Mit VorSPIEGELeien lügen

Die Fälschungskrise des Hamburger Magazins

„Sagen, was ist“. Beim SPIEGEL steht zwiscchen Anspruch und Wirklichkeit (nicht nur) Claas Relotius.
„Sagen, was ist“. Beim SPIEGEL steht zwiscchen Anspruch und Wirklichkeit (nicht nur) Claas Relotius.

Ein Gastkommentar von Hubert Hecker.

Das selbsterklärte Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL hat jahrelang seinen Lesern Lug- und Truggeschichten vorgesetzt. Bisher sind mehr als ein Dutzend von 55 Reportagen des SPIEGEL-Reporters Claas Relotius als Beiträge mit Fälschungen nachgewiesen. Der junge Journalist galt bis vor zwei Wochen als Star seiner Zunft. Für seine klischee-reichen Geschichten in literarischer Verdichtung wurde er mit Medienpreisen überhäuft. Über ein Jahrzehnt verkaufte Relotius vielen deutschsprachigen „Qualitätsmedien“ seine als stimmig empfundenen Reportagen. Außer der Neuen Zürcher Zeitung will keines der „seriösen“ Mainstreammedien Fehlerhaftes an den frisierten Reportagen erkannt haben.

Sie waren eben passgenau auf die Erwartungshaltung und das Weltbild der Chefredaktionen zugeschnitten. Auch der ehemalige Ressortleiter Ullrich Fichtner, selbst als mehrfacher Preisträger geehrt, u. a. für seine Blaue-Dunst-Geschichten durch einen tabakkonzerngesponserten Reporterpreis, soll die tollen Relotius-Geschichten gelobt und den jungen Reporter gefördert haben. Dem gleichen Mann wurde nun die Aufgabe übertragen, eine erste Aufklärung und Einschätzung des Medienbetrugs zu liefern. Ein nüchterner Faktenbericht hätte den ernsthaften Aufklärungswillen dokumentiert, mündend in die entscheidende Systemfrage: Was waren die hausinternen Bedingungen für die Lügengeschichten? Stattdessen präsentierte der designierte Chefredakteur in der bekannten SPIEGEL-Manier eine dramatische Reportage, die er unter dem Motto inszenierte: Wie wir einen Betrüger im eigenen Haus enttarnten. Er bedient sich der gleichen Stilmittel, für die er Relotius an den Pranger stellt.

Systemfaktoren zu Berichtsfälschungen …

Herausgekommen ist dabei eine Hexenjagd: „In dem Text wird ein Mensch gehängt, noch dazu ein relativ junger“ – so der Eindruck des Chefredakteurs der ZEIT, Giovanni di Lorenzo, in einem SPIEGEL-Gespräch. Der erfahrene Zeitungsmacher zeigt auf, welche Systemfaktoren zu solchen Medienjagden führen: „Der Sündenfall unserer Branche war die Demontage von Christian Wulff“, an der sich der SPIEGEL führend beteiligte. In diesem Fall habe die „Recherche-Power“ der Redaktionsmaschine wie eine Walze gewirkt. Nachher stellte sich heraus, dass sie „die falsche Straße platt gemacht“ hatte. Doch diese Einsicht kam für den Betroffenen zu spät – Wulff war schon „einbetoniert“. An dem Beispiel lassen sich drei neuralgische Punkte im Redaktionsprozess nicht nur des SPIEGELS ausmachen:

  • erstens die massiven Vorgaben und Erwartungen der Chefredaktion,
  • zweitens die Verselbständigung des Recherche- und Schreibansatzes und
  • drittens die dramatisierende Zuspitzung auf politisch-korrekte Zielsetzungen hin.

