Kippt der Oberste Gerichtshof das Urteil Roe gegen Wade? – Ein Hintergrundbericht

Das andere Amerika

Die Pro-Life-Generation, das junge Gesicht des anderen Amerika.
Die Pro-Life-Generation, das junge Gesicht des anderen Amerika.

Am 28. Mai hat­te der Ober­ste Gerichts­hof über Ver­fas­sungs­kla­gen zum Gesetz aus dem Jahr 2016 zu befin­den, das vom dama­li­gen Gou­ver­neur von India­na, Mike Pence, in Kraft gesetzt wor­den war. Das Gesetz schränkt die Tötung unge­bo­re­ner Kin­der ein, und der Repu­bli­ka­ner Mike Pence ist heu­te Vize­prä­si­dent der USA. Wann wer­den die Höchst­rich­ter das Abtrei­bungs­ur­teil Roe gegen Wade von 1973 auf­schnü­ren? Anders als in Euro­pa gibt es in den USA einen ech­ten, mas­sen­taug­li­chen Wider­stand gegen die Abtrei­bung.

Die Höchst­rich­ter bestä­tig­ten Ende Mai einer­seits, daß die sterb­li­chen Über­re­ste der abge­trie­be­nen Kin­der wie Men­schen und nicht wie „Kli­nik­müll“ behan­delt, also bestat­tet oder kre­miert wer­den sol­len. Zugleich ent­schie­den die Rich­ter, sich nicht zum eben­falls im Gesetz fest­ge­schrie­be­nen Abtrei­bungs­ver­bot auf­grund von Geschlecht, Ras­se oder Behin­de­rung zu äußern.

Ein Signal dafür, wie geschwächt der lin­ke Flü­gel am Gerichts­hof bereits ist. Kein Wun­der also, daß eine Gereiz­heit unter den „libe­ra­len“ Rich­tern fest­stell­bar ist.

Spannungen am Obersten Gerichtshof

Der lin­ke Flü­gel hat­te seit dem Urteil Roe gegen Wade von 1973 für Jahr­zehn­te die Mehr­heit am Ober­sten Gerichts­hof. Mit dem Urteil Roe gegen Wade wur­de in den USA die Abtrei­bung lega­li­siert. Durch US-Prä­si­dent Donald Trump wur­de inzwi­schen mit der Ernen­nung von zwei neu­en Rich­tern die bis­he­ri­ge Ach­se ver­scho­ben. Zudem gehö­ren die bei­den älte­sten Rich­ter, Ruth Bader Gins­burg und Ste­phen Brey­er, dem lin­ken Flü­gel an. Bader Gins­burg steht bereits im 87. Lebens­jahr, Brey­er immer­hin im 82. Die Aus­sicht ist rea­li­stisch, daß Trump wei­te­re Neu­be­set­zun­gen vor­neh­men wird kön­nen, vor allem wenn er bei den Wah­len 2020 im Amt bestä­tigt wer­den soll­te.

Als Cla­rence Tho­mas, der ein­zi­ge afro­ame­ri­ka­ni­sche Höchst­rich­ter und mit 71 Jah­ren der älte­ste Ver­tre­ter des kon­ser­va­ti­ven Flü­gels, in der Debat­te für das im Pence-Gesetz von India­na ent­hal­te­ne Abtrei­bungs­ver­bot auf­grund von Geschlecht, Ras­se oder Behin­de­rung Stel­lung nahm, bezeich­ne­te er auch abtrei­bungs­ent­schlos­se­nen Frau­en als „Müt­ter“. Das brach­te die ultra­li­be­ra­le Ruth Bader Gins­burg auf die Pal­me. Sie bezich­tig­te den Katho­li­ken Tho­mas, einen für Frau­en „demü­ti­gen­den“ Begriff zu gebrau­chen:

„Eine Frau, die ihr ver­fas­sungs­mä­ßig geschütz­tes Recht aus­übt, eine Schwan­ger­schaft zu been­den, ist kei­ne ‚Mut­ter‘.“

15 Mona­te vor den näch­sten Prä­si­dent­schafts- und Par­la­ments­wah­len haben sich in den USA die Bemü­hun­gen ver­stärkt, die Abtrei­bungs­fra­ge dort­hin zurück­zu­brin­gen, wo am 22. Janu­ar 1973 mit dem Urteil Roe gegen Wade alles begon­nen hat­te.

