Neuer Frontalangriff des Vatikans gegen US-Evangelikale

Angriff gegen US-Evangelikale
Angriff gegen US-Evangelikale. Papst Franziskus ist auch der Meinung, daß die religiöse Rechte in den USA der größte Hemmschuh für die Linkswende ist.

(Rom) Im Vati­kan wer­den revo­lu­tio­nä­re Plä­ne gewälzt: von der „öku­me­ni­schen Mes­se“ über das Frau­en­dia­ko­nat bis zur Zöli­bats­auf­he­bung mit der Zulas­sung ver­hei­ra­te­ter Prie­ster, von der Zulas­sung von Ehe­bre­chern zur hei­li­gen Kom­mu­ni­on bis zur Zulas­sung von Pro­te­stan­ten zur hei­li­gen Kom­mu­ni­on. Par­al­lel enga­giert sich das der­zei­ti­ge Pon­ti­fi­kat beson­ders auf poli­ti­scher Ebe­ne. Dort wird der Schul­ter­schluß mit den Glo­ba­li­sten der inter­na­tio­na­len Insti­tu­tio­nen und mit der poli­ti­schen Lin­ken gesucht.

Par­al­lel dazu ist US-Prä­si­dent Donald Trump eine bevor­zug­te Ziel­schei­be der Kri­tik, die nicht von der katho­li­schen Kir­che in den USA aus­ging, son­dern von Papst Fran­zis­kus. Das Kir­chen­ober­haupt gab bereits Anfang 2016, als die US-Par­tei­en erst ihre Kan­di­da­ten für die US-Prä­si­dent­schafts­wahl bestimm­ten, unmiß­ver­ständ­lich zu ver­ste­hen, daß er von allen Bewer­bern Trump am wenig­sten im Wei­ßen Haus sehen wol­le. Das traf sich eins zu eins mit der Posi­ti­on der poli­ti­schen Lin­ken in den USA und in Euro­pa.

Die US-Wäh­ler sahen das anders. Als es im Mai 2017 zur ersten und bis­her ein­zi­gen Begeg­nung unter den bei­den Staats­män­nern kam, setz­te Fran­zis­kus für den offi­zi­el­len Foto­ter­min eine demon­stra­tiv miß­mu­ti­ge Mie­ne auf. Nicht ein­mal ein flüch­ti­ges Lächeln soll­te falsch inter­pre­tiert wer­den kön­nen. Daß Fran­zis­kus auch ganz anders kann, beweist er bei Begeg­nun­gen mit den „rich­ti­gen“, sprich lin­ken Poli­ti­kern, jüngst mit Frank­reichs Staats­prä­si­dent Emma­nu­el Macron. Mit ihm tausch­te Fran­zis­kus sogar Zärt­lich­kei­ten aus.

Was links und rechts ist, unter­liegt seit dem Ende des Kal­ten Krie­ges einem raschen Eti­ket­ten­wan­del. Die Inhal­te zäh­len, wes­halb gera­de auch in Euro­pa ein Umden­ken not­wen­dig ist. Lin­ke Par­tei­en sind nicht mehr unbe­dingt an ihrem Namen zu erken­nen. Die christ­de­mo­kra­ti­schen oder bür­ger­li­chen Par­tei­en ver­schie­de­ner EU-Staa­ten betrei­ben seit Jah­ren in gesell­schafts­po­li­ti­schen Fra­gen eine zuneh­mend lin­ke Poli­tik (Abtrei­bung, Gen­der-Ideo­lo­gie, Homo­se­xua­li­sie­rung, Anti-Fami­li­en­po­li­tik, Früh­se­xua­li­sie­rung, Eutha­na­sie, Gebär­ma­schi­nen – als Fol­ge des am eige­nen Volk betrie­be­nen Gebur­ten­rück­gangs die För­de­rung der Mas­sen­ein­wan­de­rung). Sie sind somit der poli­ti­schen Lin­ken zuzu­rech­nen. Das zwing, alte Denk­mu­ster auf ihre Gül­tig­keit hin zu über­prü­fen.

Der erste Angriff der Civiltà Cattolica gegen die US-Evangelikale

Die römi­sche Jesui­ten­zeit­schrift La Civil­tà Cat­to­li­ca rei­tet in ihrer jüng­sten Aus­ga­be einen wei­te­ren Angriff gegen die USA. Den Auf­takt mach­te ein Fron­tal­an­griff gegen die „reli­giö­se Rech­te“ in den USA, die in der Aus­ga­be 4010 vom 15. Juli 2017 erschien. Weni­ge Wochen zuvor hat­te damals die New York Times dazu auf­ge­ru­fen, die „Vor­herr­schaft der reli­giö­sen Rech­ten in der Moral-Agen­da des Lan­des zu bre­chen“.

