Gedanken zur Ukraine an einem dramatischen Tag

Der Ausgangspunkt: rosa die Rußland eingegliederte Krim und das von prorussischen Separatisten kontrollierte Gebiet in der Ostukraine.
Der Ausgangspunkt: rosa die Rußland eingegliederte Krim und das von prorussischen Separatisten kontrollierte Gebiet in der Ostukraine.

Von Andre­as Becker

Der Ukrai­ne­kon­flikt, der die Welt gera­de in Atem hält, hat auch eine reli­giö­se Kom­po­nen­te. Der Vati­kan steckt des­halb in einem öku­me­ni­schen Dilem­ma. Einer­seits bemüht sich Papst Fran­zis­kus um eine neue Qua­li­tät in den Bezie­hun­gen zur rus­sisch-ortho­do­xen Kir­che. Ein Unter­fan­gen, in dem sei­ne Vor­gän­ger geschei­tert sind. Ande­rer­seits geht es in der Ukrai­ne um die Exi­stenz der bei­den mit Rom unier­ten grie­chisch-katho­li­schen Kir­chen des Lan­des. Das rus­sisch-ortho­do­xe Patri­ar­chat von Mos­kau war in der Ukrai­ne­fra­ge bereit, einen fak­ti­schen, wenn auch nicht ver­kün­de­ten Bruch mit dem Patri­ar­chat von Kon­stan­ti­no­pel zu voll­zie­hen. Es dürf­te also vor einem Abbruch der Bezie­hun­gen mit Rom erst recht nicht zurück­schrecken. Als die­se Zei­len geschrie­ben wur­den, war die „Mili­tär­ope­ra­ti­on“, die Putin ver­an­laßt hat, noch nicht bekannt. Der Text blieb den­noch wei­test­ge­hend unver­än­dert und wur­de nur an weni­gen Stel­len ergänzt.

Die Vorgeschichte

Seit Wochen herrsch­te Säbel­ras­seln. Ande­re mögen ent­schei­den, ob Putin sich von west­li­chen Dro­hun­gen nicht beein­drucken ließ oder erst durch die­se zu sei­ner „Mili­tär­ope­ra­ti­on“ ver­an­laßt wur­de. Ruß­land wird Des­in­for­ma­ti­on vor­ge­wor­fen. Durch­aus mit Recht. Doch auch in west­li­chen Kom­men­ta­ren klingt Pro­pa­gan­da und oft auch wenig Kennt­nis der ukrai­ni­schen Ver­hält­nis­se durch. Erste Vor­aus­set­zung für eine objek­ti­ve Beur­tei­lung einer Kri­se ist eine mög­lichst genaue Kennt­nis der Fak­ten. Das wich­tig­ste Hilfs­mit­tel dazu ist ein Blick in die Geschichts­bü­cher. Wer die Ver­gan­gen­heit kennt, weiß, war­um die Din­ge im aktu­el­len Kon­flikt sind, wie sie sind. Auf die­ser Grund­la­ge erst kann eine Bewer­tung und auch eine Defi­ni­ti­on der eige­nen Inter­es­sen erfol­gen. Kom­men­ta­to­ren schla­gen sich aber meist ent­we­der auf die eine oder auf die ande­re Sei­te. Sie ergrei­fen ent­we­der Par­tei für Ruß­land oder für die USA.

Euro­pa, ins­be­son­de­re Mit­tel­eu­ro­pa, ist gut bera­ten, sich in sei­nen Über­le­gun­gen bewußt zu sein, daß die eige­nen Inter­es­se auf euro­päi­schem Boden weder deckung­gleich mit jenen Ruß­lands noch mit jenen der USA sind, wenn auch aus jün­ge­ren histo­ri­schen, bünd­nis­po­li­ti­schen und öko­no­mi­schen Abhän­gig­kei­ten kei­ne wirk­li­che Äqui­di­stanz mög­lich ist.

Wir müs­sen also zunächst zwi­schen dem Wis­sen um die histo­ri­schen Fak­ten und der Defi­ni­ti­on eige­ner Inter­es­sen unter­schei­den. An die­ser Stel­le soll nur erste­res behan­delt wer­den. Den Ukrai­ne­kon­flikt, der seit 2014 andau­ert, kann kaum ver­ste­hen, wer nicht zur Kennt­nis nimmt, daß die Ukrai­ne ein zwei­ge­teil­tes Land ist. Poli­ti­ker oder Jour­na­li­sten, die erken­nen las­sen, dass sie die­se Zwei­tei­lung nicht ken­nen oder nicht berück­sich­ti­gen, sind gefähr­lich, gleich­gül­tig ob sie auf der Sei­te Mos­kaus oder Washing­tons stehen.

In die­sen Tagen wur­de in west­li­chen Medi­en viel­fach eine Aus­sa­ge von Zbi­gniew Brze­ziń­ski, dem ein­fluß­rei­chen Sicher­heits­be­ra­ter von US-Prä­si­dent Jim­my Car­ter, wie­der­holt: „Ohne die Ukrai­ne hört Ruß­land auf, ein Impe­ri­um zu sein“. Brze­ziń­ski ent­stamm­te einer pol­ni­schen Fami­lie aus der heu­ti­gen West­ukrai­ne. Sei­ne Aus­sa­ge klingt gewich­tig, ist sie es aber? Hin­ter dem ehe­ma­li­gen Eiser­nen Vor­hang ist seit 1989 eine Neu­ver­mes­sung der Inter­es­sen­sphä­ren im Gan­ge, die ein­deu­tig zugun­sten des Westens, also der USA, der NATO und auch der EU aus­ge­fal­len ist. Dar­an kann Ruß­land nichts mehr ändern.