Erwartungsdruck der Chefredakteure

Aus dieser Konstellation können einige der vorliegenden Betrugsreportagen erklärt werden – etwa die Geschichte zu Fergus Falls. Relotius wurde im Winter 2017 in die kleine Landstadt im Mittleren Westen der USA geschickt mit dem Auftrag, die vielen konservativen Trumpwähler der Stadt zu charakterisieren und ihre Motive zu recherchieren. Nachdem die Chefredaktion des SPIEGELS vor und nach der Präsidentenwahl Donald Trump als politische Dumpfbacke hingestellt hatte, konnte die Erwartung an die Reportage nur darin bestehen, an den Wählern ein Spiegelbild des „reaktionären“ Präsidenten zu zeichnen – etwa als kleingeistige Waffennarren, bigotte Beter für Trump oder verklemmte Landbewohner mit fremdenfeindlicher Einstellung. Relotius fand diese Typen „in der kleinen Stadt“ nicht, weil sie nur in der Phantasie der Chefredaktion existierten. Er hatte aber auch nicht den Mut, seine Chefs mit ihren Fehleinschätzungen zu konfrontieren. So entschloss er sich, die Reportage mit verschiedenen Retuschen im Sinne seiner Auftraggeber herzustellen. Für seine vorurteilsbeladenen Geschichte von einer im Abstieg begriffenen Kleinstadt, „typisch für das ländliche Amerika“, bekam er im Hamburger SPIEGEL-Glaspalast reichlich Komplimente. Auch deshalb fielen die teilweise plumpen Fälschungen seiner Reportage nicht auf. Ein Monat nach der Veröffentlichung wurde der bis dato freie Mitarbeiter fest angestellt.

Schreibansatz der geschönten Geschichten

Giovanni di Lorenzo kritisiert in dem erwähnten Interview auch den dramatisierenden, inszenierenden und psychologisierenden Schreibansatz vieler SPIEGEL-Reportagen. Manche Geschichten seien kompositorisch und dramaturgisch sehr effektvoll aufgebaut – zu schön um wahr zu sein. Es ist aber nicht die Aufgabe der Journalisten, die Wirklichkeit (romanhaft) zu verdichten, um ein „Kino im Kopf“ herzustellen. Diesem „Kult der schön geschriebenen Reportage“ hat nicht nur Relotius gefrönt. Doch ein guter Reporter sollte sich nicht als die „allwissende Instanz“ aufführen, „die auch die letzten Winkel oder die Regung in der Seele eines Menschen noch herausfindet. Manchmal kommt der größte Erkenntnisgewinn nicht aus der Gewissheit, sondern aus dem Zweifel, den ein Journalist äußert“. Diese Einschätzung ist zu ergänzen durch eine Aussage des langjährigen Feuilletonchefs der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeigung. Claudius Seidl leitete einen Essay von 2010 zu diesem Thema mit dem Satz ein: „Die Reportage wird gerne für eine Form der Literatur gehalten. Oft ist sie aber nicht einmal seriöser Journalismus. “

Bevormundende Meinungsmache

Der SPIEGEL ist schon lange kein „Nachrichtenmagazin“ mehr. Augsteins vielzitiertes Motto: „Sagen, was ist“ taugt nur noch als Etikettenschwindel und für Preisverleihungsreden. Seit Jahren sind die Chefredaktionen erfüllt von ihrem linksliberalen Sendungsbewusstsein. Das Blatt wurde zu einem „Sturmgeschütz“ in Stellung gebracht zum „Kampf gegen Rechts“ bis in die globalen Schattierungen hinein. Positiv will man die Merkel-Agenda von offenen Grenzen und fließender Moral unters Volk bringen. Bei dieser doppelten Mission sind die alten Grundsätze von Objektivität, Wahrheit und journalistischer Distanz zu der berichteten Sache – „selbst einer guten“ – eher hinderlich. Ganz offen hat kürzlich der WDR-Redakteur Georg Restle einen Paradigmenwechsel vom „Neutralitätswahn“ zum Haltungsjournalismus propagiert: parteiische Anwaltschaft für das Gute und die Schwachen, firmiert als „werteorientierter Journalismus“ der Gutmenschlichkeit. Der Weg dahin ist durch die Fachbegriffe „wording, framing, nudging“ angezeigt. Mit diesen Mitteln der bevormundenden Meinungsmache soll das Volk unmerklich auf politisch-korrekte Bahnen gelenkt, „geschubst“ werden.

