignis, das zum Skandal wurde, beschäftgt die katholische Kirche bis heute. Auf Einladung des Papstes kamen Vertreter verschiedener christlicher Bekenntnisse und nichtchristlicher Religionen in der Stadt des heiligen Franziskus zusammen, um für den Frieden zu beten, so die offizielle Diktion.
Die Gemeinschaft von Sant’Egidio war der Initiator und maßgeblich an der Organisation beteiligt. Sie führte die Initiative seither mit immer neuen internationalen Friedenstreffen in wechselnden Städten weiter. Was 1986 als neuartiges Zeichen gegen Krieg und Gewalt präsentiert wurde, wurde zum Ausgangspunkt eines religiösen Begegnungsmodells, das bis heute erhebliche Kontroversen auslöst. 1986 wurden den einzelnen Religionsvertretern Kirchen zur Verfügung gestellt, in denen es zu sakrilegischen Handlungen kam. Dergleichen wiederholte bei den Folgetreffen in Assisi nicht mehr, doch die Gratwanderung verlief auf des Messers Schneide. Besonders erstaunte die Teilnahme von Benedikt XVI. beim Assisi-Treffen von 2011, da er als Präfekt der römischen Glaubenskongregation große Vorbehalte gegen die Art der Treffen äußerte. Er begründete seine Teilnahme damit, den Nachweis erbringen zu wollen, diese Treffen von sakrilegischen und synkretistischen Elementen gereinigt zu haben. Der Grundidee von Sant’Egidio, daß der Papst eine Art Sprecher der Religionen werde, entzog er sich nicht.
Zum nunmehrigen Jubiläum war auch Papst Leo XIV. angekündigt. Doch am 23. Oktober teilte der Vatikan mit, daß der Papst nicht nach Assisi reisen werde. Die Ärzte hätten ihm nach seiner Lungenoperation vom 13. Oktober vorsorglich von der vorgesehenen Hubschrauberreise abgeraten. Eine Kontrolluntersuchung habe einen ausgezeichneten Genesungsverlauf bestätigt; der kurze zeitliche Abstand zum Eingriff spreche dennoch gegen die Reise.
Der Papst werde den Organisatoren, den Vertretern der anderen Religionen sowie den übrigen Teilnehmern eine Botschaft übermitteln. Der Heilige Stuhl bekräftigte zugleich seine positive Einschätzung des „Geistes von Assisi“ und des interreligiösen Dialogs.
Die medizinische Begründung ist eindeutig. Es gibt keinen belastbaren Anhaltspunkt dafür, daß hinter der Absage andere Motive stehen. Dennoch darf man die Frage stellen, ob das Fernbleiben des Papstes tatsächlich bedauerlich ist. Die Antwort lautet: Nein. Es ist gut, daß Leo XIV. an diesem Treffen nicht persönlich teilnehmen wird – aus welchem Grund auch immer. Das ist keine Behauptung über seine Beweggründe, sondern eine Bewertung der Veranstaltung, an der er hätte teilnehmen sollen.
Der „Geist von Assisi“ und die Gefahr des religiösen Relativismus
Die Kritik am Assisi-Treffen richtet sich nicht gegen das Friedensanliegen als solches. Ein Christ muß sich für Frieden, Versöhnung und die Beendigung von Kriegen einsetzen. Auch der Dialog mit Menschen anderer Religionen ist nicht zu beanstanden. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Welches Verständnis von Religion und Wahrheit wird durch eine solche Begegnung vermittelt?
Bereits das erste Treffen von 1986 löste erhebliche theologische Kontroversen aus. Kritiker beanstandeten die religiöse Symbolik der Veranstaltung, die gemeinsame Inszenierung der verschiedenen Religionen und die sakrilegischen Vorgänge in einzelnen Kirchen, die nichtchristlichen Kulten zur Verfügung gestellt worden waren. Der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, gehörte zu jenen, die dem Treffen fernblieben.
Die Kritik war keineswegs auf einen bloßen Streit um Formen und Zeremonien beschränkt. Sie betraf den Kern des katholischen Glaubens: die Einzigartigkeit Jesu Christi und den Wahrheitsanspruch der Kirche.
Das Problem liegt darin, daß eine öffentliche Begegnung von Religionsführern leicht den Eindruck erwecken kann, sämtliche Religionen seien gleichwertige Wege zu einer gemeinsamen Wahrheit. Wenn der Papst neben Vertretern anderer Religionen auftritt, ohne daß die grundlegenden Unterschiede im Glauben deutlich werden, muß geradezu das Bild einer religiösen Gleichrangigkeit entstehen. Und genau so war es auch. Die katholische Kirche konnte dabei nur verieren, während alle anderen Bekenntnisse und Religionen aufgewertet wurden.
