Von Stefano Fontana*
Die in dieser Ausgabe des Rundbriefs untersuchte Situation betrifft Personen, auch katholischen Glaubens, die einem politischen Machtapparat gegenüberstehen, der auf Lügen basiert, moralisch und religiös unannehmbar ist und keinen Handlungsspielraum zuläßt, ohne sich mit ihm zu kompromittieren. Es handelt sich um ein geschlossenes, in allen Theilen kohärentes, fein organisiertes System ohne Risse. Es ist nicht reformierbar, denn seine bewährte innere Logik absorbiert alle Reformversuche. Es ist unmöglich, sich auf ihm fremde Kriterien zu berufen, da diese vollständig aufgehoben wurden. Dieses System beruht auf Lüge, erkennt nur die Wahrheit an, daß es keine Wahrheit gibt, ist verfolgungsorientiert und kennt kein Gewissensveto. Die einzig mögliche Handlung, um nicht zermalmt zu werden, besteht nicht darin, sich ihm offen zu widersetzen, sondern vielmehr darin, heimlich und alternativ Neues zu kultivieren.
Angesichts einer derart extremen Situation haben viele vorgeschlagen, den Kampf aufzugeben und „den Waldweg zu wählen“ (Jünger), eine „Parallelgesellschaft“ zu schaffen (Benda), oder „Gemeinschaften, Institutionen und Widerstandsnetzwerke“ zu gründen (Dreher), „neue Formen von Gemeinschaft“ zu entwickeln (McIntyre), „den Samen zu retten“, bis „der Fluß wieder in sein Bett zurückkehrt, das Land auftaucht und die Sonne es trocknet“ (Guareschi), oder sich an die frühen Christen zu erinnern, die wie wir in einer nichtchristlichen Welt lebten (Lugaresi). Das historische Beispiel, das insbesondere McIntyre und Dreher immer wieder anführen, ist der heilige Benedikt, der in der „Flut“ der Völkerwanderung und dem Zusammenbruch der sozialen Ordnung des Reiches aufhörte, „Sandsäcke zu stapeln“, um den Wassermassen Einhalt zu gebieten, oder die Risse im sozialen Gefüge seiner Zeit zu flicken, und sich stattdessen zurückzog, um den Wiederaufbau vorzubereiten. Diese Situation beschreibt Jünger treffend:
„Wenn alle Institutionen zweifelhaft oder sogar anrüchig werden und man selbst in den Kirchen nicht etwa für die Verfolgten, sondern für die Verfolger öffentlich beten hört, dann geht die sittliche Verantwortung auf den Einzelnen über oder, besser gesagt, auf den noch ungebrochenen Einzelnen.“1
Es läßt sich vertreten, daß die Situation der heutigen Katholiken in vielen Fällen zumindest dieser Typologie nahekommt.
Einwände gegen das politische System
Das westliche politische System scheint von unnahbaren Akteuren kontrolliert zu werden, weil sie im Verborgenen agieren und synergetisch wie ein „Deep State“ – ein tiefer Staat2 – arbeiten, eng verbunden mit Wirtschaft, Technologie und sozialen Ideologien. Vorherrschend ist ein globales Programm, das die Woke-Kultur fördert, die Wissenschaft beeinflußt, die Agenda internationaler Organisationen koordiniert, seine Ziele in der öffentlichen Bildung durchsetzt, die Urteile internationaler Gerichte mit den Anforderungen progressiver Politik verknüpft, die Unterstützung medialer Konzentrationen genießt und ein personalistisches, korporatives Netzwerk globaler Manager schafft.3 Wer wirklich ursprünglich die Entscheidungen trifft, läßt sich kaum erkennen; man sieht jedoch, daß sie einmal getroffen, von verschiedenen Akteuren koordiniert und präzise ausgeführt werden. Die Corona-Zeit war wie eine Generalprobe dieses globalen Mechanismus. Teil davon ist die Europäische Union4 in ihrer heutigen Form, die zunehmend Freiheiten einschränkt und eine postchristliche Ideologie aufzwingt – vor allem in Fragen von Leben und Familie und im allgemeinen in bezug auf natürliche Gesellschaften einschließlich Völker und Nationen.