Relotius passte mit seinen stimmungsvollen Reportagen gut in das Konzept der „werteorientierten“ Meinungslenkung hinein. Das glaubten auch der Medienbischof Gebhard Fürst und Joachim Frank von der Gesellschaft katholischer Publizisten. Sie zeichneten 2017 den SPIEGEL-Mann für sein medieninszeniertes Drama über zwei syrische Flüchtlingskinder mit dem katholischen Medienpreis aus. Denn der Beitrag würde das „humanitäre Verantwortungsbewusstsein stärken, orientiert an christlichen Werten“. Die Laudatorin wollte die (gefälschte) Reportage der „Königskinder“ zur Pflichtlektüre für alle Politiker machen, damit das „beschämende Gerangel um die Obergrenze (für jährliche Flüchtlingsaufnahmen) erledigt“ werden würde. Schließlich gebe es weltweit 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Die verschiedenen SPIEGEL-Erzählungen über Kindernot im Syrienkrieg waren gewissermaßen der Fortsetzungsroman zur Medienlüge von 2015, nach der die „Schutzsuchenden“ an der deutschen Grenze hauptsächlich aus Frauen und Kindern beständen hätten.

Reportagen als szenische Rekonstruktionen

Nach der bisherigen Analyse dürfte klar sein, dass die Reportagenkonstrukte von Relotius keine Einzelfälle waren. Schon 2010 wurde einer SPIEGEL-Geschichte über Horst Seehofer der verliehene Reporterpreis aberkannt. Der Autor hatte so geschrieben, als wenn er unmittelbar Zeuge gewesen wäre von einem Geschehen, das er nur vom Hörensagen kannte. Die damalige Chefredaktion rechtfertigte diese Darstellungsform als „szenische Rekonstruktion“, die „in jeder Reportage“ vorhanden sei. Auch der jetzige stellvertretende Chefredakteur Dirk Kurbjuweit hält diesen Schreibansatz für journalistisch legitim. Doch wenn man Gehörtes als Selbsterlebtes behaupten kann, warum nicht auch Gerauntes und Gerede als Tatsachen hinstellen, wenn sie denn plausibel zu der vorgegebenen Szene passen? Und schließlich kann man ganze Passagen mit situativer Einfühlung stimmig ergänzen Die SPIEGEL-interne „bewährte Praxis von szenischen Rekonstruktionen“ konnte Türöffner und Einladung für Relotius sein, auf dieser Schiene seine konstruierten Reportagen weiterzuspinnen.

Wahrheitsverdrehungen stecken in der SPIEGEL-DNA

Der ehemalige SPIEGEL-Volontär Thomas Knüwer hat auf seinem Blog solche Schilderungen von Erlebnis-Konstrukten in mehreren Artikeln seit Ende der 60er Jahre nachgewiesen. Von seinem Journalismuslehrer Ferdinand Simoneit berichtete er von Augenzwinker-Sprüchen wie: „Es muss ja nicht wahr sein, es muss nur schön sein“ oder: „Die tiefe Recherche ist der Tod jedes Knüllers“. In seiner Analyse kommt Knüwer zu dem Ergebnis: „Wahrheitsverdrehungen stecken in der SPIEGEL-DNA.“ Fakten spielen bei vielen Geschichten des Blatts nur eine untergeordnete Rolle, indem sie von szenischen Rekonstruktionen aller Art eingerahmt werden. Hinter der „arroganten Haltung sehr vieler Journalisten“ stehe die Weigerung zu dem Eingeständnis, dass der Berufsstand ein schmutzige Geheimnis besitze: „Seine Vertreter fälschen ständig, sie erfinden, tricksen und halbwahrheiten vor sich hin.“