Allein seit Jah­res­be­ginn haben 28 Staa­ten mehr als 300 neue Bestim­mun­gen erlas­sen, um den Zugang zur Abtrei­bung ein­zu­schrän­ken. Sie sind Teil einer Wel­le von Maß­nah­men, die von den Repu­bli­ka­ner aus­ge­gan­gen ist. Anstoß dazu war der 40. Jah­res­tag des erwähn­ten Abtrei­bungs­ur­teils Roe gegen Wade. Seit­her haben sich die Bemü­hun­gen deut­lich ver­stärkt, der Mas­sen­tö­tung unge­bo­re­ner Kin­der ein Ende zu berei­ten. Die „Pro­gres­si­ven“ in den USA muß­ten seit­her eine Rei­he von Nie­der­la­gen ein­stecken.

Die neu­en Maß­nah­men zum Schutz des Lebens haben umge­kehrt eine Rei­he von Rechts­strei­ten zur Fol­ge, weil die poli­ti­sche Lin­ke und ihre femi­ni­sti­schen Ver­bün­de­ten die Gerich­te anru­fen, um die Bestim­mun­gen zu Fall zu brin­gen.

Der neun­köp­fi­ge Ober­ste Gerichts­hof war in den Jahr­zehn­ten von 1973 (Abtrei­bungs­le­ga­li­sie­rung) bis 2015 (Homo­ehen­lega­li­sie­rung) der ein­schnei­dend­ste und übel­ste Akteur auf dem Gebiet der Gesell­schafts­po­li­tik. Seit dem 6. Okto­ber 2018 ver­fügt das Höchst­ge­richt erst­mals seit lan­gem über eine kon­ser­va­ti­ve Mehr­heit von fünf (vier Katho­li­ken, ein Pro­te­stant) gegen vier Rich­ter (drei Juden und ein Katho­lik). Seit­her ist bei „libe­ra­len“, also lin­ken Medi­en und Grup­pie­run­gen, bei der Demo­kra­ti­schen Par­tei und natür­lich der Abtrei­bungs­lob­by Feu­er am Dach.

Der im Vor­jahr von Trump ernann­te Höchst­rich­ter Brett Kava­n­augh löste Antho­ny Ken­ne­dy ab. Ken­ne­dy war noch von Ronald Rea­gan ernannt wor­den und zähl­te for­mal zu den Kon­ser­va­ti­ven, stimm­te aber in gesell­schafts­po­li­tisch „heik­len“ Fra­gen mit sei­nen lin­ken Rich­ter­kol­le­gen.

