Sind Frauen Christen zweiter Klasse? – Das neue Interview von Papst Franziskus

Soziologische Analysen zu Priestertum, Bindungsängsten und Proselytismus

(Rom) Unter den zahl­rei­chen Inter­views, die Papst Fran­zis­kus zu sei­nem zehn­jäh­ri­gen Thron­ju­bi­lä­um gab, fällt eines auf wegen des Inter­view­ers. Es han­delt sich um den Prie­ster Guil­ler­mo Mar­có, den ein­sti­gen Pres­se­spre­cher des Erz­bi­schofs von Bue­nos Aires Jor­ge Mario Kar­di­nal Berg­o­glio. Mar­có war im ersten „Video vom Papst“ zu sehen, das auch zugleich das skan­da­lö­se­ste war. Es stell­te Chri­sten, Juden, Mus­li­me und Bud­dhi­sten auf eine Ebe­ne mit der unter­schwel­li­gen Bot­schaft, daß alle Reli­gio­nen gleich­wer­tig sei­en. Das Video bil­de­te den Auf­takt zu einer seit­her nicht mehr abrei­ßen­den Rei­he von Initia­ti­ven, Gesten und Aus­sa­gen mit syn­kre­ti­sti­schen Ten­den­zen. Dabei war Mar­có 2006 von Kar­di­nal Berg­o­glio geop­fert und ent­las­sen wor­den – zumin­dest nach außen hin. Was war geschehen?

Am 3. August 2016 schrieb Katho​li​sches​.info:

„Der dama­li­ge Spre­cher des heu­ti­gen Pap­stes kri­ti­sier­te öffent­lich die histo­ri­sche Regens­bur­ger Rede von Papst Bene­dikt XVI. zu Islam und Rela­ti­vis­mus. Mar­có sag­te wört­lich: ‚Er hat in 20 Sekun­den zer­stört, was in 20 Jah­ren mit dem Islam auf­ge­baut wor­den war‘. Es bestand kein Zwei­fel, daß der loya­le Spre­cher die Mei­nung Berg­o­gli­os wie­der­ge­ge­ben hat­te. Die­ser ent­schloß sich jedoch auf Druck des Vati­kans zu einem Rück­zie­her. Um sich selbst aus der Schuß­li­nie zu neh­men, ent­ließ Berg­o­glio sei­nen Spre­cher. Der dama­li­ge Pri­mas von Argen­ti­ni­en wahr­te sei­ne Chan­cen als ‚Papa­bi­le‘, und Mar­có fiel weich. Für ihn ste­hen seit dem Kon­kla­ve die Türen des Vati­kans offen. Das erste Video des Pap­stes zeigt, wie nahe der geschaß­te Spre­cher Berg­o­glio geblie­ben ist. ‘Er hat in 20 Sekun­den zer­stört, was in 20 Jah­ren mit dem Islam auf­ge­baut wor­den war’, lau­te­te der unsach­li­che Vor­wurf gegen Papst Bene­dikt XVI. Die Bedeu­tung die­ses Sat­zes erhellt sich, wenn man ihn mit der aktu­el­len offi­zi­el­len Hal­tung west­li­cher Regie­run­gen und des Pap­stes gegen­über dem Islam ver­gleicht. Dazu gehört auch die umstrit­te­ne Reak­ti­on von Papst Fran­zis­kus auf die jüng­sten isla­mi­sti­schen Gewalt­ta­ten in Euro­pa und den Ritu­al­mord an Abbé Jac­ques Hamel, einem katho­li­schen Prie­ster in der Nor­man­die, dem wäh­rend der Hei­li­gen Mes­se von ‚Sol­da­ten des Kali­fen‘ am Altar die Keh­le durch­ge­schnit­ten wurde.“

Nun war es Guil­ler­mo Mar­có, dem das „Pri­vi­leg“ zuteil wur­de, wie er selbst sagt, für Info­bae, die bedeu­tend­ste Online-Tages­zei­tung Argen­ti­ni­ens, ein Inter­view zu füh­ren. Mar­cós erste Bemer­kung über Fran­zis­kus lau­tet, und er muß es wis­sen: „Er hat sich nicht verändert“.

