Traditionis custodes und ein alter Schulheftaufschrieb

Gedanken über Feindbilder, Felsen, falsche Wege und veränderliche Identitäten

Aus einem alten Religionsheft der Autorin
Aus einem alten Religionsheft der Autorin.

Von einer Katholikin

Als ich vor ein paar Jah­ren die Schwel­le von St-Eugè­ne Sain­te-Céci­le in Paris betrat, wuß­te ich nur ansatz­wei­se, was mich in der alten Mes­se, der Mes­se in der außer­or­dent­li­chen Form des römi­schen Ritus, erwar­te­te. Und das war gut so. Mein Herz war maxi­mal offen. Als ich nach der Mes­se über die­sel­be Kir­chen­schwel­le wie­der hin­aus­trat, war vie­les anders. Außer­or­dent­li­ches war geschehen.

Der gre­go­ria­ni­sche Cho­ral, die Men­schen, die um mich her­um in aller Selbst­ver­ständ­lich­keit in den latei­ni­schen Gesang ein­stimm­ten, die Schön­heit des Ortes und der über­ir­di­schen Lit­ur­gie, die Gewän­der, der Weih­rauch, die Ehr­furcht und Lie­be, mit der der eucha­ri­sti­sche Herr emp­fan­gen wur­de in die­ser unvor­stell­bar erha­be­nen und die Her­zen wirk­lich erhe­ben­den hei­li­gen Stil­le, in der sich das Myste­ri­um voll­zog. Kein Prie­ster, kei­ne Meß­die­ner, von denen ich mich ange­starrt fühl­te. Sie sahen alle zum Kreuz. Und zum ersten Mal in mei­nem Leben emp­fing ich die Kom­mu­ni­on auf den Knien und in den Mund. An einer Kom­mu­ni­on­bank, die ein wei­ßes Lin­nen bedeck­te. Ich staun­te wie ein Kind. Ich sah nach oben. Ich nahm nicht, ich emp­fing. Ich war ein Kind. Was das mit mir gemacht hat, begriff ich erst spä­ter rich­tig, als mei­ne Hän­de sich sträub­ten und ich sie nicht mehr hin­hal­ten konnte.

Von alle­dem kein Wort im Motu pro­prio des Pap­stes. Weil es genau das ist, was er fürch­tet. Es ist die mis­sio­na­ri­sche Dimen­si­on der über­lie­fer­ten Lit­ur­gie. Wer ihre Sakra­li­tät erlebt hat und in die neue Mes­se zurück­kommt, stellt sich Fra­gen. Ich begann, ein­fach nur mit dem Blei­stift in der Hand die Meß­bü­cher zu ver­glei­chen. Ich erkann­te kei­nen grö­ße­ren Reich­tum in der „lit­ur­gie­re­for­mier­ten“ Mes­se. Im Gegen­teil. Es fehl­te so viel. Nach und nach begriff ich. Man hat­te mir etwas vor­ent­hal­ten. Das Opfer, das sich in der hei­li­gen Mes­se voll­zieht, erschloß sich mir erst durch die alte Mes­se in sei­ner gan­zen Tie­fe. Ein from­mer Prie­ster beglei­te­te mich dabei. Der eige­ne Gemein­de­pfar­rer dage­gen woll­te mir die­sen unmo­der­nen „Ästhe­ti­zis­mus“ aus­re­den und warf mir „man­geln­de Augen­hö­he mit Gott“ vor.

Ich hat­te ja nicht gewußt, wel­chen Gra­ben die nach­kon­zi­lia­ren Lit­ur­gie­re­for­mer auf­ge­ris­sen hatten!!!

