Sind die von der Piusbruderschaft geplanten Bischofsweihen legitim?

Die Argumente der Kritiker


Die Petrusbruderschaft kritisiert auch in Frankreich die von der Piusbruderschaft angekündigten Bischofsweihen
Die Petrusbruderschaft kritisiert auch in Frankreich die von der Piusbruderschaft angekündigten Bischofsweihen

Eine Grup­pe von Theo­lo­gen (Theo­lo­gus) erhielt für ihre Stel­lung­nah­me gegen die geplan­ten Bischofs­wei­hen der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. (FSSPX) eine nach­drück­li­che Wür­di­gung durch Kar­di­nal Sarah:

„Ein gro­ßer Dank für die­sen licht­vol­len Text. Er wird die See­len erleuch­ten, die danach ver­lan­gen, ihren Glau­ben in der Wahr­heit zu leben, das heißt in Chri­stus und in sei­ner Kir­che. Seit 2001 gehö­re ich zu jenen, die dem Papst hel­fen, die Kan­di­da­ten für das Bischofs­amt aus­zu­wäh­len – nach einer lan­gen und sorg­fäl­ti­gen Unter­su­chung jedes ein­zel­nen Kan­di­da­ten. Ich bin schmerz­lich über­rascht und schockiert, daß eine ein­fa­che Ent­schei­dung eines Gemein­schafts­obe­ren beschließt, ‚wirk­lich katho­li­sche Bischö­fe‘ zu wei­hen. Vie­len Dank für die­sen wun­der­ba­ren, kla­ren und gut durch­dach­ten Text. Wir müs­sen wis­sen, daß nicht wir die See­len ret­ten. Chri­stus allein ret­tet. Wir sind nur Werk­zeu­ge in sei­nen Hän­den.
Beten wir wei­ter, damit der Leib Chri­sti nicht erneut zer­ris­sen wird.“

Kar­di­nal Robert Sarah

Mit die­sen Wor­ten eröff­net Cla­ves, ein Inter­net­me­di­um des fran­zö­si­schen Distrikts der Prie­ster­bru­der­schaft St. Petrus (FSSP), sei­ne Ver­öf­fent­li­chung vom 11. April. Dar­in wer­den zen­tra­le The­sen der Kri­tik wie­der­ge­ge­ben. Cla­ves schließt sich damit den Ein­wän­den gegen die geplan­ten Bischofs­wei­hen an, wie sie ins­be­son­de­re und früh­zei­tig im deut­schen Distrikt for­mu­liert wurden.

Die Petrus­bru­der­schaft, die als Kon­se­quenz aus den Bischofs­wei­hen der Pius­bru­der­schaft im Jahr 1988 aus die­ser her­vor­ge­gan­gen ist, sieht sich offen­bar ver­an­laßt, inner­halb des tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Spek­trums eine füh­ren­de Rol­le in der Kri­tik ein­zu­neh­men. Über den Nut­zen die­ses neu ent­fach­ten „Bru­der­zwists“ gehen die Mei­nun­gen in den Krei­sen der Tra­di­ti­on auseinander.

Nach­fol­gend die voll­stän­di­ge Ver­öf­fent­li­chung von Cla­ves in deut­scher Übersetzung:

Was ist das grundlegende Argument der FSSPX zur Verteidigung der geplanten Weihen am 1. Juli 2026?

Es wird offi­zi­ell in einem Anhang zur Ant­wort von Pater Pagli­a­ra­ni an den Prä­fek­ten des Dik­aste­ri­ums für die Glau­bens­leh­re vom 18. Febru­ar 2026 zusammengefaßt:

„[…] eine vom Hei­li­gen Stuhl nicht auto­ri­sier­te Bischofs­wei­he, wenn sie weder von einer schis­ma­ti­schen Absicht noch von der Zutei­lung der Juris­dik­ti­on beglei­tet wird, stellt kei­nen Bruch mit der Gemein­schaft der Kir­che dar. Vgl. Anhang II. Die Kon­sti­tu­ti­on Lumen gen­ti­um über die Kir­che erklärt im III. Kapi­tel, Nr. 21 [LG 21], daß die Juris­dik­ti­ons­ge­walt durch die Bischofs­wei­he über­tra­gen wird. […]

Die Argu­men­ta­ti­on, die zu dem Schluß gelan­gen will, daß die kom­men­den Bischofs­wei­hen inner­halb der Bru­der­schaft schis­ma­tisch sei­en, beruht voll­stän­dig auf dem Postu­lat des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils, wonach die Bischofs­wei­he zugleich die Wei­he­ge­walt und die Juris­dik­ti­ons­ge­walt verleiht.“

Inwiefern ist diese Argumentation kritikwürdig?

Sie ent­hält zwei gro­ße Feh­ler: einen hin­sicht­lich des­sen, was das Kon­zil tat­säch­lich lehrt, und einen hin­sicht­lich der Argu­men­ta­ti­on der Geg­ner der Weihen.