Von daher sind auch die fiktionalen Relotius-Reportagen keine Ausnahmen, sondern hatten eine lange Vorgeschichte im SPIEGEL-Haus. Eine ernsthafte Aufklärung würde die Bedingungen, Faktoren und Hausphilosophien untersuchen, die seit Jahrzehnten den Nährboden von schön gestalteten und gut getarnten Fälschungen bilden. Stattdessen erzählt uns die derzeitige Chefredaktion das Märchen von dem bösen Reporter-Wolf, der in vorgetäuschter Gutmenschlichkeit das Vertrauen der SPIEGEL-Familie missbraucht habe, die bisher für nichts anderes lebte, als die reine Wahrheit zu „sagen, was ist“. Auch das gehört wohl zur DNA des Blattes: die Unfähigkeit zur Selbstkritik.

Der Medienkritiker Stephan Niggemeier bestätigt diese Tendenz. Nach seinen Erfahrungen zeigen die meisten SPIEGEL-Redakteure kein Interesse daran, aus journalistischen Irrtümern und Fehlern zu lernen. Die Unwilligkeit zur Selbstkritik wird verschlimmert durch die Verlogenheit, auf andere mit dem Stecken zu prügeln, an dem der eigene (braune) Dreck übersehen wird. Bei der Konfrontation mit der Tatsache, dass der SPIEGEL-Gründer Augstein, ein ehemaliger Wehrmachtsleutnant, ein Dutzend hohe SS-Führer in seiner Redaktionseinheit anstellte und später beförderte, reagierten die bisherigen Chefredaktionen stets mit Beschwichtigung und Abwiegeln. Die eigene Hausgeschichte wurde musterdemokratisch schöngefärbt. Auch diese unwahrhaftigen Texte gehören zur Vorgeschichte der Relotius-Schönschriften.

Fiktionale Titelgeschichten zum Fest

Seit Jahrzehnten arbeitet sich der SPIEGEL an Kirche und Religion ab. Der Ex-Katholik Rudolf Augstein machte den Anfang mit zwei Büchern zu „Jesus Menschensohn“. Darin wurden in der Form von wissenschaftlichen Tatsachenbehauptungen fiktionale Erzählungen dargeboten: Über den Menschen Jesus wisse man mangels Fakten nichts. Deshalb seien die Jesus zugeschriebenen Worte und Taten der Bibel weitgehend falsch. Augstein ist sich aber sicher darin, was der historische Jesus nicht gewollt hätte: Sakramente und eine Kirche stiften, Sohn Gottes sein, den Erlösertod am Kreuz und die Auferstehung. Mit dieser Zerstörung der Grundlage des Christentums begannen die SPIEGEL-Fechtereien gegen die Kirche.

Jedes Jahr vor Weihnachten wird in der Titelgeschichte des Blattes ein neuer Kampfplatz gegen Religion, Christentum oder Kirche eröffnet. Im Jahr 2018 war wohl das Titelbild zu Maria Magdalena geplant, musste dann aber einem anderen Fiktionstitel in eigener Sache weichen: „Sagen, was ist“ (Nr. 52, 22. 12. 2018).

In dem publizierten Beitrag referiert der Autor der Frühchristentumsgeschichte zunächst, dass die einschlägigen Papyri-Schriften der Gnosis aus dem dritten und vierten Jahrhundert nach Christus nichts über die historische Person Maria Magdalena aussagen könnten. Doch dann wird über zwei schlussfolgernde Schritte zu frühchristlichen Zirkeln eben doch eine historische Realität suggeriert, nach der Maria Magdalena die „Gefährtin“, Gesandte oder gar Geliebte Jesu gewesen wäre. Als Ergebnis seiner Spekulationen stellt der Autor solche Tatsachenbehauptungen auf wie: „Maria Magdalena war wichtiger als die Apostel“, „die Päpstin“, „die Verkündigerin des Glaubens“ sowie die „religiöse Anführerin aus der Frühzeit des Christentums“. Die sprachlichen Fiktionen werden mit antikisierenden Kitschbildern szenisch untermalt.

