Fünf Jahre Papst Franziskus: „Dieser Papst gefällt uns nicht“

Mario Palmaro
Der Rechtsphilosoph Mario Palmaro starb vor vier Jahren. Seine Kritik am derzeitigen Pontifikat hat nichts an seiner Aktualität verloren.

(Rom) Heu­te vor vier Jah­ren, am 9. März 2014, starb nach schwe­rer Krank­heit im alter von 45 Jah­ren, viel zu jung, der Rechts­phi­lo­soph Mario Palma­ro. Er hin­ter­ließ eine Frau und vier unmün­di­ge Kin­der. In der kur­zen Zeit zwi­schen der Wahl von Papst Fran­zis­kus am 13. März 2 2013 und sei­nem Tod wur­de er noch zum inter­na­tio­nal bekann­te­sten und scharf­sin­nig­sten Kri­ti­ker die­ses Pon­ti­fi­kats.

Am 9. Okto­ber 2013 for­mu­lier­te er zusam­men mit dem Jour­na­li­sten Ales­san­dro Gnoc­chi in der Tages­zei­tung Il Foglio eine streit­ba­re Ankla­ge gegen Papst Fran­zis­kus. Sie war­fen dem Papst vor, durch Äußer­lich­kei­ten die Auf­merk­sam­keit von der Sub­stanz auf den Schein umzu­len­ken. Vor allem aber mach­ten sie ihm einen inhalt­li­chen Para­dig­men­wech­sel zum Vor­wurf. Noch im sel­ben Monat wur­de dafür nach zehn Jah­ren ihm von Radio Maria Ita­li­en die Mit­ar­beit auf­ge­kün­digt. Weni­ge Tage spä­ter erhielt er am 1. Novem­ber, als er bereits durch sei­ne Krank­heit schwer gezeich­net war, einen Tele­fon­an­ruf von Papst Fran­zis­kus. „Für mich als Katho­lik, war das, was ich erleb­te, eine der schön­sten Erfah­run­gen mei­nes Lebens. Ich habe dem Papst mei­ne unbe­ding­te Treue als Sohn der Kir­che ver­si­chert. Ich sah mich aller­dings auch in der Pflicht, den Papst dar­an zu erin­nern, daß ich gemein­sam mit Ales­san­dro Gnoc­chi ganz prä­zi­se Kri­tik an sei­nem Han­deln geäu­ßert habe. Der Papst ließ mich fast den Satz nicht been­den und sag­te, er habe ver­stan­den, daß die­se Kri­tik aus Lie­be gemacht wur­de und wie wich­tig es für ihn ist, sol­che zu bekom­men.“ So bewegt beschrieb Palma­ro das Tele­fon­ge­spräch der Zei­tung Libe­ro. Radio Maria nahm die Ent­las­sung den­noch nicht zurück. Palma­ro und Gnoc­chi setz­ten ihre Kri­tik fort, nicht aus Kri­tik­sucht, son­dern aus tief­emp­fun­de­ner Sor­ge.

Er schrieb im wahr­sten Sin­ne bis zum letz­ten Atem­zug. Sein letz­ter Auf­satz konn­te erst nach sei­nem Tod ver­öf­fent­licht wer­den. Es war eine Kri­tik an der Rede, die Kar­di­nal Wal­ter Kas­per am 20. Febru­ar 2014 beim Kar­di­nals­kon­si­sto­ri­um gehal­ten hat­te, jene Rede, mit der „alles begann“, was heu­te unter dem Stich­wort Amo­ris lae­ti­tia die Kir­che in ver­wirrt und ent­zweit. Palma­ro schrieb, daß die Rede Kas­pers aus dem Stoff gemacht sei, aus dem die wei­ßen Fah­nen der Kapi­tu­la­ti­on gemacht sind.

Da er die Ver­hält­nis­se in sei­ner Diö­ze­se kann­te, bau­te er vor. Er muß­te sich einer List bedie­nen, um sicher­zu­stel­len, in der über­lie­fer­ten Form des Römi­schen Ritus begra­ben zu wer­den, wie es sein Wunsch war.

