Warum die Sexualmoral der Kirche in ihren Grundfesten nicht zur Disposition stehen darf!

Zeugnis eines Bekehrten

Sexueller Mißbrauch

von Dr. Mar­kus Büning*

Anlass die­ses Zeug­nis­ses ist die nun immer stär­ker auf­tre­ten­de Per­fi­die, die Sexu­al­mo­ral der Kir­che in ihren Grund­fe­sten, ins­be­son­de­re was die moral­theo­lo­gi­sche Ein­ord­nung homo­se­xu­el­ler Akte als schwe­re Sün­de anbe­langt, zur Dis­po­si­ti­on stel­len zu wol­len. So kön­nen wir im soge­nann­ten 7‑Punk­te-Papier der erst jüngst zu Ende gegan­ge­nen Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz (DBK) fol­gen­des lesen: Bei der nun anste­hen­den Auf­ar­bei­tung des Miss­brauchs dür­fe es „kei­ne Tabu­the­men geben“, sag­te Kar­di­nal Rein­hard Marx. Auch „Fra­gen nach der zöli­ba­tä­ren Lebens­form der Prie­ster und nach ver­schie­de­nen Aspek­ten der katho­li­schen Sexu­al­mo­ral“ müss­ten trans­pa­rent dis­ku­tiert wer­den. Das For­schungs­kon­sor­ti­um um den Mann­hei­mer Pro­fes­sor Harald Dreß­ing hat­te die­se Punk­te als wich­ti­ge Fak­to­ren des sexu­el­len Miss­brauchs im Bereich der Kir­che benannt. (Sie­he den Bericht in der Tagespost.)

Was mit „ver­schie­de­nen Aspek­ten“ – wie­der so eine Nebel­ker­ze im ach so typi­schen Pasto­ral­sprech unse­rer ver­wor­re­nen Zeit – gemeint sein könn­te, ist klar: Es geht ganz offen­kun­dig um die Libe­ra­li­sie­rung der Homo­se­xua­li­tät in der Moral­theo­lo­gie und damit ein­her­ge­hend in der kirch­li­chen Dis­zi­plin. So heißt es in der Miss­brauchs­stu­die der DBK zu die­ser The­ma­tik wie folgt. „Homo­se­xua­li­tät ist kein Risi­ko­fak­tor für sexu­el­len Miss­brauch. Die Stu­di­en­ergeb­nis­se machen es aber not­wen­dig, sich damit zu beschäf­ti­gen, wel­che Bedeu­tung den spe­zi­fi­schen Vor­stel­lun­gen der katho­li­schen Sexu­al­mo­ral zu Homo­se­xua­li­tät im Kon­text des sexu­el­len Miss­brauchs von Min­der­jäh­ri­gen zukommt. Die grund­sätz­lich ableh­nen­de Hal­tung der katho­li­schen Kir­che zur Wei­he homo­se­xu­el­ler Män­ner ist drin­gend zu über­den­ken. Von der Kir­che in die­sem Zusam­men­hang ver­wen­de­te idio­syn­kra­ti­sche Ter­mi­no­lo­gien wie jene einer ‚tief ver­wur­zel­ten homo­se­xu­el­len Nei­gung‘ ent­beh­ren jeder wis­sen­schaft­li­chen Grund­la­ge. Anstel­le sol­cher Hal­tun­gen ist eine offe­ne und tole­ranz­för­dern­de Atmo­sphä­re zu schaf­fen. Erkennt­nis­se der moder­nen Sexu­al­me­di­zin müs­sen dabei stär­ke­re Berück­sich­ti­gung fin­den.“ (MHG-Stu­die, S. 17; Damit ist klar, wohin der DBK-Zug nun droht zu rol­len, in den Abgrund.)

Im Gefol­ge des­sen sprach Herr Oden­dahl die­ses Unter­fan­gen bereits ganz unver­blümt unter Bezug­nah­me auf den Miss­brauchs­be­richt der DBK auf dem Por­tal katholisch.de aus. Man glau­be doch bit­te nicht, dass die­sem leicht durch­schau­ba­ren Unter­wan­dern der kirch­li­chen Leh­re bischöf­li­cher­seits ein Wider­spruch erfolg­te. Nein, Oden­dahl ist ganz offen­kun­dig die Vor­hut der Schlacht­rei­hen, die nun den Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che, ins­be­son­de­re die Num­mern 2357–2359 (Keusch­heit und Homo­se­xua­li­tät), schlei­fen wol­len. Eine muti­ge Lai­in aus Mün­ster war es, die die­ses Schau­spiel sofort durch­schau­te. (Vgl. Homo­se­xua­li­tät, Miss­brauch und Päd­era­stie: Sol­len aus Tätern jetzt Opfer gemacht wer­den.)