In diesem Szenario fühlen sich viele gezwungen, in einem uneinnehmbaren falschen System zu leben, wie Ernst Jünger schrieb: Die Menschen sind so fest in den Netzen der kollektiven Ordnung verankert, daß sie sich nicht mehr zu verteidigen vermögen. Kaum nehmen sie wahr, welche Macht die Vorurteile unserer sogenannten Aufklärung gewonnen haben. Dies veranlaßt die Umsichtigsten, Parallelgesellschaften und nahezu geheime Wege zu schaffen, die dem System unbekannt bleiben sollen, aus Angst vor Repressalien – im Gesundheitswesen, Bildungswesen, in Informations- und Kommunikationsbereichen, in Geldbeziehungen, beim Zugang zu natürlichen Ressourcen, bei der Beschaffung des Notwendigen außerhalb institutionalisierter Kontrollnetze. Dazu gehören Maßnahmen wie ausschließlich Barzahlung, die Schaffung alternativer Währungen oder Wirtschaftsräume, die die offizielle Währung ausschließen, das Vermeiden des zentralisierten elektronischen Systems, die Gründung kleiner unabhängiger Gemeinschaften zur Bodenbewirtschaftung und Wassernutzung, die Abwehr der vollständigen Digitalisierung des Lebens oder die Förderung distributiver Kooperationsformen. So verbreitet sich die Idee einer alternativen, unterirdischen und parallelen Praxis.
Eine neuartige kirchliche Situation
Dies betrifft zunächst die politische Ordnung. Es muß jedoch anerkannt werden, daß – mit gebührenden Unterscheidungen – etwas Ähnliches auch in der katholischen Kirche geschehen ist. Wir kommen aus einer Phase einer sehr entschlossenen pastoralen Linie, die die Gläubigen in allen Diözesen, Pfarren und Vereinigungen gespalten hat. Viele hatten große Schwierigkeiten, die neuen pastoralen Kriterien der Hierarchie zu akzeptieren, sei es im liturgischen oder ethischen Bereich. Angesichts von Entscheidungen zugunsten neuer säkularisierter Ideologien – wie zum Beispiel in der Kirche Deutschlands – gibt es Priester, die sich öffentlich distanzieren und darum bitten, nicht mehr zu dieser Diözese zu gehören, und Gläubige, die sich anders organisieren, um an der sonntäglichen Liturgie, an der Katechese und an der christlichen Bildung ihrer Kinder teilzunehmen. In vielen Diözesen ist es nicht mehr möglich, über Biopolitik oder die Soziallehre der Kirche zu sprechen, ohne deren Inhalte in bezug auf Naturgesetz und katholischen Glauben zu entstellen; solche Initiativen müssen parallel und außerhalb der institutionellen Netzwerke stattfinden. Viele sprechen daher vom „Zeitalter der Laien“, da nur sie – nicht kanonisch an kirchliche Institutionen gebunden – bestimmte Themen lebendig halten und vernachlässigte, wenn nicht sogar verdrehte Wahrheiten bekräftigen können. Bei Themen wie Abtreibung oder assistiertem Suizid, bei denen die Hierarchie entweder flexibel ist oder schweigt, liegt es an den Laien, die Stimme zu erheben, wodurch eine Art paralleler Gesellschaft entsteht.
Nach der Wahl des neuen Papstes sprechen viele von einer „Versöhnung“ in der Kirche, was gleichbedeutend ist damit, anzuerkennen, daß ein Teil der Kirche gezwungen war, eine Art neues „Leben in den Katakomben“ zu führen. Ich lernte eine Vereinigung von Ehepaaren kennen, die, nachdem ein Ehegatte die verlassen hatte, eine „Ehe-für-immer-Gemeinschaft“ gründeten, um die Unauflöslichkeit der Ehe zu bewahren: Sie wurden aus ihrer Diözese entfernt, weil sie die zusammenlebenden Geschiedenen stören könnten – ein Beispiel für eine Parallelgemeinschaft derer, die „jeglichen Ausweg versperrt“ vorfinden (Jünger).