Seit Mario Palma­ro von die­ser Welt abbe­ru­fen wur­de, sind vier Jah­re ver­gan­gen. Seit jenem „unver­geß­li­chen Arti­kel“ (San­dro Magi­ster) noch eini­ge Mona­te mehr. In weni­gen Tagen jährt sich zum fünf­ten Mal die Wahl von Papst Fran­zis­kus. Grund genug an die­sen ehr­li­chen und geist­rei­chen Strei­ter Chri­sti zu erin­nern und sei­nen denk­wür­di­gen Auf­satz erneut zu ver­öf­fent­li­chen, weil er ein gei­sti­ges Fanal war und ein histo­ri­sches Doku­ment ist. Er kann nun auch dazu die­nen, anhand die­ses Auf­sat­zes nach fünf Jah­ren des Pon­ti­fi­kats von Papst Fran­zis­kus Bilanz zu zie­hen.

Palma­ro war sei­nen Mit­strei­tern Vor­bild, weil er selbst auch im Lei­den und Ster­ben nach jenem Mot­to leb­te, mit dem er das Leben eines Chri­sten beschrieb:

Vita chri­stia­na mili­tia est.

Christus ist keine Option unter vielen, schon gar nicht für seinen Stellvertreter auf Erden

von Ales­san­dro Gnoc­chi und Mario Palma­ro

Wie­viel die impo­san­te Zur­schau­stel­lung der Armut, deren Haupt­dar­stel­ler Papst Fran­zis­kus am 4. Okto­ber in Assi­si war, geko­stet hat, wis­sen wir nicht. Sicher ist, daß in Zei­ten, in denen die Beschei­den­heit so in Mode ist, gesagt wer­den muß, daß der histo­ri­sche Tag wenig fran­zis­ka­nisch war. Eine gut ver­faß­te und gut inter­pre­tier­te Par­ti­tur, aber ohne jenes beson­de­re Etwas, das den Geist des Fran­zis­kus, des Hei­li­gen, so ein­zig­ar­tig gemacht hat: die Über­ra­schung, die die Welt in Stau­nen ver­setzt. Fran­zis­kus, der Papst, der die Kran­ken umarmt, der in der Mas­se badet, der einen Witz reißt, der spon­tan drauf­los redet, der in einen Fiat Pan­da steigt, der die Kar­di­nä­le beim Mit­tag­essen sit­zen­läßt, um an die Tafel der Armen zu eilen, war das Min­de­ste, was man sich von ihm erwar­tet hat­te und was auch prompt ein­ge­tre­ten ist. Natür­lich alles unter gro­ßer Mit­wir­kung einer katho­li­schen und para­ka­tho­li­schen Pres­se, die die Demut des Gestus beju­bel­te und gleich­zei­tig einen Seuf­zer der Erleich­te­rung von sich gab, weil der Papst, die­ses Mal, von der Begeg­nung mit Chri­stus gespro­chen hat. Und natür­lich unter Mit­wir­kung der welt­li­chen Pres­se, die nim­mer müde wird zu wie­der­ho­len, daß jetzt end­lich die Kir­che ver­sucht, mit der Zeit Schritt zu hal­ten. Alles brauch­ba­re Sachen für die vie­len mit­tel­mä­ßi­gen Titel­schmie­de, die die Aus­ga­be ihrer Zei­tung unter Dach und Fach brin­gen wol­len und mor­gen, ja mor­gen wird man wei­ter­se­hen.

Das päpstliche Zuzwinkern an Scalfari und Lessings Nathan – Realitätsverweigerung der „Normalisten“

Es gab in Assi­si nicht ein­mal die Über­ra­schung einer auf­se­hen­er­re­gen­den Geste. Aber selbst die­se wäre besten­falls beschei­den gewe­sen, ange­sichts des­sen, was Papst Ber­go­glio in nur einem hal­ben Jahr sei­nes Pon­ti­fi­kats gesagt und getan hat und was sei­nen Höhe­punkt in dem ver­trau­li­chen Zuzwin­kern an Euge­nio Scal­fa­ri und dem Inter­view in der Civil­tà  Cat­to­li­ca fand.

Die ein­zi­gen, die davon auf dem fal­schen Fuß erwischt wur­den, sind dies­mal nur die „Nor­ma­li­sten“, jene Katho­li­ken, die auf pathe­ti­sche Wei­se ver­su­chen, den Näch­sten und noch pathe­ti­scher sich selbst davon zu über­zeu­gen, daß sich nichts geän­dert habe. Es sei alles ganz nor­mal und wie immer, schuld sei­en nur die Medi­en, die ver­dre­hen wür­den, was der Papst sagt, der nur auf „ande­re“ Art die­sel­ben Wahr­hei­ten sage, die sei­ne Vor­gän­ger lehr­ten.