Als ein Mensch, der selbst Opfer eines Miss­brau­ches gewor­den ist, kann ich über die­se schä­bi­ge Art der Instru­men­ta­li­sie­rung des The­mas mich nur wun­dern, ja mehr noch: Es ver­letzt mich wie­der­um aufs Neue! Nun soll also die schwe­re Sün­de hof­fä­hig gemacht wer­den, um die Ver­bre­chen des Miss­brau­ches zu bekämp­fen. Die­se „After­lo­gik“ erschließt sich mir nicht, ja ich fin­de das gera­de­zu beschä­mend und als erneu­ten Akt, die betrof­fe­nen Men­schen zu verletzen.

Eben­so alar­mie­rend ist die gegen­wär­ti­ge Debat­te um den „Theologie“professor Wucher­pfen­nig, der meint, im Gefol­ge der neu­en Agen­da von Papst Fran­zis­kus, die Homo­se­xua­li­tät gänz­lich anders bewer­ten zu müs­sen, wie Schrift und Tra­di­ti­on es bis­her aus guten Grün­den immer getan haben. Vie­le Theo­lo­gen, ja sogar Bischö­fe erklä­ren die­sem Theo­lo­gen gegen­über ihre unein­ge­schränk­te Soli­da­ri­tät. Die Drei­stig­keit ihrer Argu­men­ta­ti­on ist gera­de­zu atem­be­rau­bend. So meint eine Theo­lo­gin aus Kas­sel, dass die gan­ze Schrift kei­ner­lei Zeug­nis ent­hal­te, die die Homo­se­xua­li­tät ver­ur­tei­le. (Sie­he hier­zu die kla­re Bewer­tung von F. Küble.)

Gera­de­zu aben­teu­er­lich sind die Ein­las­sun­gen des Main­zer Bischofs Kohl­graf zum The­ma: „Eine exege­ti­sche Anfra­ge“ an Aus­sa­gen des bibli­schen Römer­briefs zur Legi­ti­mi­tät von Homo­se­xua­li­tät sei dem Neu­te­sta­ment­ler Wucher­pfen­nig „jetzt zum Pro­blem gewor­den“, so Kohl­graf. Er selbst kön­ne nicht sagen, ob die Deu­tung des Jesui­ten rich­tig sei. Doch er set­ze sich für Mög­lich­keit zur Debat­te ein, da sie bei der „Rei­fung der Erkennt­nis in der Kir­che hel­fen“ kön­ne. Denn wenn jede Bibel­stel­le „direkt wört­lich geof­fen­bar­te unver­än­der­li­che Wahr­heit wäre, müss­ten wir aktu­ell Ehe­bre­cher, Got­tes­lä­ste­rer, Wahr­sa­ger, unge­hor­sa­me Söh­ne und Töch­ter und Men­schen, die am Sab­bat ihr Auto waschen, stei­ni­gen“. Reli­giö­se Bil­dung und theo­lo­gi­sche For­schung sei­en not­wen­dig, „um das Ver­ständ­nis der Hei­li­gen Schrift zu ret­ten und sie gege­be­nen­falls nicht der Lächer­lich­keit preis­zu­ge­ben“, so Kohl­graf, der vor sei­ner Wahl zum Main­zer Bischof im Jahr 2017 selbst „Theologie“professor war. Die­se Argu­men­ta­ti­on wird bereits dadurch Lügen gestraft, dass die Bibel das Auto­wa­schen gar nicht im Blick hat­te, weil es ja bekannt­lich zu bibli­schen Zei­ten gar kei­ne Autos gab. All dies ist nur noch als erbärm­lich zu bezeich­nen. Hier wird ver­sucht, an Stell­schrau­ben zu dre­hen, die der gesam­ten Tra­di­ti­on der katho­li­schen Moral­theo­lo­gie, ja dem Natur­recht und letzt­lich auch den Ver­nunft­grün­den zuwi­der laufen.