Fiktionale Kirchengeschichte des SPIEGELS.
Fiktionale Kirchengeschichte des SPIEGELS.

Nach diesem Muster sind fast alle kirchen- und christentumskritischen Großgeschichten des angeblichen Nachrichtenmagazins aufgebaut. Wenn der SPIEGEL mit seiner Aufräumarbeit zu fiktionalen Texten Ernst machen würde, dann müsste er auch diese Beiträge von ca. 50 Jahre auf den Prüfstand stellen, um sie nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit zu sieben. Außerdem hat das Blatt zahlreiche verzerrte und einseitige Darstellungen à la Deschner zur Kirchengeschichte publiziert. Auch diese Verleumdungsgeschichten – etwa zu den Kreuzzügen und Hexenverfolgungen, aber auch zum Konkordat oder Papst Pius XII. – sollten einer kritischen Revision unterzogen werden.

SPIEGEL-Fechtereien gegen konservative Kirchenleute

Ähnliches gilt für kirchenpolitische Artikel. Darin attackierte der SPIEGEL insbesondere konservative Positionen und Personen der Kirche. In „sprungbereiter Feindseligkeit“ belauerte das Blatt Papst Benedikt XVI. und Kardinal Meisner von Köln. Mit einer Reportage vom 15. 11. 2010 eröffnete der SPIEGEL-Journalist Peter Wensierski eine Medienkampagne gegen den damaligen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst. Zu jenem Zeitpunkt war der neue Oberhirte noch von den Synodalgremien unterstützt. Aber eine kleine Gruppe von progressiven Klerikern und Laien hatte damit begonnen, Tebartz wegen seiner konservativen Grundhaltung schlechtzureden: Der Vorgänger Kamphaus wäre als einfacher „Volksbischof“ ein mutiger „Rebell gegen Rom“ gewesen, während der neue Bischof als serviler „Beamter Roms“ mit feudalen Manieren herrsche. Diese konstruierte Konstellation füllte Wensierski mit weiteren szenischen Rekonstruktionen auf: „Zu Terminen fuhr der Vorgängerbischof Franz Kamphaus mit einem alten Golf durch die Stadt. Nachfolger Tebartz-van Elst legte sich einen schwarzen BMW mit abgedunkelten Scheiben zu.“ Das war eine Lüge. Zwei Tage nach der Publikation erklärte der Generalvikar in einer Presseerklärung: „Bereits unter dem früheren Bischof (Kamphaus) wurde ein Leasingvertrag für den Dienstwagen des Bischofs abgeschlossen, der unverändert so fortgeführt wird.“ Der SPIEGEL hat seine Falschaussage bis heute nicht korrigiert, obwohl er durch den Pressekodex, Ziffer 3, „von sich aus“ und „unverzüglich“ dazu verpflichtet ist.

Der Hauptteil des Artikels bestand aus aggressiven und hämischen Bemerkungen aus einem angeblichen Protestbrief an den Bischof. Zu diesem Schreibansatz sind frappierende Ähnlichkeiten mit dem Vorgehen von Relotius festzustellen: Wensierski stützte sich auf ein reales älteres Thesenpapier. Das hatte aber in einer Dekanatspriesterrunde keine zustimmende Mehrheit gefunden und war deshalb in der Versenkung des Archivs verschwunden. Aus diesem dürren Ast ließ der SPIEGEL-Reporter eine ganz große (Phantasie-) Geschichte sprießen:

  • Zuerst erklärte er das irrelevante Diskussionspapier zu einem „Brief“, der aber weder an den Bischof gerichtet noch abgeschickt worden war.
  • Darüber hinaus bauschte Wensierski den abgelegten Text zum aktuellen „Brandbrief“ auf.
  • Und schließlich suggerierte das angebliche Nachrichtenmagazin wahrheitswidrig, der seit eineinhalb Jahre archivierte Phantombrief würde zum Zeitpunkt der Artikelveröffentlichung unter allen 245 Priestern des Bistums kursieren.