Die Lebens­rechts­be­we­gung, nicht nur in den USA, son­dern welt­weit, hofft auf eine Auf­he­bung des Urteils Roe gegen Wade. Leicht wird das aber nicht wer­den. Der Haupt­grund ist zunächst for­ma­ler Natur. Der Ober­ste Gerichts­hof erklärt unter Tau­sen­den von Ein­ga­ben nur weni­ge für zuläs­sig. Nur die­se wer­den dann auch behan­delt. Zuvor muß ein Fall die unte­ren Gerichts­in­stan­zen durch­lau­fen, was Zeit und Geld in Anspruch nimmt. Zudem müs­sen ver­fas­sungs­re­le­van­te Aspek­te betrof­fen sein. Die Auf­he­bung des Urteils Roe gegen Wade wür­de den Staa­ten die pri­mä­re Zustän­dig­keit in der Abtrei­bungs­fra­ge zurück­ge­ben. Beob­ach­ter hal­ten das in einer so kon­tro­ver­sen Fra­ge für eher unwahr­schein­lich. Selbst wenn ein Fall, der die Grund­satz­fra­ge auf­wirft, alle Hür­den neh­men soll­te, sei der­zeit nicht abseh­bar, wie die Mehr­heit der Rich­ter dann ent­schei­den wür­de. Es gebe sehr vie­le Fak­to­ren, die eine Rol­le spie­len. Von den fünf kon­ser­va­ti­ven Rich­tern mach­te Cla­rence Tho­mas nie ein Hehl aus sei­ner Abnei­gung gegen das Urteil Roe gegen Wade. Die ande­ren kon­ser­va­ti­ven Rich­ter äußer­ten sich bis­her nicht spe­zi­fisch dazu, was mit einer grund­sätz­li­chen Zurück­hal­tung bei den mei­sten Rich­tern zusam­men­hängt, und auch mit der Klug­heit, für Nomi­nie­rungs­ver­fah­ren, wie dem für Höchst­rich­ter, kei­ne offe­nen Flan­ken zu bie­ten.

Alte und neue Herodianer

Ins­ge­samt sind die Abtrei­bungs­zah­len in den USA seit Jah­ren rück­läu­fig. Das gilt auch für die von den Demo­kra­ten regier­ten Staa­ten. Die Grün­de dafür sind nicht ein­deu­tig fest­ge­stellt, wes­halb die Mei­nun­gen dar­über aus­ein­an­der­ge­hen. Die Band­brei­te der Erklä­run­gen reicht von der Wirk­sam­keit restrik­ti­ver Maß­nah­men bis zur zuneh­men­den Ver­la­ge­rung von der chir­ur­gi­schen zur che­mi­schen Abtrei­bung.

Erschwe­rend lastet auf der gan­zen Fra­ge, daß die poli­ti­sche Lin­ke die Abtrei­bungs­fra­ge, ob als Gan­zes oder im Detail, zur con­di­tio sine qua non erklärt hat. Jede Stär­kung des Lebens­rechts wird unter lär­men­dem Geschrei als „Angriff“ gegen „Frau­en­rech­te“, „Fort­schritt“ und „Demo­kra­tie“ gebrand­markt. Jede Dis­kus­si­on wird a prio­ri ver­wei­gert. Zugleich treibt die Lin­ke die Aus­höh­lung des Lebens­rechts wie eine Getrie­be­ne immer wei­ter.

In die­sem Zusam­men­hang ist der Repro­duc­ti­ve Health Act von Gou­ver­neur Andrew Cuo­mo im Staat New York zu sehen, der die Tötung unge­bo­re­ner Kin­der bis zum neun­ten Monat, kurz­um, wäh­rend der gesam­ten Schwan­ger­schaft erlaubt. Die Lin­ke spürt den Druck der Lebens­rechts­be­we­gung, den sie längst über­wun­den glaub­te. Um ihm zu begeg­nen, wol­len die pro­gres­si­ven Kräf­te ent­ge­gen den wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen die gewoll­te Lebend­ge­burt zur „objek­ti­ven“ Schei­de­li­nie zwi­schen einem Men­schen und einem „Zell­hau­fen“ machen, über den belie­big ver­fügt wer­den kann.

Cuo­mo, einer der füh­ren­den Ver­tre­ter der Demo­kra­ti­schen Par­tei, arbei­tet bereits am näch­sten Angriff gegen das Lebens­recht. Er will den Child-Parent Secu­ri­ty Act kip­pen, der die „Leih­mut­ter­schaft“ beschränkt, um „den Traum der Eltern­schaft gleich­ge­schlecht­li­cher Paa­re zu ver­wirk­li­chen. Jetzt und immer. New York steht auf der Sei­te der LGBTQ-Comu­ni­ty“, wie Cuo­mo auf Twit­ter schrieb.