Mit dem Griff nach der Ukrai­ne – seit 2013 wur­de das Land vom Westen aus der wirt­schaft­li­chen Ver­net­zung mit Ruß­land her­aus­ge­löst – agiert der Westen vor der Haus­tür Ruß­lands. Das ist ver­gleich­bar mit dem sowje­ti­schen Ver­such Anfang der 60er Jah­re durch Waf­fen­sta­tio­nie­run­gen auf Kuba, sich vor die Haus­tür der USA zu wagen. Das wur­de von Washing­ton nicht gedul­det. Man soll­te daher nicht ver­wun­dert sein, wenn Mos­kau in einer ähn­li­chen Situa­ti­on ähn­lich reagiert. Die Beweg­grün­de der Gegen­sei­te zu sehen und zur Kennt­nis zu neh­men, bedeu­tet nicht, sie anzu­er­ken­nen oder sich zu eigen zu machen. Es bedeu­tet aber, zu ernst­haf­ten Gesprä­chen bereit zu sein. Und so lan­ge ver­han­delt wird, wird nicht Krieg geführt bzw. besteht die Aus­sicht, einen Krieg zu beenden.

Die verspätete Nation

Die Ukrai­ne ist das, was eine „ver­spä­te­te Nati­on“ genannt wird. Ihr Nati­on­wer­dungs­pro­zeß begann erst im 20. Jahr­hun­dert. Staat­li­chen Nie­der­schlag fand das 1918 und dann wie­der 1991. Seit­her gibt es eine unab­hän­gi­ge Ukrai­ne, aber es gibt noch kei­ne geein­te Nati­on, wie auch in Kiew zuge­ge­ben wird. Die spä­te Ent­ste­hung macht die Ukrai­ne kei­nes­wegs zu einer Nati­on zwei­ter Güte. Es bedeu­tet aber, daß ver­schie­de­ne Brü­che und Bruch­li­ni­en noch sehr frisch sind und sich stark auf die psy­cho­lo­gi­sche und emo­tio­na­le Ebe­ne aus­wir­ken. In den ver­gan­ge­nen hun­dert Jah­ren wur­den vie­le Wun­den geschlagen.

Grob gesagt, ist die Ukrai­ne im Ver­hält­nis zu Ruß­land das, was die Nie­der­lan­de zu Deutsch­land sind. Aller­dings nicht heu­te, da die Nie­der­lan­de schon auf eine 450jährige Eigen­stän­dig­keit zurück­blicken kön­nen, son­dern Ende des 17. Jahr­hun­derts, also eini­ge Jahr­zehn­te nach dem West­fä­li­schen Frie­den, bei dem nach dem schreck­li­chen Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg die Selb­stän­dig­keit der Nie­der­lan­de aner­kannt wur­de. Histo­risch steht außer Zwei­fel, daß die Nie­der­län­der Deut­sche sind und sich nicht von ihren nie­der­deut­schen Lands­leu­ten im heu­ti­gen Nie­der­sach­sen oder den mit­tel­deut­schen am Rhein unter­schie­den haben. Man sprach die glei­chen nie­der­rhei­ni­schen und nie­der­säch­si­schen Mund­ar­ten. Der letz­te deut­sche Papst vor Bene­dikt XVI., Hadri­an VI. (1522–1523) stamm­te aus Utrecht, heu­te ein Teil der Nie­der­lan­de. Er wird den­noch als deut­scher Papst gezählt, weil die Nie­der­lan­de damals noch Teil des deut­schen Rei­ches waren. Erst die Refor­ma­ti­on und das Han­deln der cal­vi­ni­sti­schen nie­der­län­di­schen Ober­schicht führ­te zu einem Son­der­weg und einer schritt­wei­sen Abkop­pe­lung vom Reich und vom übri­gen deut­schen Sprach­raum. In der Deut­schen Natio­nal­kir­che in Rom, in der Hadri­an VI. bestat­tet ist, ist die­se alte Gemein­sam­keit erhal­ten geblieben.

Neu­ruß­land ist kei­ne Erfin­dung Putins, son­dern geht 1764 auf Katha­ri­na II. zurück

Im Fal­le der Ukrai­ne bestan­den Anfang des 20. Jahr­hun­derts, zumin­dest unter rus­si­schen Kom­mu­ni­sten, kei­ne Zwei­fel, daß es sich sprach­lich und kul­tu­rell um einen eigen­stän­di­gen Raum han­delt, andern­falls wäre die Ukrai­ne nach dem Ersten Welt­krieg von Ruß­land nicht anstands­los als eige­ne Sozia­li­sti­sche Sowjet­re­pu­blik in die Sowjet­uni­on auf­ge­nom­men worden.

Wenn also die Fra­ge der Eigen­stän­dig­keit der Ukrai­ne unpro­ble­ma­tisch scheint, gilt das nicht für sei­ne Gren­zen. Wäh­rend die Gren­zen im Westen eth­nisch deut­lich gezo­gen sind, beson­ders seit dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges (von eini­gen unga­ri­schen und rumä­ni­schen Gemein­den abge­se­hen), schei­nen jene im Osten schwe­rer faß­bar. War­um die Ost­gren­zen der Ukrai­ni­schen Sozia­li­sti­schen Sowjet­re­pu­blik in den frü­hen 20er Jah­ren so gezo­gen wur­den, wie sie gezo­gen wur­den, ist nicht wirk­lich nach­voll­zieh­bar. Wer sich histo­ri­sche und the­ma­ti­sche Kar­ten zur Ukrai­ne anschaut, kann auf fast allen eine Zwei­tei­lung des Lan­des fest­stel­len. Das Land zer­fällt in die West- und Zen­tral­ukrai­ne auf der einen Sei­te und die Ost- und Süd­ukrai­ne auf der ande­ren Sei­te. Das sind jene Gebie­te, die ent­we­der immer rus­sisch waren bzw. nie zur litau­isch-pol­ni­schen Kon­fö­de­ra­ti­on gehör­ten. Im Osten und Süden, der acht von ins­ge­samt 26 Obla­sten umfaßt, wird haupt­säch­lich rus­sisch gespro­chen. Zwei die­ser Obla­ste, Donezk und Lug­ansk, wur­den von Putin am Mon­tag als unab­hän­gig aner­kannt, was auf eine Anglie­de­rung an Ruß­land hin­aus­läuft, wie die heu­te begon­ne­ne rus­si­sche Mili­tär­ope­ra­ti­on bestä­tigt. Dort ist die rus­sisch-ortho­do­xe Kir­che vor­herr­schend. Der Wunsch nach Ver­ei­ni­gung mit Ruß­land ist echt. Die­se Gegen­den ver­bin­det kaum etwas mit der heu­ti­gen Ukrai­ne außer einer Lau­ne der Geschich­te, die Anfang der 20er Jah­re die damals irrele­van­te Gren­ze zwi­schen zwei Sowjet­re­pu­bli­ken eben so gezo­gen hat, wie sie gezo­gen wurde.

