Die Entscheidung von Papst Leo XVI., die Missa in Coena Domini am Gründonnerstag wieder in der Lateranbasilika zu zelebrieren, markiert eine stille, aber unübersehbare Zäsur. Nach Jahren liturgischer Experimente unter seinem Vorgänger Franziskus kehrt das Zentrum der Gründonnerstagsliturgie an den Ort zurück, der die Kathedrale des Bischofs von Rom und damit sichtbarer Ausdruck der Weltkirche ist. Katholisches.info hatte wiederholt darauf hingewiesen, daß gerade diese Feier unter Papst Franziskus zu einem Brennpunkt theologischer und liturgischer Abwege geworden war, indem der argentinische Pontifex den ersten Tag des Triduum Paschalis, an dem Jesus Christus das Weihesakrament und das Altarsakrament einsetzte, unsichtbar machte. Diese beiden Sakramente bilden aber den Kern der sakramental und hierarchisch verfaßten Kirche, da bis auf die Taufe und die Ehe alle Sakramente vom Priestertum abhängen. Franziskus praktizierte sein ganzes Pontifikat hindurch eine Verdunkelung diese Kernwahrheiten.
Bruch mit der Tradition als Programm
Die Fußwaschung am Gründonnerstag ist kein folkloristisches Ritual, sondern Teil einer hochverdichteten Liturgie, die unmittelbar auf die Einsetzung des Priestertums und der Eucharistie verweist. Über Jahrhunderte hinweg war daher klar: Die Auswahl von zwölf Männern ist kein Ausdruck sozialer Exklusivität, sondern theologisch begründet. Sie verweist auf die zwölf Apostel und damit auf das sakramentale Amt.
Papst Franziskus stellte diese Ordnung früh infrage. Zunächst vor allem dadurch, daß er die Fußwaschung zum alles überlagernden Element der Gründonnerstagsliturgie erhob. Doch ein solcher aus dem liturgischen Kontext gerissener Status kommt ihr nicht zu.
Bereits 2013 verlegte er die Feier in ein Jugendgefängnis und wusch dort auch Frauen die Füße. In den folgenden Jahren wurde diese Praxis systematisch ausgeweitet: Muslime, Nichtgetaufte, Migranten und vor allem Gefangene, später wurden auch Personen, öffentlich als „Transgender“ präsentiert, demonstrativ in den Ritus einbezogen. Das kam einer bewußte Umdeutung der Liturgie in ein politisches Statement gleich.
Der Gründonnerstag war in der Kirche vielfach der Tag, seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil oft sogar der einzige Tag im Kirchenjahr, an dem über das Priestertum gepredigt wurde, weil der Herr beim Letzten Abendmahl das Priestertum einsetzte. Mit der Verlegung der Missa in Coena Domini in Gefängnisse machte Franziskus die Frage per se bereits überflüssig. Kriminellen predigte er nie auch nur ein Wort über das Priestertum.
Liturgie als Bühne
Besonders problematisch war aus Sicht vieler Liturgiker, Theologen und Beobachter, daß Franziskus den Ort der Feier regelmäßig auswählte, um mediale Wirkung mit sozialpolitische Note zu erzielen. Gefängnisse, Asylzentren und soziale Brennpunkte wurden zu Kulissen einer Liturgie, die zunehmend wie eine päpstliche Sozialperformance wirkte. Und alle befanden sich hinter hohen Wänden, weshalb die Öffentlichkeit, vor allem aber die Gläubigen, davon ausgeschlossen blieben.
Die eigentliche Mitte – Christus, der Herr, und die sakramentale Struktur der Kirche – trat dabei in den Hintergrund.
Diese Praxis war nicht nur pastoral fragwürdig, sondern kirchenrechtlich und liturgisch hochproblematisch. Zwar ließ Franziskus 2016 nachträglich die Rubriken offiziell ändern, um auch Frauen zur Fußwaschung zuzulassen, doch blieb der innere Widerspruch bestehen: Ein Ritus, der auf das Heilsgeschehen und das apostolische Amt verweist, wurde entkernt und seiner symbolischen Tiefe beraubt zugunsten eines sozialpolitischen Signals.