Der links­re­gier­te Staat Illi­nois besei­tig­te zunächst Ein­schrän­kun­gen der beson­ders grau­sa­men Teil­ge­burts-Metho­de, mit der Spät­ab­trei­bun­gen durch­ge­führt wer­den, erklär­te dann offi­zi­ell, daß „ein Embryo oder ein Fötus kei­ne Indi­vi­du­al­rech­te besitzt“, und ersetz­te schließ­lich den Begriff „Frau“ durch „pregnant indi­vi­du­al“ (schwan­ge­re Per­son).

Da wun­dert es nicht, daß der eben­falls von den Demo­kra­ten regier­te Staat Ver­mont von Lob und Applaus des welt­größ­ten Abtrei­bungs­kon­zerns Plan­ned Paren­t­hood über­schüt­tet wur­de. Der Staat erlaubt die „schran­ken­lo­se“ Abtrei­bung und zielt dar­auf ab, die Tötung unge­bo­re­ner Kin­der als „Grund­recht“ in der Staats­ver­fas­sung fest­zu­schrei­ben. Plan­ned Paren­t­hood ist für den Skan­dal des Han­dels mit Kör­per­tei­len abge­trie­be­ner Kin­der ver­ant­wort­lich. Jedes drit­te in den USA durch Abtrei­bung getö­te­te Kind geht auf sein Kon­to.

Im ver­gan­ge­nen Febru­ar fand sich im US-Senat kei­ne Mehr­heit, um den Born-Ali­ve Abor­ti­on Sur­vi­vors Pro­tec­tion Act vor­an­zu­brin­gen. Damit soll den unge­bo­re­nen Kin­dern, die eine Abtrei­bung über­le­ben, ärzt­li­che Für­sor­ge garan­tiert wer­den. Die Demo­kra­ten leh­nen das Gesetz mit der Begrün­dung ab, daß die­se Fäl­le so sel­ten sei­en, daß es kei­nes eige­nen Geset­zes bedür­fe. Das stimmt aller­dings nicht. Die Cen­ters for Dise­a­se Con­trol and Pre­ven­ti­on (CDC), eine Bun­des­be­hör­de des Gesund­heits­mi­ni­ste­ri­ums, zählt für den Zeit­raum 2003–2014 viel­mehr 588 Fäl­le. Das sind 588 Men­schen­le­ben, die wegen des feh­len­den Schut­zes ster­ben muß­ten.

Die Fäl­le rufen den Namen des Gynä­ko­lo­gen Ker­mit Gos­nell in Erin­ne­rung, der die Women’s Medi­cal Socie­ty von Phil­adel­phia lei­te­te und Hun­der­te von ille­ga­len Spät­ab­trei­bun­gen durch­führ­te und Kin­der mit Hil­fe der soge­nann­ten Teil­ge­burt-Metho­de töte­te. Er wur­de 2013 zu drei­mal lebens­läng­lich plus 30 Jah­re Haft ver­ur­teilt. Seit 2011 sitzt er im Gefäng­nis.

Die Eugenik und die Gleichheitsrhetorik

In Euro­pa fra­gen sich des­in­for­mier­te oder denk­fau­le Zeit­ge­nos­sen immer noch, wie Katho­li­ken in den USA Donald Trump wäh­len konn­ten. Der Grund für die Fra­ge ist weni­ger in den USA zu suchen als in Euro­pa. Vie­le Euro­pä­er, auch Katho­li­ken, ver­ste­hen nach Jahr­zehn­ten der Abtrei­bungs­pro­pa­gan­da nicht mehr, daß die Abtrei­bungs­fra­ge nicht nur eine Fra­ge der Moral, son­dern eine Fra­ge von Leben oder Tod ist. In den USA ist die­ses Bewußt­sein hin­ge­gen vor­han­den. Nicht von unge­fähr stö­ren sich man­che dar­an, auch im Vati­kan, und war­nen vor einem neu­en „Kul­tur­kampf“.

