Gibt es „positive Zeichen“ im Ukraine-Konflikt?

Reaktionen aus Moskau auf die Friedensbemühungen des Heiligen Stuhls

Erzbischof Paolo Pezzi, der Vorsitzende der katholischen Russischen Bischofskonferenz, äußerte sich vorsichtig positiv über die "Offenheit", mit denen Moskau auf die vatikanischen Friedensbemühungen in der Ukraine reagiere.
Erzbischof Paolo Pezzi, der Vorsitzende der katholischen Russischen Bischofskonferenz, äußerte sich vorsichtig positiv über die "Offenheit", mit denen Moskau auf die vatikanischen Friedensbemühungen in der Ukraine reagiere.

(Mos­kau) Die rus­si­sche Regie­rung begrüßt die diplo­ma­ti­schen Bemü­hun­gen des Hei­li­gen Stuhls um den Frie­den in der Ukrai­ne. Im vier­ten Kriegs­mo­nat erfolg­te erst­mals eine Erklä­rung dazu durch Ale­xej Para­mo­now vom rus­si­schen Außen­mi­ni­ste­ri­um. Dar­auf reagier­te der katho­li­sche Erz­bi­schof von Mos­kau, der sich vor­sich­tig posi­tiv dazu äußerte.

Para­mo­now, Lei­ter der Euro­pa-Abtei­lung des rus­si­schen Außen­am­tes, sag­te der staat­li­chen rus­si­schen Pres­se­agen­tur Ria Novo­sti:

„Der Vati­kan hat wie­der­holt sei­ne Bereit­schaft zum Aus­druck gebracht, jede erdenk­li­che Unter­stüt­zung zu lei­sten, um die Feind­se­lig­kei­ten zu been­den und Frie­den in der Ukrai­ne zu schaf­fen, und bestä­tigt die­se Aus­sa­gen in der Pra­xis. Wir unter­stüt­zen einen auf­rich­ti­gen und ver­trau­ens­vol­len Dia­log über eine Rei­he von The­men, vor allem über die huma­ni­tä­re Lage in der Ukraine.“

Fran­zis­kus hat­te gleich nach dem Ein­marsch rus­si­scher Trup­pen in die Ukrai­ne den rus­si­schen Bot­schaf­ter beim Hei­li­gen Stuhl auf­ge­sucht. Ein direk­tes Gespräch mit dem rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Putin war bis­her nicht mög­lich. Einen ent­spre­chen­den Wunsch ließ Fran­zis­kus Mit­te März in Mos­kau depo­nie­ren. Eine Ant­wort steht bis­her aber aus.

Die diplo­ma­ti­schen Anstren­gun­gen wur­den von Fran­zis­kus seit Mai ver­stärkt. Wäh­rend er hoch­ran­gi­ge per­sön­li­che Ver­tre­ter in die Ukrai­ne ent­sen­det, wer­den par­al­lel diplo­ma­ti­sche Füh­ler nach Mos­kau aus­ge­streckt. Ziel ist es, die bei­den Kriegs­par­tei­en an den Ver­hand­lungs­tisch zurück­zu­brin­gen. Ende März schien es kurz­zei­tig, daß bei den damals statt­fin­den­den ukrai­nisch-rus­si­schen Gesprä­chen in Istan­bul erste Schrit­te zu einer Lösung gefun­den wer­den konn­ten. Als sich die US-Regie­rung von Joe Biden aber dage­gen aus­sprach, zog sich die Regie­rung Selen­skyj in Kiew zurück und ver­wei­gert sich seit­her wei­te­ren Verhandlungen. 

Der weit­aus größ­te Teil der Toten, Ver­wun­de­ten und Zer­stö­run­gen in der Ukrai­ne sind seit dem Abbruch die­ser Ver­hand­lun­gen zu beklagen.

Am 2. Juni traf der Apo­sto­li­sche Nun­ti­us, Erz­bi­schof Gio­van­ni d’Aniello, mit dem rus­sisch-ortho­do­xen Patri­ar­chen Kyrill zusam­men, am 3. Juni wur­de der Nun­ti­us von Papst Fran­zis­kus emp­fan­gen. Bei die­ser Gele­gen­heit erteil­te Fran­zis­kus sei­ne Anwei­sun­gen für wei­te­re Initia­ti­ven an den Nun­ti­us sowie an Erz­bi­schof Pez­zi, den Vor­sit­zen­den der Rus­si­schen Bischofs­kon­fe­renz.

Nicht Parteigänger, sondern Friedensvermittler

Papst Fran­zis­kus ergriff bis­her nicht Par­tei im Kon­flikt. Er läßt kei­nen Zwei­fel, der betrof­fe­nen Bevöl­ke­rung in der Ukrai­ne nahe zu sein, doch auf poli­ti­scher Ebe­ne ver­wei­gert er sich dem auf ihn aus­ge­üb­ten Druck. Aus Mos­kau kom­men im vier­ten Kriegs­mo­nat erst­mals öffent­li­che Signa­le, daß die­se Hal­tung auf­merk­sam regi­striert wird.

