50 Jahre Handkommunion – eine verheerende Bilanz

Instruktion Memoriale Domini von 1969

50 Jahre Handkommunion in der katholischen Kirche
50 Jahre Handkommunion in der katholischen Kirche

(Rom) Vor 50 Jah­ren wur­de die Pra­xis der Hand­kom­mu­ni­on in der katho­li­schen Kir­che offi­zi­ell erlaubt. Zum Jah­res­schluß ein Rück­blick auf eine Pra­xis mit ver­hee­ren­der Wir­kung. Ein­ge­führt wur­de sie ohne Not, obwohl der Papst, der sie gewähr­te, selbst Beden­ken äußer­te, die sich auf schwer­wie­gen­de­re Wei­se bestä­tig­ten, als er es sich aus­ma­len konn­te. War­um dem so war, ist schnell erklärt: Man folg­te dem fal­schen histo­ri­schen Beispiel.

Histo­risch las­sen sich ver­schie­de­ne For­men der Kom­mu­ni­ons­pen­dung nach­wei­sen, doch setz­te sich schon in der Zeit der Kir­chen­vä­ter sowohl in der West­kir­che als auch in der Ost­kir­che eine – unter­schied­li­che – Pra­xis der Mund­kom­mu­ni­on durch, die im Früh­mit­tel­al­ter jede Form der Hand­kom­mu­ni­on ver­dräng­te. Dies geschah jeweils aus Grün­den der anbe­ten­den Ehr­furcht für die Real­prä­senz Jesu Christi. 

Grund­sätz­li­che Vor­aus­set­zung für den Kom­mu­nion­emp­fang ist der Stand der Gna­de, was Beich­te und Sün­den­ver­ge­bung ver­langt. Die Erwäh­nung soll­te über­flüs­sig sein, ist sie aber nicht. Vie­le Katho­li­ken wis­sen nicht mehr dar­um und kön­nen auch mit dem Begriff „Stand der Gna­de“ wenig anfan­gen – und das hat nicht zuletzt mit der geän­der­ten Kom­mu­ni­on­pra­xis zu tun.

Zwinglis Kampf gegen den Glauben an die Realpräsenz

Huld­reich Zwing­li, der Begrün­der der soge­nann­ten Refor­mier­ten Kir­che, deren Anhän­ger seit Johan­nes Cal­vin auch Cal­vi­ni­sten (Kal­vi­ni­sten) genannt wer­den, leug­ne­te im 16. Jahr­hun­dert die Real­prä­senz Chri­sti in der hei­li­gen Eucha­ri­stie. Sein Fana­tis­mus dräng­te ihn, den Glau­ben an die Real­prä­senz den Men­schen aus­trei­ben zu wol­len. 1525 ord­ne­te er an, daß erst nach der Wand­lung zum Vater unser gekniet wer­den soll­te. So hiel­ten es auch sei­ne Nach­fol­ger. Zwing­li führ­te die ste­hen­de Hand­kom­mu­ni­on ein, um jeden Zwei­fel zu besei­ti­gen, daß „ein Stück Brot“ ange­be­tet werde.

Das refor­mier­te Patri­zi­at, das kurz dar­auf in den Nie­der­lan­den die Macht an sich geris­sen hat­te, und die katho­li­sche, in eini­gen Gegen­den luthe­ri­sche Bevöl­ke­rungs­mehr­heit unter­drück­te, erließ im Zuge sei­ner Ver­fol­gung der katho­li­schen Kir­che, aber auch der Luthe­ra­ner aus­drück­li­che Ver­bo­te gegen die knien­de Mundkommunion.

Just die Pra­xis der Häre­si­ar­chen Zwing­li und Cal­vin, die die Real­prä­senz Jesu Chri­sti in der hei­li­gen Eucha­ri­stie nicht nur leug­ne­ten, son­dern bekämpf­ten, wur­de nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil in der katho­li­schen Kir­che ein­ge­führt. Dies geschah im offe­nen Wider­spruch zur fast zwei­tau­send­jäh­ri­gen Tra­di­ti­on, die in ihrer histo­ri­schen Ent­wick­lung eben gera­de die anfangs noch vor­han­de­nen For­men der Hand­kom­mu­ni­on ver­wor­fen hat­te, als sich das tie­fe­re Ver­ständ­nis der Eucha­ri­stie entfaltete.