Weitere Unwahrheiten der Publikation bestanden darin,

  • dass die beiden kontaktierten Zeugen, die progressiven Pfarrer Dexelmann und Janssen, als Sprecher aller Bistumspriester ausgegeben wurden. In Wirklichkeit verurteilte der gewählte Priesterrat die an den SPIEGEL weitergereichten Beschimpfungen der beiden Pfarrer, die eher Außenseiterpositionen vertraten. Deren diffamierende Äußerungen würden „den Priestern, dem Bischof und dem Bistum schaden“.
  • Die Auffassungen der Limburger Splittergruppe ‚Wir sind Kirche’ vermittelte der Reporter als Meinung des gesamten „Kirchenvolks“ von 650.000 Katholiken im Bistum Limburg.

Skandalisierungsmethoden des Boulevard-Journalismus

Auch bei dem nächsten SPIEGEL-Schlag gegen den Bischof, dem Artikel vom 20. 8. 2012, arbeitete Wensierski mit Unterstellungen und Phantombehauptungen. Bischof Tebartz-van Elst und sein Generalvikar Franz Kaspar hatten für einen Langstrecken-Nachtflug nach Indien ihre Flugtickets aus eigener Tasche aufwerten lassen, um im Oberdeck der 1. Klasse ausgeschlafen für das Besuchsprogramm frühmorgens am Zielort anzukommen. Zu dieser plausiblen Darstellung konnte der SPIEGEL-Reporter keinerlei begründete Zweifel vorbringen. Gleichwohl schlug er aus dem trockenen Stoff die Funken für eine publikumserregende Skandalgeschichte. Dafür musste er allerdings in die Niederungen der Methoden des Boulevardjournalismus’ hinabsteigen:

▪ mit emotionalisierenden Formulierungen Empörung generieren über vermeintliche kirchliche Doppelmoral – etwa mit der Titelzeile: „First Class in die Slums“, sowie
▪ in einfühlender Phantasiereportage flunkern, als wenn er dabei gewesen wäre – z. B.:
Der Bischof „wollte“ allein aus einem Luxusmotiv in der Oberklasse fliegen, um dort mit „Champagner und Kaviar“ auf Kosten der Kirche zu schwelgen. Die Katholiken des Bistums würden „darben, während ihr Bischof prasst“. Die SPIEGEL-Geschichte leitete den medialen Rufmord an Tebartz-van Elst als „Champagnerbischof“ oder „Kaviarschnorrer“ ein.

Schließlich entwickelte sich aus einem Wortwechsel zwischen Bischof Tebartz und Peter Wensierski auf dem Limburger Domplatz über die Modalitäten des Indienflugs eine folgenreiche mediale und gerichtliche Auseinandersetzung. Der SPIEGEL behauptete in seiner hämischen „Dokumentation“ vom 24. 1. 2013, der Limburger Bischof habe sich nicht an das 8. Gebot gehalten, vulgo gelogen. Doch die Interpretation der Bischofsaussagen durch die Autoren stand selbst auf kurzen Beinen. Sie unterschlug eine wesentliche Unterscheidung zu den Aussagen des Bischofs – nämlich zwischen dem abrechnungsrelevanten Reisestatus des Flugs auf business class und der kirchenreiserechtlich irrelevanten, weil privat finanziertem Höherstufung auf die Erste Klasse. Nur mit der gezielten Ausblendung der Kontexthermeneutik konnte das Magazin aus dem Hamburger Glaspalast erneut eine „Lügengeschichte“ über den Bischof fabrizieren. Der Reporter legte in einem SPIEGEL ONLINE-Bericht dem Bischof Worte in den Mund, die er ausweislich des Videomitschnitts nicht gesagt hatte: „… wir sind nicht erster Klasse geflogen“.