Die Katho­li­ken in den USA rund 25 Pro­zent der Wäh­ler­schaft aus. Das ist ein enor­mes Gewicht. Für gläu­bi­ge Katho­li­ken ist die Abtrei­bungs­fra­ge mit einer Rei­he wei­te­rer Fra­gen gekop­pelt wie Eutha­na­sie, Gewis­sens­frei­heit, Gen­der-Ideo­lo­gie, „Leih­mut­ter­schaft“. Für US-Ame­ri­ka­ner müs­sen viel­mehr die Euro­pä­er, die fra­gen, wie Katho­li­ken Trump wäh­len kön­nen, eine Fra­ge beant­wor­tet: Wie soll­te es mora­lisch mehr zu recht­fer­ti­gen sein, für sol­che zu stim­men, der zur Ver­tei­di­gung von angeb­li­chen „pro­gres­si­ven Errun­gen­schaf­ten“ die­sel­ben Begrün­dun­gen ins Feld füh­ren wie die Skla­ven­hal­ter des 19. Jahr­hun­derts, die behaup­te­ten, nie­mand kön­ne sie des „Rechts“ berau­ben, über einen ande­ren Men­schen zu ver­fü­gen.

Die Phi­lo­so­phin Siob­han Nash-Mar­shall vom Man­hat­tan­vil­le Col­le­ge in Purcha­se (New York) rech­ne­te seit 20 Jah­ren damit, daß die Abtrei­bungs­dis­kus­si­on im gro­ßen Stil neu aus­bre­chen wer­de.

„Die Intel­lek­tu­el­len wuß­ten, daß das nur eine Fra­ge der Zeit war: Alle theo­re­ti­schen Begrün­dun­gen zur Recht­fer­ti­gung von Abtrei­bung ste­hen auf wacke­li­gen Bei­nen, und wenn ein The­ma auf theo­re­ti­scher Ebe­ne wackelt, wird es zum Gefan­ge­nen der Pro­pa­gan­da und zur ticken­den Zeit­bom­be“.

Die „Matro­ne“ der Abtrei­bungs­in­du­strie, Mar­ga­ret San­ger (1879–1966), die Grün­de­rin von Plan­ned Paren­t­hood, des­sen Ursprün­ge bis ins Jahr 1917 zurück­rei­chen, behaup­te­te, daß die Gebur­ten­kon­trol­le dazu die­ne, die „Unzu­läng­li­chen“ aus­zu­mer­zen, womit sie Schwar­ze, eth­ni­sche Min­der­hei­ten, Kran­ke und Behin­der­te mein­te. Mit ihrer Anwen­dung des Sozi­al­dar­wi­nis­mus im ras­si­sti­schen Sinn ziel­te sie auf die Erzeu­gung einer „rei­ne­ren Ras­se“ ab. Die Tat­sa­che, daß die Fun­da­men­te der Abtrei­bung in den USA dar­auf beru­hen, soll­te bereits aus­rei­chend sein, daß die Abtrei­bungs­ideo­lo­gie für alle Zei­ten dis­kre­di­tiert ist. Der Rest sind nur Sophis­men und Haar­spal­te­rei, die man mehr oder weni­ger geschickt mit der Gleich­heits- und Eman­zi­pa­ti­ons­retho­rik ver­knüpf­te, sich damit tarn­te und heu­te dahin­ter ver­steckt.

Rollt man die Abtrei­bungs­fra­ge von ihren Wur­zeln her auf, wird es eine eben­so erhel­len­de wie grau­sa­me Ent­deckungs­rei­se dazu, wer auf wel­cher Sei­te steht. Man wird bei­spiels­wei­se fest­stel­len, daß die New York Times und die Washing­ton Post, die bei­den ein­fluß­reich­sten Tages­zei­tun­gen in den USA und inter­na­tio­nal, bei­de Ver­tre­te­rin­nen des links­li­be­ra­len Main­stream, gei­stig tief in San­gers Abtrei­bungs­sumpf ver­strickt sind. Sie sind zudem Haupt­sprach­roh­re einer exzes­si­ven Aus­wei­tung der Gleich­heits­retho­rik und eines aus­la­den­den, immer mehr Lebens­be­rei­che umfas­sen­den Mora­lis­mus, der typisch ist für wild­wu­chern­de Indi­vi­du­al­rech­ten zu Lasten des All­ge­mein­wohls, wie es typisch für den Libe­ra­lis­mus ist.