Die­se cal­vi­ni­sti­sche Pra­xis in der katho­li­schen Kir­che setz­te nicht von unge­fähr in den Nie­der­lan­den ein und schwapp­te von dort in die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land über. Der Sprung in die eben­falls stark refor­miert gepräg­te Schweiz war eben­so abseh­bar wie die wei­te­re Aus­brei­tung im gan­zen deut­schen Sprach­raum. Der Hol­län­di­sche Kate­chis­mus von 1966, im Auf­trag der nie­der­län­di­schen Bischö­fe erar­bei­tet und mit der Druck­erlaub­nis von Kar­di­nal Ber­nar­dus Alfrink ver­öf­fent­licht, hat­te sich sogar in der Leug­nung der Real­prä­senz der Leh­re von Zwing­li und Cal­vin angenähert. 

Der­sel­be deut­sche Sprach­raum hat­te in den Jah­ren zuvor im pro­gres­si­ven Sinn bereits maß­geb­li­chen Ein­fluß auf das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil (1962–1965) genom­men und „alter­na­ti­ven“ Theo­lo­gien die Türen geöffnet.

Einführung trotz erkannter Gefahren

Obwohl Papst Paul VI. in der Instruk­ti­on Memo­ria­le Domi­ni von 1969 vor Gefah­ren warn­te, erteil­te er den Bischofs­kon­fe­ren­zen die Erlaub­nis, die nur mehr durch lit­ur­gi­schen Archäo­lo­gis­mus fest­stell­ba­ren ein­sti­gen For­men der Hand­kom­mu­ni­on in ihren Gebie­ten zu gewäh­ren. Vor einem sol­chen Archäo­lo­gis­mus hat­te noch Pius XII. gewarnt.

Im deut­schen Sprach­raum wur­de sofort von die­ser Mög­lich­keit Gebrauch gemacht. Eben­so in Län­dern, deren ton­an­ge­ben­de Bischö­fe unter deut­schem Ein­fluß stan­den, wie die Erz­bi­schö­fe von Mon­te­vi­deo in Uru­gu­ay. So führ­ten die Bischofs­kon­fe­ren­zen von Uru­gu­ay und Boli­vi­en bereits 1969 die Hand­kom­mu­ni­on ein. 1971 auch Para­gu­ay. Ande­re Län­der folg­ten erst spä­ter: Spa­ni­en 1976, die USA 1977, die Phil­ip­pi­nen 1989, Kolum­bi­en 1991, Vene­zue­la 1993, Polen erst 2005. In Argen­ti­ni­en, der Hei­mat von Papst Fran­zis­kus, erlaub­te die Bischofs­kon­fe­renz im Mai 1996 die Hand­kom­mu­ni­on. Damals war Kar­di­nal Quar­r­a­ci­no Pri­mas, Ber­go­glio sein bevor­zug­ter Weih­bi­schof, der ein Jahr spä­ter sein Erz­bi­schof-Koad­ju­tor und Nach­fol­ger wurde.

Paul VI. führ­te damit jene „Dezen­tra­li­sie­rung“ ein, die fast ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter zu einem Zau­ber­wort des Pon­ti­fi­kats von Papst Fran­zis­kus wur­de. Er selbst führt kei­ne ande­re Pra­xis ein, erlaubt aber ande­ren – den Bischofs­kon­fe­ren­zen –, eine ande­re Pra­xis einzuführen.

Paul VI. warn­te zugleich vor Gefah­ren, die mit der Ein­füh­rung der Hand­kom­mu­ni­on ver­bun­den sein könn­ten. Kon­kret nann­te er: 

  • Sakra­men­ten­schän­dung,
  • Ehr­furchts­ver­lust und 
  • schlei­chen­de Ver­fäl­schung der Glau­bens­leh­re über die hei­li­ge Eucharistie.

Die­ser Wider­spruch in der Hal­tung des dama­li­gen Pap­stes läßt den Druck erah­nen, der aus dem deut­schen, beson­ders dem nie­der­deut­schen Raum auf Rom aus­ge­übt wur­de. Dort prak­ti­zier­ten Prie­ster bereits den offe­nen Wider­spruch. Die­sen Unge­hor­sam woll­te Paul VI. durch sei­ne „Erleich­te­rung“, so eine wohl­wol­len­de Deu­tung, über die Orts­bi­schö­fe kana­li­sie­ren. Die Mit­tel, die er dafür wähl­te, erwie­sen sich als nicht ziel­füh­rend. Im Gegen­teil. Sie legi­ti­mier­ten den Unge­hor­sam, der sich auch in ande­ren Berei­chen zeig­te, und mach­ten den Wider­spruch zur domi­nan­ten Praxis. 

Man könn­te auch von Kapi­tu­la­ti­on sprechen. 