Der Süden der Ukrai­ne wur­de erst Mit­te des 18. Jahr­hun­derts für das rus­si­che Zaren­reich und Euro­pa zurück­ge­won­nen, nach­dem es durch Jahr­hun­der­te von mus­li­mi­schen Noma­den­völ­kern kon­trol­liert wur­de, die Vasal­len des Osma­ni­schen Rei­ches waren. Erst dann begann die Besie­de­lung, ver­gleich­bar der Besie­de­lung des Banats durch Öster­reich nach der Befrei­ung von den Tür­ken. Die rus­si­schen Kai­ser, wie sie sich nun nann­ten, gaben dem Gebiet den Namen „Neu­ruß­land“ und berie­fen Kolo­ni­sten aus allen Tei­len ihres Rei­ches, aber auch aus dem Aus­land, wes­halb die Nie­der­las­sun­gen der Schwarz­meer­deut­schen ent­stan­den. Die­se spä­te Besie­de­lung erklärt auch den star­ken rus­si­schen Anteil daran. 

Im Westen (grau­blau) ent­stand 1918 die Volks­re­pu­blik Ukrai­ne, im Süd­osten (grün) die kom­mu­ni­sti­sche Sowjet­ukrai­ne und im Süden (hell­gelb) die Repu­blik Odes­sa, die sich der Sowjet­ukrai­ne anschloß

Der Westen der Ukrai­ne dage­gen gehör­te lan­ge Zeit zur katho­li­schen Kon­fö­de­ra­ti­on des König­rei­ches Polen und des Groß­für­sten­tums Litau­en. Im Süd­we­sten über­nahm ab der Mit­te des 18. Jahr­hun­derts Öster­reich die­se Rol­le von Polen. Die Gegend um Lem­berg (ukr. Lwiw), die bis 1918 zu Öster­reich gehör­te, bil­det das histo­ri­sche Zen­trum der ukrai­ni­schen Nationalbewegung.

Obwohl sie histo­risch Ruthe­nen genannt wur­den, leg­ten sich deren Ver­tre­ter Ende des 19. Jahr­hun­derts selbst die Bezeich­nung „Ukrai­ner“ zu, was im Deut­schen als „Mär­ker“ über­setz­bar wäre, da Kra­ji­na soviel wie Mark (Grenz­ge­biet) bedeu­tet. Mit die­sem neu­en ukrai­ni­schen Iden­ti­täts­ver­ständ­nis strahl­te die­se west­lich ori­en­tier­te Natio­nal­be­we­gung auf das gesam­te Gebiet aus, das einst unter pol­nisch-litaui­scher Herr­schaft stand. Das ist genau die heu­ti­ge West- und Zen­tral­ukrai­ne. Im Westen der heu­ti­gen Ukrai­ne wuß­te man sehr genau, was Ukrai­ner­tum bedeu­tet. Ihre Trä­ger waren nicht nur, aber vor allem katho­lisch und mit­tel­eu­ro­pä­isch aus­ge­rich­tet. Am Ende des Ersten Welt­kriegs zog ein Teil die­ser „Ukrai­ner“ in das stets ortho­do­xe Kiew und erlang­te dort erheb­li­chen Ein­fluß bei der Aus­ru­fung der Volks­re­pu­blik Ukrai­ne, die wie­der­um genau die heu­ti­ge West- und Zen­tral­ukrai­ne umfaßte.

In dem auf die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on von 1917 in Ruß­land fol­gen­den Bür­ger­krieg unter­lag die­se ukrai­ni­sche Natio­nal­be­we­gung aber der Roten Armee. Das glei­che Schick­sal traf aller­dings auch ihre Kon­kur­renz­be­we­gung, die der Klein­rus­sen. Die Ver­tre­ter der klein­rus­si­schen Iden­ti­tät der Ukrai­ne hat­ten ihr Zen­trum bis dahin in Kiew und mehr noch wei­ter im Osten, ins­be­son­de­re Char­kow (ukr. Char­kiw) und im Süden. Die Klein­rus­sen hiel­ten an der Ver­bin­dung mit Ruß­land und ihrer rus­si­schen Iden­ti­tät fest. Sie ver­stan­den Groß‑, Klein- und Weiß­rus­sen als histo­ri­sche Ein­heit, die aus der Kie­wer Rus her­vor­ge­gan­gen waren, etwa wie Bay­ern, Sach­sen und Schwaben.

