„Bergoglio träumte von Benedikts Grab“

Der "Grabstreit" der Päpste

Seit März 2016 steht in den Vatikanischen Grotten ein leerer Sarkophag (rechts). Papst Franziskus hatte ihn in Auftrag gegeben nach dem Vorbild des Sarkophags von Johannes Paul I. – aber für Benedikt XVI.
Seit März 2016 steht in den Vatikanischen Grotten ein leerer Sarkophag (rechts). Papst Franziskus hatte ihn in Auftrag gegeben nach dem Vorbild des Sarkophags von Johannes Paul I. – aber für Benedikt XVI.

(Rom) Kle­ri­ka­ler Humor gilt als spe­zi­el­le Form des Humors. Für Außen­ste­hen­de fällt er durch eine fei­ne Klin­ge auf, ist aber nicht immer ganz nach­voll­zieh­bar. Dazu gehört viel­leicht auch die Tat­sa­che, daß bei­de Päp­ste, sowohl Bene­dikt XVI. als auch Fran­zis­kus, das ehe­ma­li­ge Grab von Johan­nes Paul II. als letz­te Ruhe­stät­te für sich aus­er­ko­ren hat­ten. Im Vati­kan hieß es wegen die­ser „Kon­kur­renz“ scherz­haft, daß der das Grab erhält, der als erster stirbt. Man könn­te mei­nen, das sei etwas zynisch. Die Kle­ri­ker, die das aus­spra­chen, konn­ten sich jedoch auf eine gewich­ti­ge Quel­le beru­fen: Papst Fran­zis­kus selbst.

Die Tages­zei­tung Libe­ro erin­ner­te am Sonn­tag an die­sen „Grab­streit“ mit der Schlag­zei­le: „Berg­o­glio träum­te von Bene­dikts Grab“, erzähl­te aber eine neue Ver­si­on der Geschichte.

In den Vati­ka­ni­schen Grot­ten war die Grab­stät­te von Johan­nes Paul II. (1978–2005) frei­ge­wor­den, als des­sen sterb­li­che Über­re­ste im Zuge sei­ner Selig­spre­chung 2011 in den Peters­dom über­ge­führt wurden.

Zuvor hat­te sich an die­ser Stel­le bereits das Grab von Johan­nes XXIII. (1958–1963) befun­den. Des­sen sterb­li­che Über­re­ste waren bereits 2001 nach sei­ner Selig­spre­chung in den Peters­dom über­ge­führt wor­den. Die ein­zi­ge freie Grab­ni­sche in den Vati­ka­ni­schen Grot­ten hat es also in jeder Hin­sicht in sich. Ihre Geschich­te ist beacht­lich und reicht von Johan­nes XXIII. über Johan­nes Paul II. bis zu Bene­dikt XVI.

Das Grab von Johan­nes XXIII. bis 1963 bis 2001 und das Grab von Johan­nes Paul II. von 2005 bis 2011

Doch schon vor eini­ger Zeit fiel in den Vati­ka­ni­schen Grot­ten unter den zahl­rei­chen Papst­grä­bern ein Sar­ko­phag aus wei­ßem Mar­mor ohne Inschrift auf. Die­ser Sar­ko­phag ist tat­säch­lich leer. Er wur­de 2016 auf aus­drück­li­che Anwei­sung von Papst Fran­zis­kus auf­ge­stellt. Den Anstoß dazu bekam Fran­zis­kus, als er am Aller­see­len­tag 2015 den Grä­bern sei­ner Vor­gän­ger den tra­di­tio­nel­len Besuch abstat­te­te. Libe­ro nennt fälsch­lich die Jah­re 2018/​2019. Katho​li​sches​.info berich­te­te jedoch bereits im März 2016: Papst Fran­zis­kus bestimm­te sei­ne Grab­le­ge – das Grab von Johan­nes XXIII.

Nach­dem Fran­zis­kus an ver­schie­de­nen Papst­grä­bern gebe­tet hat­te, blieb er plötz­lich ste­hen und zeig­te auf die ein­sti­ge Grab­le­ge von Johan­nes Paul II. und Johan­nes XXIII. Bei­de Päp­ste waren von Fran­zis­kus 2014 in einer kir­chen­po­li­ti­schen Hau­ruck-Akti­on zusam­men hei­lig­ge­spro­chen wor­den. Der regie­ren­de Papst sagte:

„Das wird mein Grab sein. Wenn ich ster­be, will ich hier begra­ben werden.“

Die Fol­ge sei Auf­re­gung und Ver­le­gen­heit unter den päpst­li­chen Zere­mo­niä­ren gewe­sen, so Fran­co Capoz­za in Libe­ro. Es habe wenig gefehlt, daß Kar­di­nal Ange­lo Coma­stri, der dama­li­ge Erz­prie­ster von Sankt Peter und Vor­sit­zen­de der Dom­bau­hüt­te, die Fas­sung ver­lo­ren hät­te. Nur der päpst­li­che Zere­mo­nien­mei­ster, damals noch Msgr. Gui­do Mari­ni, bewahr­te Selbst­be­herr­schung und fand den Mut das Wort zu ergreifen:

„Hei­li­ger Vater, wirk­lich, hier wür­de Bene­dikt XVI. ger­ne begra­ben wer­den. Er hat die­sen Wunsch mehr­fach geäußert.“

Capoz­za schil­dert die dar­auf fol­gen­de Szene. 