Ich sel­ber sehe mich vor dem Hin­ter­grund die­ser neu auf­kom­men­den Ten­denz, die Sün­de gut hei­ßen zu wol­len, gezwun­gen, von mei­ner Sün­den­ge­schich­te zu erzäh­len. Nur so kann glaub­wür­dig deut­lich wer­den, wie falsch die­se sün­den­ver­harm­lo­sen­de Ten­denz ist. Hät­te ich mich auf sol­che Stim­men als jun­ger Mensch ver­las­sen, wäre mein Leben völ­lig vom rech­ten Weg abge­kom­men. Hier spricht auch ein Mensch, der nicht nur Opfer, son­dern auch Täter ist, ein gro­ßer Sün­der, der der Barm­her­zig­keit Got­tes beson­ders bedarf. Nein, kei­ne Sor­ge: Ich habe kei­ne Kin­der oder Jugend­li­chen miss­braucht. Nein, ich habe dies­be­züg­lich auch kei­ner­lei Emp­fin­dun­gen gehabt. Aber ich bin in mei­nem Leben auf dem Gebiet der Sexu­al­mo­ral sehr tief gefal­len und habe mich vor Gott, der Kir­che und den Men­schen über einen lan­gen Zeit­raum schul­dig gemacht. Wäh­rend mei­ner Zeit im Theo­lo­gen­kon­vikt, als ich mich auf den Weg mach­te, Prie­ster zu wer­den, habe ich homo­se­xu­el­le Erfah­run­gen mit eini­gen Stu­di­en­kol­le­gen, die eben­falls Prie­ster­amt­skan­di­da­ten waren, gemacht. Völ­lig ver­un­si­chert über mei­ne sexu­el­le Iden­ti­tät bin ich in einen Stru­del gera­ten, den ich zuvor nicht für mög­lich gehal­ten hat­te. Als Schü­ler hat­te ich Freun­din­nen. Ich träum­te von schö­nen Frau­en und hat­te Sehn­sucht nach ihnen. Aber, da war ein Pro­blem: Ich hat­te zugleich den inne­ren tie­fen Drang, Prie­ster wer­den zu wol­len. Frau­en muss­te ich mir fort­an aus dem Kopf schla­gen. Aber es blieb das Ver­lan­gen nach kör­per­li­cher Nähe und Zuwen­dung. Das konn­te ich nicht ver­drän­gen. Es war immer da.

Das Motiv­bün­del zum Prie­ster­wer­den war breit gefä­chert. Es gab lau­te­re, aber auch unlau­te­re Moti­ve. Nun bin ich dann die­sen Weg ins Theo­lo­gen­kon­vikt gegan­gen. Und dann über­wäl­tig­te mich die­se schlim­me Sün­de der aus­ge­leb­ten Homo­se­xua­li­tät. Kei­ne Angst, ich wer­de hier kei­nen „zwangs­ou­ten“. Das ist nicht mein Stil und ent­spricht auch nicht der Fair­ness. Ich wer­de auch kei­ne Pro­zent­zah­len mut­ma­ßen. Aller­dings, soviel muss schon gesagt wer­den, es war kein sin­gu­lä­res Pro­blem. Ich hät­te spä­te­stens nach der ersten Erfah­rung die Kon­se­quenz zie­hen und den Weg zum Prie­ster­tum abbre­chen müs­sen. Doch mei­ne Rat­ge­ber, Prie­ster, Freun­de und auch Eltern, denen ich mich öff­ne­te, rie­ten mir, durch­zu­hal­ten. Frei nach dem Mot­to: „Wird schon wie­der! Du bist noch jung, das kann pas­sie­ren. Wirst schon da raus kom­men!“ Nein, auch das war im Nach­hin­ein ein gro­ßer Feh­ler. Denn in mei­ner See­le ist etwas pas­siert, was ich als schie­re Defor­mie­rung mei­ner selbst emp­fand. Dann war ich ganz glück­lich, als ich mich wäh­rend des Stu­di­ums wie­der in eine jun­ge Frau ver­lieb­te und mit die­ser dann – heim­lich – eine Bezie­hung begann. Die­se Heim­lich­tue­rei war schreck­lich. Nun war ich inner­lich wie erlöst, weil ich mich wie­der einer Frau öff­nen konn­te. Und ich woll­te nun wirk­lich mei­ne Kan­di­da­ten­lauf­bahn abbre­chen. Aber nein, auch nun riet man mir: „Hal­te durch! Mach mit der Frau Schluss und geh wei­ter Dei­nen Weg!“ Dar­auf hät­te ich nicht hören dür­fen. Wie­der ein gro­ßer Feh­ler von mir!