Guil­ler­mo Mar­có, Prie­ster der Erz­diö­ze­se Bue­nos Aires und ehe­ma­li­ger Pres­se­spre­cher von Kar­di­nal Jor­ge Mario Bergoglio

Das Inter­view selbst ist nicht leicht in sei­nem tat­säch­lich Sinn­ge­halt wie­der­zu­ge­ben, da die Spra­che sehr salopp und mit All­tags­re­de­wen­dun­gen der Bewoh­ner von Bue­nos Aires durch­setzt ist:

Mar­có stellt die Fra­ge, was Papst Fran­zis­kus „am mei­sten an der Beru­fung des Prie­sters gefällt“. In der Ant­wort ent­fal­tet Fran­zis­kus sein Ver­ständ­nis vom Priestertum:

Papst Fran­zis­kus: Die­nen zu kön­nen. Ein­mal erzähl­te mir ein Prie­ster, daß er in einem sehr armen Vier­tel leb­te, nicht in einem Elends­vier­tel, aber fast, aber sehr arm, und er hat­te sein Pfarr­haus neben der Kir­che, und er erzähl­te mir, daß, wenn er die Tür schlie­ßen muß­te, Leu­te an sein Fen­ster klopf­ten. Also sag­te er zu mir: „Ich möch­te das Fen­ster mit Bret­tern ver­na­geln, weil sie dich nicht in Ruhe las­sen. Die Leu­te las­sen dich nicht in Ruhe. Ande­rer­seits sag­te er, wenn ich das Fen­ster ver­na­geln wür­de, wäre ich nicht mehr ruhig, und zwar auf eine viel schlim­me­re Wei­se. Denn wenn man erst ein­mal in den Rhyth­mus des Die­nens hin­ein­ge­ra­ten ist, fühlt man sich schlecht, wenn man sich ein Stück­chen Ego­is­mus her­aus­nimmt. Ich weiß nicht, die Beru­fung zum Die­nen ist ein biß­chen so, man kann sich das Leben nicht vor­stel­len, wenn man nicht im Dienst ist. Ich weiß nicht, ich wür­de das Prie­ster­sein gegen kei­ne ande­re Posi­ti­on ein­tau­schen, nach­dem ich die Erfah­rung gemacht habe, Prie­ster zu sein. Mit den Ein­schrän­kun­gen, den Feh­lern, den Sün­den, aber ein Priester.

Mar­có: Was schät­zen Sie an die­sem Dienst?

Papst Fran­zis­kus: Was ich einem Prie­ster sage, ist: „Sei ein Prie­ster“. Und wenn das für dich nicht funk­tio­niert, dann suche dir einen ande­ren Weg, die Kir­che öff­net ande­re Türen. Aber wer­de kein Beam­ter. Ich sage ger­ne: Sei ein Seel­sor­ger des Vol­kes und kein Kle­ri­ker des Staa­tes, wie der „Mon­sieur l’Ab­bé“ an den fran­zö­si­schen Höfen, nicht wahr. Sie wer­den zu Beam­ten und haben schon ver­lo­ren. Komisch, das erste Wort, das dem Beam­ten über die Lip­pen kommt, ist: Nein, das geht nicht. Nein, da ist kein Platz. Nein, nein, nein, nicht zu die­sem Zeit­punkt, zu einem ande­ren. Immer zuerst die Gren­ze, dann die Begeg­nung. Statt­des­sen ist das erste Wort eines Prie­sters: Ja, ja, ja. Heu­te kann ich zwar nicht, aber wir machen es so, mal sehen. Und was bezahlt ihn, sei­ne Gesund­heit, sei­ne Zeit, sei­nen See­len­frie­den. Ein Prie­ster, der ver­be­am­tet ist, geht nicht, weil sei­ne Beru­fung ein­ro­stet. Es gibt eini­ge trau­ri­ge Fäl­le von unzu­frie­de­nen Män­nern, die sich sogar fra­gen, ob es das wert ist. Wenn ein Prie­ster ein Prie­ster ist, ist er ein Volk­s­prie­ster. Wenn nicht, endet er als Staats­kle­ri­ker, als Ver­wal­ter. Die­se Ver­bin­dung mit dem Glanz, so viel Glanz. Und dann ver­liert man sei­ne Beru­fung, die dar­in besteht, Jesus in der Not der ande­ren zu fol­gen, indem man Ver­wal­ter des Tem­pels ist, der einem gege­ben wurde.

Mar­có: Hängt das mit der Beru­fungs­kri­se zusammen?