Das Hauptmerkmal der hier beschriebenen Situation besteht darin, eine Linie durchzusetzen, die nicht auf Lehre, sondern auf Pastoral beruht. Hinter der pastoralen Begründung verbirgt sich jedoch eine doktrinäre Motivation, die der Seelsorge eine neue Rolle in Kirche und im Glaubensverständnis zuweist.5 Dies erklärt umso mehr den Widerstand vieler Katholiken – man denke an die heimlich gefeierten Messen während der Corona-Zeit –, in Erwartung, daß sich die Zeiten ändern und der Horizont nach der „Flut“ wieder klar wird.
Zwei weitere Faktoren haben zur Entstehung dieses kirchlichen Systems beigetragen, das viele zur heimlichen Widerstandstätigkeit zwang. Erstens ein problematischer „papistischer Positivismus“, nach dem jede Aussage des Papstes verpflichtendes Lehramt sei; zweitens die Vorstellung, daß nun die volle Akzeptanz der Säkularisierung, einschließlich der Säkularisierung des Papsttums, anstehe. Die beiden Punkte widersprechen sich: Der erste stärkt unangemessen die Autorität, der zweite scheint sie zu schwächen. In der Praxis wirkten sie jedoch zusammen, sodaß ein säkularisierendes Papsttum sich als verpflichtender zeigte. Viele, die sich diesem Zwang nicht unterwerfen wollten, führten „parallele“ kirchliche Lebensformen. Manche päpstlichen und vatikanischen Documente boten Glaubens- und Moralvorstellungen abweichend von der traditionellen Lehre. In einigen Fällen wurde dagegen breiter Widerstand geleistet, in anderen blieb er verdeckt, in halbgeheimen Kreisen, um negative Konsequenzen zu vermeiden. Viele fühlten sich bedroht, katholisch zu denken, und setzten dies heimlich fort, indem sie Mikrogemeinschaften gegenseitigen Verständnisses bildeten. Seminaristen tauschten untereinander Texte traditioneller katholischer Philosophen und Theologen, sogar Kirchenlehrer, die in ihren Seminaren verboten waren. Auch dies sind Fälle parallelen Lebens.
Die nichtchristliche Welt in den ersten Jahrhunderten und heute
Die bisher betrachteten beiden Ebenen – die politische und die kirchliche – verbinden sich, wenn man das Thema der heutigen Christenverfolgung untersucht. Das hervorragende Buch von Leonardo Lugaresi „Vivere da cristiani in un mondo non cristiano“6 („Als Christ in einer nichtchristlichen Welt leben“) vertritt die These, daß sich die frühen Christen im wesentlichen in einer vergleichbaren Situation befanden, also in einer feindlichen Welt, von der man lernen kann. Lugaresi hebt insbesondere zwei Haltungen hervor, die auch für uns maßgeblich sein sollten. Die erste ist die krisis, das Urteil, das die Welt, in der man lebt, in Krise setzt, ihre Widersprüche aufzeigt und sie destrukturiert, um Irrtümer und Unzulänglichkeiten ans Licht zu bringen. Dies geschieht, indem man aktiv in das Leben der Welt eingreift, nicht indem man sich davon zurückzieht, und sich vollständig in die kritische Bewertung einbringt. Die chresis ist der rechte, der Wahrheit entsprechende Gebrauch dessen, was durch das kritische Urteil zutage gefördert wurde.7