Der Sieg der Bol­sche­wi­sten im Rus­si­schen Bür­ger­krieg bedeu­te­te eine radi­ka­le Zäsur im Klä­rungs­pro­zeß zwi­schen den kon­kur­rie­ren­den Iden­ti­tä­ten der „Ukrai­ner“ und der „Klein­rus­sen“ und über­la­ger­te die­se. Die Kom­mu­ni­sten erklär­ten natio­na­le Fra­gen für obso­let. Dem Natio­na­lis­mus setz­ten sie den Inter­na­tio­na­lis­mus ent­ge­gen. Zugleich erklär­ten sie es zur inter­na­tio­na­li­sti­schen Dok­trin, alle Natio­nen, wobei wahl­wei­se Völ­ker oder Staa­ten gemeint waren, in die Sowjet­uni­on, die Uni­on der Sowjet­re­pu­bli­ken, auf­neh­men und im inter­na­tio­na­li­sti­schen Geist ver­ei­nen zu wol­len. Um die von den „Ukrai­nern“ getra­ge­nen Selb­stän­dig­keits­be­stre­bun­gen auf­zu­fan­gen und dem Anspruch der Sowjet­uni­on sicht­ba­re Gestalt zu geben, wur­den Klein­ruß­land und Weiß­ruß­land 1922 als eigen­stän­di­ge Sozia­li­sti­sche Sowjet­re­pu­bli­ken aner­kannt und in die Sowjet­uni­on auf­ge­nom­men. Damit konn­te der Welt das Modell vor Augen geführt wer­den, wie deren Sowje­ti­sie­rung, Volk für Volk, Staat für Staat, statt­fin­den sol­le. Inner­so­wje­tisch spiel­te die­se Eigen­staat­lich­keit in Wirk­lich­keit kei­ne Rol­le, da jeder Natio­na­lis­mus ver­pönt war.

Die Entstehung eines Staates

Kurz­um: Ruß­land und die Ukrai­ne haben eine gemein­sa­me Ver­gan­gen­heit wie Deut­sche und Nie­der­län­der. Sie sind bei­de aus der Kie­wer Rus ent­stan­den, wes­halb die Rus­sen mit Recht sagen kön­nen, daß die Wie­ge Ruß­lands in Kiew, also in der Ukrai­ne stand. Die­ser Umstand ist von psy­cho­lo­gi­scher Bedeutung.

Durch das Auf­tre­ten der Mon­go­len im Hoch­mit­tel­al­ter wur­de die gesam­te staat­li­che Ent­wick­lung im Osten durch­ein­an­der­ge­bracht und zurück­ge­wor­fen. Als sich alle drei reu­ßi­schen (= rus­si­schen) Stäm­me von der Mon­go­len­herr­schaft befrei­en konn­ten, was ein lang­wie­ri­ger und blu­ti­ger Pro­zeß war, hat­te sich das Schwer­ge­wicht von Kiew nach Mos­kau ver­la­gert. Der Westen war unter litaui­sche und pol­ni­sche Ober­ho­heit gera­ten, der Süden von den Krim­ta­ta­ren und den Osma­nen beherrscht.

Ein ukrai­ni­scher Staat im eigent­li­chen Sinn, als eth­nisch und kul­tu­rell eigen­stän­di­ges Gebil­de, ent­stand erst­mals erst 1918, als die Mit­tel­mäch­te den Bol­sche­wi­sten im Ver­trag von Brest-Litowsk die Aus­ru­fung einer unab­hän­gi­gen Ukrai­ne abtrotz­ten, was pri­mär der Schwä­chung Ruß­land die­nen soll­te. So könn­te gesagt wer­den, die Wie­ge der heu­ti­gen Ukrai­ne stand in Ber­lin und Wien.

In dem unru­hi­gen und oft unüber­sicht­li­chen Umbruch am Ende des Ersten Welt­krie­ges wur­den die Gren­zen der Ukrai­ne fest­ge­legt. Im Westen bil­de­te sich die von den „West­lern“ geführ­te Volks­re­pu­blik Ukrai­ne, im Osten hat­te sich schon zuvor eine von den Kom­mu­ni­sten geführ­te Sowjet­ukrai­ne gebil­det. Im Süden ent­stand dar­auf noch eine Repu­blik Odes­sa, die sich mit der Sowjet­ukrai­ne ver­bün­de­te. Die­se drei Repu­bli­ken, die pro­kla­miert wur­den, spie­geln viel von dem wider, was auch heu­te Grund­la­ge des Ukrai­ne­kon­flik­tes ist. Grob gesagt: Im Westen und um Kiew die Ukrai­ner, im Osten und Süden die Klein­rus­sen.

In der Ost- und Süd­ukrai­ne ist der Anteil der eth­ni­schen Rus­sen sehr hoch.

Wirk­li­che Selb­stän­dig­keit erlang­te die Ukrai­ne aller­dings erst 1991, als die Sowjet­uni­on zer­fiel. Seit­her wird eine star­ke Ukrai­ni­sie­rung betrie­ben, so wie es vor 1918 eine Rus­si­fi­zie­rung gab. Den­noch läßt sich bei der Fra­ge nach der Mut­ter­spra­che und der Umgangs­spra­che die Zwei­tei­lung der Ukrai­ne auch 30 Jah­re nach der Unab­hän­gig­keit ziem­lich genau erken­nen. Was jahr­hun­der­te­lang zwi­schen Groß- und Klein­rus­sen kei­ne Rol­le spiel­te, näm­lich sprach­li­che Unter­schie­de, die wer­den nun beson­ders her­aus­ge­stri­chen. Das wird von man­chen bedau­ert, von ande­ren sogar abge­lehnt. Es ist jedoch zur Kennt­nis zu neh­men. Es gibt gute Grün­de, wes­halb die Ukrai­ne als eige­ner Staat anzu­er­ken­nen ist, die nicht mit der Fra­ge zu tun haben, ob Ukrai­nisch eine eige­ne Spra­che oder nur eine rus­si­sche Mund­art ist. 

Die Krim-Fra­ge wird in die­sen Über­le­gun­gen aus­ge­klam­mert, da die­se Halb­in­sel histo­risch kein Teil der Ukrai­ne ist, die­ser nur weni­ge Jahr­zehn­te ange­hör­te und nie von Ukrai­nern bewohnt wur­de. Vor 1941 leb­ten auf der Krim mehr Deut­sche als Ukrai­ner. Die Krim kam erst 1954 durch eine „Schnaps­lau­ne“ Chruscht­schows zur Ukrai­ne. Wer dar­aus „histo­ri­sche“ Ansprü­che der Ukrai­ne auf die Krim ablei­ten will, wie es vor allem 2014 ver­sucht wur­de, bewies vor allem feh­len­de Geschichts­kennt­nis. Daß es den­noch gesche­hen ist, zeigt, wie wenig es um histo­ri­sche Wahr­heit und Gerech­tig­keit geht – übri­gens auf bei­den Sei­ten –, son­dern um Machtstreben.