Dabei ist zwischen der Achtung vor Menschen anderer Religionen und der Gleichsetzung ihrer Glaubensüberzeugungen zu unterscheiden. Die katholische Kirche bekennt Jesus Christus als den einzigen Erlöser der Menschheit. Sie kann mit anderen sprechen, aber deren Bekenntnisse werde anerkennen noch formal als gleichwertig achten, ohne den eigenen Wahrheitsanspruch preiszugeben.
Benedikt XVI. erinnerte 2006 an diese Unterscheidung. In seinem Schreiben zum 20. Jahrestag des Assisi-Treffens warnte er ausdrücklich vor synkretistischen Deutungen, die auf einer relativistischen Sichtweise beruhen. Er unterstrich, daß das Treffen von 1986 nicht als Suche nach einem gemeinsamen religiösen Konsens oder als Preisgabe unterschiedlicher Glaubensüberzeugungen verstanden werden dürfe.
Diese Klarstellung ist bedeutsam, denn sie bestätigte, daß die Gefahr einer relativistischen Interpretation keineswegs aus der Luft gegriffen ist. Nun machten die Veranstaltungen von Assisi seit 1986 eine Entwicklung durch gerade wegen der anhaltenden Kritik, die von Benedikt XVI. geteilt wurde. Die einzelnen Treffen sind also differenziert zu beurteilen. Dennoch bleibt die Frage, warum man sich das Ganze überhaupt antut. Die Botschaft, die bei den Massen zumindest im Westen ankommt, ist eine Bestärkung in der ohnehin vorhandenen Neigung, alle Religionen als gleichwertig zu betrachten. Wo ist also der Nutzen für die Evangelisierung, angesichts der Gefahr?
Die Kritik am „Geist von Assisi“ setzt genau an dieser Stelle an: an der Gefahr, daß aus dem berechtigten Friedensanliegen eine religiöse Symbolik entsteht, in der die Unterschiede zwischen Wahrheit und Irrtum, Offenbarung und menschlicher Religiosität in den Hintergrund treten, verschwimmen und sich im Zuge eines star relativistische geprägten Zeitgeistes sogar auflösen.
Der Papst als primus inter pares der Religionen?
Hinter der Kritik steht auch eine Frage nach dem Verständnis des Papstamtes. Der Papst ist nach katholischem Glauben nicht einfach der ranghöchste Repräsentant einer weltweiten Religionsgemeinschaft unter vielen anderen. Er ist Nachfolger des Apostels Petrus und hat den Auftrag, den Glauben der Kirche zu bewahren und Christus zu bezeugen.
Bei interreligiösen Großveranstaltungen kann jedoch ein anderes Bild entstehen: Der Papst erscheint als übergeordnete moralische Autorität, als Schirmherr einer Verständigung aller Religionen, als eine Art primus inter pares – als Erster unter Gleichen.
Wird das Papsttum dadurch nicht auf die Rolle eines Moderators reduziert, der die verschiedenen Religionen unter einem gemeinsamen weltanschaulichen Dach versammelt?
Besonders deutlich trat diese Problematik im Pontifikat von Papst Franziskus hervor. Sein starkes Engagement für den interreligiösen Dialog und sein Auftreten als moralische Stimme der Weltgemeinschaft wurden als Ausdruck einer zunehmend universalistischen Ausrichtung verstanden.
Auch seine Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 25. September 2015, an jenem Tag, an dem die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung beschlossen wurde, wurde in diesem Zusammenhang kritisch betrachtet. Franziskus trat dort als Vertreter der katholischen Kirche auf und sprach zu den politischen Repräsentanten der Weltgemeinschaft. Faktisch wurde er damit zum moralischen Fürsprecher sämtlicher Religionen bestellt. Zumindest konnte man sein Auftreten so interpretieren. Zugleich trat er als Unterstützer einer globalistischen Agenda auf mit teils zweifelhaften Zielen, darunter der weltweiten Durchsetzung eines „Rechts auf Abtreibung“.
Kritiker beanstandeten, daß die Kirche in solchen Zusammenhängen zunehmend als religiöse Begleiterin eines globalen Menschheitsprojekts auftrete, statt ihre eigene Sendung unverwechselbar aus dem Evangelium abzuleiten.
Von einer bereits verwirklichten oder nachweislich zentral geplanten „Welteinheitsreligion“ zu sprechen, wäre eine weitergehende Behauptung, für die eigenständige Belege erforderlich wären. Präziser ist es, vor einem religiösen Indifferentismus zu warnen, bei dem die Unterschiede zwischen den Religionen als letztlich unerheblich erscheinen und der Wahrheitsanspruch des Christentums einer allgemeinen religiösen Verständigung geopfert wird.
Jede Form eines Verzichtes auf den Wahrheitsanspruch wäre mit dem katholischen Glauben unvereinbar. Frieden ist ein hohes Gut. Da Christus selbst der Frieden ist, kann sich aus Friedensbemühungen nie eine Preisgabe der Wahrheitsfrage ableiten lassen.