Das Buch gelingt jedoch nicht vollständig darin, den wesentlichen Unterschied zwischen jener „nichtchristlichen Welt“ und der heutigen zu verdeutlichen. Die damalige Welt war vorchristlich, die heutige ist postchristlich. Das damalige Heidentum war noch „theistisch“, Atheismus beschränkte sich auf einzelne Philosophen, während der heutige Post-Paganismus posttheistisch ist8: er hat jede Möglichkeit, Theismus zu denken oder sich darauf zu beziehen, eliminiert, hat ihn vergessen und vergessen, daß er ihn vergessen hat. Heute erfolgt „die gesetzliche Verurteilung des Christentums durch die gesetzliche Verurteilung der Natur“ und „wenn die Post-Naturalität Gesetz wird, wird die Naturalität zur Straftat“9. Lugaresi weist auf diese neuen, radikalen Verfolgungsformen hin, wie das „konkrete Risiko, vor Gericht zu landen, weil man sich einfach wie ein Christ verhält“ und die Abschaffung des Gewissensvorbehalts.10
Die heutige Verfolgung erfolgt jedoch eher über „leichte Wege“: Abkehr, Vergessen, Auslöschung der Präsenz, Zerstörung von Überresten, Erklärung von Unbrauchbarkeit, Schweigen. In der christlichen westlichen Welt werden Kinder nicht getauft, Ehen nicht geschlossen, Verstorbene nicht beerdigt.11 Viele Menschen haben heute keinerlei Kenntnis von Christus und empfinden auch keinen Mangel daran. Das Christentum verschwindet nicht nur als Religion, sondern auch als zivilisatorisches Erbe; selbst seine sozialen Wirkungen werden ausgelöscht. Katholiken stehen vor Herausforderungen in bezug auf Abtreibungskliniken, Schulbücher, Bildung, Einwanderungspolitik, die Umsetzung des Laizitätsprinzips, den Kampf gegen religiöse Symbole und die kulturelle Durchsetzung „neuer Rechte“. Viele Gläubige sind überzeugt, daß die katholische Religion und die Kirche weiterhin einen öffentlichen Anspruch haben, und fühlen sich verpflichtet, darauf zu reagieren. Daraus entstehen Initiativen kleiner Gruppen und Gemeinschaften, die stark an Parallelgesellschaften erinnern.12
Lugaresi analysiert die Handlungsfelder der ersten Christen: Gericht, Schule, Wirtschaft und Unterhaltung.13 Daraus zieht er die Lehre: Die Christen nutzten das bestehende System, soweit es mit der Wahrheit vereinbar war, setzten es kritischem Urteil aus, wo es der Wahrheit widersprach, und entwickelten schließlich das Positive, das daraus hervorging. Nach Lugaresi bedeutet dies, daß man sich nicht vollständig in parallele Gesellschaften außerhalb des Systems zurückziehen darf; vielmehr soll die Parallelgesellschaft innerhalb der Gesamtgesellschaft „gären“, um zukünftige Entwicklungen positiv zu beeinflußen. Untersucht man jedoch die Lage der genannten vier Bereiche in der römischen Epoche und in der heutigen Welt, so erkennt man die radikale Verschiedenheit zwischen beiden. Heute sind diese vier Bereiche so eng verzahnt, daß die Wahrheit fast vollständig verhindert wird, während die frühen Christen noch viele Elemente natürlicher Weisheit vorfanden. Die Synergie zwischen der Zerstörung des Naturrechts, der Verwüstung durch die Woke-Kultur, der zunehmenden Dominanz der Finanzmärkte über die Wirtschaft und dem Nihilismus in den Unterhaltungsmedien zeigt dies deutlich. Es handelt sich nicht um eine quantitative, sondern um eine qualitative Verschärfung des Negativen. Das Urteil muß daher zunehmend durch Verurteilung ersetzt werden, da kaum noch Positives gefördert werden kann; falls doch, ist es ein Überbleibsel der Vergangenheit, das im Fortgang der heutigen Logik immer weiter schwinden wird.