Die mit Rom Unierten

Als Fol­ge der Unord­nung, die durch die Mon­go­len im Osten ent­stan­den war, ver­stärk­ten sich die Bestre­bun­gen der ortho­do­xen Kir­chen­hier­ar­chie, sich in die Ein­heit mit Rom zu bege­ben. Auf dem Kon­zil von Flo­renz unter­zeich­ne­te der Metro­po­lit von Kiew und ganz Ruß­land, der rang­höch­ste Bischof der rus­si­schen Kir­che, der damals schon in Mos­kau resi­dier­te und Vor­gän­ger der spä­te­ren Mos­kau­er Patri­ar­chen war, am 6. Juli 1449 fei­er­lich die Uni­on mit Rom. Auch der Patri­arch von Kon­stan­ti­no­pel, dem der Metro­po­lit unter­stand, und der byzan­ti­ni­sche Kai­ser taten dies. Sie behiel­ten den byzan­ti­ni­schen Ritus bei, erkann­ten den Papst als Kir­chen­ober­haupt an und woll­ten die Kir­chen­ein­heit zwi­schen Ost- und West­kir­che vollziehen.

Was­si­li II., der Groß­fürst von Mos­kau aus dem Ruri­k­iden­ge­schlecht, des­sen Mut­ter Litaue­rin war, lehn­te die­se Uni­on jedoch aus poli­ti­schen Grün­den ab, ließ den Metro­po­li­ten abset­zen und ver­hin­der­te die Umset­zung der Kir­chen­uni­on. Nur in Klein­ruß­land, ein Begriff den zunächst das Patri­ar­chat von Kon­stan­ti­no­pel präg­te – um genau zu sein, in jenen Gebie­ten der heu­ti­gen Ukrai­ne, die damals unter pol­ni­scher und litaui­scher Ober­ho­heit stan­den –, konn­te sich der Eini­gungs­wunsch behaup­ten und führ­te 1596 in der Uni­on von Brest zur Grün­dung der Ukrai­ni­schen grie­chisch-katho­li­schen Kir­che, die mit Rom uniert ist. Die­se Katho­li­ken des byzan­ti­ni­schen Ritus wer­den daher als „Unier­te“ bezeich­net. Natür­lich sprach damals noch nie­mand von einer „ukrai­ni­schen“, son­dern von einer „ruthe­ni­schen“ Kir­che. Die heu­ti­ge Bezeich­nung Ukrai­ni­sche grie­chisch-katho­li­sche Kir­che exi­stiert erst seit 1990.

Fast 15 Pro­zent der Ukrai­ner sind katho­lisch: Zwölf Pro­zent gehö­ren der ukrai­ni­schen grie­chisch-katho­li­schen oder in der Kar­pa­tou­krai­ne der ruthe­ni­schen grie­chisch-katho­li­schen Kir­che an (bei­de mit byzan­ti­ni­schem Ritus), wei­te­re fast drei Pro­zent sind römisch-katho­lisch (mit latei­ni­schem Ritus). In den Tei­len der Ukrai­ne, die bis 1918 zu Öster­reich gehör­ten, stel­len sie die Mehrheit.

Noch grö­ßer ist der Anteil der Rus­sisch­spra­chi­gen, die sich oft auch als Rus­sen (Klein­rus­sen) füh­len. Die erste Zahl Rus­sisch, zwei­te Zahl Zwei­spra­chi­ge, drit­te Zahl Ukrainisch.

Die­se histo­risch bemer­kens­wer­te und ob des Ein­heits­ge­dan­kens zwi­schen Ost- und West­kir­che fas­zi­nie­ren­de grie­chisch-katho­li­sche Prä­senz in der Ukrai­ne ist den­noch für Papst Fran­zis­kus zugleich ein Dilem­ma. Als er sich im Febru­ar 2016 als erster Papst der Geschich­te auf Kuba mit dem ortho­do­xen Mos­kau­er Patri­ar­chen traf, war dies ein histo­ri­scher Moment. In einer in Havan­na unter­zeich­ne­ten Gemein­sa­men Erklä­rung kam Fran­zis­kus dem Patri­ar­chen Kyrill I., des­sen Mut­ter Bal­ten­deut­sche war, soweit ent­ge­gen, daß unter den unier­ten Ukrai­nern hell­ste Auf­re­gung herrsch­te. Es schien, als habe der Papst sie fal­len­ge­las­sen und Mos­kau aus­ge­lie­fert. Patri­arch Kyrill hat­te näm­lich betont, daß die Exi­stenz der Unier­ten in der Ukrai­ne das größ­te Hin­der­nis in den Bezie­hun­gen zwi­schen Rom und Mos­kau sei­en. Fran­zis­kus wider­sprach nicht wirklich.