Wohl alles ande­re als zufäl­lig fiel mir vor weni­gen Tagen beim Spei­cher­räu­men ein Ring­buch in die Hand, das alte Heft­auf­schrie­be aus mei­nem Reli­gi­ons­un­ter­richt aus der gym­na­sia­len Mit­tel­stu­fe ent­hält, irgend­wann aus den aus­ge­hen­den 1970er Jah­ren. Wir hat­ten wochen­lang in epi­scher Brei­te alle mög­li­chen Reli­gio­nen bear­bei­tet. Das war offen­sicht­lich sehr wich­tig, denn zum Zwei­ten Vati­ca­num hieß es dann in kind­ge­rech­ter Verknappung:

„Das 2. Vati­ka­ni­sche Kon­zil sag­te, man sol­le ande­re Reli­gio­nen tole­rie­ren. Man soll sich über ande­re Reli­gio­nen infor­mie­ren und die Kir­che soll sie nicht von vorn­her­ein ableh­nen, son­dern die ande­ren Reli­gio­nen als gut erkennen.“

Als ich die Zeich­nung (sie­he oben) damals von der Tafel über­nahm, war ich der offen­sicht­li­chen Indok­tri­na­ti­on noch schutz­los aus­ge­lie­fert. Die Aus­schmückung des Kirch­leins, an dem sich der Leh­rer sicher so nicht ver­tüf­telt hat­te, war eher mei­nem zeich­ne­ri­schen Ver­zier­be­dürf­nis geschul­det als einer emo­tio­na­len Hin­wen­dung zur Kir­che auf dem Felsen.

Das Feind­bild, das Fran­zis­kus gera­de mit sei­nem unsäg­li­chen Schrei­ben zemen­tiert hat, ist ja nicht neu. Fest und sta­tisch heißt eben heu­te starr und rigi­de. Den Fel­sen zu pul­ve­ri­sie­ren, auf dem er nicht mehr steht, ist das Pro­gramm eines Pap­stes, der nicht mehr der Stell­ver­tre­ter Chri­sti genannt wer­den will.

Ja, der Fel­sen… Als Gegen­bild zum Weg taugt er gar nicht so gut, denn genau auf den Fel­sen hat Gott sei­ne Kir­che gebaut und nicht auf syn­oda­len Irr­we­gen und auf Treib­sand, in dem Dog­men und der unbe­ding­te aus­schließ­li­che Wahr­heits­an­spruch der Kir­che zuneh­mend zu ver­sin­ken dro­hen. Wir sehen, wohin uns die „geschicht­li­che Kir­che“ in ihrer „ver­än­der­li­chen Iden­ti­tät“ nach dem Zwei­ten Vati­ca­num und der Lit­ur­gie­re­form geführt hat. Wir erken­nen es an ihren Früch­ten. Es sind schlech­te Früch­te. Es begann bekann­ter­ma­ßen mit dem Volks­al­tar, lit­ur­gi­schen Eigen­mäch­tig­kei­ten der Prie­ster, dem Ein­bre­chen der Lai­en in den Altar­raum und der Ver­drän­gung der Mundkommunion.

