Die wahren Ursachen des Krieges und die einzige Bedingung für den Frieden

Der grundlegende Irrtum aller falschen Eschatologien


Nahostkonflikt

Von Rober­to de Mattei*

Die mei­sten west­li­chen Ana­ly­sten sind davon über­zeugt, daß der der­zeit im Nahen Osten statt­fin­den­de Krieg vor allem auf wirt­schaft­li­che Inter­es­sen im Öl- und Ener­gie­sek­tor zurück­zu­füh­ren ist. Zugleich besteht die größ­te Sor­ge der öffent­li­chen Mei­nung in Euro­pa und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten dar­in, daß eine Ver­län­ge­rung des Kon­flikts den All­tag beein­träch­ti­gen und den eige­nen Lebens­stan­dard deut­lich sen­ken könn­te. Ange­sichts die­ser Deu­tung der Ereig­nis­se drängt sich jedoch eine Fra­ge auf: Gibt es wirk­lich nichts über die wirt­schaft­li­che Dimen­si­on hin­aus, das erklä­ren könn­te, was geschieht? Irr­te sich Juan Dono­so Cor­tés, als er behaup­te­te, daß es kei­ne poli­ti­sche Fra­ge gebe, die nicht letzt­lich eine theo­lo­gi­sche Fra­ge ein­schlie­ße, und uns dazu auf­for­der­te, den Blick auf die Sphä­re der ersten Prin­zi­pi­en zu rich­ten, auf denen das Uni­ver­sum beruht? (Ensayo sob­re el cato­li­cis­mo, el libe­ra­lis­mo y el socia­lis­mo, BAC, 1946, Bd. II, S. 501)

Und doch fehlt es nicht an Stim­men, die den ver­wor­re­nen und dra­ma­ti­schen Ereig­nis­sen unse­rer Zeit eine escha­to­lo­gi­sche Bedeu­tung bei­mes­sen. In den USA bei­spiels­wei­se übt der evan­ge­li­ka­le Pro­te­stan­tis­mus einen star­ken Ein­fluß auf das poli­ti­sche Leben aus. Evan­ge­li­ka­le machen etwa 20–25 % der ame­ri­ka­ni­schen Bevöl­ke­rung aus und ver­fü­gen über ein weit­rei­chen­des Medi­en­netz­werk, das sie zu einer der am besten orga­ni­sier­ten reli­giö­sen Grup­pen des Lan­des macht. Zu die­sem Spek­trum gehö­ren Strö­mun­gen wie die „christ­li­chen Zio­ni­sten“, die die Rück­kehr des jüdi­schen Vol­kes in das Land Isra­el als Teil eines gött­li­chen Plans inter­pre­tie­ren. Die poli­ti­sche und mili­tä­ri­sche Unter­stüt­zung der USA für den Staat Isra­el wür­de dem­nach einem vor­se­hungs­ge­mä­ßen Plan ent­spre­chen, und der Wie­der­auf­bau des Jeru­sa­le­mer Tem­pels wird als not­wen­di­ger Schritt zur Erfül­lung der bibli­schen Pro­phe­zei­un­gen angesehen.

Der ame­ri­ka­ni­sche Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster Pete Hegs­eth äußer­te wäh­rend einer Rede in Jeru­sa­lem im Jahr 2018 offen die Hoff­nung auf den Wie­der­auf­bau des Drit­ten Tem­pels. Heu­te jedoch ist der Berg, auf dem einst der Erste und der Zwei­te Tem­pel Jeru­sa­lems stan­den – zer­stört von den Baby­lo­ni­ern und den Römern –, vom Fel­sen­dom besetzt, einem der bedeu­tend­sten Hei­lig­tü­mer des Islam. Der Wie­der­auf­bau des Tem­pels an die­sem Ort wür­de einen Kon­flikt mit der gesam­ten mus­li­mi­schen Welt aus­lö­sen; auch des­halb inter­pre­tie­ren vie­le Juden die Wie­der­errich­tung eher sym­bo­lisch. Den­noch bleibt der Mes­sia­nis­mus ein ver­bin­den­des Ele­ment, das das Juden­tum inner­halb und außer­halb Isra­els durch­zieht. Für eini­ge ist er die Erwar­tung eines per­sön­li­chen Mes­si­as, ver­bun­den mit der Wie­der­her­stel­lung Jeru­sa­lems; für ande­re hin­ge­gen wird die per­sön­li­che Gestalt des Mes­si­as durch die Vor­stel­lung eines „mes­sia­ni­schen Zeit­al­ters“ ersetzt, ver­stan­den als histo­ri­sche Erlö­sung der Menschheit.