Was sagt das Konzil tatsächlich?

Es behaup­tet nicht, daß die Bischofs­wei­he die Juris­dik­ti­ons­ge­walt verleiht.

„Das hei­li­ge Kon­zil lehrt, daß durch die Bischofs­wei­he die Fül­le des Wei­he­sa­kra­men­tes über­tra­gen wird […]. Die Bischofs­wei­he ver­leiht zugleich mit der Auf­ga­be (oder Funk­ti­on: munus) der Hei­li­gung auch die Auf­ga­ben des Leh­rens und Lei­tens; die­se kön­nen jedoch ihrer Natur nach nur in hier­ar­chi­scher Gemein­schaft mit dem Haupt des Kol­le­gi­ums und sei­nen Glie­dern aus­ge­übt wer­den“ (LG 21).

Zum rich­ti­gen Ver­ständ­nis die­ses Tex­tes ist zu beach­ten, daß eine erläu­tern­de Note (Nota expli­ca­ti­va praevia) zu Lumen gen­ti­um hin­zu­ge­fügt wur­de, nach­dem Kon­zils­vä­ter – dar­un­ter jene der Grup­pe um Erz­bi­schof Lefeb­v­re (Coe­tus inter­na­tio­na­lis Patrum) – um Klar­stel­lun­gen gebe­ten hatten.

Was sagt diese erläuternde Note?

„In der Bischofs­wei­he wird eine onto­lo­gi­sche Teil­ha­be an den hei­li­gen Funk­tio­nen (mun­e­ra) ver­lie­hen, wie dies unzwei­fel­haft aus der Tra­di­ti­on her­vor­geht. Bewußt wird der Begriff ‚Funk­tio­nen‘ (mun­e­ra) und nicht ‚Gewalt‘ (pote­stas) ver­wen­det, da letz­te­rer als eine tat­säch­lich aus­üb­ba­re Macht ver­stan­den wer­den könn­te. Damit eine sol­che aus­üb­ba­re Macht besteht, ist jedoch eine kano­ni­sche oder recht­li­che Bestim­mung durch die hier­ar­chi­sche Auto­ri­tät erfor­der­lich. […]
Eine sol­che wei­te­re Norm ist auf­grund der Natur der Sache erfor­der­lich, da es sich um Funk­tio­nen han­delt, die von meh­re­ren Sub­jek­ten aus­ge­übt wer­den müs­sen, die gemäß dem Wil­len Chri­sti hier­ar­chisch zusam­men­wir­ken. […]
Daher wird aus­drück­lich gesagt, daß die hier­ar­chi­sche Gemein­schaft mit dem Haupt und den Glie­dern der Kir­che erfor­der­lich ist. Gemein­schaft ist kein vages Gefühl, son­dern eine orga­ni­sche Wirk­lich­keit, die eine recht­li­che Form ver­langt und zugleich von der Lie­be belebt wird“ (Nota praevia, Nr. 2).

Gibt es hier eine fehlerhafte Neuerung des Zweiten Vatikanischen Konzils?

Ent­ge­gen der Behaup­tung der FSSPX geht es nach dem Kon­zil bei der Bischofs­wei­he nicht um die Ver­lei­hung der Juris­dik­ti­ons­ge­walt, son­dern um Funk­tio­nen oder Auf­ga­ben. Die FSSPX behaup­tet somit – ohne Beweis – ein angeb­lich feh­ler­haf­tes „Postu­lat des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Konzils“.

Im Gegen­teil erklärt ein aner­kann­ter „tra­di­tio­na­li­sti­scher“ Theo­lo­ge, Abbé Ray­mond Dulac, daß in LG 21 kein Bruch mit der frü­he­ren katho­li­schen Leh­re vor­liegt:
Die Wei­he ver­leiht eine ange­bo­re­ne, unaus­lösch­li­che Bestim­mung zur Lei­tung eines Teils der Kir­che, doch die­se Fähig­keit muß durch eine ech­te Juris­dik­ti­ons­ge­walt zur Aus­übung gebracht werden.

Beruht die Argumentation der Gegner der Weihen vollständig auf dieser angeblichen „Fehlannahme“?

Nein. Selbst wenn die Kri­tik der FSSPX zuträ­fe, stüt­zen sich ihre Geg­ner nicht auf die Fra­ge der Jurisdiktionsübertragung.

Ihre Argu­men­ta­ti­on beruht viel­mehr auf dem Wesen des katho­li­schen Epi­sko­pats, des­sen Kern die hier­ar­chi­sche Gemein­schaft ist.

Wie läßt sich diese Argumentation präzisieren?