Der Jour­na­lis­mus, eines der älte­sten Gewer­be der Welt, macht es einem schwer, die­ser The­se Glau­ben zu schen­ken. „Hei­lig­keit“, fragt zum Bei­spiel der Athe­ist Scal­fa­ri in sei­nem Inter­view, „exi­stiert eine Sicht des ein­zi­gen Guten? Und wer legt die­se fest?“ „Jeder von uns“, ant­wor­tet der Papst, „hat eine eige­ne Sicht des Guten und auch des Bösen. Wir müs­sen den ande­ren dazu anre­gen, sich auf das zuzu­be­we­gen, was er für das Gute hält.“ „Das haben Sie, Eure Hei­lig­keit“, über­schlägt sich Euge­nio Scal­fa­ri in jesui­ti­scher Ehr­er­bie­tung, weil er sei­nen eige­nen Ohren kaum zu trau­en ver­mag, „bereits im Brief an mich geschrie­ben. Das Gewis­sen ist auto­nom, haben Sie gesagt, jeder muß sei­nem eige­nen Gewis­sen gehor­chen. Ich glau­be, das sind die mutig­sten Aus­sa­gen, die von einem Papst gemacht wur­den.“ Und obwohl der Athe­ist ihm sei­ne athe­isti­sche Begei­ste­rung so offen ser­viert, bekräf­tigt der Papst das Gesag­te: „Und hier wie­der­ho­le ich sie. Jeder hat eine eige­ne Vor­stel­lung von Gut und Böse und muß wäh­len, dem Guten zu fol­gen und das Böse zu bekämp­fen, so wie er sie wahr­nimmt. Das wür­de schon genü­gen, um die Welt zu ver­bes­sern.“

Als das Zwei­te Vati­ka­num längst been­det und die Nach­kon­zils­zeit sich schon breit ent­fal­tet hat­te, bean­stan­de­te und ver­warf Johan­nes Paul II. im 32. Kapi­tel von Veri­ta­tis sple­ndor „eini­ge Strö­mun­gen des moder­nen Den­kens“: „Dem Gewis­sen des ein­zel­nen wer­den die Vor­rech­te einer ober­sten Instanz des sitt­li­chen Urteils zuge­schrie­ben, die kate­go­risch und unfehl­bar über Gut und Böse ent­schei­det (…) so daß man zu einer radi­kal sub­jek­ti­vi­sti­schen Kon­zep­ti­on des sitt­li­chen Urteils gelangt“ (sie­he eige­nen Bericht mit voll­stän­di­gem Text).

Auch der phan­ta­sie­voll­ste „Nor­ma­list“ dürf­te sich schwer­tun, Ber­go­glio 2013 mit Woj­ty­la 1993 in Ein­klang zu brin­gen.

Medien verstärken, erfinden aber Richtungsänderung von Papst Franziskus nicht

Ange­sichts einer sol­chen Rich­tungs­än­de­rung machen die Medi­en nur ihre ehr­li­che und gewohn­te Arbeit. Sie grei­fen Sät­ze von Papst Fran­zis­kus auf, die in offen­sicht­li­chem Wider­spruch zu dem ste­hen, was die Päp­ste und die Kir­che immer gelehrt haben und ver­wan­deln sie in Schlag­zei­len für die Titel­sei­ten. Damit ver­stär­ken sie natür­lich auf kon­zen­trier­te Wei­se die Aus­sa­gen, aber sie erfin­den sie nicht.

Der „Nor­ma­list“ aber, der immer und über­all sagt, was der Osser­va­to­re Roma­no denkt, zieht dann den Kon­text ins Spiel. Die Sät­ze sei­en aus dem Kon­text geris­sen und wür­den nicht das Den­ken des­sen wie­der­ge­ben, der sie aus­ge­spro­chen hat. Gewis­se Sät­ze aber, das lehrt die Kir­chen­ge­schich­te, umfas­sen einen abge­schlos­se­nen Gedan­ken, machen daher allein einen Sinn und sind als sol­che zu beur­tei­len. Wenn in einem lan­gen Inter­view jemand sagt, daß „Hit­ler ein Wohl­tä­ter der Mensch­heit war“, wird er sich schwer vor der Welt damit recht­fer­ti­gen kön­nen, daß er sich auf den Kon­text beruft, in dem er den Satz aus­ge­spro­chen hat. Wenn also ein Papst in einem Inter­view sagt: „Ich glau­be an Gott, nicht an einen katho­li­schen Gott“, dann ist der Bock geschos­sen, ganz unab­hän­gig vom Kon­text. Seit 2000 Jah­ren beur­teilt die Kir­che lehr­mä­ßi­ge Aus­sa­gen vom Kon­text iso­liert. Mit gutem Grund. 1713 ver­öf­fent­lich­te Kle­mens XI. die Kon­sti­tu­ti­on Uni­ge­ni­tus Dei Fili­us, in der er 101 The­sen des Theo­lo­gen Pas­quier Ques­nel ver­warf. 1864 ver­öf­fent­lich­te Pius IX. den Syl­labus, ein Ver­zeich­nis irri­ger The­sen, die er ver­ur­teil­te. 1907 füg­te der Hei­li­ge Pius X. der Enzy­kli­ka Pas­cen­di domi­ni­ci gre­gis 65 Aus­sa­gen an und ver­warf sie, die mit der katho­li­schen Glau­bens­leh­re unver­ein­bar sind. Das sind nur eini­ge Bei­spie­le, um zu sagen, daß der Irr­tum, wenn er auf­tritt, mit blo­ßem Auge erkannt wer­den kann. Ein klei­ner Blick in den „Den­zin­ger“ wür­de nicht scha­den.