Para­mo­now füg­te gestern hin­zu, daß „alle Initia­ti­ven des Hei­li­gen Stuhls und von Papst Fran­zis­kus für den Frie­den in Euro­pa gro­ßen Respekt erwecken und unter bestimm­ten Umstän­den gefragt sein kön­nen“, aber gleich­zei­tig habe er das Gefühl, daß „wir es in der Ukrai­ne mit Men­schen zu tun haben, die kei­ne Auto­ri­tät kennen“:

„Mehr als ein­mal haben wir gese­hen, mit wel­cher Leich­tig­keit und wel­chem Zynis­mus die neu­en ukrai­ni­schen Eli­ten in ihrem Stre­ben nach Macht­er­halt und sofor­ti­gem Pro­fit ihre Ver­spre­chen und Ver­pflich­tun­gen bre­chen, gefähr­li­che Pro­vo­ka­tio­nen durch­füh­ren und die Sicher­heit der ukrai­ni­schen und rus­si­schen Bür­ger opfern.“

Die Stel­lung­nah­me Para­mo­nows kann wegen der in der EU ver­häng­ten Zen­sur nicht ver­linkt werden.

Die Reaktion des katholischen Erzbischofs von Moskau

Kurz nach der Erklä­rung des zustän­di­gen Lei­ters der Euro­pa-Abtei­lung im rus­si­schen Außen­mi­ni­ste­ri­um erfolg­te eine Stel­lung­nah­me von Msgr. Pao­lo Pez­zi, dem römisch-katho­li­schen Erz­bi­schof von Mos­kau und Vor­sit­zen­den der Rus­si­schen Bischofs­kon­fe­renz. Erz­bi­schof Pez­zi nahm Para­mo­nows Erklä­rung grund­sätz­lich posi­tiv zur Kennt­nis, vor allem die Bereit­schaft, eine Rei­he von Fra­gen zu bespre­chen, ins­be­son­de­re humanitäre:

„Zunächst ein­mal hal­te ich sie für sehr wich­tig. Ich wür­de sagen, das ist ein sehr posi­ti­ves Zei­chen, ein Zei­chen für Offen­heit, ein Zei­chen für eine gewis­se Bereitschaft.“

Wei­ters sag­te der Vor­sit­zen­de der Rus­si­schen Bischofs­kon­fe­renz:

„Zwei­fel­los den­ke ich, daß die demü­ti­ge, kla­re und ver­trau­ens­wür­di­ge Posi­ti­on von Papst Fran­zis­kus in den Hän­den Got­tes die­se – nen­nen wir es beim Namen – Öff­nung der Her­zen beein­flußt hat. Ich glau­be, daß dies die kon­kre­te Rol­le der Kir­che ist: sich nie zu ver­schlie­ßen, immer wie­der neu anzu­fan­gen, an die Tür unse­rer Her­zen zu klop­fen, die oft zu früh ver­här­tet und daher ver­schlos­sen sind.“

Auf die Fra­ge, wie der Hei­li­ge Stuhl kon­kret hel­fen kann, wenn die Pro­zes­se anschei­nend nicht ver­han­del­bar sind, ant­wor­te­te Erz­bi­schof Pez­zi gegen­über der ita­lie­ni­schen Pres­se­agen­tur SIR:

„Die Pro­zes­se waren in Wirk­lich­keit nie abge­schlos­sen. Das Herz des Men­schen kann nicht end­gül­tig ver­schlos­sen wer­den. Es gibt immer die­se selt­sa­me Offen­heit, die wir ersticken kön­nen, das ist wahr, aber sie bleibt immer bestehen. Ich glau­be, daß Ver­hand­lun­gen dort begin­nen kön­nen, wo wir uns die­ser Offen­heit bewußt wer­den, daß nicht alles vor­bei ist, daß nicht alles zer­stört ist.“

Zu den Kampf­hand­lun­gen in der Ukrai­ne sag­te der Erz­bi­schof, daß „die­se Situa­ti­on einen wach­sen­den Schmerz und eine wach­sen­de Unsi­cher­heit“ bedeute.

Aus die­sem Grund sei „es wich­tig, sich die Posi­ti­on zu eigen zu machen, an die uns der hei­li­ge Pau­lus am Sonn­tag erin­nert hat, um sicher zu sein, daß nicht nur Momen­te des Frie­dens Anläs­se für das Wachs­tum des Vol­kes Got­tes sind, son­dern auch Momen­te des Lei­dens und des Krie­ges ver­wan­delt wer­den kön­nen, wenn wir an Gott glau­ben und wenn wir die­se Hoff­nung haben, die durch die Gabe des Gei­stes nicht ent­täuscht wird. Dann kön­nen wir jede zer­stö­re­ri­sche Hand­lung über­win­den und sie in einen Wie­der­auf­bau verwandeln.“

Fran­zis­kus selbst erklär­te in einem heu­te von der ita­lie­ni­schen Tages­zei­tung La Stam­pa ver­öf­fent­lich­ten Inter­view, daß „der Drit­te Welt­krieg erklärt wur­de“, in dem es aber „nicht Gute und Schlech­te“ gebe. Die Ukrai­ner sei­en „ein heroi­sches Volk“. Wel­che Sei­te in die­sem „Drit­ten Welt­krieg“ wel­che Rol­le ein­nimmt, dazu nahm Fran­zis­kus nicht Stel­lung, was sehr gro­ßen Spiel­raum für Spe­ku­la­tio­nen läßt.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: SIR

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