Im Gedenken an einen katholischen Prinzen, SKH Dom Luiz de Orléans e Braganza

Die Pflichten und Prinzipien des christlichen Adels

Dom Luiz von Orléans-Braganza, Thronprätendent des Kaiserreichs Brasilien, ist am 15. Juli verstorben.
Dom Luiz von Orléans-Braganza, Thronprätendent des Kaiserreichs Brasilien, ist am 15. Juli verstorben.

Von Rober­to de Mattei*

Es ist heu­te sel­ten, wirk­lich katho­li­sche Für­sten zu tref­fen, und wenn einer von ihnen stirbt, ist es unse­re Pflicht, sein Andenken zu ehren. Ich hat­te das Glück, Dom Luiz de Orlé­ans e Bra­gan­ça, das Ober­haupt des bra­si­lia­ni­schen Kai­ser­hau­ses, der am 15. Juli im Alter von 84 Jah­ren ver­stor­ben ist, per­sön­lich zu ken­nen, und es ist mir eine Her­zens­an­ge­le­gen­heit, sei­ne Per­son zu wür­di­gen, in einer Zeit, in der wir drin­gend Män­ner brau­chen, die Prin­zi­pi­en ver­kör­pern. Dom Luiz war einer von ihnen: Er ver­kör­per­te in sei­nen Wor­ten, in sei­nen Taten, aber vor allem in sei­ner Art zu sein, das mon­ar­chi­sche Prin­zip der Gesellschaft.

Die Gesell­schaft gerät heu­te auch des­halb aus den Fugen, weil das Prin­zip der Auto­ri­tät und der Hier­ar­chie, auf dem das Chri­sten­tum beruh­te, durch das der Anar­chie und des Cha­os ersetzt wor­den ist. Aus die­sem Grund ver­öf­fent­lich­te Prof. Pli­nio Cor­rêa de Oli­vei­ra 1993 das Buch Adel und tra­di­tio­nel­le Eli­ten in Anleh­nung an die Anspra­chen Pius‘ XII. an das Patri­zi­at und den römi­schen Adel mit einem Vor­wort von Prinz Luiz von Orlé­ans und Bragan­za. Der Grund­ge­dan­ke war, die unver­zicht­ba­re Rol­le des Adels und, all­ge­mei­ner, der ech­ten mora­li­schen, kul­tu­rel­len und sozia­len Eli­ten in der Kri­se unse­rer Zeit aufzuzeigen.

Ich glau­be, daß Ita­li­en das Land war, in dem die­ser Appell am mei­sten Anklang fand. Im Jahr 1993 fand im histo­ri­schen Palast von Für­stin Elvina Pal­la­vi­ci­ni (1914–2004) eine inter­na­tio­na­le Kon­fe­renz statt, die sich an dem Buch des bra­si­lia­ni­schen Den­kers ori­en­tier­te. 1997 grün­de­ten die Für­stin und der Mar­che­se Lui­gi Coda Nun­zi­an­te (1930–2015) im Palaz­zo Pal­la­vi­ci­ni den Ver­ein Nobles­se et Tra­di­ti­on, um die mon­ar­chi­sche und ari­sto­kra­ti­sche Tra­di­ti­on des christ­li­chen Euro­pas dem revo­lu­tio­nä­ren Pro­zeß ent­ge­gen­zu­set­zen. In einer sehr enga­gier­ten Rede beton­te Prinz Dom Luiz von Orlé­ans und Bragan­za die Auf­ga­be des Adels in der Pha­se des sozia­len Zer­falls der heu­ti­gen Gesellschaft.

Dom Luiz wur­de am 6. Juni 1938 in Man­de­lieu-la-Napoule in Süd­frank­reich als erstes von zwölf Kin­dern des Prin­zen Pedro Hen­ri­que de Orlé­ans e Bra­gan­ça (1909–1981), Chef des kai­ser­li­chen Hau­ses, und sei­ner Frau, Maria Eli­sa­beth Prin­zes­sin von Bay­ern, gebo­ren. 1945 durf­te die Fami­lie aus dem Exil nach Bra­si­li­en zurück­keh­ren, und Prinz Pedro Hen­ri­que, der Pro­fes­sor Pli­nio Cor­rêa de Oli­vei­ra seit sei­ner Kind­heit kann­te, war froh, ihm die Erzie­hung sei­ner Söh­ne Luiz und Bert­rand anzu­ver­trau­en, die sich für die katho­li­sche Kon­ter­re­vo­lu­ti­on begei­ster­ten. In den Adern der bei­den jun­gen Män­ner floß das edel­ste euro­päi­sche Blut, das der Orlé­ans-Bra­gan­ça, Kai­ser von Bra­si­li­en bis zum repu­bli­ka­ni­schen Putsch von 1889, und das der Wit­tels­ba­cher, Köni­ge von Bay­ern bis 1918. Die Per­son, die ihnen am näch­sten stand, war jedoch ihre Groß­mutter, Prin­zes­sin Maria Pia von Bour­bon-Sizi­li­en (1870–1973), die ihnen ihre Begei­ste­rung für die legi­ti­mi­sti­sche und ultra­mon­ta­ne Bewe­gung ver­erbt hatte.