Vie­le Ame­ri­ka­ner stel­len des­halb eine ein­fa­che Rech­nung an und wäh­len Trump. Und wenn sie im Zusam­men­hang mit dem unsäg­li­chen, neu­en Abtrei­bungs­ge­setz des Staa­tes New York in der New York Times lesen müs­sen: „Schwan­ger­schaft tötet, Abtrei­bung ret­tet Leben“ applau­die­ren sie um so kräf­ti­ger einem Donald Trump, der zur Abtrei­bung knapp aber all­ge­mein­ver­ständ­lich mein­te: „Mur­der is Mur­der“ und Hil­la­ry Clin­ton auf deren Ver­tei­di­gung der Abtrei­bung ant­wor­te­te:

„Also sind sie eine Mör­de­rin“.

Das andere Amerika

Man muß sich weder mit aka­de­mi­schen Titeln schmücken, eine dicke Brief­ta­sche sein eigen nen­nen oder zur intel­lek­tu­el­len Eli­te eines Lan­des zäh­len, um zu begrei­fen, was ein Kind ist, das im Mut­ter­leib zer­ris­sen, in Stücke zer­schnit­ten oder ver­ätzt wird. Die vie­len Men­schen mit gesun­dem Haus­ver­stand ver­ste­hen.

Der Film Unplan­ned (Unge­plant), der erzählt, war­um Abby John­son, bei Plan­ned Paren­t­hood aus­ge­stie­gen ist, wo sie in Texas eine Abtrei­bungs­kli­nik lei­te­te, fand in den USA ein enor­mes Echo. Die von Abby John­son gegrün­de­te Bewe­gung „And Then The­re Were None“ (Und dann waren kei­ne mehr da) half bis­her, mehr als 500 Mit­ar­bei­tern der Abtrei­bungs­in­du­strie aus­zu­stei­gen. Auch der Film über den erwähn­ten Spät­ab­trei­ber Gos­nell ent­setz­te die USA, die sich ein gesun­des Emp­fin­den gegen­über Unrecht bewahrt haben.

Die Abtrei­bungs­ra­di­ka­li­sie­rung in der Demo­kra­ti­schen Par­tei, wie sie Cuo­mo ver­wirk­licht, haben ande­re in der Par­tei ent­setzt. Die Demo­crats for Life of Ame­ri­ca, ein Teil der Demo­kra­ti­schen Par­tei, empör­te sich. Eini­ge haben der Par­tei den Rücken gekehrt, ande­re sind zu den Repu­bli­ka­nern über­ge­lau­fen. Mit sei­nem Gesetz zur För­de­rung der „Leih­mut­ter­schaft“ zog sich Cuo­mo zudem den Zorn femi­ni­sti­scher Krei­se zu.

Der links­li­be­ra­le David Brooks brach­te es im ver­gan­ge­nen Jahr in einem Leit­ar­ti­kel in der New York Times auf den Punkt:

Mil­lio­nen US-Ame­ri­ka­ner „sehen in der Tötung des Unge­bo­re­nen die gro­ße mora­li­sche Fra­ge unse­rer Zeit. Ohne die Pro-Life-Wäh­ler wäre Ronald Rea­gan nicht gewählt wor­den. Ohne die­se Wäh­ler, die Pro-Life-Rich­ter woll­ten, wäre Donald Trump nie gewählt wor­den. Wol­len wir wirk­lich so sehr Spät­ab­trei­bun­gen, daß wir sogar bereit sind einen Prä­si­dent Trump in Kauf zu neh­men? (…) 1991 waren 36 Pro­zent der Jung­wäh­ler der Mei­nung, daß Abtrei­bung immer erlaubt sein soll­te, heu­te sind es nur mehr 24 Pro­zent. (…) Die Pro-Choice-Jugend ist zudem viel ambi­va­len­ter und apa­thi­scher als die Pro-Life-Jugend.”