Ideologie statt Theologie
Besonders scharf fiel die Kritik aus, als der Gründonnerstag zunehmend zur Bühne für zeitgeistige Ideologien wurde. Die demonstrative Einbeziehung von Muslimen und Transsexuellen wurde von vatikanischen Kommunikationsstellen als Zeichen von „Inklusion“ gefeiert. Kritiker stellten dem entgegen, daß die Kirche hier nicht barmherzig, sondern beliebig wirke – und letztlich ihre eigene Kernlehre relativiere.
Die Liturgie wurde von Franziskus zum Transportmittel einer Agenda, die mehr mit säkularen relativistischen Gleichheitskonzepten zu tun hatte als mit katholischer Sakramententheologie. Daß diese Signale weltweit als Norm verstanden wurden, obwohl sie in Wahrheit persönliche Setzungen des Papstes waren, führte zu erheblicher Verwirrung in Diözesen und Pfarreien.
Auch der letzte Gründonnerstag, den Papst Franziskus am 17. April 2025 im römischen Gefängnis Regina Coeli beging, wurde von seinen Anhängern als konsequenter Schritt eines Pontifikats gedeutet, das „an die Ränder“ gehen wollte. Kritische Beobachter sahen darin hingegen das Sinnbild eines langen Weges weg von der heiligen Liturgie hin zu einer permanenten Symbolpolitik, die den inneren Zusammenhang der kirchlichen Zeichen preisgab.
Leo XVI. und die Rückkehr zur Ordnung
Vor diesem Hintergrund ist die Entscheidung Leos XVI., die Missa in Coena Domini wieder im Lateran zu zelebrieren, nicht als nostalgische Geste zu missverstehen. Sie ist ein bewusstes Signal: Die Liturgie gehört der Kirche, nicht der persönlichen Agenda des Papstes. Ort, Ritus und Zeichen sollen wieder aus sich selbst sprechen und nicht durch spektakuläre Kulissen übertönt werden.
Als maßgebliche liturgische Norm sieht das Caeremoniale Episcoporum in Verbindung mit dem Missale Romanum vor, dass der Bischof am Gründonnerstag – insbesondere durch die Chrisammesse und in der Regel auch durch die Missa in Coena Domini – in seiner Kathedralkirche die sakramentale und sichtbare Einheit seiner Diözese vollzieht.
Genau diese Einheit wurde unter Papst Franziskus über Jahre hinweg faktisch unsichtbar gemacht, indem er seine eigene Bischofskirche, San Giovanni in Laterano, systematisch mied. Der Widerspruch wurde noch dadurch verschärft, daß Franziskus zugleich mit Nachdruck betonte, er wolle sich vor allem als „Bischof von Rom“ verstanden wissen, während er in der Praxis gerade jene liturgischen Orte und Momente vermied oder entwertete, in denen diese Rolle konkret und sichtbar Gestalt annimmt.
In dieser doppelten Verzerrung – der verbalen Betonung des örtlich begrenzten und nicht universalen Bischofsamtes bei gleichzeitiger Mißachtung seiner liturgischen Ausdrucksformen – traten die ideologischen Motive des bergoglianischen Pontifikats offen zutage. Franziskus war offenbar bereit, rhetorisch eine kirchliche Selbstbeschreibung zu pflegen, die er durch sein tatsächliches Handeln weder bestätigte noch zu bestätigen beabsichtigte. Gerade darin zeigte sich die innere Spannung eines Pontifikats, das Zeichen setzte, aber die Ordnung der Zeichen auflöste.
Ob Leo XVI. auch inhaltlich zur klassischen Form der Fußwaschung zurückkehrt, ist offiziell noch nicht bekannt. Doch allein die Wahl des Ortes und die Rückbindung an die römische Tradition lassen erkennen, daß ein Paradigmenwechsel im Gang ist. Die Erneuerung der Kirche beginnt nicht mit immer neuen Symbolen, sondern mit der Treue zu dem, was die Kirche empfangen hat.
Der Gründonnerstag 2026 könnte sich daher zu einem sichtbarer Schritt einer notwendigen liturgischen Normalisierung erweisen. Allerdings betrifft das nur den Novus Ordo und rührt damit nicht am Grundproblem der nachkonziliaren Kirchenkrise – aber das ist eine andere große Baustelle in der Kirche.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: MiL
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