Dom Luiz und Dom Bert­rand schlos­sen sich der 1960 von Prof. Pli­nio Cor­rêa de Oli­vei­ra gegrün­de­ten TFP [Tra­di­ti­on, Fami­lie, Pri­vat­ei­gen­tum] an und kämpf­ten an sei­ner Sei­te in einem lan­gen Kampf für die Ver­tei­di­gung der christ­li­chen Zivi­li­sa­ti­on und der katho­li­schen Kir­che. Von den bei­den Brü­dern hat­te Dom Luiz eine kon­tem­pla­ti­ve­re Beru­fung und ein zurück­hal­ten­de­res Tem­pe­ra­ment, was ihn jedoch nicht dar­an hin­der­te, sich kei­ner Ver­pflich­tung zu ent­zie­hen. Aus die­sem Grund nahm er, obwohl er bereits in den Sech­zi­gern war und sei­ne Gesund­heit durch eine jugend­li­che Kin­der­läh­mung beein­träch­tigt war, mit Begei­ste­rung die Ein­la­dung von Mar­che­se Coda Nun­zi­an­te an, Grün­dungs­mit­glied der Ver­ei­ni­gung Nobles­se et Tra­di­ti­on zu wer­den, die ent­stan­den ist für die Ver­tei­di­gung der tra­di­tio­nel­len Wer­te des Adels im kul­tu­rel­len und sozia­len Bereich. Dom Luiz war an der Grün­dung der Ver­ei­ni­gung und an den drei dar­auf fol­gen­den inter­na­tio­na­len Kon­fe­ren­zen in Rom (2000), Lis­sa­bon (2002) und Turin (2004) betei­ligt, an denen nam­haf­te Ange­hö­ri­ge des euro­päi­schen Adels teil­nah­men. Nach dem Tod von Für­stin Pal­la­vi­ci­ni im Jahr 2004 war es nur natür­lich, daß Dom Luiz ihr Nach­fol­ger als Vor­sit­zen­der von Nobles­se et Tra­di­ti­on wer­den würde.

Dom Luiz Gastão Maria José Pio Miguel Gabri­el Rafa­el Gon­za­ga de Orlé­ans e Bra­gan­ça e Wit­tels­bach im hohen Alter

Am 29. April 2004 führ­te Dom Luiz den Vor­sitz, als im Saal des Palais Coburg in Wien die deut­sche Aus­ga­be mei­nes Buches Der Kreuz­rit­ter des 20. Jahr­hun­derts: Pli­nio Cor­rêa de Oli­vei­ra vor­ge­stellt wur­de. Drei Jah­re zuvor, am 10. Okto­ber 2001, hat­te er in Rom an den Gedenk­fei­ern zum 430. Jah­res­tag der Schlacht von Lepan­to teil­ge­nom­men. Die vom Cen­tro Cul­tu­ra­le Lepan­to aus­ge­rich­te­te Ver­an­stal­tung fand in den Sälen des Palaz­zo del­la Can­cel­le­ria in Anwe­sen­heit von über fünf­hun­dert Per­so­nen statt. Der kai­ser­li­cher Prinz saß in der ersten Rei­he neben den Kar­di­nä­len Alfons Maria Stick­ler, Paul Augu­stin May­er, Loren­zo Anto­net­ti und Lui­gi Pog­gi, Ver­tre­tern des Mal­te­ser­or­dens und des Kon­stan­ti­ni­schen St. Georgs-Ordens sowie Nach­kom­men der berühm­te­sten euro­päi­schen Fami­li­en, deren Vor­fah­ren in den Gewäs­sern von Lepan­to gekämpft hatten.