Die Kirche arbeitet selbst an der Säkularisierung
Zur kirchlichen Situation gehört, daß die Akzeptanz der Säkularisierung inzwischen so weit fortgeschritten ist, daß die öffentliche Nutzlosigkeit des Christentums in einer „mündigen“ Welt weithin akzeptiert wird. Während der Corona-Zeit erklärte sich die Kirche selbst als sozial und politisch nutzlos. Kardinal De Kesel bemerkte damals: „Die säkulare Gesellschaft ist für die Kirche eine Herausforderung und gleichzeitig vielmehr eine Gnade anstatt eine Bedrohung.“14
In der heutigen Kirche wird der Ausdruck „christliche Gesellschaft“ entschieden abgelehnt, insbesondere wenn er auch politische Bedeutung haben soll. In der öffentlichen Sphäre versteht sich die Kirche als ethische Bildungsagentur für Bürger; ihre Zuständigkeit beschränke sich auf die Vermittlung von Werten, während ein originärer, allein der Religion vorbehaltener Auftrag aufgegeben wird. Die Kirche sei lediglich „Expertin für Menschlichkeit“15. Doch ein rein ethischer Ansatz genügt nicht aus sich selbst, und tatsächlich ist eine fortschreitende Unsicherheit und Zurückhaltung der Kirche auch in diesem Bereich zu beobachten. Die Abtreibungsgesetze werden als „gute Gesetze“ bezeichnet, eine Gesetzgebung zum assistierten Suizid gilt als notwendig und nützlich, Änderungen der Lehre über Empfängnisverhütung werden erhofft, und sogenannte „prämaritale“ Zusammenleben – obwohl sie, wie Kardinal Biffi bemerkte, nicht wirklich als solche gelten – werden akzeptiert.
Doch der rein ethische Anspruch genügt nicht, und so ist die Kirche auch auf diesem Gebiet zunehmend unsicher und inaktiv. Abtreibungsgesetze werden als „gute Gesetze“ bewertet, Gesetzgebung zum assistierten Selbstmord als notwendig und nützlich erachtet, Änderungen in der Lehre über Empfängnisverhütung werden erhofft, sogenanntes voreheliches Zusammenleben (obwohl die Begriffswahl bereits irreführend ist, wie Kardinal Biffi anmerkte) wird inzwischen akzeptiert und sogar empfohlen.
Das Verschwinden des Christentums aus der öffentlichen Sphäre wird nicht nur von antichristlichen neuheidnischen Kräften vorangetrieben, sondern auch von kirchlichen Sektoren. Daher entstehen Gruppen und Gemeinschaften des Widerstands und parallelen Lebens, die sowohl vom „Feuer des Feindes“ als auch vom „Feuer des Freundes“ getroffen werden.
Wenn kirchliche Akteure die einst bekämpften Entwicklungen begünstigen, entstehen innerhalb der Kirche neue Akteure, ebenfalls kirchlich inspiriert, aber weniger institutionell. In Italien haben kirchliche Akteure, die einst gegen das staatlich erlaubte Abtreibungsgesetz kämpften, ihre ursprüngliche Identität verloren; neue Gruppen sind entstanden, um als parallele Gesellschaft für den Schutz des Lebens zu agieren.
Das Urteil über die Moderne
Zwei Punkte erscheinen mir besonders wichtig für ein angemessenes Verständnis:
Ohne eine fundierte Bewertung der philosophischen und theologischen Moderne riskieren viele Hindernisse, die Wirksamkeit paralleler Gesellschaften zu untergraben. Um den wesentlichen Unterschied zwischen der vorchristlichen nichtchristlichen Welt und der modernen/postmodernen Welt zu erkennen, muß man den ursprünglich atheistischen Charakter der philosophischen und theologischen Moderne verstehen.16 Hier entsteht etwas bisher Unbekanntes: eine atheistische Kultur, eine Denkweise, die sich selbst als unfähig ansieht, Gott angemessen zu denken. Das erklärt, warum die moderne Welt nicht nur gottlos, sondern gegen Gott ist, und weshalb die Analogien zwischen beiden Welten nicht vollständig trennscharf sind. Die vorchristliche Philosophie bewahrte viele natürliche Einsichten, die das aufkommende Christentum in die Definition seiner Dogmen integrieren konnte. Anders als von manchen „Enthellenisierungs“-Lehren behauptet, wurde das Christentum nicht hellenisiert, sondern hellenisierte das griechische Denken. Das Konzil von Nicäa verurteilte Arius und damit auch Plotin, auf den sich Arius stützte. Zwischen der vorchristlichen Welt und dem Christentum bestand keine aggressive Opposition, wie sie heute gegenüber modernen philosophischen Prinzipien existiert. Die Moderne besitzt zudem eine gnostische religiöse Dimension, eine unheilbare antirealistische, antichristliche Tendenz. Paul VI. wies darauf im Schlußwort des Zweiten Vatikanischen Konzils hin: Das Prinzip der Immanenz des modernen Denkens folgt dieser Logik umgekehrter Religiosität. Lugaresi empfiehlt den Christen, krisis und chresis zu nutzen, doch diese sind ohne ein richtiges Urteil über die Moderne nicht vollständig möglich.
