Auf Lob von Franziskus folgt harte Kritik von Bischof Eleganti an der Abu Dhabi-Erklärung

Schweizer Bischof kritisiert trügerische Illusion eines egalitären, relativistischen, ökumenischen Friedensreiches












Harte Kritik an der von Papst Franziskus unterzeichneten und jüngst erneut verteidigten Abu Dhabi-Erklärung übt der Schweizer Bischof Marian Eleganti.

Bischof Marian Eleganti OSB, von 1999 bis 2009 Abt der Benediktinerabtei St. Otmarsberg und seither Weihbischof des Bistums Chur, übt harte Kritik an der Erklärung von Abu Dhabi „über die universale Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“, die im vergangenen Februar von Papst Franziskus und dem Großimam von Al-Azhar unterzeichnet wurde.
Das Dokument stieß in der katholischen Kirche auf heftige Kritik. Papst Franziskus wurde von verschiedener Seite aufgefordert, seine Unterschrift zurückzuziehen.

Siehe dazu:
Prof. Roberto de Mattei: Die „Arche der Brüderlichkeit“ und die christliche Liebe
Prof. Roberto de Mattei: „Das schrecklichste Schisma, das die Welt je gesehen hat“
Hubert Hecker: Islamisierung der europäischen Menschenrechte und andere Verwirrungen

Am 6. September legte der Schweizer Bischof und Benediktiner, Msgr. Marian Eleganti, eine harte Kritik an der Erklärung vor, die Aufmerksamkeit verdient. Anlaß dürfte das Lob gewesen sein, das Papst Franziskus Ende August für die umstrittene Abu Dhabi-Erklärung fand und sich „zufrieden“ zeigte über die Konstituierung eines Komitees „zur Verwirklichung der Ziele von Abu Dhabi“.

Der Bischof stößt sich auch an dem zweifelhaften Lob der Freimaurerei für das päpstliche Handeln.

Die universale Mittlerschaft Jesus Christi bleibt ausgeblendet

von Weihbischof Marian Eleganti OSB

Die Abu Dhabi-Erklärung hat manche Schwächen. Ich beschränke mich auf die folgenden:

1

Warum unterschreiben die Muslime nicht die allgemeine Menschenrechtserklärung ohne Scharia-Vorbehalt? Was vermag im Gegensatz dazu eine solche Erklärung durch Autoritäten, die weder von allen Muslimen noch von allen Christen anerkannt werden?

2

Da Gott nicht ein in Sich widersprüchliches Wesen ist, kann er auch nicht eine Heterogenität der Vorstellungen über Ihn und damit die Pluralität der sich widersprechenden Religionen wollen. Vor allem ist der Islam eine explizit antichristliche Religion, die genau das leugnet, was das Wesen des Christentums ausmacht: die Gottessohnschaft Jesu Christi und die damit verbundene Trinität Gottes. Es handelt sich hier um eine Selbstoffenbarung Gottes.

3

Die Behauptung, dass „die Religionen niemals zum Krieg aufwiegeln und keine Gefühle des Hasses, der Feindseligkeit, des Extremismus wecken und auch nicht zur Gewalt oder zum Blutvergießen auffordern“ ist eine unzulässige Vereinfachung, eine Gleichschaltung heterogener, inkommensurabler Glaubensvorstellungen in den unterschiedlichen Religionen und damit eine falsche Behauptung und Geschichtsklitterung. Sie widerspricht insbesondere den Gründungsdokumenten des Islam (Koran und Hadithe), die explizit zu Gewalt auffordern. Auch Christen haben in diesem Zusammenhang Schuld auf sich geladen und nicht immer dem Evangelium gemäss gehandelt. Die kirchliche Lehre vom gerechten Krieg kann hier nicht weiter erörtert werden. Sie bedeutet aber zweifellos einen kulturellen Fortschritt.

4

Im ersten Kapitel des Johannesevangeliums wird die Gotteskindschaft nicht durch die natürliche Zugehörigkeit zur Menschheitsfamilie (nicht aus dem Willen des Fleisches) begründet, sondern durch den Glauben an Jesus Christus und die Taufe im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes (aus Geist und Wasser bzw. aus Gott geboren). Nur die Anerkennung und Annahme der einzigartigen Mittlerschaft Jesu Christi befähigt zu dieser Gotteskindschaft: Allen aber, die Ihn aufnahmen, gab Er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an Seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.“ Joh 1,12f. Man kann Gott nicht zum Vater haben, wenn man die Kirche nicht zur Mutter hat (Cyprian von Carthago).