Papst redet Kirche überflüssig: „Will nicht bekehren“ – Idee vom permanenten (protestantischen) Konzil

Abge­se­hen davon wür­de im kon­kre­ten Fall der Inter­views von Ber­go­glio eine Ana­ly­se des Kon­tex­tes die Sache nur noch ver­schlim­mern. Wenn zum Bei­spiel Papst Fran­zis­kus zu Scal­fa­ri sagt, „der Pro­se­ly­tis­mus ist eine Rie­sen­dumm­heit“, erklärt der „Nor­ma­list“ sofort, daß die Rede vom aggres­si­ven Pro­se­ly­tis­mus süd­ame­ri­ka­ni­scher Sek­ten sei. Lei­der sagt Ber­go­glio im Inter­view zu Scal­fa­ri aber: „Ich will Sie nicht bekeh­ren“. Dar­aus folgt als authen­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on, wenn er den Pro­se­ly­tis­mus als „Rie­sen­dumm­heit“ bezeich­net, daß er eben tat­säch­lich die von der katho­li­schen Kir­che gelei­ste­te Arbeit, die See­len zum katho­li­schen Glau­ben zu bekeh­ren, gemeint hat.

Es fällt schwer, die Aus­sa­ge anders zu inter­pre­tie­ren. „Das Zwei­te Vati­ka­num“, erklär­te der Papst in sei­nem Civil­tà  Cat­to­li­ca-Inter­view, „war ein neu­es Lesen des Evan­ge­li­ums im Licht der moder­nen Kul­tur. Es hat eine Bewe­gung der Erneue­rung her­vor­ge­bracht, die ein­fach aus dem­sel­ben Evan­ge­li­um her­vor­kommt. Die Früch­te sind enorm. Es genügt, an die Lit­ur­gie zu erin­nern. Die Arbeit der Lit­ur­gie­re­form war ein Dienst am Volk, um das Evan­ge­li­um neu zu lesen, ange­fan­gen bei einer kon­kre­ten histo­ri­schen Situa­ti­on. Ja, es gibt her­me­neu­ti­sche Lini­en der Kon­ti­nui­tät und der Dis­kon­ti­nui­tät, eine Sache ist aber klar: die Dyna­mik das Evan­ge­li­um im Heu­te zu lesen, die dem Kon­zil eigen war, ist abso­lut irrever­si­bel“. Genau so, sag­te es der Papst: nicht mehr die Welt, die im Licht des Evan­ge­li­ums geformt wird, son­dern das Evan­ge­li­um defor­miert im Licht der Welt und der moder­nen Kul­tur. Und wer weiß, wie vie­le Male sich das wie­der­ho­len soll, jedes Mal, wenn es zu einem kul­tu­rel­len Wan­del kommt, und jedes Mal wird die vor­he­ri­ge Les­art ver­wor­fen. Das ist nichts ande­res als die Idee eines per­ma­nen­ten Kon­zils, das der Jesu­it Car­lo Maria Mar­ti­ni ent­wor­fen hat­te.