Parallelgesellschaft und universeller Blick
Ein weiterer zentraler Punkt: Vorschläge, sich vom System zu lösen und eine kleine alternative Gemeinschaft zu schaffen, werden oft kritisiert, weil sie den Blick auf das Große verlieren lassen würden. Lugaresi verweist hier auf die Arche Noah – nicht nur eine parallele, sondern auch eine alternative Gesellschaft, die aber die Welt der Sintflut überließ. Ähnliche Kritik wurde Drehers „Option Benedikt“ entgegengebracht.
Doch das ist nicht zwingend so. Isolation und Selbstabschottung sind möglich, aber nicht notwendig. Wer aus Gewissensgründen ein System als unpraktikabel ablehnt, hört nicht auf, sich damit zu beschäftigen, seine Entwicklung zu verfolgen oder in Verantwortung für das Ganze zu denken. Als die Katholiken nach dem Non expedit von 1868 aus Gewissensgründen das italienische Staatssystem ablehnten und der päpstlichen Aufforderung folgten, nicht am politischen Leben dieses Systems teilzunehmen, handelte es sich um eine große Parallelgesellschaft; sie distanzierten sich aber nicht vom Gemeinwohl, beschränkten sich nicht auf eigene, kleine Interessen, distanzierten sich nicht von der Gesamtheit der Gesellschaft und fielen nicht dem Partikularismus anheim. Im Gegenteil: aus Liebe zum Ganzen handelten jene, die in den sehr unterschiedlichen Situationen in parallelen Gesellschaften tätig waren, nicht für eine kleine Gruppe, sondern um etwas zu bewahren, das künftig dem Ganzen und allen zugutekommen kann, nicht um einige Werte nur für eine eng begrenzte Gemeinschaft zu retten, sondern zum Nutzen aller. Der heilige Benedikt behielt stets den Überblick – sozial wie kirchlich. Wenn das Kruzifix Don Camillo rät, das Wesentliche bestehe darin, den Samen zu bewahren, so lädt es ihn ein, dies aus Liebe zur ganzen Menschheit zu tun. Ernst Jünger spricht von einer „kleinen Elite„17, von einer geringen Minderheit, fügt aber hinzu: „Wo sich ein Volk zum Waldgang rüstet, muß es zur furchtbaren Macht werden.“18 Die Parallelgesellschaft nach Benda versteht sich nicht als Schattenregierung gegenüber der offiziellen Regierung, die als auf Lüge gegründet gilt. Vielmehr begreift sie sich als Träger von Wahrheiten, die nicht ihr eigenes Eigentum, sondern das aller Menschen sind, und handelt zum Wohl aller, nicht nur der Eingeweihten. Damit unterscheiden sich diese Parallelgesellschaften von modernen Utopien, die sich abkapseln und gegen das Ganze kämpfen, um die Wahrheit erst zu erschaffen; diese hingegen dienen ihr.