Unter rus­si­scher Herr­schaft wur­de die Uni­on der Klein­rus­sen mit Rom immer unter­drückt und ver­folgt. Das hat­te reli­giö­se und poli­ti­sche Grün­de. Die ortho­do­xe Kir­che ver­tritt ein kla­res Ter­ri­to­ri­al­prin­zip. In jedem Land kann es nur eine kano­ni­sche Kir­che geben, die die Juris­dik­ti­on aus­übt, in Ruß­land, ganz Ruß­land, eben die rus­sisch-ortho­do­xe Kir­che. Die Unier­ten sind in ortho­do­xen Augen dop­pelt abtrün­ni­ge Ortho­do­xe, also nicht nur Schis­ma­ti­ker, son­dern Häre­ti­ker. Die Regie­run­gen ver­folg­ten die Unier­ten, weil sie als eine „Fünf­te Kolon­ne“ aus­län­di­scher Kräf­te gese­hen wur­den und den inne­ren Frie­den stör­ten. Unter den Kom­mu­ni­sten kam noch eine gene­rel­le Kir­chen­feind­lich­keit hin­zu. Als Sta­lin im Zuge des Zwei­ten Welt­krie­ges der ortho­do­xen Kir­che, die er zuvor fast ver­nich­tet hat­te, wie­der mehr Raum bot, um die Kampf­be­reit­schaft der Rus­sen zu stär­ken, galt das für die Unier­ten nicht. Ihr Kern­ge­biet besetz­te die Sowjet­uni­on erst 1939 im Zuge der Auf­tei­lung Polens durch den deutsch-sowje­ti­sche Nicht­an­griffs­pakt. Die Unier­ten ver­lo­ren alle ihren Kir­chen, die ent­we­der pro­fa­niert oder den Ortho­do­xen über­ge­ben wur­den. Die­se Erfah­rung erklärt, war­um im Westen des Lan­des, wo aus Klein­rus­sen Ukrai­ner gewor­den waren, die Unier­ten so ent­schie­de­ne Ver­fech­ter des Ukrai­ner­tums und einer selb­stän­di­gen, mög­lichst an den Westen ange­bun­de­nen Ukrai­ne sind.

Die orthodoxe Kirche

Die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung in der Ukraine/​Kleinrußland ist ortho­dox und war es immer. Sie unter­stand dem Metro­po­li­ten von Kiew, der im Lau­fe der Zeit zum Patri­ar­chen von Mos­kau wur­de. Da Wla­di­mir Putin den Wie­der­auf­bau Ruß­lands nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­uni­on unter ande­rem auf die rus­sisch-ortho­do­xe Kir­che stützt, wird die Abhän­gig­keit der ortho­do­xen Ukrai­ner vom Mos­kau­er Patri­ar­chat als Gefahr einer stän­di­gen rus­si­schen Ein­mi­schung gese­hen. Aus die­sem Grund ent­stand 2018, nicht zuletzt unter dem Druck der pro­west­li­chen ukrai­ni­schen Regie­rung, eine ukrai­nisch-ortho­do­xe Kir­che mit einem Metro­po­li­ten als Ober­haupt. Die­ser neu­en Kir­che ver­wei­gert das Mos­kau­er Patri­ar­chat aber die Aner­ken­nung der Autoke­pha­lie. Kyrill nennt sich Patri­arch von Mos­kau und ganz Ruß­land. Die­sen Titel hat­ten die Patri­ar­chen von ihren direk­ten Vor­gän­gern, den Metro­po­li­ten von Kiew und ganz Ruß­land geerbt. Die kirch­li­che Juris­dik­ti­on auf rus­si­schem Boden, ob groß‑, weiß- oder klein­rus­sisch, ste­he allein ihm zu. Wer davon etwas weg­neh­men will, sei ein Usur­pa­tor und Schismatiker.

Die vor­herr­schen­de Kir­che nach Obla­sten. Im Süd­we­sten sind die Unier­ten füh­rend, wäh­rend die Ortho­do­xen sich zwi­schen ukrai­ni­scher und rus­si­scher Kir­che auf­tei­len. Hell­blau ist das Gebiet, das erst 1939 von der Sowjet­uni­on besetzt und der Ukrai­ni­schen Sozia­li­sti­schen Sowjet­re­pu­blik zuge­wie­sen wurde.

Damit wur­de der Ukrai­ne­kon­flikt in die ortho­do­xe Kir­che hin­ein­ge­tra­gen, die seit­her in die­ser Fra­ge tief gespal­ten ist. Die Autoke­pha­lie einer Kir­che muß durch die kano­ni­schen Kir­chen aner­kannt wer­den. Der Patri­arch von Kon­stan­ti­no­pel begün­stig­te die Grün­dung der neu­en Kir­che. Grund genug, die Fun­ken zwi­schen Mos­kau und Kon­stan­ti­no­pel flie­gen zu las­sen. Am 6. Janu­ar 2019 erkann­te Bar­tho­lo­mä­us I. von Kon­stan­ti­no­pel die neue Kir­che an. Mos­kau erklär­te dar­auf zwar nicht offi­zi­ell den Bruch, voll­zog ihn aber fak­tisch. Die rus­sisch-ortho­do­xe Kir­che ist mit etwa 110 Mil­lio­nen Gläu­bi­gen die weit­aus größ­te Kir­che der Ortho­do­xie.
Doch auch die Ortho­do­xen in der Ukrai­ne sind trotz der Grün­dung einer eige­nen Kir­che tief gespal­ten. Etwa 53 Pro­zent der Ukrai­ner sind ortho­do­xe Chri­sten, wobei die ukrai­nisch-ortho­do­xe und die rus­sisch-ortho­do­xe Kir­che etwa gleich stark sind. Auch hier gilt: Die Kie­wer Kir­che ist in der West- und Zen­tral­ukrai­ne, die Mos­kau­er Kir­che in der Ost- und Süd­ukrai­ne stark, wobei hier man­gels genau­er Erhe­bun­gen eini­ge Unge­nau­ig­kei­ten zu berück­sich­ti­gen sind und eini­ges im Fluß ist. Geschätz­te 20 Pro­zent der Ukrai­ner gehö­ren inzwi­schen ver­schie­de­nen pro­te­stan­ti­schen Frei­kir­chen an, beson­ders sol­chen aus den USA, die seit der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung von 1991 sehr inten­siv in der Ukrai­ne tätig sind. Im Gegen­satz zur Ein­fluß­nah­me Ruß­lands auf reli­giö­ser Ebe­ne wird die Ein­fluß­nah­me der USA auf die­ser Ebe­ne kaum the­ma­ti­siert. Und zur Erin­ne­rung: Fast 15 Pro­zent der Ukrai­ner sind katho­lisch, vier Fünf­tel davon grie­chisch-katho­lisch, ein Fünf­tel etwa römisch-katholisch.