In Brooks kri­ti­schen Anmer­kun­gen ist alles ent­hal­ten, um zu ver­ste­hen, war­um die Abtrei­bung in den USA für das Volk, das die Nase voll hat vom Nichts der Demo­kra­ten, zum Lack­mus­test für Poli­ti­ker gewor­den ist. Jedes Jahr ver­sam­melt sich eine gigan­ti­sche Men­ge jun­ger Ame­ri­ka­ner zum Marsch für das Leben in Washing­ton, um das Ende der Abtrei­bung zu for­dern. Dar­in kommt auch eine Genera­tio­nen­fra­ge zum Aus­druck, nach­dem die Eltern­ge­nera­ti­on die Lega­li­sie­rung der Abtrei­bung zuge­las­sen hat­te.

Seit 2017 ist mit Mike Pence erst­mals der Vize­prä­si­dent der USA mit dabei.

Der Kreis derer wächst, die sich nicht mehr von Sili­con Val­ley bevor­mun­den las­sen wol­len. Die sich nicht mehr ein­re­den las­sen wol­len, was angeb­lich für sie gut sei, in Wirk­lich­keit aber den Inter­es­sen ganz ande­rer Leu­te dient. Sie fol­gen nicht mehr den Sire­nen­ge­sän­gen derer, die alle als „Welt­bür­ger“ sehen und in ihrer „glo­ba­len Mul­ti­kul­tu­ra­li­tät“ zugleich alle zu Kin­dern von Unter­drückern machen wol­len. Sie for­dern ech­te Ant­wor­ten, all­ge­mein­gül­ti­ge und auch ewig­gül­ti­ge Ant­wor­ten, die sie lei­der nicht ein­mal mehr in der Kir­che über­all erhal­ten.

Der Katho­lik Cuo­mo ist für vie­le Katho­li­ken wegen sei­ner lebens- und kin­der­feind­li­chen Poli­tik zu exkom­mu­ni­zie­ren. Es fehlt nicht an muti­gen Prie­stern. Es fehlt aber an muti­gen Ober­hir­ten. Die Kir­che wirkt wie gelähmt durch schuld­haf­te sexu­el­le Skan­da­le, aber eben­so durch fei­ges Zurück­wei­chen vor welt­li­cher Kri­tik. Wo ist ein Leo der Gro­ße, der in der Abtrei­bungs­fra­ge dem bedroh­lich anrücken­den Atti­la und sei­nen Hor­den ent­ge­gen­geht?

Da es in der Abtrei­bungs­fra­ge um Leben oder Tod geht, die radi­kal­ste Fra­ge, die es in der mate­ri­el­len Welt gibt, wer­den sich auch wei­ter­hin alle Hoff­nun­gen der Abtrei­bungs­be­für­wor­ter und des links­li­be­ra­len Main­stream zer­schla­gen, die Ange­le­gen­heit irgend­wann doch aus­sit­zen und den Wider­stand über­win­den zu kön­nen. Der Wunsch wird sich nicht erfül­len, solan­ge es Men­schen gibt.