Papst Fran­zis­kus: Nein, ich den­ke, die Beru­fungs­kri­se ist ein sozio­lo­gi­sches Pro­blem, das irgend­wie gelöst wer­den muß. Aber sie wird nicht dadurch gelöst, daß man die Türen falsch öff­net. Hier in eini­gen Tei­len Euro­pas gab es Fäl­le, in denen man sie dadurch lösen woll­te, daß man Men­schen auf­nahm, die für den Dienst nicht geeig­net waren. Das ist eine Hypo­thek für mor­gen. Der Prie­ster muß nicht rein­ras­sig sein, nein, er ist genau­so sün­dig wie jeder ande­re, aber er muß ein Mann mit einer bestimm­ten Beru­fung sein. Das Prie­ster­sein ist kein Zufluchts­ort für jene, die in der Welt nicht arbei­ten wol­len oder weil sie schüch­tern sind oder weil sie wenig Phan­ta­sie haben oder weil sie nicht wis­sen, was sie mit ihrem Leben anfan­gen sol­len, oder weil sie eine Spi­ri­tua­li­tät ohne Kon­si­stenz leben. Die Beru­fung des Prie­sters ist eine Beru­fung zur Anbe­tung und zum Dienst. Ein Prie­ster, der nicht in der Lage ist, den Herrn anzu­be­ten, vor dem Taber­na­kel in Anbe­tung zu ver­wei­len, ist nutz­los. Ein Prie­ster, der nicht fähig ist, sein gan­zes Leben lang zu die­nen, ist nutzlos.

Mar­có wirft ein, daß es heu­te eine Schwie­rig­keit zu geben scheint, den Sinn für das Über­na­tür­li­che zu wecken. Es feh­le eine lang­fri­sti­ge Dimen­si­on. Das glei­che zei­ge sich bei der Bin­dung an einen Part­ner. Es gebe vie­le Angst vor dau­er­haf­ten Bindungen.

Papst Fran­zis­kus: Sozio­lo­gisch gese­hen, ich weiß nicht, wie es es sonst erklä­ren soll, aber mir sagen vie­le Frau­en: Ich habe einen Sohn, der nicht hei­ra­ten will. Und wie alt ist Ihr Sohn? 33, 35… Lie­be Frau, bügeln Sie sei­ne Hem­den nicht mehr. Sie füh­len sich wohl. Heut­zu­ta­ge gibt es eine Art Zöger­lich­keit, end­gül­ti­ge Ent­schei­dun­gen zu tref­fen: die­se ewi­gen Ver­lo­bun­gen, die nicht enden, und dann hei­ra­ten sie und beei­len sich, ein Kind zu bekom­men, weil sie sonst nicht mehr in der Lage dazu sind. … Alles wird hin­aus­ge­zö­gert. Und das ist nicht gesund. Ich wür­de nicht sagen, daß sie auf der Suche nach Sicher­heit sind, son­dern daß dies dort geschieht, wo es bequem ist, wo sie sich wohl­füh­len. Wo es kei­nen Kom­fort gibt, ist das Pro­blem sofort gelöst.

Mar­có: Haben Sie das Gefühl, daß es an Hel­den­tum mangelt?

Papst Fran­zis­kus: Hel­den­tum ist ein sehr star­kes Wort. Es fehlt an Natür­lich­keit. Natür­lich­keit wür­de ich sagen. Wenn Du ein Mann bist, geh und zeu­ge Kin­der und grün­de eine Fami­lie. Willst Du nicht eine Fami­lie mit Kin­dern grün­den? Wenn du eine Frau bist, hei­ra­te, das ist ein­fa­cher, das Zögern ist vor allem ein männ­li­ches Problem.

Im wei­te­ren Inter­view betont Fran­zis­kus, daß die Kar­di­nä­le die Frei­heit hät­ten, „mir zu sagen, was sie den­ken“. Angst habe er vor „Hin­ter­ge­dan­ken“. Aller­dings schaut die Wirk­lich­keit etwas anders aus, wie aus den Schil­de­run­gen von Kar­di­nä­len bekannt ist. Fran­zis­kus ent­zieht sich ihnen, ver­wei­gert sich, läßt sie, oft jah­re­lang, vor ver­schlos­se­nen Türen ste­hen. Da nützt die „Frei­heit“, ihm sagen zu kön­nen, was man denkt, ziem­lich wenig. Ein die gan­ze Kir­che bela­sten­des Kapi­tel sind die Dubia (Zwei­fel), die ihm 2016 vier Kar­di­nä­le zum umstrit­te­nen nach­syn­oda­len Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia über­mit­tel­ten und die bis heu­te ohne Reak­ti­on und ohne Ant­wort geblie­ben sind.

