Das Eigentor von Papst Franziskus

"Noch kein Papst ist ein besserer Freund der LGBTQ-Gemeinschaft gewesen"


Papst Franziskus hat ein Eigentor geschossen, in dem er nun festsitzt
Papst Franziskus hat ein Eigentor geschossen, in dem er nun festsitzt

(Rom) Das Homo-Schla­mas­sel, das Papst Fran­zis­kus und sei­ne Medi­en­be­ra­ter in den ver­gan­ge­nen Tagen mit dem unan­ge­mes­se­nen Wort „Schwuch­teln“ und dem noch weit schwer­wie­gen­de­ren Bemü­hen einer Ehren­ret­tung pro­du­zier­ten, ruft Groß­ka­li­ber auf den Plan, die bestimm­te Krei­se aus­sen­den, um dem bei ihnen belieb­ten Kir­chen­ober­haupt zu Hil­fe zu eilen. Zu die­sen Groß­ka­li­bern gehört die Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters, das Maxi­mum an Rücken­deckung, das die inter­na­tio­na­le Medi­en­welt zu bie­ten hat.

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Reu­ters leg­te gestern einen Bericht vor, der sogleich durch sei­ne Ein­sei­tig­keit auf­fällt, indem nur Freun­de des Pap­stes, auch „homo­se­xu­el­le Freun­de“, zu Wort kom­men und ihn verteidigen.

Reu­ters läßt schon in den ersten Sät­zen erken­nen, wem die Sym­pa­thien gel­ten: „Fran­zis­kus ist ein Papst der vie­len Pre­mie­ren: der erste, der die­sen Namen trägt, der erste aus Latein­ame­ri­ka, der erste aus dem Jesui­ten­or­den. Seit letz­ter Woche ist er auch der erste Papst, der sich für unflä­ti­ge Wor­te ent­schul­digt hat.“

Ande­re Quel­len lie­fer­ten in den ver­gan­ge­nen Tagen wei­te­re def­ti­ge Aus­drücke, die Fran­zis­kus in den ver­gan­ge­nen Jah­ren von sich gege­ben haben soll. Kon­kre­ter Anlaß war ein Tref­fen des Pap­stes mit dem römi­schen Klerus.

Reu­ters umreißt das Dilemma:

„Freun­de des Pon­ti­fex und Beob­ach­ter des Vati­kans bestehen dar­auf, daß das wohl größ­te PR-Desa­ster sei­nes 11jährigen Pon­ti­fi­kats nicht sei­ne Bilanz als reform­ori­en­tier­ter und LGBT-freund­li­cher Papst über­schat­ten soll­te.
Eini­ge sagen jedoch, daß der Faux­pas des 87jährigen in ein Muster päpst­li­cher Fehl­trit­te paßt, die sei­ne Auto­ri­tät unter­gra­ben und Fra­gen über sei­ne Über­zeu­gun­gen und den Reform­weg auf­wer­fen, den er für die Kir­che im Sinn hat.“

Reu­ters bie­tet den über­zeug­ten Berg­o­glia­ner Mas­si­mo Fag­gio­li auf, der dar­über lamen­tiert, wie „geschmack­los“ nach dem ver­ba­len Fehl­tritt im Inter­net gespot­tet wur­de. „Das Wort eines Pap­stes muß ein gewis­ses Gewicht, eine gewis­se Glaub­wür­dig­keit haben“, beklagt der Religionswissenschaftler.

Die „schwu­len­feind­li­che“ Aus­sa­ge sei über­ra­schend gewe­sen, doch ins­ge­samt sei jenen, die Fran­zis­kus bes­ser ken­nen, durch­aus bekannt gewe­sen, daß er vor allem im pri­va­ten Umfeld eine spit­ze Wort­wahl pfle­ge, so der Berg­o­glia­ner Austen Ive­reigh. „Natür­lich recht­fer­ti­ge ich nicht die Ver­wen­dung eines belei­di­gen­den Aus­drucks (…), aber es ist nor­mal, daß er pri­vat sehr, sehr direkt spricht“, so der Papst-Bio­graph. Er spre­che eben nicht wie ein Poli­ti­ker, ver­sucht Ive­reigh die Situa­ti­on zu ret­ten. Als ehe­ma­li­ger Pres­se­spre­cher von Kar­di­nal Cor­mac Murphy‑O’Connor, einem Mit­glied des Teams Berg­o­glio, hat­te er direk­ten Ein­blick in die Wahl­kam­pa­gne, die von pro­gres­si­ven Pur­pur­trä­gern für die Wahl von Kar­di­nal Berg­o­glio zum Papst betrie­ben wurde.