Heu­te for­dern Pfar­rer weib­li­che Dia­ko­ne oder gar Prie­ster, unter­stüt­zen Maria 2.0, fin­den Homo­paar­seg­nun­gen in Ord­nung und die Kom­mu­ni­ons­pen­dung an Pro­te­stan­ten nebst ihrem Pastor auch. Wer als Laie sei­nem Schmerz dar­über Aus­druck ver­leiht, ist beim Pfar­rer (und pro­gres­si­ven Gemein­de­re­fe­ren­tin­nen) ganz schnell uner­wünscht und fin­det bei sei­nem Bischof kein Gehör. Die Lit­ur­gie gehört nach wie vor dem Prie­ster, der damit macht, was er will. Coro­na hat das wei­ter beför­dert und gezeigt, wie sehr der Glau­be an die Real­prä­senz Jesu Chri­sti ver­dun­stet ist. Als Mund­kom­mu­ni­kant ist man schon reak­tio­när (obwohl die Hand­kom­mu­ni­on ja nur einem Indult geschul­det ist), und die auch in Coro­na­zei­ten nach der Mes­se wie­der mög­li­che Mund­kom­mu­ni­on tat­säch­lich ein­zu­for­dern, ist ein schie­res Unding, weil man sie ja im Wind­schat­ten der staat­li­chen Coro­na­maß­nah­men kur­zer­hand ver­bo­ten und klamm­heim­lich schon für tot erklärt hat. Man gewär­tigt als Gläu­bi­ger, weg­ge­schickt zu wer­den (Ver­schwin­de end­lich aus mei­ner neu­en Mes­se zu den Tra­dis und stif­te kei­nen Unfrie­den in der Gemein­de). Ist das der viel­be­schwo­re­ne nach­kon­zi­lia­re Geist der neu­en Mes­se? Es gibt sehr gläu­bi­ge Katho­li­ken, aber eine jahr­zehn­te­lan­ge anthro­po­zen­tri­sche Ideo­lo­gi­sie­rung bei gleich­zei­ti­ger kate­che­ti­scher Ver­nach­läs­si­gung hin­ter­ließ eben auch Spu­ren in vie­len See­len und hat auch den Boden für deut­sche syn­oda­le Abwe­ge berei­tet. Auf der ande­ren Sei­te sehe ich, daß Katho­li­ken in Gemein­den der Tra­di­ti­on sicher sind vor dem zeit­gei­stig unka­tho­li­schen Gedan­ken­gut syn­oda­ler Weg­gän­ger, für die es bezeich­nen­der­wei­se kein Macht­wort des Pap­stes gibt, um sie zur Ord­nung zu rufen.

Denn Fran­zis­kus mißt mit zwei­er­lei Maß. Sein Bann trifft die, die in der Ord­nung sind. Die, die der hei­li­gen Kir­che treu blei­ben, auch wenn ihr eige­ner Papst, mit dem sie in der Ein­heit ste­hen, ihnen Untreue und Spal­tungs­wil­len vor­wirft, sie belei­digt, ernied­rigt und ver­stößt. Die syn­oda­len Kir­chen­spal­ter auf dem Weg in eine neue Kir­che, die sich regen­bo­gen­be­flaggt gegen den eige­nen Papst auf­leh­nen, aber auch Maria‑2.0‑Aktivistinnen, die die Kir­che, den Leib Chri­sti, instru­men­ta­li­sie­ren oder gar aus Pro­test ver­las­sen, blei­ben dage­gen unbehelligt.

Der Schlag gegen die Tra­di­ti­on trifft Katho­li­ken ins Herz. Ver­trie­ben aus den Pfarr­kir­chen, die Prie­ster geknech­tet, Bet­teln­müs­sen bei den Bischö­fen, ein lang­fri­stig ange­leg­tes Dezi­mie­rungs­pro­gramm der Tradition.

Umer­zie­hung inklu­si­ve. Reso­zia­li­sie­rung und Gewöh­nung an die neue Mes­se wird als pasto­ra­le Zuwen­dung getarnt. Damit alle Gläu­bi­gen end­lich nicht mehr „als Frem­de oder stum­me Zuschau­er dem Geheim­nis des Glau­bens bei­woh­nen, son­dern mit vol­lem Ver­ständ­nis der Riten und Gebe­te bewusst, fromm und aktiv an der hei­li­gen Hand­lung teil­neh­men“ (Brief des Pap­stes an die Bischö­fe). Erstaun­lich nur, daß gera­de die so Geschmäh­ten für jun­ge Gemein­den, (nicht nur) sonn­täg­li­chen Meß­be­such und regel­mä­ßi­ge Beich­te ste­hen und über­durch­schnitt­lich vie­le Beru­fun­gen hervorbringen.

Fran­zis­kus‘ Zärt­lich­keit, sei­ne Barm­her­zig­keit, sei­ne Zuwen­dung, sie gilt denen an den Rän­dern, den Sün­dern, die in der Sün­de ver­har­ren und die er dar­in ver­har­ren läßt. Er wird sich ver­ant­wor­ten müssen.