Dann wird es bri­sant, indem Fran­zis­kus auf die Syn­oda­li­tät ange­spro­chen wird und die Gele­gen­heit nützt, die Lun­te ins Feu­er zu legen. Die Syn­ode über die Syn­oda­li­tät (Syn­oda­li­täts­syn­ode) habe er anläß­lich des bevor­ste­hen­den 60. Jah­res­ta­ges der Errich­tung eines stän­di­gen Sekre­ta­ri­ats der Bischofs­syn­ode durch Paul VI. im Jahr 1965 ein­be­ru­fen. Bei die­ser soll „alles defi­niert wer­den. Zum Bei­spiel das Pro­blem der Frau­en, kön­nen sie wäh­len oder nicht wäh­len, das ist ein Pro­blem. Das ist ein Pro­blem, wie kön­nen sie nicht wäh­len? Aber in die­ser Men­ta­li­tät, ich spre­che von vor 10 Jah­ren oder weni­ger, 8, 7, schien es, dass sie nicht wäh­len konn­ten, weil sie Chri­sten zwei­ter Klas­se waren. Die­se Sache ist geklärt wor­den, und mit die­ser Syn­ode wer­den die Din­ge geklärt werden.“

Ein Papst, der den Unsinn behaup­tet, Frau­en sei­en „Chri­sten zwei­ter Klas­se“, scheint die gesam­te christ­li­che Anthro­po­lo­gie in die Luft spren­gen zu wol­len. So meint es Fran­zis­kus zwar nicht, wie es scheint, doch es gehört zu sei­ner Art, salopp und schein­bar unbe­dacht, Din­ge in die Welt zu set­zen, oder auch Feu­er an die Lun­te zu legen. Weder das Christ­sein des Man­nes noch der Frau defi­niert sich an ihrem Stimm­recht in einer Bischofs­syn­ode. Fran­zis­kus spielt hier ein gefähr­li­ches Spiel, ganz unbe­darft, als sei er sich der Trag­wei­te so gar nicht bewußt. Das Gegen­teil ist jedoch der Fall, schließ­lich ist er ein Jesuit.

Das Inter­view von Guil­ler­mo Mar­có mit Papst Fran­zis­kus zu des­sen zehn­jäh­ri­gem Thron­ju­bi­lä­um. Im Hin­ter­grund Maria Knotenlöserin

Im näch­sten Schritt folgt daher sogleich ein Abschwä­chung, indem beschwich­ti­gen­de Sät­ze in das Inter­view ein­ge­streut wer­den, ohne die soeben gezün­de­te Bom­be zu entschärfen:

„Natür­lich ist der Prot­ago­nist einer Syn­ode der Hei­li­ge Geist. Eine Syn­ode ist kein Par­la­ment. Eine Syn­ode ist kei­ne Ver­samm­lung von Mei­nun­gen, um den gemein­sa­men Durch­schnitt zu fin­den und allen und kei­nem zu ent­spre­chen. Eine Syn­ode ist ein Spiel mit dem Hei­li­gen Geist [so Fran­zis­kus wört­lich, sinn­ge­mäß: Eine Syn­ode bedeu­tet, sich auf den Hei­li­gen Geist ein­zu­las­sen]. Des­halb spre­chen drei Syn­oden­vä­ter in der Ver­samm­lung und dann gibt es die glei­che Zeit der Stil­le. Wei­te­re drei und eine beten­de Stil­le. Und der Hei­li­ge Geist kommt her­ein. Und die Erfah­rung ist, daß er die Din­ge ver­än­dert und das Ziel schärft.“

Und auch das wird es noch nicht gege­ben haben, daß ein Papst sich selbst als „Tier“ bezeichnet:

Mar­có: Was wür­den Sie einem Athe­isten raten, damit er sich der Kir­che nähert?