In Mün­ster konn­te und woll­te ich nicht mehr wei­ter­ma­chen. Nach der Admis­sio (das ist die offi­zi­el­le Annah­me der Wei­he­kan­di­da­ten durch den Bischof zum Ende des Stu­di­ums) und dem Diplom nahm ich zunächst eine Pro­mo­ti­on in Theo­lo­gie in Angriff, um Zeit zu gewin­nen. Dann sah ich den ein­zi­gen Aus­weg, wei­ter Prie­ster wer­den zu kön­nen im Ein­tritt in einen Orden, einen stren­gen Orden, so dach­te ich. Da wird es wohl bes­ser sein und sol­che Din­ge nicht mehr pas­sie­ren… Auch das war natür­lich nicht rich­tig! Aber auch die­sen Feh­ler habe ich gemacht und ver­such­te es dann noch ein­mal neu in einem Zister­zi­en­ser­klo­ster, wel­ches inzwi­schen auf­ge­löst ist. Vom Regen in die Trau­fe! Mehr sage ich dazu nicht. Was folg­te: Der Ordens­aus­tritt als Novi­ze, noch recht­zei­tig vor den zeit­li­chen Gelüb­den. End­lich ein kon­se­quen­ter und rich­ti­ger Schritt!

Was blieb? Das tota­le Durch­ein­an­der mei­ner Gefühls­welt! Hin- und her­ge­ris­sen in Sachen Sexua­li­tät! Ich wuss­te nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Und nun glau­be man bit­te nicht, dass ich kirch­li­cher­seits Hil­fe bekam. Ich nahm mein Jura­stu­di­um auf mich und befand mich in gro­ßer see­li­scher Not. Mei­nen Eltern gegen­über konn­te ich mich öff­nen. Das war eine gro­ße Gna­den­stun­de. Ich wer­de ihnen nie ver­ges­sen, mit welch gro­ßer Lie­be sie mir damals begeg­net sind. Mein Vater war ent­setzt und ver­är­gert über mei­ne Hilf­lo­sig­keit und die Art und Wei­se, wie die Kir­che mich mit die­sem Dilem­ma nun völ­lig allein ließ. War ja nur noch ein Abge­sprun­ge­ner! Er wand­te sich damals tele­fo­nisch an einen unse­rer Fami­lie gut bekann­ten Bischof, der im Rufe der Hei­lig­keit inzwi­schen längst ver­stor­ben ist. Die­ser Bischof rief mich dar­auf­hin an und ver­mit­tel­te mir einen älte­ren Prie­ster als Beicht­va­ter, dem ich mich mit die­ser Pro­ble­ma­tik öff­nen kön­ne. Er sag­te mir, dass er mir mit sei­ner rei­chen Erfah­rung sicher hel­fen könn­te. Gesagt, getan und ich wand­te mich an die­sen Prie­ster. Alles, wirk­lich alles habe ich ihm erzählt. Ich habe mich geöff­net, um einen Rei­ni­gungs­pro­zess zu begin­nen. Und was pas­sier­te dann? Man glaubt es kaum: Die­ser alte Prie­ster erzähl­te mir von der Schön­heit des männ­li­chen Kör­pers. Ich müs­se ler­nen, die­ses Gefühl in mir zu akzep­tie­ren. Und dann sein Ange­bot: Es wäre gut, wenn wir mal zusam­men schwim­men gehen wür­den. So eine ganz­heit­li­che Erfah­rung kön­ne für mich nur hilf­reich sein. Geht’s noch? Da war sie dann wie­der. Eine neue Miss­brauchs­er­fah­rung, die ich aller­dings nicht beim zustän­di­gen Ordi­na­ri­at zur Anzei­ge gebracht habe, weil ich schon erwach­sen war. Aber mora­lisch ist die Sache doch ein Ham­mer, oder nicht? Ich glau­be aller­dings, dass der emp­feh­len­de Bischof von die­sen Lüsten des alten Prie­sters kei­ne Ahnung hat­te. Jeden­falls konn­te ich dar­über dann auch zunächst über­haupt nicht reden. Zuviel ist eben Zuviel! So ein trau­ma­ti­sches Erleb­nis ver­drängt man über Jahr­zehn­te, weil man sonst damit gar nicht leben kann. Wie­der ein wei­te­rer Raum in der See­le, wo „Mist“ gebun­kert wer­den muss.