Das war kein welt­li­ches Schau­spiel, dem sich Dom Luiz stets ent­zog, son­dern um gewich­ti­ge Ver­pflich­tun­gen, denen er sich unter­zog, um sei­ner staat­li­chen Pflicht treu zu blei­ben. Aus sei­nem Blick leuch­te­ten zwei her­aus­ra­gen­de Tugen­den: Rein­heit und Unnach­gie­big­keit. Die­se Tugen­den mach­ten Dom Luiz und Dom Bert­rand in den hohen Krei­sen der Gesell­schaft unbe­liebt. Jene Adli­gen, die sich tarn­ten, um in die lukra­ti­ven und modi­schen Beru­fe ein­zu­stei­gen, konn­ten die bei­den bra­si­lia­ni­schen Prin­zen nicht aus­ste­hen, weil sie sich nicht mit dem Geist der Sinn­lich­keit und der Kom­pro­mis­se des soge­nann­ten „Jet­sets“ anfreun­den konn­ten. Für den mon­dä­nen Adel war das Vor­bild König Juan Car­los von Spa­ni­en, der Mann – so hieß es –, dem es gelun­gen war, den Dienst für sein Land mit sei­nen eige­nen Ver­gnü­gun­gen und Inter­es­sen zu ver­bin­den. Es wur­de und wird immer noch nicht ver­stan­den, daß die Pflich­ten, die es zu erfül­len gilt, umso grö­ßer sind, je höher die sozia­le Stel­lung ist, die man ein­nimmt. Doch ein nicht­ka­tho­li­scher Herr­scher wie die eng­li­sche Köni­gin Eli­sa­beth II. hat in den sech­zig Jah­ren ihrer Regent­schaft ein Bei­spiel dafür gelie­fert, was eine Nati­on an ideell Erha­be­nem her­vor­brin­gen kann.

Dom Luiz woll­te ein katho­li­scher Fürst sein und war es auch. Er war Kar­me­li­ter-Ter­ti­ar und nach der Pra­xis des hei­li­gen Lud­wig Marie Gri­g­ni­on de Mon­fort Maria geweiht, aber vor allem war er ein Bei­spiel für einen glü­hen­den katho­li­schen Geist. Er ver­folg­te mit Sor­ge den Pro­zeß der Selbst­auf­lö­sung der Kir­che und ver­säum­te es nicht, sei­ne respekt­vol­le Ableh­nung bestimm­ter Posi­tio­nen der katho­li­schen Hier­ar­chie zum Aus­druck zu brin­gen. So gehör­te er am 27. Sep­tem­ber 2016 zu den Erst­un­ter­zeich­nern einer Erklä­rung, die auf Initia­ti­ve des Ver­eins Sup­pli­ca filia­le von 80 katho­li­schen Per­sön­lich­kei­ten, dar­un­ter Kar­di­nä­le, Bischö­fe und nam­haf­te Wis­sen­schaft­ler, vor­ge­legt wur­de, die ihre Treue zur unver­än­der­li­chen Leh­re der Kir­che über Fami­lie und Ehe bekräftigten.

Auf der Kon­fe­renz Nobles­se et Tra­di­ti­on in Turin am 30. Okto­ber 2004 schloß Dom Luiz sei­ne Rede mit fol­gen­den Wor­ten: „In einer hof­fent­lich nicht all­zu fer­nen Zukunft wird sich unser Blick auf die­se Jah­re des Glau­bens­ab­falls, des Blut­ver­gie­ßens und des Cha­os rich­ten, die wir für immer hin­ter uns gelas­sen haben wer­den. In jenem glück­li­chen Augen­blick wer­den im Ange­sicht der Kir­che und der wie­der­her­ge­stell­ten Gesell­schaft die­je­ni­gen wie die Son­ne strah­len, die aus dem Adel oder ähn­li­chen tra­di­tio­nel­len Eli­ten stam­men und sich gegen die moder­nen Erschüt­te­run­gen und Kri­sen erho­ben haben, indem sie sich ihnen ent­ge­gen­stell­ten und treu den unsterb­li­chen Rat­schlä­gen und Leh­ren des gro­ßen Pap­stes Pius XII. folg­ten. In Wien sag­te er am 29. April des­sel­ben Jah­res: „Ich erin­ne­re mich sehr gut an die letz­te öffent­li­che Ver­an­stal­tung von Pro­fes­sor Pli­nio Cor­rêa de Oli­vei­ra zwei Mona­te vor sei­nem Tod. Er erin­ner­te uns dar­an, Ver­trau­en in die Got­tes­mut­ter zu haben, indem er sag­te: ‚Je mehr wir uns ver­lo­ren füh­len, desto mehr müs­sen wir Ver­trau­en in die Got­tes­mut­ter haben, denn Sie hat ver­spro­chen, daß Sie sie­gen wird. Ver­trau­en! Ver­trau­en! Ver­trau­en! Auch wenn es fünf, zehn, fünf­zehn, fünf­zig Jah­re dau­ert, müs­sen wir dar­auf ver­trau­en, daß eines Tages der Tri­umph des Unbe­fleck­ten Her­zens Mari­ens kom­men wird.“

Dom Luiz von Orleáns und Bragan­za hat die­sen geseg­ne­ten Tag nicht mehr erlebt, aber er hin­ter­läßt das Bei­spiel eines voll­kom­me­nen katho­li­schen Für­sten, vor dem wir uns mit Ehr­furcht verneigen.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017 und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Romana

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