Papst Fran­zis­kus: Zuerst wür­de ich ihm sagen, daß er mir erzäh­len soll, wie er sei­nen Athe­is­mus lebt. Das Schlimm­ste, was pas­sie­ren kann, ist Pro­se­ly­tis­mus. Mit ande­ren Wor­ten: Das Evan­ge­li­um zu pre­di­gen ist kei­ne Mis­sio­nie­rung. Das sage ich allen, allen Bischö­fen, den Mis­sio­na­ren. Ihr geht auf Mis­si­on, aber betreibt kei­nen Pro­se­ly­tis­mus. Manch­mal kommt man da durch­ein­an­der, nicht wahr? Ich erin­ne­re mich, daß ich ein­mal, es war wäh­rend des Welt­ju­gend­ta­ges in Pana­ma, das Sta­di­on ver­ließ, und da war eine Frau, die ich sofort als Mit­glied einer kirch­li­chen Lai­en­be­we­gung erkann­te, sie war sehr nett, sie war kei­ne Pana­mae­rin, sie kam von woan­ders her, mit einem Jun­gen von etwa 20 Jah­ren und einem Mäd­chen im glei­chen Alter, die nichts mit­ein­an­der zu tun hat­ten. Und sie sag­te zu mir: „Ich möch­te Ihnen die bei­den vor­stel­len, die ich bekehrt habe“. Ich sag­te ihr: „Sie haben nie­man­den bekehrt, was Sie hier trei­ben, ist Pro­se­ly­ten­ma­che­rei, und das Evan­ge­li­um zu pre­di­gen hat nichts mit Pro­se­ly­ten­ma­che­rei zu tun. Laß sie frei sein, auf ihre eige­ne Wei­se zu wach­sen.“ Ich war ein Tier („Fui un ani­mal“), ich hät­te das nicht sagen sol­len. Aber die Ver­su­chung ist der Pro­se­ly­tis­mus. Wenn ich sehe, daß eine Gemein­de oder eine Insti­tu­ti­on Pro­se­ly­ten­ma­che­rei betreibt, ist es vor­bei. Das ist eine der Krank­hei­ten. Die gro­ße Krank­heit ist die Selek­ti­vi­tät. Eine Gemein­de für Leu­te wie einer selbst. Die berühm­te GCU [„gen­te como uno“], Leu­te wie wir. Dann läßt man eine Men­ge Leu­te aus. Eine Per­son sag­te zu mir: „Oh, ich gehe ger­ne in die­se Kir­che“. War­um magst du die­se Kir­che so sehr? „Ich weiß nicht, aber die Orgel, sie sin­gen, und es ist schön“. Fällt dir nicht auf, daß die Got­tes­dien­ste in die­ser Kir­che fast leer sind? „Es ist bes­ser, weil man Gott mehr begeg­nen kann, die Leu­te machen mir nichts aus.“ Es ist ein ganz exqui­si­tes [aus­ge­such­tes] Ver­ständ­nis. Man muß mit die­sem Wort sehr vor­sich­tig sein, Exqui­sit­heit geht nicht. In der Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums geht es um das All­täg­li­che, das all­täg­li­che Anklop­fen, das all­täg­li­che Schwei­gen, das all­täg­li­che Gebet und den all­täg­li­chen Respekt vor den Menschen.

Mar­có: Sie berüh­ren ein heik­les Kon­flikt­the­ma. Seit den Anfän­gen der Kir­che gibt es die­se Span­nung zwi­schen dem hei­li­gen Pau­lus auf der einen Sei­te, der das Evan­ge­li­um den Hei­den näher­brin­gen will, der hin­aus­geht, der sich gegen bestimm­te Tra­di­tio­nen des Juden­tums wen­det – man muß nicht beschnit­ten sein, um Christ zu sein – und der ver­sucht, die Hei­den dem Glau­ben näher­zu­brin­gen. Und auf der ande­ren Sei­te die­je­ni­gen, die eine klei­ne Grup­pe bei­be­hal­ten wol­len, die­je­ni­gen von uns, die geret­tet sind, und die die Hei­den dem Glau­ben näher­brin­gen wollen.

Papst Fran­zis­kus beim Interview

Papst Fran­zis­kus: Zur Zeit Jesu gab es vier poli­ti­sche Par­tei­en, sagen wir, vier reli­giö­se, reli­gi­ös-poli­ti­sche Strö­mun­gen, die Pha­ri­sä­er mit ihrem Vor­schlag, die Sad­du­zä­er mit ihrem Vor­schlag, die Esse­ner mit ihrem Vor­schlag und die Zelo­ten. Und Jesus spielt kei­ner der vier in die Hän­de. Er läßt sich auf kei­ne ideo­lo­gi­sche Ver­ein­nah­mung ein, son­dern bewahrt die Frei­heit des Evan­ge­li­ums. Und dar­in schult er die Jün­ger. Der ist von rechts, der ist von links, nein, die­se Klas­si­fi­zie­run­gen gel­ten nicht. Und wenn du dich als rechts oder links ein­stu­fen läßt, hast du die fal­sche Wahl getrof­fen, nicht der, der es dir gesagt hat. Du stehst im Abseits, und des­halb wird man dich so ein­ord­nen. Wie die­se vier, sagen wir, reli­giö­sen Schu­len zur Zeit Jesu. Jesus ent­schei­det sich für kei­ne von ihnen. Er kri­ti­siert sie sogar oder läßt sie in Ruhe, wie im Fall der Esse­ner, auf deren Linie Johan­nes der Täu­fer ein wenig war, nicht immer. Jesus ist frei. Jesus gibt sei­nen Jün­gern enor­me Frei­hei­ten. Den­ken Sie an den Fall von Phil­ip­pus. Der Engel, der Hei­li­ge Geist, sagt Phil­ip­pus, daß er die­sen Weg gehen soll. Und dort trifft er einen schwar­zen Finanz­mi­ni­ster von…

Mar­có: Ein Beam­ter der Kandake.