Ent­schei­dend ist nicht, ob Juris­dik­ti­on über­tra­gen wird, son­dern daß alle durch die Wei­he emp­fan­ge­nen Funk­tio­nen – auch die Hei­li­gung durch Fir­mung und Wei­he – nur in hier­ar­chi­scher Gemein­schaft aus­ge­übt wer­den kön­nen. Dies ergibt sich aus der Natur die­ser Funk­tio­nen selbst.

Gilt das auch für Bischöfe ohne Jurisdiktion?

Ja. Ein Titu­lar- oder eme­ri­tier­ter Bischof darf ohne Erlaub­nis der zustän­di­gen Auto­ri­tä­ten kei­ne Sakra­men­te bei Gläu­bi­gen ande­rer Bischö­fe spenden.

Auch wenn er ohne aktu­el­le Juris­dik­ti­on geweiht wur­de, übt er sei­ne Sen­dung stets in hier­ar­chi­scher Gemein­schaft mit dem Papst und den ande­ren Bischö­fen aus.

Erhalten die künftigen FSSPX-Bischöfe eine solche Sendung?

Nein. Viel­mehr wird behaup­tet, daß nur ein „wirk­lich katho­li­sches“ Epi­sko­pat – außer­halb der übri­gen Kir­che – not­wen­dig sei, um den Glau­ben unver­fälscht weiterzugeben.

Damit sol­len die­se Bischö­fe bewußt außer­halb der hier­ar­chi­schen Gemein­schaft geweiht werden.

Ist eine Weihe außerhalb dieser Gemeinschaft intrinsisch schlecht?

Ja. Denn selbst ohne Juris­dik­ti­on erhält ein Bischof eine geist­li­che Voll­macht, die auf die Lei­tung der Kir­che hin­ge­ord­net ist. Die­se kann nicht legi­tim außer­halb oder gar gegen die kirch­li­che Auto­ri­tät emp­fan­gen werden.

Papst Pius XII. bezeich­ne­te sol­che Wei­hen als „schwe­ren Angriff auf die Ein­heit der Kir­che“ und ihren Gebrauch als „schwer uner­laubt und sakrilegisch“.

Ist dies auch gegen göttliches Recht?

Ja. Chri­stus hat die Apo­stel nicht als von­ein­an­der unab­hän­gi­ge Ein­hei­ten ein­ge­setzt. Die Bischö­fe bil­den ein orga­ni­sches, hier­ar­chi­sches Ganzes.

Sind solche Weihen frei von schismatischer Absicht?

Sub­jek­tiv mög­li­cher­wei­se. Die Kir­chen­kri­se kann dazu füh­ren, daß Men­schen in gutem Glau­ben wesent­li­che Ele­men­te übersehen.

Objek­tiv jedoch setzt ein sol­cher Epi­sko­pat vor­aus, daß ande­ren Bischö­fen die Katho­li­zi­tät abge­spro­chen wird.

Wie betont wur­de: Ent­schei­dend sind objek­ti­ve Tat­sa­chen und Hand­lun­gen, nicht nur Absichten.

Ist das von der FSSPX vertretene Bischofsverständnis orthodox?

Lei­der ent­wickelt die FSSPX zuneh­mend ein Ver­ständ­nis des Epi­sko­pats, das der katho­li­schen Tra­di­ti­on wider­spricht. Sie schafft Bischö­fe ohne rea­le Ein­bin­dung in die kirch­li­che Leitung.

Dem­ge­gen­über lehrt die Tra­di­ti­on, daß der Bischof eine lei­ten­de, nahe­zu könig­li­che Auf­ga­be in der Kir­che hat.

Gibt es die Gefahr von Abweichungen in die Irrlehre?

Ja. Wenn Bischö­fe nicht mehr in Ein­heit mit Papst und Epi­sko­pat ein­ge­setzt wer­den, ver­lie­ren sie ihren wesent­li­chen Charakter.

Papst Pius IX. lehrt klar: Nie­mand ist ein legi­ti­mer Bischof ohne Gemein­schaft mit dem Papst und der Kirche.

Weitere Problematik

Die FSSPX redu­ziert das Bischofs­amt fak­tisch auf die Spen­dung von Sakra­men­ten. Dies wider­spricht der Leh­re des Kon­zils von Tri­ent, das die Pre­digt als Haupt­auf­ga­be der Bischö­fe bezeichnet.

Zudem bean­spru­chen sol­che Bischö­fe fak­tisch Juris­dik­ti­on, obwohl sie die­se offi­zi­ell ableh­nen – sicht­bar etwa in lit­ur­gi­schen Zei­chen wie Mitra, Stab oder Thron.

Schluß

Ein auf die blo­ße Wei­he­ge­walt redu­zier­tes Bischofs­ver­ständ­nis wider­spricht letzt­lich der geof­fen­bar­ten Wahr­heit, daß Bischö­fe „vom Hei­li­gen Geist ein­ge­setzt sind, die Kir­che Got­tes zu lei­ten“ (Apg 20,28).

Einleitung/​Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cla­ves (Screen­shot)