Wer bin ich, daß ich mich über die Tra­di­ti­on stel­le? Einen sol­chen Satz wer­den wir nicht hören. Der Papst defi­niert die „Tra­di­ti­on“. Der Ober­hir­te und die Bischö­fe sind ihre Hüter. Er belohnt die­je­ni­gen Hir­ten mit Macht, die ihm mit ihren um die Ein­heit besorg­ten Ant­wor­ten auf die Umfra­ge zu Summorum Pon­ti­fi­cum und ihren Beschwer­den und Kla­gen die benö­tig­te Muni­ti­on gegen die alte Mes­se gelie­fert haben. Jetzt sol­len sie sei­ne Voll­streckungs­ge­hil­fen sein bei der Aus­trock­nung die­ser Quel­le leben­di­gen Katholischseins.

Aller­dings zei­gen die bis­he­ri­gen Reak­tio­nen aus aller Welt, daß der Papst die Rech­nung nicht mit jedem Wirt gemacht hat. Hir­ten haben ihre Wert­schät­zung gegen­über der Tra­di­ti­on aus­ge­drückt und beför­dern sie weiter.

Doch vie­le ver­heh­len auch nicht ihre „gro­ße Genug­tu­ung“ über das Motu pro­prio, die sich offen­sicht­lich aus einem Haß speist, zu des­sen Ent­fes­se­lung der Papst mit sei­nem Schrei­ben bei­getra­gen hat. Ein Beispiel:

“Ich bin froh und erleich­tert, dass sowohl mein Vor­gän­ger als auch ich Zele­bra­tio­nen im nun mehr Gott sei Dank nicht mehr so genann­ten außer­or­dent­li­chen Ritus in unse­rer Abtei­kir­che nie gestat­tet haben.“

(Pater Albert Kne­bel OSB, Kon­ven­tu­al­pri­or der Abtei Neres­heim, auf deren Internetseite)

Und so wird es auch vie­le Bischö­fe geben, die nun end­lich nach Guts­her­ren­art schal­ten und wal­ten kön­nen und die unge­lieb­ten „Tra­di­tio­na­li­sten“ end­gül­tig am Nasen­ring und an der kur­zen Lei­ne mei­nen füh­ren zu kön­nen. Über wel­che Stöck­chen wer­den sie sprin­gen sol­len, damit sie gedul­det wer­den? Zu wel­chem Ver­rat an der Mes­se aller Zei­ten wird man sie zwin­gen wol­len? Wie soll die Umer­zie­hung aus­se­hen? Wie will man die „kon­zils­feind­li­chen Tra­di­tio­na­li­sten“ brechen?

Der Ober­hir­te bekämpft sei­ne eige­nen Scha­fe. Schwar­ze Scha­fe. Böse Scha­fe, die die Her­de ent­zwei­en, die Ein­heit gefähr­den. Scha­fe, die es von der Her­de zu tren­nen gilt, weg­ge­sperrt in Außen­ge­he­ge. Bis sie brav gewor­den sind und zurück­keh­ren „zum Römi­schen Ritus (…), der von den Hei­li­gen Paul VI. und Johan­nes Paul II. pro­mul­giert wur­de“ (Brief des Papstes).

Doch die Scha­fe wer­den die alte Mes­se nicht auf­ge­ben. Sie sind die „Hüter der Tra­di­ti­on“. Sie wer­den das Feu­er bewah­ren und wei­ter­ge­ben. Zuver­sicht­lich, kämp­fe­risch, wie es der Prä­si­dent von Not­re-Dame de Chré­ti­en­té, Jean de Tau­ri­ers, formuliert:

„Not­re-Dame de Chré­ti­en­té wird wei­ter­hin Tau­sen­de von Pil­gern ver­sam­meln, ganz gleich, ob die Zei­chen auf Ver­fol­gung stehen.“

Bild: Autorin

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