Die ukrainische Nationalbewegung

Die ukrai­ni­sche Natio­nal­be­we­gung ent­stand vor 1918 vor allem im damals öster­rei­chi­schen Teil der heu­ti­gen Ukrai­ne. Das war dem öster­rei­chi­schen Staats­grund­ge­setz geschul­det, das eine Aner­ken­nung aller Völ­ker brach­te. In Gali­zi­en waren die Ruthe­nen, wie die Ukrai­ner, damals noch hie­ßen, dem pol­ni­schen Hege­mo­ni­al­stre­ben aus­ge­setzt. Dage­gen hat­te sich die Natio­nal­be­we­gung orga­ni­siert. Als Polen, das selbst erst mit Hil­fe der Mit­tel­mäch­te im Zuge des Ersten Welt­krie­ges wie­der staat­li­che Eigen­stän­dig­keit erlang­te, am Ende des Ersten Welt­krie­ges ukrai­ni­sche und weiß­rus­si­sche Gebie­te besetz­te, ent­stand dort ein ukrai­ni­scher Gue­ril­la­kampf gegen die pol­ni­sche Okku­pa­ti­on. Trä­ger die­ses Kamp­fes waren ukrai­ni­sche Natio­na­li­sten, deren Zie­le sich in wei­te­rer Fol­ge eben­so gegen die Sowjet­herr­schaft rich­te­ten, die­ser aber unter­la­gen. Im Unter­grund und im Aus­land exi­stier­te sie jedoch fort.

Als im Zwei­ten Welt­krieg deut­sche Trup­pen nach Osten vor­stie­ßen, sah die ukrai­ni­sche Natio­nal­be­we­gung eine Gunst der Stun­de, um end­lich eine freie und unab­hän­gi­ge Ukrai­ne errich­ten zu kön­nen. Nach der grau­sa­men kom­mu­ni­sti­schen Ver­fol­gung, man den­ke auch an den Holo­do­mor, den „Roten Hun­ger“, dem vor allem Ukrai­ner zum Opfer fie­len, war die­ses Auf­be­geh­ren mehr als ver­ständ­lich. Die sowje­ti­sche und die rus­si­sche Geschichts­schrei­bung pran­gert die­se Hal­tung seit­her als „Kol­la­bo­ra­ti­on“ mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus an und blen­det die Beweg­grün­de der Unab­hän­gig­keits­be­we­gung aus. Es wer­den grau­sa­me Ver­bre­chen der „Kol­la­bo­ra­teu­re“ ange­pran­gert. Doch von einem Auf­rech­nen soll­te abge­se­hen wer­den, denn seit der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on sind sich die Kriegs­par­tei­en an gegen­sei­ti­gen Grau­sam­kei­ten nichts schul­dig geblie­ben. Es ist bezeich­nend, daß Ste­pan Ban­de­ra, der bekann­te­ste Anfüh­rer der ukrai­ni­schen Natio­nal­be­we­gung, der auf deut­scher Sei­te kämpf­te, aus dem einst öster­rei­chi­schen Gali­zi­en stamm­te. Ban­de­ra, der sich bei Kriegs­en­de dem sowje­ti­schen Zugriff durch Flucht nach Westen ent­zie­hen konn­te, wur­de 1959 vor sei­nem Haus in Mün­chen von einem KGB-Agen­ten ermor­det. Ande­ren Ver­tre­tern der ukrai­ni­schen Unab­hän­gig­keits­be­we­gung, die im west­li­chen Aus­land leb­ten, erging es eben­so. Auch an Ban­de­ra läßt sich die Zwei­tei­lung der heu­ti­gen Ukrai­ne able­sen. Wäh­rend er in der West­ukrai­ne als Natio­nal­held ver­ehrt wird, ist er in der Ost­ukrai­ner als NS-Kol­la­bo­ra­teur verachtet.

Papst Franziskus

Papst Fran­zis­kus bemüht sich im der­zeit so erhitz­ten Moment um Beru­hi­gung. Er ver­mied die har­ten Töne, die aus west­li­chen Staats­kanz­lei­en zu hören sind. An der Hal­tung der Katho­li­ken in der Ukrai­ne besteht dabei kein Zwei­fel, ob römisch- oder grie­chisch-katho­lisch, sie alle sind geschlos­sen anti­rus­sisch ein­ge­stellt und ver­ur­tei­len die rus­si­sche Ein­mi­schung in ukrai­ni­sche Ange­le­gen­hei­ten. Sie haben viel­mehr die inter­na­tio­na­le Staa­ten­ge­mein­schaft um Unter­stüt­zung ange­ru­fen und alle Katho­li­ken um ihr Gebet ersucht.

Die Fra­ge aber ist, was genau ist inne­ru­krai­nisch. Die Gren­zen umfas­sen ein gigan­ti­sches Gebiet, das, wie die heu­ti­ge Ent­wick­lung zeigt, seit der Zwi­schen­kriegs­zeit zu weit nach Osten aus­greift. Das spiel­te 1922 natür­lich kei­ne Rol­le, da man in der Sowjet­uni­on ver­eint war und noch Chruscht­schow der Mei­nung war, wie das Ver­schen­ken der Krim an die Ukrai­ne zeig­te, daß es unter Kom­mu­ni­sten völ­lig gleich­gül­tig sei, ob ein Teil inner­halb der UdSSR die­ser oder jener Sowjet­re­pu­blik ange­hört. Mit dem Ende der Sowjet­herr­schaft ende­te die­se ideo­lo­gisch moti­vier­te, ein­di­men­sio­na­le Sicht­wei­se. Seit­her sind auch ande­re Beweg­grün­de, näm­lich histo­ri­sche, sprach­li­che, reli­giö­se, wirt­schaft­li­che, stra­te­gi­sche, mili­tä­ri­sche und eth­ni­sche Aspek­te in Rech­nung zu stellen.