Nun hat­te ich auf gut Deutsch gesagt „die Schnau­ze voll“ von allem, was katho­lisch ist. Ich konn­te es in die­ser Kir­che nicht mehr aus­hal­ten. Um mei­nem Glau­ben nicht ganz an den Nagel hän­gen zu müs­sen, wur­de ich wäh­rend mei­ner Refe­ren­dar­zeit dann auch evan­ge­lisch. Es blieb aber mei­ne inne­re Zer­ris­sen­heit und ich fass­te in mir den Ent­schluss, dass ich auf­grund mei­ner homo­se­xu­el­len Erleb­nis­se nicht mehr für eine Frau zumut­bar bin. Ich woll­te auf gar kei­nen Fall eine Frau „benut­zen“, um mein Leben neu in den Griff zu bekom­men. Das The­ma Ehe und Fami­lie war abge­schrie­ben. Das The­ma Prie­ster­tum war abge­schrie­ben. Vie­les in mei­nem Leben erschien mir sinn­los zu sein. Mein Aus­weg: Ich stürz­te mich in die Arbeit, die mir aller­dings auch viel bedeutete.

Doch dann kam, ganz uner­war­tet die Wen­de. Ich stand schon im Beruf des Ver­wal­tungs­ju­ri­sten und mach­te als Pro­te­stant Tage der Ein­kehr im Klo­ster Helfta in Ost­deutsch­land. Und dort pas­sier­te dann das, was ich heu­te als Wun­der von Helfta bezeich­ne. Ich lern­te dort in der Grup­pe sie ken­nen, mei­ne Susan­ne, die seit zehn Jah­ren mei­ne Ehe­frau ist. Ich war recht schnell in sie ver­liebt. Wir gin­gen mit­ein­an­der spa­zie­ren und unter­hiel­ten uns. Das groß­ar­ti­ge Gefühl, wie­der eine Frau wirk­lich lie­ben zu kön­nen, wur­de in mir immer stär­ker. Und nun wand­te ich mich an Maria, die Mut­ter Jesu. In der Klo­ster­kir­che ist ein klei­nes Mari­en­fen­ster, vor dem man sich auf Augen­hö­he hin­set­zen kann. Vor jeder Ves­per in die­sen Tagen, habe ich dann eine Stun­de geses­sen und Maria mein Anlie­gen vor­ge­tra­gen: „Maria, ich bin zwar nicht mehr Mit­glied der katho­li­schen Kir­che, aber ich bin doch immer noch dein Kind! Bit­te hilf mir jetzt und zei­ge mir den Weg, wie ich die­ser Frau mei­ne Lie­be eröff­nen kann.“ Und dann ging alles wie von selbst. Im Mai des näch­sten Jah­res waren wir schon ver­hei­ra­tet. Vor der Ehe­schlie­ßung habe ich mei­ner Frau mei­ne gan­ze Vor­ge­schich­te offen gelegt. Das war eine schwe­re Stun­de, aber sie war nötig. Ich hät­te sonst das Jawort nicht geben kön­nen. Nach der Eröff­nung mei­ner Geschich­te lächel­te sie mich nur lie­be­voll an und sag­te: „Na und, glaubst Du etwa, dass ich Dich jetzt weni­ger lie­be, nein ganz im Gegen­teil!“ Und genau die­se gegen­sei­ti­ge Offen­heit und Ehr­lich­keit ist es, wel­ches als Fun­da­ment unse­re Bezie­hung bis heu­te trägt.