Damit bin ich bei meinem zentralen Kritikpunkt. Die Abu Dhabi-Erklärung hebt im Vorwort mit dem ersten Satz an: „Der Glaube lässt den Gläubigen im anderen einen Bruder sehen, den man unterstützt und liebt.“ Sie spricht an dieser und anderen Stellen – wie gesagt – unterschiedslos vom «Glauben» (im Christentum: eine übernatürliche, eingegossene Gnade, keine natürlich-religiöse Einstellung). Wessen Glauben? Der Muslime? Der Hindus? Der Buddhisten? Der Atheisten? Jeglicher wahrer (was zeichnet einen solchen aus?), religiöser Glaube begründe – so die Behauptung und der Wunsch der Erklärung – eine universale Brüderlichkeit zwischen allen Menschen, insofern Gott der Schöpfer aller Menschen ist. Ein Blick aber in das Selbstverständnis der Religionen aufgrund ihrer Basisdokumente und ihrer Geschichte führt einem vor Augen, dass dies eine Behauptung ist, welche durch die Geschichte nicht gedeckt wird und eine Illusion bzw. ein frommer Wunsch bleibt.

Der Satz, dass der Glaube den Gläubigen im anderen einen Bruder sehen lässt, könnte im Wortlaut von gläubigen Muslimen auch unterschrieben werden, wenn er sich nur auf Muslime bezieht. Wer garantiert, dass er von den Muslimen in aller Welt im universalistischen, christlichen Sinn verstanden wird und auch in diesem Sinn unterschrieben wurde? Auf jedem Fall ist die Vorstellung dem Islam vollkommen fremd, in jedem Menschen, also auch in Christen, Juden und Ungläubigen (Kuffãr) einen Bruder zu sehen. Wie die Abu Dhabi-Erklärung das Selbstverständnis des Islam, welche die Welt in ein Haus des Friedens (Dãr al-Islãm), wo der Islam herrscht, und in ein Haus des Krieges (Dãr al Harb), wo dies nicht der Fall ist, einteilt, umkrempeln könnte, darf bezweifelt werden. Christen haben im Gegensatz dazu das Gleichnis vom barmherzigen Samariter verinnerlicht, aufgrund dessen sie in jedem Nächsten einen Bruder sehen. Dies ist für sie absolut normativ und geboten, auch ein Grund, weshalb das Christentum wie keine andere Religion zur Humanisierung der Welt beigetragen hat Christus selbst hat sich in den Gleichnissen vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 25-37) und vom Gericht des Menschensohnes über die Völker (Mt 25,31-46) mit jedem Menschen solidarisiert, der prinzipiell und immer zu meinem Nächsten werden kann. Jesus ist für alle Menschen gestorben. Das begründet für Christen eine ganz andere Beziehung zu allen Menschen, unabhängig von deren Glauben und Weltanschauung. Ihre Nächstenliebe geht so weit, auch die Feinde zu umfassen (Inklusion).  Eine solche Vorstellung, z.B. auch die sog. «Feinde» bzw. «Gegner» des Islam zu lieben, erscheint dem Islam als völlig unvernünftig und nicht nachvollziehbar. Was kann daran eine Erklärung ändern von einer Autorität, die gar nicht für alle Muslime und für den Islam insgesamt normativ ist und sprechen kann? Warum wird die Lehre Jesu, alle Menschen zu lieben, die implizit als die eigentliche Quelle der Vorstellung universaler Brüderlichkeit zwischen allen Menschen zu gelten hat, in der Abu Dhabi-Erklärung vom Papst nicht namentlich genannt? Immerhin gilt Jesus auch im Islam als Prophet, ohne paradoxerweise seine Lehre und sein Selbstverständnis wirklich zu übernehmen.

Im Selbstverständnis des Islam bezieht sich die Aussage, dass der Glaube den Gläubigen im anderen den Bruder sehen lässt, in erster Linie auf Muslime. Nur Muslime sind dem gläubigen Muslim echte (Glaubens-) Brüder. Sie bilden die Umma (Glaubensgemeinschaft). Die Andersgläubigen und die Ungläubigen sind im Islam per se Bürger (Menschen?) zweiter Klasse, denn der Mensch wurde in der Vorstellungswelt des Islam schöpfungsmässig als Muslim geboren (der Islam als Urreligion Adams bzw. Abrahams), und Juden wie Christen haben nach muslimischer Überzeugung den wahren Glauben im Laufe der Geschichte verfälscht. Sonst wären sie Muslime (geblieben). Das begründet eine fundamentale Ungleichheit zwischen ihnen und gläubigen Muslimen, welche das Abu Dhabi-Dokument nicht aus der Welt schaffen wird. Man müsste die Konvertiten fragen, z.B. in Ägypten, wo sich die Glaubensschule bzw. die sog. Universität Al-Azhar befindet oder nach Saudi-Arabien, Pakistan, Afghanistan, Nigeria und Indonesien blicken.