Zwinglis und Calvins Saat geht erneut auf

Das Ver­ständ­nis des Altarsa­kra­ments, Paul VI. hat­te davor gewarnt, erleb­te durch die geän­der­te Kör­per­hal­tung einen radi­ka­len Wan­del. Folgt man den Aus­füh­run­gen des Kir­chen­recht­lers Georg May, war dies von den Rebel­len auch so gewollt, da in den Nie­der­lan­den der Glau­ben zahl­rei­cher Prie­ster an die Real­prä­senz bereits erschüt­tert war. 

Aus der Eucha­ri­stie wur­de ein Mahl, neu­er­dings pla­stisch in Sze­ne gesetzt durch die Mode, Kir­chen als Restau­rants und Mensen zur Armen­aus­spei­sung, für Weih­nachts­es­sen oder auch päpst­li­che Fest­ban­ket­te mit Migran­ten und Häft­lin­gen zu gebrau­chen und zu miß­brau­chen. Das Gemein­schafts­mahl ver­drängt die Real­prä­senz Jesu Chri­sti. Letz­te­re Ent­wick­lung ist eine Erfin­dung der 1968 gegrün­de­ten Gemein­schaft von Sant’Egidio, die unter dem der­zei­ti­gen Pon­ti­fi­kat Auf­trieb verspürt.

Rück­blickend besteht kein begrün­de­ter Zwei­fel, daß die von Paul VI. aus­ge­spro­che­nen, aber von ihm selbst offen­bar nicht aus­rei­chend ernst­ge­nom­me­nen Gefah­ren die Kir­che erfaß­ten und sich in ihr wie ein Flä­chen­brand aus­brei­te­ten. Dabei hilft auch die theo­re­tisch rich­ti­ge Fest­stel­lung nicht, daß die hei­li­ge Kom­mu­ni­on auch als Hand­kom­mu­ni­on ehr­fürch­tig und wür­dig emp­fan­gen wer­den kann. Die Rea­li­tät zeigt, daß es sich dabei um einen abstrak­ten Dis­kurs han­delt, da Ver­ständ­nis und Han­deln immer in einem kon­kre­ten Kon­text erfol­gen, und daß äuße­re Gesten daher nicht belie­big sein kön­nen, son­dern in einer direk­ten Wech­sel­wir­kung mit der inne­ren Hal­tung ste­hen. Die Pra­xis zeigt, daß Zwing­lis und Cal­vins Ein­füh­rung der ste­hen­den Hand­kom­mu­ni­on letzt­lich genau das zur Fol­ge hat, was sie damit bezweck­ten. Das anbe­ten­de, ehr­fürch­ti­ge Knien vor dem Aller­hei­lig­sten beim Kom­mu­nion­emp­fang wur­de von vie­len Gläu­bi­gen – mit kle­ri­ka­ler Unter­stüt­zung – kon­se­quent „wei­ter­ent­wickelt“, indem heu­te viel­fach auch wäh­rend der Wand­lung gestan­den wird. 

Der „mün­di­ge“ Christ kniet nicht, auch nicht vor Gott.

Ideologische Aufladung

Da die Kir­che hier­ar­chisch ver­faßt ist, war der Pra­xis­wan­del nur durch eine Umer­zie­hung des Vol­kes durch einen Teil des Kle­rus mög­lich, der wie­der­um durch die Unter­stüt­zung, zumin­dest ein Gewäh­ren­las­sen von Bischö­fen gedeckt war.

Die Befra­gung aller Bischö­fe der Welt durch den Hei­li­gen Stuhl, die bis zum März 1969 erfolg­te, hat­te eine deut­li­che Mehr­heit gegen eine Ände­rung der über­lie­fer­ten Pra­xis erge­ben. Nur 26 Pro­zent der Bischö­fe spra­chen sich dafür aus, zusätz­lich zur über­lie­fer­ten Pra­xis der knien­den Mund­kom­mu­ni­on auch die ste­hen­de Hand­kom­mu­ni­on zu erlau­ben. Zusätz­lich. An der über­lie­fer­ten Pra­xis soll­te sich nichts ändern. 

Den­noch erlaub­te Paul VI. die Hand­kom­mu­ni­on, die zwar nur „zusätz­lich“ in Form eines Indults, also einer Aus­nah­me von der Regel, gewährt wur­de, in Wirk­lich­keit aber die knien­de Hand­kom­mu­ni­on in eini­gen Län­dern schnell ver­dräng­te. Die Bequem­lich­keit vie­ler Kle­ri­ker unter­stütz­te die­se Entwicklung. 