Und nun das Ende der Geschich­te: Durch Susan­ne wur­de ich end­lich wie­der Mensch, ein gan­zer Mensch. Zum ersten Mal konn­te und durf­te ich die mensch­li­che Sexua­li­tät als etwas wirk­lich Gutes erfah­ren. War­um? Weil sie in der Ehe zwi­schen Mann und Frau, und nur dort, ganz­heit­lich und schöp­fungs­ge­mäß in Treue gelebt wer­den kann. Das ist nicht nur trocke­ne Theo­lo­gie, nein das ist zutiefst mei­ne beglücken­de Lebens­er­fah­rung, die ich offen­kun­dig auf­grund der Hil­fe Mari­ens machen durf­te und immer noch machen darf. Und durch die­se Lebens­wen­de fand ich auch wie­der den Weg zur Kir­che zurück. Dan­ke Susan­ne! Dan­ke, lie­be Got­tes­mut­ter!

Und was muss ich nun erle­ben: Bischö­fe, die dem Zeit­geist ver­fal­len sind und ganz offen­kun­dig nicht mehr die Unter­schei­dung der Gei­ster besit­zen. Ihnen ruf ich zu: Bekehrt Euch! Ja, als Bekehr­ter ruf ich Euch dies zu: Bekehrt Euch! Lasst ab von allen schlüpf­ri­gen Wegen, die Leh­re von der gott­ge­woll­ten Sexua­li­tät zu ver­wäs­sern und zu ver­fäl­schen. Nutzt bloß nicht die Ver­tu­schungs­ver­bre­chen in Euren Rei­hen dazu, nun eine Legi­ti­ma­ti­on für die Auf­wei­chung der Sexu­al­mo­ral zu tref­fen. Wenn ihr das tut, seid ihr auf dem Weg des Unheils, weil ihr Got­tes gute Schöp­fungs­ord­nung durch Eure zeit­gei­sti­ge Ver­kün­di­gung ver­letzt. Schon vor Jahr­zehn­ten hat ein tap­fe­rer Bischof gegen all das sei­ne Stim­me erho­ben, was Ihr heu­te meint, anrich­ten zu müs­sen. Ich spre­che von Erz­bi­schof Albi­no Luci­ani, der heu­te auf den Tag genau vor vier­zig Jah­ren als Papst Johan­nes Paul I. ver­starb. Er war wie ein Mete­or in dunk­ler Nacht, der nur kurz auf­leuch­ten durf­te in der damals bereits herr­schen­den Fin­ster­nis unse­rer Kir­che. Pro­phe­tisch sind die Aus­sa­gen zu Fra­gen des schon damals auf­kom­men­den mora­li­schen Rela­ti­vis­mus, der die natur­recht­li­che Ord­nung durch teleo­lo­gi­sche Win­kel­zü­ge zer­stö­ren will. Er sah die Din­ge ganz klar. Ein bered­tes Zeug­nis für die­se Hal­tung fin­den wir in sei­nen wun­der­ba­ren Brie­fen an berühm­te Per­so­nen der Welt- und Kir­chen­ge­schich­te, hier in sei­nem Brief an den hl. Evan­ge­li­sten Lukas, in dem er die Not der Bischö­fe so beschreibt:

„Geset­ze und Nor­men wer­den als eine Sache betrach­tet, die man als Unter­drückung und Ent­frem­dung ableh­nen muss. Man emp­fin­det sogar Freu­de dabei, wenn man über die Geset­ze spot­ten kann. Das ein­zi­ge, was heu­te ver­bo­ten ist, sagt man, sei das ver­bie­ten. […] Selbst in kirch­li­chen Krei­sen, wo ein Gesetz nach dem ande­ren abge­schafft wird, wen­det man in leicht­fer­ti­ger und unacht­sa­mer Wei­se das ‚Quan­tum potes tan­tum aude‘ (‚Gehe, soweit du kannst‘) an. Man ver­brei­tet Mei­nungs­um­fra­gen, die mehr oder weni­ger wis­sen­schaft­lich sind und die alle mit dem glei­chen Schluss­satz enden: ‚Lie­be Leu­te, Ihr seid in der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on unglück­lich; wenn Ihr glück­lich sein wollt, müsst Ihr alles ändern und die Struk­tu­ren auf den Kopf stel­len. Man bringt dann auch noch die Psy­cho­lo­gie ins Spiel, die Wis­sen­schaft, die die mensch­li­chen Fak­ten erklärt. Die Ehe­bre­cher, die Sadi­sten und Homo­se­xu­el­len wer­den von den Tie­fen­psy­cho­lo­gen fast immer ent­schul­digt: die Schuld liegt bei den Eltern, die ihre zar­ten und engel­haf­ten Spröss­lin­ge nicht immer so geliebt haben, wie sie hät­ten sol­len. Eine gan­ze Lite­ra­tur­gat­tung scheint als Losungs­wort zu haben: ‚Immer auf den Vater!‘ Der Vater ist für fast alles ver­ant­wort­lich. Eine ande­re Lite­ra­tur­gat­tung möch­te alle Geset­ze abschaf­fen. Sie ver­langt die unbe­grenz­te Gebur­ten­re­ge­lung, die Frei­ga­be der Abtrei­bung nach dem Wil­len der Mut­ter, Schei­dung wie beliebt, vor­ehe­li­che Bezie­hun­gen, Homo­se­xua­li­tät, frei­en Dro­gen­miss­brauch. Es ist eine Sturm­flut, eine Art Wir­bel­sturm, der auf uns zukommt, lie­ber hei­li­ger Lukas. Was kann ein armer Bischof dage­gen tun? “ (Albi­no Lucia­ni, Ihr erge­be­ner Albi­no Lucia­ni. Brie­fe an Per­sön­lich­kei­ten, 4. Aufl., Mün­chen 1979, S. 199 f.)

