Der Siegeszug der Pornotheologie

Von der Pornotheologie zur Homo-Häresie

Der Neuthomist Pater Cornelio Fabro (1911–1995) wurde 1935 für den Stigmatinerorden zum Priester geweiht. Er hatte Lehrstühle für Theoretische Philosophie, Metaphysik, Geschichtsphilosophie und Philosophie inne.
Der Neuthomist Pater Cornelio Fabro (1911–1995) wurde 1935 für den Stigmatinerorden zum Priester geweiht. Er hatte Lehrstühle für Theoretische Philosophie, Metaphysik, Geschichtsphilosophie und Philosophie inne.

Ver­gan­ge­ne Woche soll­te vor dem Köl­ner Amts­ge­richt das Straf­ver­fah­ren gegen zwei Prie­ster, Prof. Dari­usz Oko und Prof. Johan­nes Stöhr, ver­han­delt wer­den. Es wur­de dann aber um zwei Mona­te ver­scho­ben. Den ange­klag­ten Prie­stern dro­hen bei Ver­ur­tei­lung drei Mona­te bis fünf Jah­re Frei­heits­ent­zug für die Ver­öf­fent­li­chung eines wis­sen­schaft­li­chen Auf­sat­zes, der die Mecha­nis­men auf­zeigt, wie homo­se­xu­el­le Seil­schaf­ten in der katho­li­schen Kir­che Min­der­jäh­ri­ge und Erwach­se­ne sexu­ell kor­rum­pie­ren und aus­beu­ten. Ange­zeigt wur­den sie wegen „Volks­ver­het­zung“ von einem katho­li­schen Prie­ster, der sich selbst als homo­se­xu­ell bekennt und im ver­gan­ge­nen Jahr „Homo-Seg­nun­gen“ vor­nahm, unter ande­rem in einer Schwu­len-Sau­na, und der bereits in der Ver­gan­gen­heit wegen sei­nes Lasters eine unrühm­li­che Rol­le spiel­te. Zur Ver­tei­di­gung von Prof. Oko und Prof. Stöhr wur­de eine Peti­ti­on initi­iert, die „Nein zur Zen­sur des Wor­tes“ sagt, denn dar­um geht es: Stim­men, die sich der sich aus­brei­ten­den Homo-Häre­sie in den Weg stel­len, sol­len mund­tot gemacht wer­den. Von Prof. Oko stammt der Begriff Homo-Häre­sie, um das dop­pel­te Phä­no­men homo­se­xu­el­ler Seil­schaf­ten in der Kir­che zu benen­nen, die sich gegen­sei­tig decken und Posten ver­schaf­fen und zugleich mehr oder weni­ger im Ver­bor­ge­nen auf eine Ände­rung der kirch­li­chen Leh­re zur Homo­se­xua­li­tät hin­ar­bei­ten. Die Rede ist vom kirch­li­chen Zweig der inter­na­tio­na­len Homo-Lob­by, die seit den 80er Jah­ren, im Zuge der AIDS-Aus­brei­tung, zuneh­men­de Unter­stüt­zung durch das Estab­lish­ment und den Main­stream erhält. Vor eini­gen Jahr­zehn­ten präg­te ein ande­rer Prie­ster den Begriff Por­no­theo­lo­gie, an den in die­sem Zusam­men­hang erin­nert wer­den soll, um zu zei­gen, daß die Ent­wick­lung schon län­ger zurück­reicht.
Por­no­theo­lo­gie ist ein Begriff, den Pater Cor­ne­lio Fab­ro, ein Stig­ma­ti­ner, präg­te, um eine bestimm­te pro­gres­si­ve Strö­mung zu benen­nen, von der nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil die katho­li­sche Moral­theo­lo­gie umge­sto­ßen wur­de. Die­ses Phä­no­men trat Anfang der 1970er Jah­re auf und ist inzwi­schen in das Lehr­amt ein­ge­drun­gen. Vor die­sem Hin­ter­grund sind auch die Angrif­fe auf Bene­dikt XVI. zu sehen.