Auch im schii­ti­schen Islam nimmt der Mes­sia­nis­mus eine zen­tra­le Rol­le ein, ins­be­son­de­re in sei­ner wich­tig­sten Rich­tung, der Zwöl­fer-Schia. Die Gläu­bi­gen sind über­zeugt, daß der zwölf­te Imam, Muham­mad al-Mah­di, nicht gestor­ben ist, son­dern im Jahr 941 n. Chr. in einen Zustand der „Ver­bor­gen­heit“ (ghay­ba) ein­ge­tre­ten ist. Nach die­ser Leh­re ist er der „ver­bor­ge­ne Imam“, der am Ende der Zei­ten als Mah­di – der „Recht­ge­lei­te­te“ – wie­der erschei­nen wird, um die Gerech­tig­keit wie­der­her­zu­stel­len und ein Zeit­al­ter der Wahr­heit ein­zu­lei­ten. Die Füh­rer der Isla­mi­schen Repu­blik Iran sehen sich als vor­über­ge­hen­de „Stell­ver­tre­ter“ des Mah­di, beauf­tragt, bis zu sei­ner Rück­kehr zu herr­schen. Sie betrach­ten die Befrei­ung von Al-Quds (Jeru­sa­lem) und den hei­li­gen Stät­ten des Islam als eine hei­li­ge Pflicht aller Mus­li­me, um die Wie­der­kehr des Mah­di zu ermög­li­chen. Der Kon­flikt mit dem Staat Isra­el ist ein not­wen­di­ger Bestand­teil die­ser escha­to­lo­gi­schen Sicht­wei­se (Vali Nasr: The Shia Revi­val, W. W. Nor­ton, 2006).

Was ist ande­rer­seits der rus­si­sche Mythos vom „Drit­ten Rom“, wenn nicht eben­falls eine escha­to­lo­gi­sche Visi­on, in der Mos­kau als letz­ter Erbe des wah­ren christ­li­chen Glau­bens dar­ge­stellt wird, beru­fen, ihn bis zum Ende der Zei­ten zu bewah­ren? Für Putins Ideo­lo­gen Alex­an­der Dugin stellt die „Drit­te Rom“ den Gegen­pol zum Westen dar, der als deka­den­te Zivi­li­sa­ti­on beschrie­ben wird, die das Ende ihres histo­ri­schen Zyklus erreicht habe. Dug­ins Kri­tik am Westen wird im Iran, in der Tür­kei und in der ara­bi­schen Welt – ins­be­son­de­re in anti-zio­ni­sti­scher Per­spek­ti­ve – auf­ge­grif­fen und wei­ter­ent­wickelt.
Kamal Gasi­mov und Mar­le­ne Laruel­le haben in ihrem Auf­satz Eura­sia and escha­to­lo­gy. Dugin’s anti­li­be­ral reso­nan­ces in the Mus­lim world (Eura­si­en und Escha­to­lo­gie. Dug­ins anti­li­be­ra­le Reso­nan­zen in der mus­li­mi­schen Welt) die Affi­ni­tät der Posi­tio­nen Dug­ins zu denen des schii­ti­schen Mes­sia­nis­mus auf­ge­zeigt (Stu­dies in East Euro­pean Thought, 78, 2026, S. 377–399). Fran­çoi­se Thom wie­der­um zeigt in einem Arti­kel mit dem Titel États-Unis et Rus­sie: les rava­ges de l’eschatologie (USA und Ruß­land: die Ver­hee­run­gen der Escha­to­lo­gie) vom 22. März 2026, wie der escha­to­lo­gi­sche Syn­kre­tis­mus Dug­ins aus der Ver­wen­dung theo­lo­gi­scher The­men ent­steht, die dem Impe­ria­lis­mus des Kremls dien­lich sind.

Der grund­le­gen­de Irr­tum aller fal­schen Escha­to­lo­gien besteht letzt­lich dar­in, den Kampf zwi­schen Gut und Böse als einen Kampf zwi­schen welt­li­chen Mäch­ten um die Welt­herr­schaft zu inter­pre­tie­ren. Dies zeigt, daß selbst das Sili­con Val­ley die­sen escha­to­lo­gi­schen Per­spek­ti­ven nicht fremd ist. Elon Musk beruft sich auf den Rus­sen Kon­stan­tin Edu­ard Ziol­kow­ski, den Begrün­der des „Kos­mis­mus“, einer pan­the­isti­schen Welt­an­schau­ung, in der die Erfor­schung des Welt­raums als not­wen­di­ger Schritt im Evo­lu­ti­ons­pro­zeß des Men­schen und sei­ner Inte­gra­ti­on in den Kos­mos gilt.

