„Die Kirchenväter haben schon tausend Jahre vor dem Marxismus von den Armen gesprochen“

Interview von Andrea Tornielli

Andrea Tornielli berichtet seit 28 Jahren über den Vatikan.
Andrea Tornielli berichtet seit 28 Jahren über den Vatikan.

(Rom/Madrid) Die spa­ni­sche Tages­zei­tung El Mun­do ver­öf­fent­lich­te am 20. Juli ein Inter­view mit Andrea Tor­ni­el­li, dem Haus­va­ti­ka­ni­sten von Papst Fran­zis­kus. Seit Mit­te Dezem­ber 2018 ist er koor­di­nie­ren­der Chef­re­dak­teur der Vati­kan­me­di­en mit weit­rei­chen­der Aus­rich­tungs- und Koor­di­nie­rungs­be­fug­nis.

Auf die Fra­ge, wor­in die Haupt­auf­ga­be der Vati­kan­me­di­en besteht, sag­te er:

Andrea Tor­ni­el­li: „Das Schwie­rig­ste ist, den Papst aus dem Kreuz­feu­er der gegen­sätz­li­chen Grup­pen her­aus­zu­hal­ten. Auf der einen Sei­te sind jene, die Fran­zis­kus stän­dig kri­ti­sie­ren, egal was er tut oder sagt. Auf der ande­ren Sei­te jene, die dem Papst ihre eige­ne Agen­da auf­zwin­gen wol­len und sagen, er wer­de Din­ge tun, obwohl Fran­zis­kus dar­über noch nie nach­ge­dacht hat. Die­se bei­den Grup­pen stim­men dar­in über­ein, den Papst als etwas völ­lig Neu­es in der Geschich­te der Kir­che dar­zu­stel­len. Das ist aber nicht so. Des­halb ist es wich­tig die Kon­tex­te und die Neu­hei­ten zu ver­ste­hen, die jeder Papst bringt.

El Mun­do: Nen­nen Sie ein Bei­spiel…

Andrea Tor­ni­el­li: Wenn Fran­zis­kus von Armut spricht, gibt es jene, die sagen, daß er Mar­xist oder Kom­mu­nist ist, weil sie die alten Kir­chen­vä­ter nicht ken­nen, die tau­send Jah­re vor dem Mar­xis­mus und dem Kom­mu­nis­mus bereits sehr star­ke Din­ge über die Auf­merk­sam­keit für die Armen und die Ver­wen­dung des Gel­des sag­ten.

El Mun­do: Fran­zis­kus gefällt der Lin­ken, wäh­rend er aber auf der Rech­ten vie­le Kri­ti­ker hat…

Andrea Tor­ni­el­li: Viel­leicht, weil weder die einen noch die ande­ren alles hören oder lesen, was der Papst sagt. Ande­rer­seits: Die Tat­sa­che, daß es Per­so­nen auf der Lin­ken gibt, die für Fran­zis­kus sind, kann man nicht ver­all­ge­mei­nern: Es gibt jene, die das nicht tun oder ver­su­chen, ihn poli­tisch zu instru­men­ta­li­sie­ren, aber es gibt auch jene, die sich wirk­lich von ihm das Herz berüh­ren haben las­sen. Eben­so­we­nig kann man das mit Per­so­nen auf der Rech­ten ver­all­ge­mei­nern, die ihn angrei­fen: Es gibt bös­wil­li­ge Angrif­fe und es gibt Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten und Kri­tik, die mit Lie­be und mit einem gläu­bi­gen Blick vor­ge­bracht wer­den.

El Mun­do: Wie ist Fran­zis­kus als Kom­mu­ni­ka­tor?

Andrea Tor­ni­el­li: Er ist ein guter Kom­mu­ni­ka­tor, der weiß, sei­ne Bot­schaft des Evan­ge­li­ums mit sei­nen Gesten und Wor­ten zu ver­mit­teln. Die Leu­te ver­ste­hen ihn und füh­len sei­ne Nähe als Zeu­ge und Gesicht eines freund­li­chen Got­tes, der, anstatt zu ver­ur­tei­len, uns alle umarmt und uns sagt: „Ich lie­be dich“.

El Mun­do: Ist es not­wen­dig, gläu­big zu sein, um Ihre Arbeit zu tun?

Andrea Tor­ni­el­li: Das ist nicht not­wen­dig. Was es braucht, ist Demut und Geduld, ler­nen und ken­nen­ler­nen zu wol­len. Bei den Medi­en des Kom­mu­ni­ka­ti­ons­di­kaste­ri­ums des Hei­li­gen Stuhls wie in allen ande­ren Dikaste­ri­en erwar­tet man nor­ma­ler­wei­se von den Mit­ar­bei­tern, daß sie den katho­li­schen Glau­ben tei­len.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: El Mun­do (Screen­shot)