Papst Fran­zis­kus: Er war ein Neger der Köni­gin von Äthio­pi­en, der sicher Jude war, als sie, seit die Köni­gin von Saba dort am Hof war, Juden dort auf­nah­men. Und er las Jesa­ja, er ver­stand nichts, und was sag­te Phil­ip­pus zu ihm? Was liest du da? Das ver­ste­he ich nicht. Also geht er hin und erklärt es ihm ein­fach: Schau, das ist Jesus, der uns geret­tet hat. Was sagt der Neger zu ihm, als sie ankom­men? Kannst du mich tau­fen? Nein, du mußt zuerst den Tauf­kurs machen. Nein, wir wol­len sehen, wer dein Tauf­pa­te ist, ob er kirch­lich ver­hei­ra­tet ist oder ob dei­ne Patin kirch­lich ver­hei­ra­tet ist. Nein. Er sagt ja, steig aus, und dann tauft er ihn ein­fach und ver­schwin­det. Und der ande­re geht glück­lich wei­ter. War­um? Weil er etwas in sich trägt, das ist der Hei­li­ge Geist. Und dort in sei­nem eige­nen Land wird er anfan­gen, das Evan­ge­li­um zu pre­di­gen, so gut er kann, aber er wird es tun. Ich sage nicht, daß es so sein muß, aber das zeigt den Kern der evan­ge­li­schen Ver­kün­di­gung, eine gro­ße Frei­heit und mit dem Hei­li­gen Geist, nicht mit Metho­den. Metho­den hel­fen dem Rück­grat, aber wenn man kein Rück­grat hat, ist es nutzlos.

Mar­có sprach Fran­zis­kus auf das Bild von Maria als Kno­ten­lö­se­rin an, von der Fran­zis­kus in sei­ner Kor­re­spon­denz ger­ne ein Bild bei­legt. Am Beginn sei­nes Pon­ti­fi­kats ent­stand die Legen­de, er habe im Zuge sei­nes Deutsch­land­auf­ent­halts, der ihm von sei­nen Ordens­obe­ren sei­ner­zeit auf­er­legt wor­den war, bei einem Besuch in Augs­burg das Bild ent­deckt und ver­eh­re es seit­her. 2017 stell­te Fran­zis­kus selbst klar, daß es sich bei die­ser Erzäh­lung um eine from­me Erfin­dung han­del­te. Er selbst war nie in Augs­burg. Doch hören wir ihn selbst:

Papst Fran­zis­kus: Ich war nie dort, wo sich das Ori­gi­nal­bild befin­det. Ich bin nie dort gewe­sen. Es war so, daß eine Ordens­frau aus Deutsch­land es mir als Gruß schick­te. Es hat mir gefal­len. Dort in Argen­ti­ni­en begann ich, es zu ver­eh­ren. Die Geschich­te ist schön, das Bild ist nicht viel wert, es stammt aus dem Spät­ba­rock um 1700, schon deka­dent. Ein Maler der dama­li­gen Zeit, der stän­dig mit sei­ner Frau stritt. Aber sie waren sehr katho­lisch. Und eines Tages las er den Text des hei­li­gen Ire­nä­us von Lyon, daß die Kno­ten, die unse­re Mut­ter Eva mit ihrer Sün­de geknüpft hat­te, von unse­rer Mut­ter Maria mit ihrem Gehor­sam gelöst wur­den. Das Kon­zil nahm dies auf und setz­te es, glau­be ich, in die Kon­sti­tu­ti­on über die Kir­che. Das gefiel ihm, und so bat er die Got­tes­mut­ter, den Kno­ten zu lösen, den er mit sei­ner Frau hat­te, die sich nicht ver­stan­den. Und des­halb mal­te er unten den Erz­engel Rapha­el mit Tobi­as, der ihn auf die Suche nach sei­ner Braut, sei­ner Frau, zum Wie­der­se­hen führt. Und die Jung­frau voll­brach­te das Wun­der und damit fing alles an. Ich habe mich ihm ver­schrie­ben. Augs­burg ist die Stadt. In der Kir­che von St. Peter am Per­lach. Und ich war nie dort, dabei war ich nur einen Kat­zen­sprung ent­fernt, in Frank­furt. Aber das hat mir gereicht, und die Ver­eh­rung hat sich in Argen­ti­ni­en aus­ge­brei­tet. Es ist, als ob die Jung­frau in der Lage ist, dir zu hel­fen, der Text des hei­li­gen Ire­nä­us, dir zu hel­fen, die Kno­ten zu lösen.