Vor dem Ober­sten Gerichts­hof könn­ten mit hoher Wahr­schein­lich­keit die neu­en lebens­freund­li­chen Geset­ze der Staa­ten Ala­ba­ma und Geor­gia ver­han­delt wer­den. Wann das sein wird, ist aller­dings noch nicht abseh­bar. Ala­ba­ma hat ein gene­rel­les Abtrei­bungs­ver­bot erlas­sen mit einer Aus­nah­me, wenn das Leben der Mut­ter auf dem Spiel steht. In Geor­gia ist die Tötung eines unge­bo­re­nen Kin­des ver­bo­ten, sobald der Herz­schlag des Kin­des zu hören ist. Ähn­li­che Heart­beat Bills wur­den in zwölf wei­te­ren Staa­ten ein­ge­führt. Dage­gen wur­de von Aya­tol­lahs des Libe­ra­lis­mus von Hol­ly­wood sofort eine Fat­wa erlas­sen. 180 hohe Mana­ger von bekann­ten Mode-Unter­neh­men wie Dis­ney, Net­flix und War­ner ver­öf­fent­lich­ten im Namen der „Eman­zi­pa­ti­on“ ein Mani­fest namens Don’t ban Equa­li­ty gegen die Heart­beat Bill.

Gegen die­se töd­li­che anthro­po­lo­gi­sche Sicht­wei­se, die den Men­schen vom Sub­jekt zum Objekt machen will, hat sich in den USA außer­halb von Hol­ly­wood und außer­halb der Palä­ste der Mäch­ti­gen ein Wider­stand orga­ni­siert, der nicht bereit ist, das größ­te Tabu unse­rer Zeit zu schlucken. Der nicht bereit ist, es hin­zu­neh­men, daß die Tötung eines unschul­di­gen, unge­bo­re­nen Kin­des vom Gesetz gedeckt wird. Es ist ein Wider­stand von Mas­sen, wenn­gleich sie in den Mas­sen­me­di­en sel­ten erkenn­ba­re Kon­tu­ren anneh­men, die ent­schlos­sen sind, im Namen der Ius vitae den Kampf bis nach Washing­ton zu tra­gen. Es ist ein Kampf, der sich nicht mehr zwin­gend auf die Poli­ti­ker und auch nicht auf die Höchst­rich­ter ver­läßt: Es ist ein Kampf, der die Welt zwingt, sich zu fra­gen: Was ist ein Mensch und wie­viel ist er wert?

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Stu­dents for Life (Screen­shot)

2 Kommentare

  1. Wer einen Hund schla­gen will, fin­det leicht einen Stock. Wer ein unge­bo­re­nes Kind töten möch­te, fin­det leicht einen Grund. Man erklärt
    ein­fach dass das unge­bo­re­ne Kind kein Mensch ist. In der Zeit der Skla­ve­rei hat man nicht anders räso­niert. Man erklär­te ein­fach dass der Skla­ve kein Mensch ist, somit hat man sich das Recht erschaf­fen ihn zu töten. Die Dul­dung der Skla­ve­rei und der Abtrei­bung ist basiert auf die Aberken­nung der Men­schen­wür­de des Skla­ven und des unge­bo­re­nen Kin­des. Skla­ve­rei ergab bil­li­ge Arbeits­kräf­te für deren Besit­zer. Abtrei­bung ergibt pro­blem­lo­sen Sex für deren Befür­wor­ter.

  2. Sehr geehr­ter Herr Nar­di.
    Vie­len Dank für die­sen Arti­kel!
    Auch ich und mei­ne Orga­ni­sa­ti­on hal­ten das The­ma Lebens­schutz für eines der ele­men­tar­sten unse­res Glau­bens und ich bin mir sicher, dass mit der Wie­der­kunft unse­res Herrn Jes­huas in weni­gen Jah­ren die­se sata­ni­sche Aus­übung voll­stän­dig ver­schwin­den wird.
    Bis zu die­sem Zeit­punkt jedoch ist jede Art der Auf­klä­rung ein wich­ti­ger Fin­ger in der schwä­ren­den Wun­de, wel­che mög­lichst vie­le Men­schen noch zur Umkehr bewe­gen mag.
    Mit besten Grü­ssen und dem Wunsch, dass Sie wei­ter­hin unab­hän­gig und furcht­los zu Fra­gen des Glau­bens berich­ten wer­den kön­nen, auch wenn der Gegen­druck in Bäl­de eher zuneh­men dürf­te.

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