Evangelikale, Fundamentalismus. katholischer Integralismus - das Gruselkabinett der schlimmsten Vorwürfe
Evan­ge­li­ka­le, Fun­da­men­ta­lis­mus. katho­li­scher Inte­gra­lis­mus — das Gru­sel­ka­bi­nett der schlimm­sten Vor­wür­fe der der­zei­ti­gen Kir­chen­füh­rung

Der Civil­tà-Cat­to­li­ca-Arti­kel griff die­se Vor­ga­be pünkt­lich auf und unter­stütz­te sie. Mit der „reli­giö­sen Rech­ten“ sind in erster Linie die den Repu­bli­ka­ner nahe­ste­hen­den, gesell­schafts­po­li­tisch kon­ser­va­ti­ven Evan­ge­li­ka­len gemeint. Die Kri­tik betraf aber auch die kon­ser­va­ti­ven Katho­li­ken. Die der­zei­ti­ge Kir­chen­füh­rung läßt, wenn auch ver­bor­ge­ner, kei­nen Zwei­fel, daß Links­ka­tho­li­ken bevor­zugt wer­den. Autoren des Angriffs waren der Schrift­lei­ter und Papst-Ver­trau­te, P. Anto­nio Spa­daro SJ, und der von Papst Fran­zis­kus als Lei­ter der argen­ti­ni­schen Aus­ga­be des Osser­va­to­re Roma­no ein­ge­setz­te pres­by­te­ria­ni­sche Pastor Mar­ce­lo Figuer­oa.

Die „reli­giö­se Rech­te“ wird von den Trump-Geg­nern maß­geb­lich für des­sen Sieg ver­ant­wort­lich gemacht – und über­haupt für den Sieg aller repu­bli­ka­ni­schen Prä­si­den­ten seit Ronald Rea­gan. Aus Euro­pa blicken Poli­tik­wis­sen­schaft­ler und Sozio­lo­gen immer wie­der stau­nend über den Atlan­tik, da auf dem alten Kon­ti­nent die Ver­drän­gung der Reli­gi­on aus dem öffent­li­chen Leben weit­ge­hend erfolg­reich umge­setzt wur­de.

Die Rech­nung ist ein­fach: Gelingt es die­se „reli­giö­se Rech­te“ zu schwä­chen, könn­te ein struk­tu­rel­ler, sprich dau­er­haft Sieg lin­ker Demo­kra­ten bei Wah­len eta­bliert wer­de. Eine sol­che Rech­nung hat­te bereits Barack Oba­ma in sei­ner zwei­ten Amts­zeit ange­stellt und auf eine struk­tu­rel­le Links­wen­de hin­ge­ar­bei­tet. Sei­ne Rech­nung ging aller­dings nicht im gewünsch­ten Maß auf. Die Wäh­ler ant­wor­te­ten auf ihre Wei­se mit der Wahl eines repu­bli­ka­ni­schen Außen­sei­ters. Die der­zei­ti­ge Füh­rung im Vati­kan scheint die Über­zeu­gung der US-Lin­ken zu tei­len, daß die „reli­giö­se Rech­te“ der USA, das der­zeit größ­te Hin­der­nis auf dem Weg zur Links­wen­de dar­stellt. Die USA sind die Welt­macht schlecht­hin und üben glo­ba­len Ein­fluß aus. Die Wahl von Trump zum US-Prä­si­den­ten gab auch in Euro­pa anti-glo­ba­li­sti­schen, iden­ti­tä­ren und kon­ser­va­ti­ven Kräf­ten neu­en Auf­trieb. Die Lebens­rechts­be­we­gung blickt vor allem in die USA, weil dort der Kampf für die Kul­tur des Lebens noch offen ist, wäh­rend sich West­eu­ro­pa im uner­bitt­li­chen Wür­ge­griff der Kul­tur des Todes befin­det. Staat­li­che Sou­ve­rä­ni­tät und Demo­kra­tie ver­lei­hen den US-Wäh­lern ein enor­mes Gewicht, das weit über die US-Gren­zen hin­aus­ragt.

Als Zwei­fel auf­ka­men, ob der Angriff gegen die „reli­giö­se Rech­te“ im Som­mer 2017 wirk­lich im Sinn von Papst Fran­zis­kus war, ant­wor­te­te Spa­daro ohne Wenn und Aber: „Ja“, der Arti­kel erschien „im Auf­trag des Pap­stes“. Ohne­hin kann kein Arti­kel in der römi­schen Jesui­ten­zeit­schrift ohne vor­he­ri­ge Bil­li­gung durch das vati­ka­ni­sche Staats­se­kre­ta­ri­at erschei­nen. Papst Fran­zis­kus übt die­se Ober­auf­sicht in ihm wich­ti­gen Fra­gen sogar per­sön­lich aus.