Der Apo­sto­li­sche Nun­ti­us in Kiew ließ die Ukrai­ner wis­sen, daß Papst Fran­zis­kus „gro­ßes Ver­trau­en in das ukrai­ni­sche Volk setzt, auch wenn die Mehr­heit nicht katho­lisch ist“. Ukrai­ni­sche Katho­li­ken wün­schen sich ein direk­te­res Ein­grei­fen von Fran­zis­kus.

Groß­erz­bi­schof Swia­to­slaw Schewt­schuk, das Ober­haupt der ukrai­ni­schen grie­chisch-katho­li­schen Kir­che, appel­lier­te an Fran­zis­kus, die Ukrai­ne zu besu­chen, da vie­le Ukrai­ner glaub­ten, ein Papst­be­such kön­ne eine rus­si­sche Inva­si­on ver­hin­dern. „Die Leu­te sagen, wenn der Papst in die Ukrai­ne kommt, wird der Krieg enden“, sag­te der Groß­erz­bi­schof noch ver­gan­ge­ne Woche.

In Rom gibt man sich zuge­knöpft. Zu einem „Blitz­be­such“ in der Ukrai­ne gab es kei­ne Äuße­run­gen. Fran­zis­kus pran­ger­te die „Tor­heit des Krie­ges“ an und rief ein­dring­lich zum Frie­den auf. Eine Ver­ur­tei­lung Putins als Aggres­sor, als den ihn die Regie­rung in Kiew und der Westen sehen, sprach der Papst bis­her nicht aus. Nun wird man sehen. Groß­erz­bi­schof Schewt­schuk führ­te eine deut­li­che­re Spra­che, wenn er wirt­schaft­li­che Aggres­si­on, mili­tä­ri­sche Auf­rü­stung und unauf­hör­li­che Des­in­for­ma­ti­on und Pro­pa­gan­da ange­pran­ger­te und ein­sei­tig die Rus­sen dafür ver­ant­wort­lich mach­te. Aus Sicht der unier­ten Katho­li­ken und der ukrai­ni­schen Natio­nal­be­we­gung ist eine sol­che Hal­tung nur zu ver­ständ­lich. Eben­so ver­ständ­lich ist aller­dings das rus­si­sche Inter­es­se am mehr­heit­lich rus­si­schen Teil der Ukrai­ne. So falsch rus­si­sche Ansprü­che auf die gesam­te Ukrai­ne sind, so falsch wäre es, die Inter­es­sen der ortho­do­xen Klein­rus­sen in der Ukrai­ne zu igno­rie­ren. Kei­ner Sei­te steht ein Maxi­ma­lis­mus gut zu Gesicht.

In Rom macht die Ukrai­ne­kri­se auch des­halb besorgt, weil eine Eska­la­ti­on, mit der die Kon­flikt­par­tei­en zu Kriegs­par­tei­en wer­den, die Ent­span­nung im öku­me­ni­schen Dia­log mit Mos­kau zunich­te­ma­chen wür­de. Anfang Dezem­ber hat­te es von rus­sisch-ortho­do­xer Sei­te gehei­ßen, die Plä­ne für ein wei­te­res Tref­fen zwi­schen Papst Fran­zis­kus und dem Mos­kau­er Patri­ar­chen Kyrill I. im Jahr 2022 „schrei­ten vor­an“. Fran­zis­kus bestä­tig­te am 6. Dezem­ber bei einer flie­gen­den Pres­se­kon­fe­renz, daß „ein Tref­fen mit Patri­arch Kyrill nicht all­zu fern scheint“. Das könn­te sich mit dem heu­ti­gen Tag schlag­ar­tig geän­dert haben.

Kommt es zu einem wirk­li­chen Krieg, was immer noch unwahr­schein­lich ist, wäre ein sol­ches Tref­fen undurch­führ­bar. Die Begeg­nung wäre ein offe­ner Punk­te­sieg für die rus­si­sche Sei­te, der von den west­li­chen Staats­kanz­lei­en kaum gedul­det wür­de. Zudem könn­te ein sol­ches Tref­fen als Ver­rat an der ukrai­ni­schen grie­chisch-katho­li­schen Kir­che ange­se­hen wer­den, der größ­ten unter den 23 mit Rom unier­ten katho­li­sche Ost­kir­chen. In der Ukrai­ne ist man seit der Havan­na-Erklä­rung, die von Fran­zis­kus unter­zeich­net wur­de, ohne­hin hellhörig.

Erz­bi­schof Boris Andrij Gud­zi­ak, Erzeparch der ukrai­ni­schen Unier­ten von Phil­adel­phia in den USA, erklär­te unum­wun­den, daß die rus­sisch-ortho­do­xe Kir­che im Fal­le einer rus­si­schen Inva­si­on „mit­schul­dig“ sei. Wenn Fran­zis­kus sich zu sehr auf Patri­arch Kyrill ein­läßt, könn­te der­sel­be Vor­wurf der ukrai­ni­schen Hier­ar­chie auch ihn treffen.

An die­ser Stel­le geht es nicht um poli­ti­sche Aspek­te und Lösun­gen. Den­noch sei erwähnt, dass die Staats­füh­rung in Kiew, egal ob pro­west­lich oder pro­rus­sisch aus­ge­rich­tet, gut bera­ten wäre, vom zen­tra­li­sti­schen Ein­heits­staat abzu­rücken und föde­ra­li­sti­sche Ele­men­te in sei­ne Staats­ord­nung ein­zu­bau­en. Die Schweiz ist seit 170 Jah­ren ein Erfolgs­mo­dell im Aus­gleich sprach­li­cher, eth­ni­scher, histo­ri­scher und reli­giö­ser Unter­schie­de. Das erstaun­li­cher­wei­se den­noch so wenig Beach­tung findet.

Bild: Wiki­com­mons

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