Konstruierter Diskurs mit unterschlagener katholischer Antwort

Auf des­sen Pfa­den wird am Hori­zont die Idee einer neu­en Kir­che sicht­bar, das „Feld­la­za­rett“, von dem Papst Fran­zis­kus im Civil­tà  Cat­to­li­ca-Inter­view sprach, wo die Ärz­te bis­her, wie es scheint, ihre Arbeit schlecht gemacht haben. „Ich den­ke auch an die Situa­ti­on einer Frau, die eine geschei­ter­te Ehe hin­ter sich hat, in der sie sogar abge­trie­ben hat“, so immer der Papst, „dann hat die­se Frau wie­der gehei­ra­tet und jetzt ist sie glück­lich mit fünf Kin­dern. Die Abtrei­bung lastet enorm auf ihr und sie bereut ehr­lich. Sie möch­te im christ­li­chen Leben vor­wärts gehen. Was macht der Beicht­va­ter?“ Der Dis­kurs ist klug kon­stru­iert, um ihn mit einer Fra­ge abzu­schlie­ßen. Dann wech­selt man das Argu­ment, gera­de so, als sei die Kir­che unfä­hig eine Ant­wort zu geben. Die Stel­le ist gera­de­zu erschüt­ternd, wenn man bedenkt, daß die Kir­che die­se Fra­ge seit 2000 Jah­ren mit einer groß­ar­ti­gen und kla­ren Regel beant­wor­tet, die die Abso­lu­ti­on des Sün­ders ermög­licht, aller­dings unter der Bedin­gung, daß er bereut und sich dazu ver­pflich­tet, nicht im Zustand der Sün­de zu blei­ben.

Doch von der extro­ver­tier­ten Per­sön­lich­keit Ber­go­gli­os über­rum­pelt, haben Heer­scha­ren von Katho­li­ken das Mär­chen geschluckt von einem Pro­blem, das es in Wirk­lich­keit nie gab. Alle ste­hen sie nun da und haben sich vom eige­nen Papst ein schlech­tes Gewis­sen ein­re­den las­sen für 2000 Jah­re angeb­li­cher Schand­ta­ten zum Scha­den der armen Sün­der, und dan­ken dem Bischof, der „vom Ende der Welt“ kam, nicht etwa weil er ein Pro­blem gelöst hät­te, das gar nicht exi­stiert, son­dern weil er es erfun­den hat.

Päpstliche Zersetzung des Sündenbewußtseins

Der besorg­nis­er­re­gen­de Aspekt im Den­ken, das hin­ter sol­chen Aus­sa­gen steckt, ist die Idee einer unheil­ba­ren Alter­na­ti­ve zwi­schen Anspruch der Leh­re und Barm­her­zig­keit: ent­we­der das Eine oder das Ande­re. Aber die Kir­che lehrt und lebt seit jeher das Gegen­teil. Es ist das Sün­den­be­wußt­sein und die Reue, die Sün­de began­gen zu haben, die zusam­men mit dem Vor­satz, die Sün­de in Zukunft zu mei­den, die Ver­ge­bung durch Gott mög­lich machen. Jesus ret­tet die Ehe­bre­che­rin vor der Stei­ni­gung, er ver­gibt ihr, aber er ent­läßt sie mit den Wor­ten: „Geh und sün­di­ge nicht mehr“. Er sagt nicht: „Geh, und sei unbe­sorgt, denn mei­ne Kir­che wird sich nicht geist­lich in dein per­sön­li­ches Leben ein­mi­schen.“

Ange­sichts der fast ein­hel­li­gen Zustim­mung im katho­li­schen Volk und der Ver­liebt­heit der Welt, vor der das Evan­ge­li­um warnt, ist man geneigt, zu sagen, daß sechs Mona­te unter Papst Fran­zis­kus einen Epo­chen­wech­sel bedeu­ten. In Wirk­lich­keit erle­ben wir das Phä­no­men eines Füh­rers, der der Mas­se genau das sagt, was die Mas­se hören will. Unleug­bar geschieht das mit gro­ßem Talent und viel Geschick. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Volk, das zum Volk Got­tes wird, wo es de fac­to kei­ne Unter­schei­dung mehr zwi­schen Gläu­bi­gen und Ungläu­bi­gen gibt, ist nur zum gering­sten Teil direkt und spon­tan. Sogar das Bad in der Men­ge am Peters­platz, beim Welt­ju­gend­tag, in Lam­pe­du­sa oder in Assi­si sind durch die Mas­sen­me­di­en gefil­tert, die sich zum Auf­trag gemacht haben, die Ereig­nis­se zusam­men mit ihrer Inter­pre­ta­ti­on zu lie­fern.