Sei­ner­seits ver­tritt der Mit­be­grün­der von Paypal, Peter Thiel, in einer Rei­he von Vor­trä­gen, die er im März in Rom über das The­ma des Anti­chri­sten gehal­ten hat, die Ansicht, daß Tech­no­lo­gie je nach ihrer Nut­zung sowohl ein Instru­ment des Heils als auch ein Fak­tor der Zer­stö­rung sein kann. Nach Thiel ver­kör­pern die USA eine dop­pel­te Mög­lich­keit: ent­we­der der Kat­echon zu sein – die Kraft, die das Cha­os auf­hält – oder zum Anti­chri­sten zu wer­den, also zu jener Macht, die mit­tels ihrer Über­wa­chungs­in­stru­men­te die Welt beherr­schen könn­te. Thiel, selbst Schöp­fer tech­no­lo­gi­scher Kon­troll­sy­ste­me wie des Unter­neh­mens Palan­tir, scheint die­se dop­pel­te und beun­ru­hi­gen­de Iden­ti­tät anzunehmen.

Und die katho­li­sche Kir­che? Kann sie sich dar­auf beschrän­ken, zum Frie­den auf­zu­ru­fen, in einer eben­so imma­nen­ten Per­spek­ti­ve wie jene, die den Krieg für welt­li­che Zwecke pro­pa­gie­ren? Ver­fügt die Kir­che nicht über eine eige­ne Theo­lo­gie der Geschich­te, die auf dem augu­sti­ni­schen Gegen­satz der zwei Staa­ten beruht: der eine getra­gen von der „Lie­be zu sich selbst bis zur Ver­ach­tung Got­tes“, der ande­re von der „Lie­be zu Gott bis zur Ver­ach­tung sei­ner selbst“ (De Civi­ta­te Dei, XIV, 28)? In sei­ner Oster­pre­digt vom 9. April 1939, sechs Mona­te vor dem Aus­bruch des Zwei­ten Welt­krie­ges, erin­ner­te Pius XII. dar­an, daß „die ein­zi­ge und uner­schüt­ter­li­che Grund­la­ge, auf der der wah­re Frie­de ruht, Gott ist: Gott, der erkannt, der geach­tet ist, dem gehorcht wird. Die­se Unter­ord­nung unter den gött­li­chen Schöp­fer zu ver­min­dern oder zu zer­stö­ren, ist das­sel­be, wie den Frie­den im ein­zel­nen wie in den Fami­li­en, in den Natio­nen wie in der gan­zen Welt zu stö­ren oder voll­stän­dig zu zer­stö­ren.

Die Abkehr von Gott ist die Ursa­che jedes Krie­ges, so wie die Rück­kehr zur natür­li­chen und gött­li­chen Ord­nung, die von der katho­li­schen Kir­che bewahrt wird, die Bedin­gung des ein­zi­gen wah­ren Frie­dens ist. „Dann end­lich“, ruft Pius XI. in sei­ner Enzy­kli­ka Quas Pri­mas vom 11. Dezem­ber 1925 aus, „wer­den so vie­le Wun­den geheilt wer­den, dann wird jedes Recht sei­ne ursprüng­li­che Kraft wie­der­erlan­gen, dann wer­den end­lich die kost­ba­ren Güter des Frie­dens zurück­keh­ren, und die Schwer­ter und Waf­fen wer­den aus den Hän­den fal­len, wenn alle bereit­wil­lig die Herr­schaft Chri­sti anneh­men und ihm gehor­chen, wenn jede Zun­ge bekennt, daß der Herr Jesus Chri­stus in der Herr­lich­keit Got­tes des Vaters ist.

Die Bot­schaft von Fati­ma von 1917, die den Tri­umph des Unbe­fleck­ten Her­zens Mari­ens nach einer Züch­ti­gung der Natio­nen pro­phe­zeit, besie­gelt die­se Theo­lo­gie der Geschich­te. Wer den Blick über den imma­nen­ten Hori­zont der geschicht­li­chen Ereig­nis­se hin­aus zu erhe­ben ver­mag, ver­traut auf jenen geord­ne­ten Frie­den, den der Erlö­ser vor dem Ende der Zei­ten auf die Erde brin­gen wird, und ver­traut sei­ne Ver­wirk­li­chung sei­ner gött­li­chen Mut­ter an.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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