Der Siegeszug der Pornotheologie

von Ste­fa­no Fontana*

Der Leit­ar­ti­kel von Ric­car­do Cascio­li, Chef­re­dak­teur der Nuo­va Bus­so­la Quo­ti­dia­na, über die Homo-Lob­by als Matrix der Angrif­fe gegen Bene­dikt XVI. macht deut­lich, daß es sich dabei natür­lich um ein Netz­werk per­sön­li­cher Ver­bin­dun­gen han­delt, um sich gegen­sei­ti­ge Deckung zu gewähr­lei­sten und gemein­sa­me Fein­de in der Kir­che zu bekämp­fen, aber auch um theo­lo­gi­sche Posi­tio­nen, die als Deck­man­tel für die eige­nen Bestre­bun­gen und kon­kre­ten Aktio­nen geför­dert wer­den. Die Homo-Agen­da besteht aus gegen­sei­ti­gen Gefäl­lig­kei­ten ihrer Mit­glie­der, aber sie rühmt sich auch theo­lo­gi­scher Recht­fer­ti­gun­gen, um zur Deckung ihrer Ver­hal­tens­wei­sen eine Ände­rung der kirch­li­chen Moral­leh­re herbeizuführen.

Die inter­ne Unter­stüt­zung der Lob­by zielt daher auch auf die Ände­rung der offi­zi­el­len Leh­re der Moral­theo­lo­gie ab, indem bei­spiels­wei­se der Text des Kate­chis­mus über homo­se­xu­el­le Hand­lun­gen geän­dert oder der Ehe­bruch wie­der­ver­hei­ra­te­ter Geschie­de­ner, die more uxorio zusam­men­le­ben, zu einer Art Unfall auf dem Weg der Unter­schei­dung redu­ziert wird, und ande­res mehr.

Ste­fa­no Fontana

Die­ser Ansatz, für den es heu­te nicht nur unter Theo­lo­gen, son­dern auch in der kirch­li­chen Auto­ri­tät und im Lehr­amt der Kir­che ein­deu­ti­ge Anzei­chen gibt, kommt aber nicht aus dem Nichts, denn die (theo­lo­gi­schen) Vor­aus­set­zun­gen dafür wur­den bereits vor über fünf­zig Jah­ren geschaf­fen. In den frü­hen sieb­zi­ger Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts sprach der Phi­lo­soph und Stig­ma­ti­ner­pa­ter Cor­ne­lio Fab­ro von einer „Por­no­theo­lo­gie“, die von „Por­no­theo­lo­gen“ betrie­ben wird. In sei­nem Buch „Das Aben­teu­er der pro­gres­si­ven Theo­lo­gie1 schrieb er, daß die nach­kon­zi­lia­re Moraltheologie:

„(…) im Dreck gelan­det ist und den unge­zü­gel­ten Hedo­nis­mus der kon­sum­ori­en­tier­ten Bour­geoi­sie legi­ti­miert … es bleibt nur noch die Situa­ti­ons­ethik, die Moral der (psy­cho­lo­gi­schen, sozio­lo­gi­schen, poli­ti­schen) Kom­pro­mis­se und der eige­nen Bequemlichkeit“.

Die­se „Por­no­theo­lo­gen“ haben sich „auf die ande­re Sei­te der Bar­ri­ka­de gestellt, auf die des Hedo­nis­mus und der Vul­ga­ri­tät“, sie spre­chen „mit äußer­ster Ernst­haf­tig­keit von der befrei­en­den Funk­ti­on des Mar­xis­mus und des exzes­siv­sten Freu­dia­nis­mus …, sie ergrei­fen offen Par­tei gegen das aus­er­wähl­te Volk der Gläu­bi­gen“, und „was frü­her Schlamm und mora­li­sches Elend war, gilt heu­te als Ver­wirk­li­chung der Persönlichkeit“.

Die „Por­no­theo­lo­gie“, so Pater Fab­ro in noch ent­schie­de­ne­rem Ton, „ist die Ver­höh­nung und Ver­leum­dung der Moral, die die Mär­ty­rer und Hei­li­gen geformt und geprägt hat“.