Mar­có: Um die Kno­ten des Lebens zu lösen.

Papst Fran­zis­kus: Das ist die Müt­ter­lich­keit der Jungfrau.

Mar­có: Und der hei­li­ge Josef?

Papst Fran­zis­kus: Mei­ne Groß­mutter hat mir den hei­li­gen Josef in den Kopf gesetzt.

Mar­có: Rosa.

Papst Fran­zis­kus: Ja, sie… Der hei­li­ge Josef, der hei­li­ge Josef. Sie ließ mich schon als Kind Gebe­te zum hei­li­gen Josef spre­chen. Die Ver­eh­rung ist mir geblieben.

Mar­có: Ich erzäh­le Ihnen, daß der Papst ein klei­nes Bild des hei­li­gen Josef hat, der schläft. Man rich­tet beson­de­re Bit­ten an ihn.

Papst Fran­zis­kus: Das ist die Grö­ße der Skulp­tur, und wenn sie mich um Gebe­te bit­ten, lege ich sie dar­un­ter. Ich sage: „Du, der du schläfst, mach sie heil!“

Der schla­fen­de hei­li­ge Joseph, so Guil­ler­mo Mar­có, unter dem Papst Fran­zis­kus Anlie­gen stapelt

Mar­có: Und dafür beten Sie. Und die hei­li­ge klei­ne Therese?

Papst Fran­zis­kus: Die hei­li­ge The­re­se hat mich immer ange­zo­gen, mich über­wäl­tigt. Der Mut des nor­ma­len Men­schen. Wenn Sie mich fra­gen, wel­che außer­ge­wöhn­li­chen Din­ge die hei­li­ge The­re­se hat­te, kei­ne. Sie war eine arme, nor­ma­le Ordens­frau. Selbst in ihren letz­ten Tagen litt sie unter der größ­ten Fin­ster­nis, den größ­ten Ver­su­chun­gen gegen den Glau­ben, sie hat sie alle durch­ge­stan­den. Eine nor­ma­le Frau.

Mar­có: Zum Schluß, um nicht noch mehr Ihrer Zeit in Anspruch zu neh­men und Ihnen unend­lich für die­se Mög­lich­keit zu dan­ken, Sie manch­mal unter vier Augen zu sehen und die­se Gesprä­che zu füh­ren, da wir uns im Jubi­lä­ums­jahr von 10 Jah­ren des Pon­ti­fi­kats befin­den und es vie­le Akte an vie­len Orten geben wird, neh­me ich an, um Gott für die­ses Geschenk zu dan­ken, Sie die­se 10 Jah­re gehabt zu haben und in der Hoff­nung, Sie noch vie­le wei­te­re Jah­re zu haben, aber ich möch­te, daß Sie kur­ze Bot­schaf­ten rich­ten. Ich sag Ihnen an wen. Sät­ze, die Ihnen in den Sinn kom­men. Und die erste Bot­schaft geht an die Kinder:

Papst Fran­zis­kus: Küm­mert euch um die Groß­el­tern. Sprecht mit den Groß­el­tern. Besucht die Groß­el­tern. Laßt euch von den Groß­el­tern verwöhnen.

Mar­có: An die jun­gen Leute?

Papst Fran­zis­kus: Habt kei­ne Angst vor dem Leben. Resi­gniert nicht. Geht vor­wärts. Ihr wer­det Feh­ler machen, aber der schlimm­ste Feh­ler ist, ste­hen­zu­blei­ben, also geht vorwärts.

Mar­có: An Väter und Mütter?

Papst Fran­zis­kus: Bit­te, ver­schwen­det kei­ne Lie­be. Küm­mert euch umein­an­der, damit ihr euch bes­ser um eure Kin­der küm­mern könnt.

Mar­có: An die Kranken?

Papst Fran­zis­kus: Ah, das ist schwie­rig, denn es ist leicht, zur Geduld zu raten, aber ich habe kei­ne Geduld, also ver­ste­he ich, wenn ihr ein wenig wütend wer­det. Bit­tet den Herrn um die Gna­de der Geduld und er wird die Gna­de geben, es zu ertragen.

Mar­có: Und schließ­lich zu den alten Men­schen, von denen Sie so oft sprechen.