Den wage­mu­ti­gen Zere­mo­nien­mei­ster tra­fen die Augen­blit­ze von Fran­zis­kus, „der hoch­mü­tig antwortete“:

„Wir wer­den sehen, wer zuerst stirbt, in der Zwi­schen­zeit las­se man einen ähn­li­chen Sar­ko­phag wie die­sen herstellen.“

Dabei zeig­te Fran­zis­kus auf den Sar­ko­phag von Johan­nes Paul I., der sich zusam­men mit dem präch­ti­gen Bron­ze­grab von Bene­dikt XV. genau gegen­über der damals frei­en Grab­ni­sche befin­det. Eine ähn­li­che Aus­sa­ge wie die von Fran­zis­kus war bis­her Kar­di­nal Coma­stri zuge­schrie­ben wor­den, der aber offen­bar nur die Wor­te des Pap­stes zitierte.

Bene­dikt XVI. hat­te sei­nen Grab­wunsch nicht nur wegen der Ver­bun­den­heit mit sei­nem pol­ni­schen Vor­gän­ger Johan­nes Paul II. gewählt, son­dern vor allem, weil er dem „Frie­dens­papst“ Bene­dikt XV. nahe sein woll­te, der von 1914 bis 1922 regier­te und im Ersten Welt­krieg, den er ein „sinn­lo­ses Blut­bad“ nann­te, mit Nach­druck sei­ne Stim­me für den Frie­den erhob, aber kaum gehört wur­de. An ihm hat­te sich Joseph Ratz­in­ger ori­en­tiert, als er 2005 sei­nen Papst­na­men wählte.

2016 bis 2023: freie Grab­ni­sche (links) und lee­rer Sar­ko­phag (rechts)

Schon im März 2016 war der von Fran­zis­kus gewoll­te und von ihm für Bene­dikt XVI. vor­ge­se­he­ne Sar­ko­phag fer­tig­ge­stellt. Die Hand­wer­ker der Dom­bau­hüt­ten hat­ten den Auf­trag schnell erfüllt. Die Auf­stel­lung des lee­ren Sar­ko­phags blieb nicht unbe­merkt. Vati­kan­spre­cher Feder­i­co Lom­bar­di ver­such­te zu beru­hi­gen, indem er auf „Platz­man­gel“ ver­wies. Es gab nur mehr eine freie Nische, jene, in der sich bereits das Grab von Johan­nes Paul II. und Johan­nes XXIII. befun­den hat­te. Der Vati­kan­spre­cher ließ dabei offen, wel­ches Grab für wel­chen Papst vor­ge­se­hen war. Die Exi­stenz zwei­er Päp­ste, soviel war ein­leuch­tend, ver­lang­te danach, auch für zwei Grä­ber vor­zu­sor­gen. Es gab seit­her wie­der­hol­te Wort­mel­dun­gen von Per­sön­lich­kei­ten, die dem einen oder dem ande­ren Papst nahe­ste­hen, die den jewei­li­gen Grab­wunsch depo­nier­ten. Zuletzt sorg­te Peter See­wald, der Bio­graph und per­sön­li­che Freund von Bene­dikt XVI., im Som­mer 2020 für einen Schlag­ab­tausch. Bei Berg­o­glia­nern schim­mer­te dabei der Ver­such durch, auch im Grab eine Kon­ti­nui­tät mit Johan­nes XXIII. zu betonen.

Doch es kam dann anders: Bene­dikt XVI. hat­te, um die Sache wis­send, sei­nen Grab­wunsch in sei­nem Testa­ment fest­ge­schrie­ben. Papst Fran­zis­kus habe des­halb, so Capoz­za, nicht mehr anders gekonnt, als den letz­ten Wunsch sei­nes Vor­gän­gers zu erfül­len und die Bestat­tung in der Grab­ni­sche von Johan­nes Paul II. zu erlau­ben. Zudem: Bene­dikt war als erster gestor­ben und hat­te damit den Vor­zug. Ob Fran­zis­kus sei­ne Aus­sa­ge so gemeint hat­te, muß offenbleiben. 

Damit wird der von Fran­zis­kus in Auf­trag gege­be­ne Sar­ko­phag auch tat­säch­lich sei­ne letz­te Ruhe­stät­te sein. Da wei­te­re Anwei­sun­gen fehl­ten, fiel die Gestal­tung des Sar­ko­phags sehr schlicht aus, wesent­lich schlich­ter als jener von Johan­nes Paul I., an dem Hoch­re­lie­fe mit Engels­dar­stel­lun­gen ange­bracht sind, die noch aus Alt-Sankt Peter stam­men, dem ursprüng­li­chen Peters­dom von Kai­ser Kon­stan­tin dem Gro­ßen, der 326 voll­endet wur­de und bis 1503 bestand, als mit sei­nem Abbruch begon­nen wur­de, um den heu­ti­gen Peters­dom zu errichten.

Das Grab Bene­dikts XVI.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Libero/​Wikicommons/​MiL

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