Die­se Fest­stel­lun­gen decken sich mit der Anpran­ge­rung des „Zusam­men­bruchs der katho­li­schen Moral­theo­lo­gie“, den Bene­dikt XVI. in sei­ner Note zum Miß­brauch vom April 2019 beklagt hat, und mit der berühm­ten Mah­nung von Kar­di­nal Ratz­in­ger in der Mes­se pro eli­gen­do Pon­ti­fice vom 18. April 2005, daß so vie­le in der Kir­che bereit sind, sich „vom Wind­stoß irgend­ei­ner Lehr­mei­nung hin- und her­trei­ben zu las­sen“, unter dem nichts bleibt als „das eige­ne Ich und sei­ne Gelü­ste“. Die­se Aus­sa­ge war viel­leicht immer in einem meta­pho­ri­schen Sinn ver­stan­den wor­den, aber im Lich­te von Fabros „Por­no­theo­lo­gie“ wird sie in ihrem wört­li­chen Sinn ver­ständ­lich. Bene­dikt XVI. wird zuge­ben, daß Pater Fab­ro ihm vor­aus­ge­eilt ist: Er hat alles lan­ge vor ihm vorausgesehen.

1973 präg­te P. Fab­ro den Begriff der „Por­no­theo­lo­gie“

Pater Fab­ro schrieb, was ich soeben erwähnt habe, nach zwei Ereig­nis­sen, die sich in der Kir­che jener Jah­re zuge­tra­gen hat­ten: der Tagung ita­lie­ni­scher Theo­lo­gen im Janu­ar 1971 in Aric­cia und der Ver­öf­fent­li­chung des von L. Ros­si und A. Val­sec­chi her­aus­ge­ge­be­nen Dizio­na­rio enci­clo­ped­ico di teo­lo­gia mora­le (Enzy­klo­pä­di­sches Wör­ter­buch der Moral­theo­lo­gie) 1973 im Ver­lag Pao­li­ne (Pau­lus-Schwe­stern). Wie wir wis­sen, waren die katho­li­schen Ver­la­ge zwi­schen Ende der sech­zi­ger und Anfang der sieb­zi­ger Jah­re des vori­gen Jahr­hun­derts sehr damit beschäf­tigt, eine regel­rech­te redak­tio­nel­le Bom­be zu zün­den, die zu einem neu­en theo­lo­gi­schen Kul­tur­kampf inner­halb der Kir­che füh­ren soll­te. Bei die­ser Bom­be sind die bei­den oben genann­ten Ereig­nis­se von gro­ßer Bedeu­tung. Beim ersten wur­de das Ver­ständ­nis der Theo­lo­gie geän­dert, beim zwei­ten das der Moraltheologie.

Auf der Tagung von Aric­cia und in den 651 Sei­ten des Tagungs­ban­des wur­de Theo­lo­gie als Anthro­po­lo­gie ver­stan­den. Pater Fab­ro schreibt dazu: 

„Die Offen­ba­rung muß gefil­tert, d. h. ver­mit­telt, auf die Dimen­sio­nen der mensch­li­chen Sub­jek­ti­vi­tät redu­ziert und auf eine hori­zon­ta­le Linie gebracht wer­den … Das bedeu­tet, daß das gesam­te Werk der Tra­di­ti­on und des Lehr­am­tes berei­nigt wer­den muß“. 

Als „Haupt­ver­ant­wort­li­chen der Zer­stö­rung“ nennt er Karl Rah­ner. Der Her­aus­ge­ber des Tagungs­ban­des war der Rah­ne­ria­ner Alfre­do Mar­ranzini SJ.

Die neu­en Theo­lo­gen ändern die Metho­de der Theo­lo­gie. Sie hal­ten es für fun­da­men­tal, die Offen­ba­rung im Wan­del der Zeit zu ver­mit­teln, und sie sind der Mei­nung, daß die Kir­che in die Welt ein­tau­chen und an den Zie­len mit­ar­bei­ten müs­se, die sich die­se gesetzt hat. Bis dahin stütz­te sich die Theo­lo­gie auf die Hei­li­ge Schrift, die Tra­di­ti­on, die Leh­re der Väter und Kon­zi­li­en und auf das unfehl­ba­re Lehr­amt der Kir­che. Die neue Theo­lo­gie soll auf der Geschich­te, den Men­schen, der Plu­ra­li­tät der mensch­li­chen Spra­chen und den Situa­tio­nen grün­den. Mit der Ver­ban­nung der Meta­phy­sik muß sie sich auf die Her­me­neu­tik stüt­zen. Für den Rah­ne­ria­ner Dui­lio Boni­fa­zi (Prie­ster der Erz­diö­ze­se Fer­mo) muß sie das „Sein als Zeit und die Zeit als Sein“ begrei­fen. Die Ent­schei­dung für Hei­deg­ger hät­te nicht tref­fen­der for­mu­liert wer­den kön­nen. In Aric­cia wur­de beschlos­sen, daß das Grund­ge­rüst der Theo­lo­gie nicht län­ger die Dog­ma­tik sein soll­te, und tat­säch­lich begann das Dog­ma sich von die­sem Moment an unter den Theo­lo­gen und in den Semi­na­ren nicht mehr guter Gesund­heit zu erfreuen.