Die kon­ster­nier­ten Evan­ge­li­ka­len depo­nier­ten noch im August 2017, mit Papst Fran­zis­kus über den Arti­kel spre­chen zu wol­len, um eini­ge Din­ge klar­zu­stel­len. Die Begeg­nung kam bis heu­te nicht zustan­den. Der Grund: Im Vati­kan fin­det man im Kalen­der des Pap­stes kei­nen frei­en Ter­min.

Der neue Angriff der Civiltà Cattolica gegen die US-Evangelikalen

In der aktu­el­len Aus­ga­be der Zeit­schrift (Heft 4034) erschien vom sel­ben Autoren-Duo Spa­daro-Figuer­oa die Fort­set­zung des Angriffs:

Wohl­stands­theo­lo­gie: Die Gefahr eines ‚ande­ren Evan­ge­li­ums‘“.

In der eng­li­schen Kurz­fas­sung lau­tet der Titel:

Die Wohl­stands­theo­lo­gie: Ein gefähr­li­ches und ande­res Evan­ge­li­um“.

Der Angriff gilt wie­der­um den US-Evan­ge­li­ka­len und Pfingst­lern. Die Buhl­schaft, mit der Fran­zis­kus sein Pon­ti­fi­kat eröff­ne­te, indem er bevor­zug­ten Kon­takt zu den pro­te­stan­ti­schen Frei­kir­chen in den USA such­te, ist längst ver­ges­sen. Seit dem Früh­jahr 2016 rührt sich auf der Ebe­ne nichts mehr. Eine Rei­he füh­ren­der evan­ge­li­ka­ler Pasto­ren blick­te anfangs über­rascht und posi­tiv Rich­tung Rom. Eine Annä­he­rung schien denk­bar, weil die nicht ver­han­del­ba­ren Grund­sät­ze aus Sicht der Evan­ge­li­ka­len eine neue, gro­ße und welt­wei­te Alli­anz mög­lich zu machen schie­nen. Fran­zis­kus aber ver­folg­te dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setz­te Plä­ne. Die nicht ver­han­del­ba­ren Wer­te emp­fin­det er als Stör­fak­tor. Sein Ziel ist nicht die Errich­tung einer christ­li­chen Gegen­ord­nung zur links­li­be­ra­len Domi­nanz, son­dern ein Bünd­nis mit die­sen links­li­be­ra­len Kräf­ten. Spä­te­stens als Fran­zis­kus sich gegen Trump und für den demo­kra­ti­schen Links­au­ßen Ber­nie San­ders als sei­nen bevor­zug­ten US-Prä­si­den­ten aus­sprach, däm­mer­te es den evan­ge­li­ka­len Pasto­ren, daß sie mit die­sem Papst kei­nen Staat machen kön­nen. Seit­her herrscht Funk­stil­le.

Fran­zis­kus hat­te das wahr­schein­lich noch frü­her erkannt und änder­te sei­ne Stra­te­gie. Hat­te er anfangs die histo­ri­schen Lan­des­kir­chen der Refor­ma­ti­on links lie­gen­ge­las­sen, wen­det sich seit seit­her ver­stärkt die­sen zu, wie die 500-Jahr­fei­ern zu Mar­tin Luther zeig­ten.

Kurio­ser­wei­se wird in der spa­ni­schen Fas­sung des neu­en Civil­tà Cat­to­li­ca-Arti­kels „Evan­ge­li­um“ sogar klein­ge­schrie­ben. Im ita­lie­ni­schen Ori­gi­nal ist die­ser Punkt ambi­va­lent, weil die Über­schrift zur Gän­ze in Groß­buch­sta­ben gehal­ten ist (der Auf­satz liegt auf Ita­lie­nisch, Fran­zö­sisch, Spa­nisch und Eng­lisch vor).

„Pseudo-Evangelium“

Die „Anbetung des Geldes“
Die „Anbe­tung des Gel­des“

Den Evan­ge­li­ka­len wird vor­ge­wor­fen, ein „Pseu­do-Evan­ge­li­um“ zu pre­di­gen. Die Aus­ein­an­der­set­zung fin­det aber nicht auf theo­lo­gi­scher, son­dern poli­ti­scher Ebe­ne statt. Den kon­ser­va­ti­ven Frei­kir­chen wir vor­ge­hal­ten, so der Gesamt­te­nor, eine „Wohl­stands­theo­lo­gie“ zu pre­di­gen, im Klar­text ein kapi­ta­li­sti­sches, kon­ser­va­ti­ves System zu unter­stüt­zen – kurz­um das Gegen­teil des­sen, was seit Jahr­zehn­ten jene anstre­ben, die eine Alli­anz von Chri­sten­tum und Sozia­lis­mus wol­len. Das sagen Spa­daro und Figuer­oa natür­lich nicht so offen.