Aus christlicher Sicht wird die einzigartige und universale Mittlerschaft Jesu Christi in der Erklärung von Abu Dhabi aufgrund der doppelten Unterschrift ausgeblendet. Das erstaunt bei einem Papst. Wie immer geht die neue Brüderlichkeit auf Kosten der universalen Mittlerschaft Jesu Christi: Sein Wahrheitsanspruch und Seine Mittlerschaft müssen in den Hintergrund treten. Das bildet die Voraussetzung der Erklärung. Sonst hätte wohl der Gross-Imam die Abu Dhabi-Erklärung nicht unterschrieben. Das ist nicht nur in diesem Zusammenhang so. Es verwundert auch nicht, dass die Freimaurer Applaus spendeten, denn das Dokument verkündet genau jene theistische Bruderschaft zwischen allen Menschen, die sie propagieren mit der gleichzeitigen Relativierung aller religiösen Wahrheitsansprüche ausser der eigenen, freimaurerischen. Einmal mehr geht es um den Versuch der friedlichen Koexistenz aller religiösen und philosophischen Widersprüche (Religionen) als dem Maximum, das politisch erträumt werden kann (Koexistenz). Die Tatsache, dass alle Geschöpfe vom selben Schöpfer stammen, hat aber bis jetzt in der Geschichte noch nie zu einer Geschwisterlichkeit aller Menschen in friedlicher Koexistenz geführt. Das ist – christlich gesehen – nur in der universalen Kirche möglich.  Da aber die christlichen Vorstellungen der Mittlerschaft Jesu dem Islam und anderen Religionen fremd, ja zuwider sind, bleibt für sie die universale Geschwisterlichkeit aller Menschen ein Desiderat ohne Begründung in ihrem Selbstverständnis und in ihren eigenen, nicht christlichen, religiösen Fundamenten (z.B. Koran, Hadithe und Scharia). Die mit einer universalen Brüderlichkeit verbundenen Rechte und Pflichten (Menschenwürde und Menschenrechte) bleiben ohne tragfähigen Fundamente.

Die Abu Dhabi-Erklärung propagiert eine Art säkulare «Reich Gottes» – Vorstellung, die nicht den christlichen Glauben (die Wiedergeburt aus Geist und Wasser) zur Voraussetzung hat, sondern eine – wie oben ausgeführt – dem Islam wesensfremde, aber aus christlichen Wurzeln genährte universale Brüderlichkeit. Sie wird vorgestellt als ein naturalistisches, allgemein menschliches und politisches Reich des Friedens. Solche humanitären, im Grunde genommen, rein politischen Friedenskonzeptionen wurden im Lauf der Geschichte immer wieder ausgerufen und revolutionär umgesetzt. Sie werden in Wirklichkeit aus Versatzstücken des christlichen Glaubens bzw. Evangeliums gebildet. Sie sind bis jetzt alle gescheitert und hielten nicht, was sie versprochen und angestrebt haben. Das beste Beispiel dafür ist der Kommunismus.

Das ist deshalb so, weil sie das Herz des Menschen nicht zur Wahrheit über Gott und den Menschen bekehrt haben, sondern menschlichen Theorien folgten, die durch ihre eigene, revolutionäre Geschichte falsifiziert wurden um den Preis von Gewalttaten ungekannten Ausmasses und von Millionen von Toten (vgl. das Schwarzbuch des Kommunismus).

Der einzige, der Gott ist und das Menschenherz wirklich von innen zu erneuern vermag, ist Jesus Christus und sein Evangelium.

Pikanterweise verspricht der allversöhnende Antichrist in Solowjews gleichnamiger Erzählung ein solches egalitäres, relativistisches, ökumenisches Friedensreich, in welchem keiner der Diskursteilnehmer der absoluten Wahrheit das geringste in den eigenen Ansichten zu opfern braucht, vielmehr vom Antichrist genau das zu hören bekommt, was er gerne hört und woran er bereits glaubt. Die friedliche Koexistenz der religiösen Widersprüche unter ihnen im Reich der Brüderlichkeit hat nur einen Haken: die Verleugnung der Mittlerschaft Jesu Christi als Bedingung der Möglichkeit des Friedensreiches. Ich persönlich glaube deshalb nicht an sein Gelingen –auch deshalb, weil die notwendige Hilfe der Sakramente, der rechtfertigenden Gnade Gottes durch den Glauben an Jesus Christus und der Mittlerschaft der Jungfrau Maria, die im Islam hohes Ansehen geniesst, schlichtweg fehlt.

Ich erinnere an die bedenkenswerten eigenen Worte, die Papst Franziskus am 14. März 2013 in der ersten heiligen Messe ausgesprochen hat. Man sollte auch die Abu Dhabi-Erklärung daran messen:

„Wir können gehen, wie weit wir wollen, wir können vieles aufbauen, aber wenn wir nicht Jesus Christus bekennen, geht die Sache nicht. Wir werden eine wohltätige NGO, aber nicht die Kirche, die Braut Christi. Wenn man nicht geht, bleibt man da stehen. Wenn man nicht auf Stein aufbaut, was passiert dann? Es geschieht das, was den Kindern am Strand passiert, wenn sie Sandburgen bauen: Alles fällt zusammen, es hat keine Festigkeit. Wenn man Jesus Christus nicht bekennt, da kommt mir das Wort von Léon Bloy in den Sinn: »Wer nicht zum Herrn betet, betet zum Teufel.« Wenn man Jesus Christus nicht bekennt, bekennt man die Weltlichkeit des Teufels, die Weltlichkeit des Bösen.“

Text: Msgr. Marian Eleganti OSB, Weihbischof von Chur
Bild: vatican.va (Screenshot)

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