Das Enzy­klo­pä­di­sche Wör­ter­buch der Moral­theo­lo­gie von 1973 brach­te die­se Ände­rung in der Moral­theo­lo­gie zur Anwen­dung. Enri­co Chia­vac­ci (Prie­ster der Erz­diö­ze­se Flo­renz), der bis zu sei­nem Tod eine Revi­si­on der kirch­li­chen Leh­re zur Homo­se­xua­li­tät for­der­te, schrieb in die­sem Wör­ter­buch im Ein­trag „Natur­recht“, daß „die Natur des Men­schen dar­in besteht, kei­ne Natur zu haben“. Das bedeu­tet, daß er nur eine Exi­stenz hat, oder, um auf Boni­fa­zis obi­ge For­mu­lie­rung zurück­zu­kom­men, daß der Mensch im wesent­li­chen Zeit ist, Situa­tio­nen ist, die aus ihrem Inne­ren her­aus ver­lau­fen, durch das Gewis­sen ver­mit­telt wer­den, und die mora­li­sche Norm immer wie­der neu gele­sen wer­den muß, da sie weder den Anspruch erhe­ben kann, end­gül­tig begrün­det zu sein, noch in Begrif­fen der Abso­lut­heit aus­ge­drückt zu werden.

Seit­dem hat die Por­no­theo­lo­gie einen wei­ten Weg zurückgelegt.

*Ste­fa­no Fon­ta­na ist Direk­tor des Inter­na­tio­nal Obser­va­to­ry Car­di­nal Van Thu­an for the Social Doc­tri­ne of the Church und Chef­re­dak­teur der Kir­chen­zei­tung des Erz­bis­tums Tri­est. Fon­ta­na pro­mo­vier­te in Poli­ti­scher Phi­lo­so­phie mit einer Arbeit über die Poli­ti­sche Theo­lo­gie. Er lehr­te Jour­na­li­sti­sche Deon­to­lo­gie und Geschich­te des Jour­na­lis­mus an der Uni­ver­si­tät Vicen­za, seit 2007 Phi­lo­so­phi­sche Anthro­po­lo­gie und Phi­lo­so­phie der Spra­che an der Hoch­schu­le für Erzie­hungs­wis­sen­schaf­ten (ISRE) von Vene­dig. Autor zahl­rei­cher Bücher. Zu den jüng­sten gehö­ren „La nuo­va Chie­sa di Karl Rah­ner“ („Die neue Kir­che von Karl Rah­ner. Der Theo­lo­ge, der die Kapi­tu­la­ti­on vor der Welt lehr­te“, Fede & Cul­tu­ra, Vero­na 2017), gemein­sam mit Erz­bi­schof Pao­lo Crepal­di von Tri­est „Le chia­vi del­la que­stio­ne socia­le“ („Die Schlüs­sel der sozia­len Fra­ge. Gemein­wohl und Sub­si­dia­ri­tät: Die Geschich­te eines Miß­ver­ständ­nis­ses“, Fede & Cul­tu­ra, Vero­na 2019).

1 Cor­ne­lio Fab­ro: L’av­ven­tu­ra del­la teo­lo­gia pro­gres­si­sta, Rus­co­ni, Mai­land 1974, Neu­auf­la­ge: Ed. Ivi, Seg­ni 2016.

Einleitung/​Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: NBQ


Von Ste­fa­no Fon­ta­na bis­her veröffentlicht:

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