Beson­ders dra­stisch wird die Bot­schaft in der spa­ni­schen Aus­ga­be ins Bild gesetzt. Es zeigt die Anbe­tung des Gel­des. Krip­pen­fi­gu­ren, die um ein Bün­del Dol­lar knien. Das ist der Vor­wurf gegen die Evan­ge­li­ka­len. Das ist der Angriff im über­tra­ge­nen Sinn gegen die „reli­giö­se Rech­te“ in den USA. Mehr oder weni­ger sub­til wird glau­bens­treu­en, eben „kon­ser­va­ti­ven“ Katho­li­ken die Anbe­tung des Gel­des unter­stellt. Von der der­zei­ti­gen Füh­rung des Vati­kans wird mit unschö­nen und unsau­be­ren Mit­teln gekämpft.

Asso­cia­ted Press (AP) ver­öf­fent­lich­te einen Bericht zum Arti­kel und bringt die Stoß­rich­tung bereits im Titel zum Aus­druck:

„Zeit­schrift mit Druck­erlaub­nis des Vati­kans greift erneut die US-Evan­ge­li­ka­len an“.

Das Signal wur­de ver­stan­den: Es geht um US-ame­ri­ka­ni­sche Innen­po­li­tik. Fran­zis­kus beton­te zwar mehr­fach, sich nicht in die inne­ren Ange­le­gen­hei­ten ande­rer Län­der ein­mi­schen zu wol­len, tut es aber immer wie­der – und das in der Regel mit poli­ti­scher Absicht.

Der Politiker auf dem Papstthron

Wäh­rend der Vati­kan im Geist der „Öku­me­ne“ wohl­wol­len­den Kon­takt mit den ver­schie­den­sten christ­li­chen Kon­fes­sio­nen und Deno­mi­na­tio­nen, aber auch mit ande­ren Reli­gio­nen hält, sprach Fran­zis­kus dem US-Prä­si­den­ten im Wahl­kampf ab, ein Christ zu sein. Genau der­sel­ben Linie folgt der neu­en Arti­kel der Civil­tà Cat­to­li­ca, der den US-Evan­ge­li­ka­len vor­wirft, ein „Pseu­do-Evan­ge­li­um“ zu pre­di­gen. Zwei bemer­kens­wer­te Urtei­le für ein Pon­ti­fi­kat, das nicht urtei­len will („Wer bin ich, um zu urtei­len), denn sie erfolg­ten nicht zur Ver­tei­di­gung der Glau­bens­wahr­heit, son­dern im Zuge eines glo­ba­len, poli­ti­schen Macht­kamp­fes.

Dar­an ändert auch nichts, daß Aspek­te der vor­ge­brach­ten Kri­tik dis­ku­tie­rens­wert sind, wenn sie mit Blick auf die Glau­bens­wahr­heit vor­ge­bracht wür­den. Hin­ter allem lugt zudem, so der Ein­druck, eine Anti-Grin­go-Hal­tung her­vor, die Papst Fran­zis­kus bereits in jun­gen Jah­ren inha­liert haben muß, wie er selbst unter Ver­weis auf den argen­ti­ni­schen Cau­dil­lo Juan Peron und die para­gu­ay­ische Kom­mu­ni­stin Esther Carea­ga Bal­le­stri­no zu erken­nen gab.

Nach Johan­nes Paul II., „dem Phi­lo­so­phen“ auf dem Papst­thron, und Bene­dikt XVI., „dem Theo­lo­gen“, hieß es, daß mit Papst Fran­zis­kus „der Sozio­lo­ge“ den Stuhl Petri ein­ge­nom­men habe. Zutref­fen­der scheint, daß Papst Fran­zis­kus „der Poli­ti­ker“ auf dem Papst­thron ist, und damit genau das, was kir­chen­kri­ti­sche Krei­se seit mehr als 200 Jah­ren als stän­di­ge Ankla­ge gegen die Kir­che vor­brin­gen – außer gegen Fran­zis­kus.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: La Civil­tà Cat­to­li­ca (Screen­shots)

1 Kommentar

  1. Wer im Glas­haus sitzt, soll­te nicht mit Stei­nen werfen…oder was sag­te Jesus zu den Pha­ri­sä­ern die eine Frau des Ehe­bruchs angeklagten.…7 Als sie nun fort­fuh­ren, ihn zu fra­gen, rich­te­te er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sün­de ist, der wer­fe den ersten Stein auf sie!

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