Wensierski hatte in seinen Limburg-Artikeln von Anfang an mit Unwahrheiten, Unterstellungen und Überspitzungen gearbeitet. Und so ein flunkernder Reporter präsentierte sich am Ende obermoralisch als Aufklärer, der dem Bischof das 8. Gebot um die Ohren schlug.

Aus Wensierskis Artikel lässt sich ein sorgfältiger Rechercheansatz erschließen. So war es sein Verdienst, durch hartnäckiges Nachfragen öffentliche Klarheit zu die geheim gehaltenen „Vermögen des Bischöflichen Stuhls“ gebracht zu haben. Aber seine „sehr gute Recherche“ benutzte der Reporter in seinen Artikeln für eine SPIEGEL-typische „Zuspitzung“ mit Verdrehungen und unwahren Behauptungen – so die Anwendung der Kritik von Giovanni di Lorenzo. Am Ende stellte Wensierski den Limburger Bischof mit eigenen Lügen an den medialen Lügenpranger.

Vier Jahre nach dem Vorgang befragte der Medienwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger 400 Journalisten nach der Akzeptanz der SPIEGEL-Interpretation zu dem oben erwähnten Wortwechsel. In seinem Buch: „Totschweigen und Skandalisieren“ von 2017 berichtet er darüber: 47 Prozent der Journalisten hält die skandalisierende Darstellung des Hamburger Nachrichtenmagazins für inakzeptabel bis fragwürdig. Die Mehrheit der befragten Zeitungsleute lehnt es ab, im journalistischen Alltag durch Skandalisierung und andere Grenzüberschreitungen die berufsethischen Normen zu Wahrheit und Wahrhaftigkeit zu verletzen.
SPIEGEL-Redakteure haben zu dieser ethischen Ausrichtung offensichtlich Nachholbedarf.

In der aktuellen Fälschungskrise des Hamburger Magazins vermittelt die Chefredaktion den Eindruck, als wenn sie mit noch engeren Kontrollmaschen der Dokumentationsabteilung zukünftige Lügen und Verfälschungen verhindern will. Doch den Wahrheitsverdrehungsmethoden wie Übertreiben, Zuspitzen, Aufbauschen, Unterstellen, Schlechtreden, Ausblenden, skandalisierendes Anprangern usw. wird man mit extrinsischen Kontrollen und Faktenchecks nicht beikommen. Die journalistische Versuchung ist immer da, mit übergriffigen Formulierungen einer Geschichte mehr Pep und Effekt zu geben – und damit im Sinne der Chefredaktionen auch mehr Klicks oder Auflagenhöhe zu generieren. Nur wenn das Schreiben als ethischer Prozess begriffen wird und in der Zunft intrinsisch verankert ist, dass die „Achtung vor der Wahrheit (…) und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit oberstes Gebote der Presse sind“ (Pressekodex Ziffer 1), werden die als Lügenpresse verdächtigten Medien Glaubwürdigkeit zurückgewinnen.

Weiterführende Literatur:

Udo Ulfkotte: Gekaufte Journalisten, Rottenburg 2014
Jens Wernicke: Lügen die Medien? Frankfurt 2017
Hans Mathias Kepplinger: Totschweigen und Skandalisieren. Was Journalisten über ihre eigenen Fehler denken, Köln 2017

Text: Hubert Hecker
Bild: Deutschlandfunk/Der Spiegel (Screenshots)

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2 Kommentare

  1. Als gläubiger Katholik lese ich den Spiegel nicht einmal. Wie kommt der zu einem katholischen Preis?
    Reichen die tollen Oster- und Weihnachtsstories nicht, um erkennen zu können, welch böswilligen Charakter dieses Blatt hat.
    So entlarven sich auch „die Unseren“ in ihrer Armseligkeit.

  2. Das Problem unserer heutigen Gesellschaft ist das Fehlen jeglicher echter Bildung.

    Die Wahrheit ist absolut, objektiv und christlich und nur christlich. Der Alleinanspruch der christlichen Kirche besteht weiterhin. Die harten und weichen Fakten sprechen nur für die Bibel.

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