Um eine Hypothese aufzustellen, wie die soziale Pastoral der Zukunft aussehen könnte, weist Erzbischof Crepaldi (emeritierter Bischof von Triest) darauf hin, daß sie von unten heraus entstehen wird und die Laien zu ihren zentralen Akteuren zählen: „Gerade in dieser Phase kommt den Laien eine besonders wichtige Rolle zu. Die Initiative muß von ihnen ausgehen, auch wenn ich mir wünsche, daß sie auf Priester und Bischöfe treffen, die bereit sind, unterstützend mitzuwirken.“19
Vom Boden aufwärts zu beginnen und in kleinen, neuen Kontexten anzusetzen bedeutet jedoch nicht, die Perspektive des christlichen Universalismus zu verlieren: „Es wird notwendig sein, neu zu beginnen – von unten und mit einem erneuerten Bewußtsein. Dies schließt nicht aus, daß die neuen Initiativen sich an alle richten und eine vollständig kirchliche, universale Perspektive wahren.“20
Ein anschauliches Beispiel für die Umsetzung dieser Prinzipien ist die katholische Hausschule. Sie entsteht als Parallelgesellschaft, jedoch nicht, um sich von der Kirche zu lösen, sondern im Gegenteil, um die Kirche bei der Wiederentdeckung ihrer eigenen erzieherischen Originalität zu unterstützen.21
Zwei wichtige Grundsätze
Die Beobachtungen in den beiden vorangegangenen Kapiteln legen nahe, daß derartige Erfahrungen gemeinschaftlichen Engagements – die wir unter dem Begriff „Parallelgesellschaft“ oder „Option Benedikt“ zusammenfassen – nicht das Dogma der Unumkehrbarkeit der Säkularisierung akzeptieren, sondern die reale und universelle Perspektive des Christentums wahren müssen.
In diesem Zusammenhang kann es nützlich sein, kritisch auf die Position von Chantal Delsol in dem bereits erwähnten Buch über das Ende der Christenheit und die Rückkehr zum Heidentum zurückzukommen.22 Delsol stellt die Christenheit als eine „auf Eroberung gegründete“ dar, als eine „Pervertierung der Botschaft“, eine Gesellschaft, die „von Dogmen gesättigt“ ist, geleitet von der „Profanierung der Idee der Wahrheit“ und in der eine „Form von Einfluß und Herrschaft über die Seelen“ ausgeübt werde.
Nach Delsol sei das Wahrheitsverständnis der Christenheit überholt: „Sein ist Ereignis und Werden, nicht objektive Definition“; die Wahrheit sei „ein Traum, dem wir nachjagen“, „sie muß aufhören, Proposition und Dogma zu sein, um zu einem Lichtschein, zu einer zaghaften Hoffnung, zu etwas Unfaßbarem zu werden, das man mit bettelnden Träumen erwartet“. Daraus folge: „Auf die Christenheit zu verzichten, ist kein schmerzhaftes Opfer“, vielmehr „verläßt uns nicht die Christenheit, sondern wir verlassen sie“.
Laut Delsol sei es „eine Dummheit zu glauben, daß, wenn das Christentum zusammenbricht, alles mit ihm zusammenbricht“, und sie fordert: „Hören wir auf zu glauben, daß wir die einzigen auf der Welt sind, die der Welt einen Sinn geben können“. Nach der Christenheit werde nicht der Atheismus, sondern ein neues Heidentum folgen, denn das religiöse Bedürfnis des Menschen werde nicht verschwinden und in dieser Situation werden die Christen als „Helden der Geduld, der Aufmerksamkeit und der demütigen Liebe“ leben.
Diese Perspektive jedoch dürfen die Gemeinschaften der Parallelgesellschaft nicht übernehmen, denn würden sie das tun, würden sie sich tatsächlich in kleine, geschlossene, sentimental selbstreferenzielle Zirkel verwandeln, die nur sich selbst verstehen und sich als ermüdete Epigonen eines irreversiblen Niedergangs sehen.