Reu­ters schreibt weiter:

„Ein per­sön­li­cher Freund des Pap­stes, ein schwu­ler Argen­ti­ni­er, der ihn seit mehr als 30 Jah­ren kennt und nicht genannt wer­den möch­te, sag­te, Fran­zis­kus wis­se, daß er ein Pro­blem mit unflä­ti­gen Wor­ten habe.“

„Er nennt sich selbst ‚bocon‘, was aus dem Spa­ni­schen über­setzt bedeu­tet, daß er sei­nen Mund nicht hal­ten kann“, sag­te der Argen­ti­ni­er, der anonym blei­ben will, gegen­über Reu­ters. „Er war noch nie diplo­ma­tisch. Ich bin sogar über­rascht, daß so etwas nicht schon frü­her pas­siert ist.“

Als Jor­ge Mario Berg­o­glio 1980 für 23 Tage nach Irland ging, um sich zu erho­len und sei­ne Eng­lisch­kennt­nis­se zu ver­bes­sern, „waren sei­ne Leh­rer ent­setzt über die Art und Wei­se, wie er im Klas­sen­zim­mer Schimpf­wör­ter in dem Eng­lisch benutz­te, das er gelernt hat­te“. Reu­ters erwähnt es nicht, doch Berg­o­glio war zu die­sem Zeit­punkt schon 43 Jah­re alt, gehör­te seit 22 Jah­ren dem Jesui­ten­or­den an und war seit elf Jah­ren Prie­ster, von denen er sechs Jah­re soeben als Pro­vin­zi­al die Jesui­ten­pro­vinz von Argen­ti­ni­en gelei­tet hatte.

Der­sel­be argen­ti­ni­sche Homo-Freund des Pap­stes erklär­te gegen­über Reu­ters ent­schul­di­gend, daß Fran­zis­kus „für einen Mann sei­ner Gene­ra­ti­on einen wei­ten Weg in bezug auf die Offen­heit gegen­über LGBT-Rech­ten“ zurück­ge­legt habe, denn er sei in einer „sehr kon­ser­va­ti­ven“ Fami­lie auf­ge­wach­sen, „die Geschie­de­ne, geschwei­ge denn Homo­se­xu­el­le, als sozia­le Pari­as betrachtete“.

Die Pres­se­agen­tur streut dann „Plus­punk­te“ für den Papst aus: 

„Zu Beginn sei­nes Pon­ti­fi­kats sag­te Fran­zis­kus: ‚Wenn eine Per­son homo­se­xu­ell ist und Gott sucht und einen guten Wil­len hat, wer bin ich, dar­über zu urtei­len?‘ Letz­tes Jahr erlaub­te er Prie­stern, gleich­ge­schlecht­li­che Paa­re zu seg­nen, was zu einer erheb­li­chen Gegen­re­ak­ti­on der Kon­ser­va­ti­ven führte.“

Die „Kon­ser­va­ti­ven“, das Main­stream-Feind­bild, dür­fen natür­lich nicht feh­len.

Dabei, wirbt Reu­ters, sei Fran­zis­kus doch eigent­lich so homo­phil, denn er habe im Vati­kan schon mit „Trans­gen­der-Sex­ar­bei­tern“ zu Mit­tag geges­sen und „eine enge Bezie­hung zu Pater James Mar­tin auf­ge­baut, einem pro­mi­nen­ten ame­ri­ka­ni­schen Jesui­ten­pa­ter, der sich um die LGBT-Gemein­schaft kümmert“.