Leo XIV.: medizinische Gründe und widersprüchliche Gesundheitsmeldungen
Die Absage für Assisi fällt in eine Zeit, in der auch der Gesundheitszustand Leos XIV. Gegenstand medialer Berichterstattung ist.
Am 23. Oktober berichtete das brasilianische Nachrichtenportal GloboNews unter Berufung auf Quellen aus dem Umfeld der Gemelli-Klinik, der Papst müsse möglicherweise eine Immuntherapie erhalten, um ein Wiederauftreten der Krebserkrankung zu verhindern. Genannt wurde dabei das Medikament Pembrolizumab.
Am 25. Oktober meldeten mehrere italienische Nachrichtenagenturen, darunter Adnkronos, Askanews, AGI und TGCOM24, daß nicht näher bezeichnete vatikanische Quellen diese Angaben dementierten. Demnach sei eine weitere onkologische Behandlung nicht erforderlich.
Damit stehen sich eine Medienmeldung, die sich auf nicht öffentlich benannte Quellen aus dem Krankenhausumfeld beruft, und ein Dementi gegenüber, das seinerseits auf nicht namentlich genannten vatikanischen Quellen beruht. Solange keine verläßliche offizielle Bestätigung vorliegt, läßt sich aus diesen Meldungen keine gesicherte Aussage über eine notwendige Immuntherapie ableiten.
Aus der Nicht-Teilnahme von Leo XIV. am Assisi-Treffen läßt sich keine kirchenpolitische Abkehr vom Assisi-Kurs ableiten. Es gibt keine Hinweise, daß Leo XIV. das Treffen kritisch sehen würde.
Während der Papst in Assisi fehlt: Traditionspilger vor dem Petersdom abgewiesen
Ein bemerkenswerter Kontrast ergibt sich aus einem weiteren kirchenpolitischen Vorgang derselben Tage. Am Samstag, dem 25. Oktober fand die diesjährige internationale Wallfahrt der Tradition Ad Petri Sedem statt. Nachdem es der Wallfahrt unter Benedikt XVI. seit 2012 erlaubt war, daß zum Höhepunkt im Petersdom ein Pontifikalamt im überlieferten Ritus zelebriert werden durfte, und damit der überlieferte Ritus nach über 50jähriger Unterbrechung erstmals wieder offiziell in die bedeutendste Kirche der Christenheit zurückkehren konnte, untersagte Papst Franziskus die Zelebration ab 2023.
Im vorigen Jahr erteilte Leo XIV. erneut die Erlaubnis zur Zelebration an Kardinal Raymond Burke. Was nach einer Wiedergutmachung einer der zahllosen in der bergoglianischen Ära geschlagenen Wunden aussah, entpuppte sich jedoch als bloße Höflichkeitsgeste gegenüber dem US-amerikanischen Kardinal und Landsmann des Papstes. 2026 blieb der Petersdom dem überlieferten Ritus schon wieder verschossen.
Kurzzeitig soll eine kurze liturgische Feier an einem Seitenaltar in Aussicht gestellt worden sein, doch dann verriegelte das vatikanische Staatssekretariat mit einer unmißverständlichen Zugangsbeschränkung die Tore.
Als Ausweichort wurde immerhin die päpstliche Marienbasilika Santa Maria Maggiore gewährt, dennoch bleibt die von Franziskus 2021 mit Traditionis custodes wiederbelebte Deklassierung des überlieferten Ritus als offizielle kirchenpolitische Linie des Heiligen Stuhls, wenn auch unter Leo XIV. leicht abgemildert, aber keineswegs aufgehoben.
Warum wird katholischen Gläubigen, die sich zur Gemeinschaft mit Rom bekennen und an der überlieferten Liturgie festhalten, der Zugang zu einer Kirche verwehrt werden, die das geistliche Zentrum der katholischen Christenheit darstellt? Die Antwort ist offensichtlich, um allen sichtbar zu machen, wer wirklich erwünscht ist und wer nicht.
Die Angelegenheit ist auch deshalb bemerkenswert, weil sie einen Widerspruch zwischen dem öffentlich in Assisi bekundeten Willen zum Dialog mit allen Bekenntnissen und Religionen und dem Umgang mit innerkirchlicher Verschiedenheit sichtbar macht. Nicht mit irgendeiner Verschiedenheit, sondern mit der Tradition, die das zweitausendjährige Erbe der Kirche bewahrt, wie es bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil galt. Während also Vertreter unterschiedlicher Religionen zum internationalen Friedenstreffen eingeladen werden, sehen sich die traditionsverbundenen Katholiken mit Zugangsbeschränkungen konfrontiert und permanenter Demütigung ausgesetzt.
Der Frieden, den die Kirche verkündet, darf kein Frieden um den Preis der Wahrheit sein. Und die Barmherzigkeit, die sie beansprucht, muß nicht nur auch, sondern zuallererst jenen gelten, die an ihrer überlieferten Liturgie festhalten.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Facebook/MiL (Screenshots)/Katholisches.info
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