„Der Vatikan hat geschwiegen“

Abtreibung
Elisabetta Piqué, eine persönliche Freundin, rechtfertigt das Schweigen von Franziskus zur argentinischen Abtreibungsdebatte im Parlament - und bestätigt das genau Gegenteil.

(Bue­nos Aires) Am Don­ners­tag beschloß die argen­ti­ni­sche Abge­ord­ne­ten­kam­mer in erster Lesung die Lega­li­sie­rung der Abtrei­bung. Eine Freun­din von Papst Fran­zis­kus ver­sucht das Schwei­gen des Pap­stes zu recht­fer­ti­gen.

Mit einer Mehr­heit von nur vier Stim­men beschloß die Erste Kam­mer des Argen­ti­ni­schen Par­la­ments Mit­te der Woche, daß auch in der Hei­mat des Pap­stes die Mas­sen­tö­tung unschul­di­ger, unge­bo­re­ner Kin­der erlaubt sein soll. Im näch­sten Schritt muß sich der Senat mit dem Gesetz­ent­wurf befas­sen.

„Der Vatikan hat geschwiegen“
„Der Vati­kan hat geschwie­gen“

Im ver­gan­ge­nen März demon­strier­ten zwei Mil­lio­nen Argen­ti­ni­er gegen Abtrei­bung und für das Lebens­recht Unge­bo­re­ner. Ihnen steht eine finan­zi­ell wohl­do­tier­te Abtrei­bungs­lob­by mit frei­em Zugang zu den Mas­sen­me­di­en gegen­über. Das ver­schlei­ern­de Schlag­wort lau­tet „Despena­li­za­ci­on“, Ent­kri­mi­na­li­sie­rung der Abtrei­bung. Ein Begriff, der für Katho­li­ken inak­zep­ta­bel, weil in der Sache völ­lig unan­ge­mes­sen ist. Bei jeder Abtrei­bung wird ein unschul­di­ges Kind getö­tet.

Obwohl die Abtrei­bungs­lob­by das Lebens­recht im Hei­mat­land des Pap­stes unter­mi­niert, schweigt Fran­zis­kus dazu. Das päpst­li­che Schwei­gen wur­de von Katho­li­ken und der Lebens­rechts­be­we­gung kri­ti­siert. Die Rom-Kor­re­spon­den­tin Eli­sa­bet­ta Piqué, eine per­sön­li­che Freun­din von Papst Fran­zis­kus, ver­such­te in der gest­ri­gen Aus­ga­be der Tages­zei­tung La Naci­on die­ses Schwei­gen zu recht­fer­ti­gen.

Unter der Über­schrift „Abtrei­bung: Der Vati­kan hat geschwie­gen“ schreibt sie:

„Weder gab es eine Reak­ti­on des Vati­kans noch wird eine erwar­tet zur Zustim­mung der Abge­ord­ne­ten­kam­mer zum Gesetz­ent­wurf zur Abtrei­bungs­le­ga­li­sie­rung.“

Der Beschluß sei „kei­ne gute Nach­richt“ für den Hei­li­gen Stuhl gewe­sen, aber da er „nicht defi­ni­tiv“ ist, weil noch die Ent­schei­dung des Senats fehlt, „wird sich der Hei­li­ge Stuhl schwer­lich äußern“.

Will der Vati­kan sich also erst nach voll­ende­ten Tat­sa­che zu Wort mel­den? Folgt man Piqué müß­te dem so sein.

Nach die­sem Vor­spiel folgt die eigent­li­che Recht­fer­ti­gung des päpst­li­chen Schwei­gens:

„Im Sin­ne der Dezen­tra­li­sie­rung, die Fran­zis­kus antreibt, und wie es auch tat­säch­lich gesche­hen ist, ist es Zustän­dig­keit der Orts­kir­che auf die­se Art von Sachen zu reagie­ren.“

Nur am Ran­de sei erwähnt, daß es im Zusam­men­hang mit der Abtrei­bungs­de­bat­te die Abtrei­bungs­lob­by ist, die von einer „Sache“ spricht. Ent­schul­di­gend führt Piqué sogar das Abstim­mungs­er­geb­nis selbst an:

„Auch das Ergeb­nis der Abstim­mung in Argen­ti­ni­en war nicht über­ra­schend. Erst vor zwei Wochen, als sich der argen­ti­ni­sche Außen- und Kul­tus­mi­ni­ster, Jor­ge Fau­rie, im Vati­kan mit Kar­di­nal Pie­tro Paro­lin, Staats­se­kre­tär des Hei­li­gen Stuhls, und Erz­bi­schof Paul Gal­lag­her traf, spra­chen sie über die hit­zi­ge Abtrei­bungs­de­bat­te. Wie er La Naci­on berich­te­te, ließ Fau­rie sie wis­sen, daß es eine gro­ße Unsi­cher­heit dar­über gebe, was in der Abge­ord­ne­ten­kam­mer pas­sie­ren wer­de.“

Piqué fügt noch hin­zu:

„Fran­zis­kus war über ande­re Kanä­le über die Ent­wick­lung der Lage immer infor­miert, wes­halb er nicht über­rascht wur­de.“

Und das soll was hei­ßen?

Gera­de das knap­pe Ergeb­nis, bei dem nur vier Stim­men aus­schlag­ge­bend waren (129 Abge­ord­ne­te stimm­ten für die Abtrei­bung, 125 für das Lebens­recht, ein Abge­ord­ne­ter ent­hielt sich der Stim­me), hät­te für etli­che Abge­ord­ne­te eine deut­li­che Stel­lung­nah­me des Pap­stes bei der Mei­nungs­fin­dung wahr­schein­lich eine viel­leicht ent­schei­den­de Rol­le gespielt.

Der Hin­weis von Außen­mi­ni­ster Fau­rie hät­te den Papst alar­mie­ren müs­sen. Vom Abstim­mungs­er­geb­nis „nicht über­rascht“ wor­den zu sein, ist weder eine Lei­stung noch stellt es in der Sache einen Wert dar. Erst recht hilft es nicht den unge­bo­re­nen Kin­dern, die mög­li­cher­wei­se bald auch in Argen­ti­ni­en indu­stri­ell getö­tet wer­den.

Tat­sa­che ist, daß Papst Fran­zis­kus vor der Abtrei­bungs­lob­by kampf­los das Feld räumt und bereits vor Kampf­be­ginn die wei­ße Fah­ne hißt, indem er sich – laut Piqué – unter Ver­weis auf die von ihm selbst ins Spiel gebrach­te „Dezen­tra­li­sie­rung“ die Hän­de in Unschuld wäscht, als gin­ge ihn als Papst und als Argen­ti­ni­er die Fra­ge um Leben oder Tod nichts an. Mehr noch: Er hat Argen­ti­ni­ens Abge­ord­ne­te sich selbst über­las­sen.

Eli­sa­bet­ta Piqués Recht­fer­ti­gungs­ver­such hat dies, anders als von ihr beab­sich­tigt, noch ver­deut­licht.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: La Naci­on (Screen­shots)

1 Kommentar

  1. „Im Sin­ne der Dezen­tra­li­sie­rung, die Fran­zis­kus antreibt, und wie es auch tat­säch­lich gesche­hen ist, ist es Zustän­dig­keit der Orts­kir­che auf die­se Art von Sachen zu reagie­ren.“

    Hier wird die katho­li­sche Stim­me bewusst geschwächt. Anstatt der Welt­kir­che mit der mora­li­schen Aut­ho­ri­tät eines Pap­stes sol­len es die Orts­kir­chen rich­ten. Wer hört auf die Orts­kir­chen (nie­mand), wer bringt es in die Medi­en (nie­mand).
    Der Papst will kei­nen Wider­stand, kein Auf­rüt­teln — wie bil­lig ist das denn. Die Unge­bo­re­nen wer­den genau­so im Stich gelas­sen, wie die ver­folg­ten Chri­sten, wie die Unter­grund­kir­che in Chi­na. Das soll unser ober­ster Hir­te sein?

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