Papst Fran­zis­kus: Ver­geßt nicht, daß die alten Men­schen die Wur­zeln sind. Die Alten müs­sen das an die Jun­gen wei­ter­ge­ben, an die Kin­der und an die Jugend. Die­ser Vers aus dem Buch Joel, Kapi­tel 2 oder Kapi­tel 3, 1 bis 3, rich­tig? Was ist dei­ne Beru­fung als alter Mann? Die Alten wer­den Visio­nen sehen und die Jun­gen wer­den Pro­phe­zei­un­gen machen. Wenn sie zusam­men sind, träu­men die Alten die Zukunft und geben sie wei­ter, und die Jun­gen, unter­stützt von den Alten, kön­nen pro­phe­zei­en und die Zukunft gestal­ten. Nehmt die Jun­gen zusam­men und habt kei­ne Angst vor irgend­et­was. Ein ver­bit­ter­ter alter Mann ist sehr trau­rig. Er ist schlim­mer als ein trau­ri­ger jun­ger Mann. Also macht wei­ter, trefft euch mit den Jungen.

Mar­có: Geben sie uns an die­sem Tag Ihres Jubi­lä­ums Ihren Segen?

Papst Fran­zis­kus: Aber sicher. Es seg­ne Euch der all­mäch­ti­ge Gott, der Vater, der Sohn und der Hei­li­ge Geist. Amen.

Mar­có: Möge der Herr Sie wei­ter­hin beschützen.

Text/​Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: VaticanMedia/​MiL/​Infobae (Screen­shots)

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1 Kommentar

  1. „Er war ein Neger der Köni­gin von Äthio­pi­en, der sicher Jude war (…), Was sagt der Neger zu ihm, als sie ankommen?“

    Was faselt der Papst denn da?

    In der Apo­stel­ge­schich­te 8,27 – 40 ist nicht von einem „Neger, der sicher Jude war“ die Rede, son­dern von einem „Äthio­pi­er, einem Käm­me­rer, ein Gro­ßer der äthio­pi­schen Köni­gin Kan­dace, der über all ihre Schät­ze gesetzt war. „er war nach Jeru­sa­lem gekom­men, um Gott anzu­be­ten. Nun rei­ste er wie­der heim. Er saß auf sei­nem Rei­se­wa­gen und las den Pro­phe­ten Isai­as. Der Geist spach zu Phil­ip­pus: Geh hin und schlie­ße dich die­sem Wagen an. Phil­ip­pus lief hin­zu und hör­te ihn den Pro­phe­ten Isai­as lesen. Er frag­te: Ver­stehst du wohl auch, was du lie­sest? Er erwi­der­te: Wie könn­te ich es, wenn mich nie­mand unter­weist? Und er bat den Phil­ip­pus auf­zu­stei­gen und sich zu ihm zu set­zen. Die Stel­le, die er las, war fol­gen­de: Wie ein Schaf ward er zur Schlacht­bank geführt. Und wie ein Lamm vor sei­nem Sche­rer stumm ist, so tut er sei­nen Mund nicht auf. In der Ernied­ri­gung ward weg­ge­nom­men sein Gericht; wer mag sein Geschlecht beschrei­ben? Denn weg­ge­nom­men von der Erde wird sein Leben (Is. 53, 7. 8). Der Käm­me­rer wand­te sich an Phil­ip­pus: Ich bit­te dich, von wem sagt dies der Pro­phet? Von sich selbst oder von einem ande­ren? Phil­ip­pus tat sei­nen Mund auf und indem er von die­ser Schrift­stel­le aus­ging, ver­kün­de­te er ihm die fro­he Bot­schaft von Jesus. Wie sie des Weges dahin­zo­gen, kamen sie an ein Was­ser. Der Käm­me­rer sprach: Sieh, da ist Was­ser. Was hin­dert, dass ich getauft wer­de? Phil­ip­pus aber sprach: Wenn du von gan­zem Her­zen glaubst, so darf es gesche­hen. Er ant­wor­te­te: Ich glau­be, dass Jesus der Sohn Got­tes ist. Er ließ den wagen hal­ten. Bei­de stie­gen hin­ab ins Was­ser, Phil­ip­pus und der Käm­me­rer, und er tauf­te ihn. Als sie aus dem Was­ser her­aus­ge­stie­gen waren, ent­rück­te der Geist des Herrn den Phil­ip­pus, und der Käm­me­rer sah ihn nicht mehr. Dann zog er auf sei­nem Weg fort mit Freu­den. Phil­ip­pus aber wur­de in Azot gefun­den. Er zog durch das Land und ver­kün­de­te das Evan­ge­li­um in allen Städ­ten, bis er nach Cäsarea gelang­te.“ (Stutt­gar­ter Kepp­ler Bibel, Impri­matur Rot­ten­burg, 15. Sep­tem­ber 1915)

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