*Stefano Fontana, Direktor des International Observatory Cardinal Van Thuan for the Social Doctrine of the Church; zu seinen jüngsten Publikationen gehören „La nuova Chiesa di Karl Rahner“ („Die neue Kirche von Karl Rahner. Der Theologe, der die Kapitulation vor der Welt lehrte“, 2017), gemeinsam mit Erzbischof Paolo Crepaldi „Le chiavi della questione sociale“ („Die Schlüssel der sozialen Frage. Gemeinwohl und Subsidiarität: Die Geschichte eines Mißverständnisses“, 2019), „La filosofia cristiana“ („Die christliche Philosophie. Eine Gesamtschau auf die Bereiche des Denkens“, 2021); alle erschienen im Verlag Fede & Cultura, Verona.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: vanthuanobservatory.com (Screenshot)
- Ernst Jünger: Der Waldgang, Frankfurt am Main 1951. ↩︎
- Osservatorio Internazionale Cardinale Van Thuan: Un Deep State planetario. La politica manovrata dall’ombra (Ein planetarischer Deep State. Die aus dem Dunkeln gelenkte Politik), 15. Bericht zur Soziallehre der Kirche in der Welt, Siena 2023. ↩︎
- Maurizio Milano: Il Pifferaio di Davos. Il Great Reset del capitalismo: protagonisti, programmi e obiettivi, (Der Rattenfänger von Davos. Der Great Reset des Kapitalismus: Akteure, Programme und Ziele. Crotone 2024. ↩︎
- Osservatorio Van Thuan: Finis Europae, un epitaffio per il vecchio continente (Finis Europae, ein Epitaph für den alten Kontinent), 16. Bericht zur Soziallehre der Kirche in der Welt, Siena 2024. ↩︎
- Stefano Fontana: La conversione pastorale e il progressismo cattolico (Die pastorale Wende und der katholische Progressismus), in: Bollettino di Dottrina Sociale della Chiesa, XV (2019), 3. ↩︎
- Leonardo Lugaresi: Vivere da cristiani in un mondo non cristiano. L’esempio dei primi secoli (Als Christ in einer nichtchristlichen Welt leben. Das Beispiel der ersten Jahrhunderte), Turin 2024 ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Zu diesem Thema hat Chantal Delsol das Buch geschrieben: „La fin de la Chrétienté : retour au paganisme (Das Ende der Christenheit. Rückkehr zum Heidentum), Paris 2021. Wie bereits aus dem Titel ersichtlich wird, spricht die Autorin von einer „Rückkehr“ des vorchristlichen Heidentums, während es sich in Wirklichkeit um ein radikal neues Heidentum handelt. ↩︎
- Giampaolo Crepaldi: La Chiesa italiana e il futuro della pastorale sociale (Die italienische Kirche und die Zukunft der sozialen Seelsorge), Siena 2017. ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Emmanuel Todd: La Défaite de l’Occident, Paris 2024. ↩︎
- Kürzlich zeigte auch Abbé Claude Barthe – obwohl er sowohl Havels Konzept der „parallelen Gesellschaft“ als auch Drehers „Option Benedikt“ kritisiert, da beide seiner Ansicht nach in die liberale Demokratie münden – zumindest im Bereich der Bildung diesen möglichen Ausweg auf: „Die Laizität – eine Monstrosität. Überlegungen zum hundertjährigen Jubiläum der Enzyklika über Christus den König“, in: Res Novae v. 11. September 2025. ↩︎
- Die vier Bereiche finden sich dargelegt in Lugaresi: Vivere da cristiani, S. 121–158, 159–204, 205–244 und 245–286. ↩︎
- Stefano Fontana: Forgetting the Social Doctrine of the Church in the Epoch of Coronavirus (Die vergessene Soziallehre der Kirche im Zeitalter des Coronavirus), in: Communio (amerikanische Ausgabe), XLVII (2020) 3. ↩︎
- Jozef De Kesel: Cristiani in un mondo che non lo è più (Christen in einer Welt, die nicht mehr christlich ist, in: Teologia, 1 (2025) 1. ↩︎
- Stefano Fontana: Ateismo cattolico? Quando le idee sono fuorvianti per la fede (Katholischer Atheismus? Wenn die Idee für den Glauben irreführend sind), Verona 2022. ↩︎
- Jünger: Der Waldgang. ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Crepaldi: La Chiesa italiana. ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Stefano Fontana: Dalla scuola dello Stato alla scuola delle famiglie (Von der Schule des Staates zur Schule der Familien), in: Bollettino di Dottrina sociale della Chiea, XI (2015) 1. ↩︎
- Delsol: La fin de la Chrétienté. ↩︎
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