„Der Gedan­ke, daß er homo­phob ist, ergibt für mich kei­nen Sinn“, eilt der genann­te US-Jesu­it dann auch dem Papst zu Hilfe: 

„Sei­ne Hal­tung gegen­über LGBTQ-Men­schen spricht für sich selbst. Noch kein Papst ist ein bes­se­rer Freund der LGBTQ-Gemein­schaft gewesen.“

Der homo­se­xu­el­le argen­ti­ni­sche Fran­zis­kus-Freund lobt die Unter­stüt­zung des Pap­stes für ein­ge­tra­ge­ne Part­ner­schaf­ten und sei­ne „stil­len Bemü­hun­gen“, den „Opfern homo­pho­ber Ver­bre­chen“ der 90er Jah­re in Argen­ti­ni­en zu hel­fen, „als es schwie­rig war, schwul zu sein“.

Homo-Krei­se sind den­noch ver­är­gert: „Selbst wenn es als Scherz gemeint war, offen­bart es die Tie­fe der schwu­len­feind­li­chen Vor­ur­tei­le und der insti­tu­tio­nel­len Dis­kri­mi­nie­rung, die es in unse­rer Kir­che immer noch gibt“, empört sich Mari­an­ne Dud­dy-Bur­ke, Direk­to­rin der „katho­li­schen“ Grup­pe für Homo-Rech­te Dignity. In das­sel­be Horn bläst Andrea Rubera, Spre­cher der ita­lie­ni­schen „katho­li­schen“ LGBT-Grup­pe Cammi­ni di Spe­ran­za, des­sen erste Reak­ti­on auf die Mel­dun­gen über das Papst­wort „Unglau­ben“ war. „Zuerst dach­ten wir, daß es nicht wahr ist, daß es so etwas wie Klatsch und Tratsch ist.“

Fag­gio­li und Ive­reigh ver­su­chen den päpst­li­chen Faux­pas damit zu ent­schul­di­gen, daß die Fra­ge in Ita­li­en „beson­ders hei­kel“ sei, da es „in eini­gen Semi­na­ren eine akti­ve schwu­le ‚Sub­kul­tur‘ gebe“. Da drängt sich aller­dings unwei­ger­lich die Fra­ge auf: „Nur in Italien?“ 

Auch P. James Mar­tin ver­sucht die Ange­le­gen­heit auf ein ita­lie­ni­sches Pro­blem zu redu­zie­ren: „Ich hat­te den Ein­druck, daß der Papst auf eine Fra­ge über ein bestimm­tes Ver­hal­ten in ita­lie­ni­schen Semi­na­ren ant­wor­te­te und nicht dar­auf, daß er das Prie­ster­amt für alle schwu­len Män­ner schlie­ßen wollte.“

Was bleibt? Mit kei­nem Wort geht der Reu­ters-Bericht auf die kirch­li­che Leh­re und ihre Nor­men zur genann­ten Fra­ge ein. Schon gar nicht wird die Homo-Häre­sie beim Namen genannt. Etwas ande­res als eine homo­phi­le Posi­ti­on scheint a prio­ri erst gar nicht denkbar.

In der Tat soll der Bei­trag ein Bei­trag sein, vom homo­phi­len Image des Pap­stes zu ret­ten, was zu ret­ten ist. Für die Kir­che ist die Ange­le­gen­heit ein päpst­li­cher Bärendienst.

Ein befreun­de­ter Kom­men­ta­tor schrieb in einer per­sön­li­chen Zuschrift: „Man könn­te sagen: Wer der Kir­che eine Gru­be gräbt, fällt selbst hinein.“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati​can​.va (Screen­shots)

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1 Kommentar

  1. Gestern auf einer Wall­fahrt, jun­ger Mann erzählt mir, er sei bise­xu­ell und erfreut über die neue „Seg­nung“, die er sofort erhal­ten hat. Wäh­rend der Wall­fahrts­mes­se ging er zum Tisch des Herrn. Ganz egal, was nach dem „Seg­nungs­pa­pier“ noch gesagt wird, ange­kom­men und in Stein gemei­ßelt ist: Die katho­li­sche Kir­che hat ihre Leh­re geändert.

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