Ein­mal ver­drängt wur­de an vie­len Orten ein umge­kehr­tes Ver­bot dar­aus. Wer die knien­de Mund­kom­mu­ni­on wünsch­te, also die eigent­li­che Form des Kom­mu­nion­emp­fangs, dem wur­de sie ver­wei­gert. Sie gal­ten als „Stö­ren­frie­de“ der neu­en Ein­heit­lich­keit. Mehr noch: Wer für die Hand­kom­mu­ni­on war, war in der neu­en Les­art für das Kon­zil, wer an der Mund­kom­mu­ni­on fest­hielt, war ein Kon­zils­geg­ner, und das war in den 70er und frü­hen 80er Jah­ren das schlimm­ste Schimpf­wort, das in der katho­li­schen Kir­che denk­bar war. 

Mar­cel Cle­ment schrieb im Okto­ber 1976 in der fran­zö­si­schen Zeit­schrift L’Hom­me Nou­veau:

„Es schleicht sich mehr oder weni­ger die Vor­stel­lung ein, daß der Laie, der die Hand­kom­mu­ni­on prak­ti­ziert, dem Kon­zil gehor­che und der Laie, der die Mund­kom­mu­ni­on prak­ti­ziert, ein Kon­zils­geg­ner sei. In Wirk­lich­keit ist es genau umge­kehrt (…) War­um hat man so vie­len Ordens­frau­en und so vie­len Lai­en die Hand­kom­mu­ni­on vor­ge­schrie­ben, um dem Kon­zil zu gehor­chen? (…) Wäh­rend doch Rom die­se Pra­xis ledig­lich tole­riert hat, um ein zu har­tes Vor­ge­hen gegen die Unge­hor­sa­men zu vermeiden?“ 

Die Austreibung des Exorzismus

Zwing­li hat­te Beich­te, Bann und Exor­zis­mus „aus­ge­trie­ben“. Man kann ohne Über­trei­bung sagen, daß auch ab Ende der 1960er-Jah­re den Gläu­bi­gen die knien­de Mund­kom­mu­ni­on regel­recht aus­ge­trie­ben wur­de. Anders läßt sich die insi­sten­te „Kate­che­se“ für die Hand­kom­mu­ni­on nicht bezeich­nen, mit der Erst­kom­mu­ni­on­kin­dern seit 1970 aus­schließ­lich die Hand­kom­mu­ni­on bei­gebracht wird, wäh­rend die in der Welt­kir­che ordent­li­che Form der Mund­kom­mu­ni­on nicht ein­mal Erwäh­nung fin­det. Noch radi­ka­ler prak­ti­ziert wur­de der gewoll­te „Umbau“ durch die Ent­fer­nung und Zer­stö­rung der Kom­mu­ni­onbän­ke, die unmiß­ver­ständ­lich ver­deut­li­chen soll­te, was erwünscht ist, und was nicht. 

In Sum­me häß­li­che Bewei­se für eine seit einem hal­ben Jahr­hun­dert anhal­ten­de Fehl­ent­wick­lung, und dafür, daß gute Absich­ten weder vor Tor­hei­ten noch vor Gefah­ren schützen.

Der baye­ri­sche Prie­ster Wil­helm Schal­lin­ger faßt die Ent­wick­lung in sei­nem 2017 in 2. Auf­la­ge erschie­ne­nen Buch „Das Lamm in Men­schen­hand“ (Patri­mo­ni­um Ver­lag) zusam­men und schreibt, daß die Ein­füh­rung der Hand­kom­mu­ni­on „zu einer ver­hee­ren­den Ehr­furchts- und Glau­bens­lo­sig­keit hin­sichtlich der rea­len Gegen­wart des Herrn in der Eucha­ri­stie geführt hat.“

Papst Bene­dikt XVI. ver­such­te durch sein Vor­bild gegen­zu­steu­ern, indem er bei den Papst­mes­sen nur mehr die Mund­kom­mu­ni­on erlaub­te. Es fehl­te nicht an trot­zi­gen Ver­wei­ge­run­gen „mün­di­ger“, sprich hoch­mü­ti­ger Chri­sten wie der dama­li­gen Köni­gin Sophia von Spa­ni­en und des dama­li­gen deut­schen Bun­des­tags­prä­si­den­ten Nor­bert Lam­mert (CDU) . Fran­zis­kus selbst ergreift auch in die­ser Fra­ge nach außen nicht Par­tei, indem er ganz auf die Kom­mu­ni­ons­pen­dung ver­zich­tet. An der Wer­tung die­ses Wesens­zu­ges schei­den sich die Gei­ster. Unter ihm ist es jedem kom­mu­ni­ons­pen­den­den Prie­ster frei­ge­stellt, ob er Hand- oder Mund­kom­mu­ni­on spen­det. Ent­spre­chend unein­heit­lich ist die Praxis.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

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