Das sind pro­phe­ti­sche Wor­te, geschrie­ben im Jahr 1974! Man könn­te mei­nen, er beschreibt unse­re durch Gen­de­ris­mus und Liber­ti­nis­mus ver­dor­be­ne Gesell­schaft, die selbst bei vie­len Kir­chen­obe­ren inzwi­schen ansatz­wei­se an Akzep­tanz gewon­nen hat. Ja, die Sturm­flut ist über uns her­ein­ge­bro­chen, doch nur weni­ge wol­len oder schei­nen es zu mer­ken. Ihr Bischö­fe, lasst Euch doch bit­te wie­der anzün­den von der Glut, die die­sen hei­lig­mä­ßi­gen Bischof und Papst ganz offen­sicht­lich durch­drang. Hört auf sei­ne Pro­phe­tie und wer­det end­lich wie­der sel­ber zu Pro­phe­ten unse­rer Zeit!

Ich bin froh und dank­bar, dass ich nun auch in der Lage bin, die­se Geschich­te mei­ner Schuld offen zu legen. Ich tue dies sicher nicht leich­ten Her­zens. Aber ich kann dies auch tun, weil ich eben eines nicht bin: Erpress­bar! Mei­ne Fami­lie weiß eben Bescheid. Und ich möch­te dadurch einen jeden, der sich wegen sei­ner Schuld auf­ge­ge­ben hat, mit­ge­ben: Bekeh­rung ist immer, wirk­lich immer mög­lich! Wen­de Dich an Maria, die all­zeit Rei­ne! Sie wird Dir sicher hel­fen, Dein Leben wie­der zurück in die Spur ihres Soh­nes zu ver­set­zen. Ich hof­fe und bete dafür, dass die Kir­che befreit wird von den vie­len ver­dor­be­nen Kle­ri­kern, die nun ver­su­chen, den Weg des Irr­tums zu gehen und dadurch vie­le Men­schen in Ver­su­chung brin­gen, ihr See­len­heil aufs Spiel zu setzen.

*Mar­kus Büning, gebo­ren 1966 in Ahaus (West­fa­len), stu­dier­te katho­li­sche Theo­lo­gie und Phi­lo­so­phie in Mün­ster in West­fa­len und Mün­chen sowie Rechts­wis­sen­schaf­ten an den Uni­ver­si­tä­ten von Kon­stanz und Mün­ster; 2001 Pro­mo­ti­on zum Dok­tor der Rechts­wis­sen­schaf­ten, zunächst Assi­stent an den Uni­ver­si­tä­ten Kon­stanz und Mün­ster, dann Ein­tritt als Jurist in den Ver­wal­tungs­dienst. Der aus­ge­wie­se­ne Kir­chen­recht­ler ver­öf­fent­lich­te zahl­rei­che Publi­ka­tio­nen zu kir­chen­recht­li­chen und theo­lo­gi­schen The­men und über Hei­li­ge. Dr. Mar­kus Büning ist ver­hei­ra­tet und Vater von zwei Kindern.

Bild: Die Tages­post (Screen­shot)

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