Die irrsinnige Anadiplose

Das Phä­no­men Fran­zis­kus ent­zieht sich nicht den grund­le­gen­den Regeln des Medi­en­spiels, son­dern bedient sich viel­mehr die­ser, als wären sie ein Teil sei­nes Wesens. Der Mecha­nis­mus wur­de Anfang der 80er Jah­re auf effi­zi­en­te Wei­se von Mario Ali­ghie­ro Mana­cor­da in einem lesens­wer­ten klei­nen Buch beschrie­ben mit dem genuß­vol­len Titel: „Die Spra­che des Fern­se­hens oder die irr­sin­ni­ge Ana­di­p­lo­se“. Die Ana­di­p­lo­se ist eine rhe­to­ri­sche Figur, die – wie in die­ser Zei­le – den Satz mit dem letz­ten Wort des Vor­sat­zes begin­nen läßt. Die­se rhe­to­ri­sche Kunst, so Mana­cor­da, wur­de zum Kern der Medi­en­spra­che. „Die­se rein for­ma­len For­men, über­flüs­sig, unnö­tig und unver­ständ­lich im Ver­gleich zur Sub­stanz, ver­lei­ten den Zuhö­rer dem for­ma­len Teil zu fol­gen und den sub­stan­ti­el­len Teil zu ver­ges­sen.“

Mit der Zeit gelang es der Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on, den sub­stan­ti­el­len Teil völ­lig durch den for­ma­len Teil zu erset­zen und damit die Wahr­heit durch den Anschein. Dies gelang vor allem dank der rhe­to­ri­schen Figu­ren der Syn­ek­do­che und der Met­ony­mie, mit denen ein Teil für das Gan­ze dar­ge­stellt wird. Das immer schwin­del­erre­gend schnel­le­re Tem­po der Infor­ma­ti­on zwingt, das Gesam­te zu ver­nach­läs­si­gen, um durch die Kon­zen­tra­ti­on auf eini­ge mit Geschick­lich­keit aus­ge­wähl­te Aspek­te eine Les­art des gesam­ten Phä­no­mens geben zu kön­nen. Immer häu­fi­ger fas­sen die Zei­tun­gen, das Fern­se­hen und das Inter­net die gro­ßen Ereig­nis­se anhand eines Details zusam­men.

Synekdoche und Metonymie zur Annullierung des sakralen Charakters des Petrusamtes

So gese­hen scheint Papst Fran­zis­kus gera­de­zu für die Mas­sen­me­di­en geschaf­fen und die Mas­sen­me­di­en geschaf­fen für Papst Fran­zis­kus. Es genügt als Bei­spiel an die Epi­so­de des weiß­ge­klei­de­ten Man­nes zu erin­nern, der aus dem Flug­zeug steigt und eine alte Akten­ta­sche mit sich trägt: der per­fek­te Gebrauch von Syn­ek­do­che und Met­ony­mie zusam­men. Die Figur des Pap­stes wird durch die­se Akten­ta­sche absor­biert, die das sakra­le, seit Jahr­hun­der­ten ver­mit­tel­te Bild annul­liert, um ein voll­kom­men neu­es, welt­li­ches Bild zu ver­mit­teln: der Papst, der neue Papst, ist alles in jenem Detail, das die Armut, die Demut, die Hin­ga­be, die Arbeit, das Zeit­ge­nös­si­sche, das All­täg­li­che her­aus­streicht, die Nähe zu allem, was man sich nur als irdisch vor­stel­len kann.

Der schluß­end­li­che Effekt die­ses Pro­zes­ses führt dazu, daß die unper­sön­li­che Idee des Papst­tums, in dem das Amt Ehr­furcht gebie­tet, der jewei­li­ge Amts­in­ha­ber jedoch hin­ter das Amt zurück­tritt, auf­ge­löst wird und statt des­sen ganz die Per­son des Amts­in­ha­bers in den Vor­der­grund tritt. Die­se Umkeh­rung der Gewich­tung ist um so explo­si­ver, wenn man beob­ach­tet, wie die Adres­sa­ten der Bot­schaft deren Bedeu­tung genau gegen­tei­lig ver­ste­hen: Sie beju­beln die gro­ße Demut und den­ken, daß das dem Papst­tum neu­en Strahl­glanz bringt. Die Sache ist ver­gleich­bar dem „Miß­ver­ständ­nis“ im päpst­li­chen Dia­log mit Scal­fa­ri. Der Athe­ist ver­steht die Bot­schaft nicht als Auf­for­de­rung, sich der Kir­che anzu­nä­hern, son­dern als Annä­he­rung der Kir­che an den Athe­is­mus.

Die Dyna­mik von Syn­ek­do­che und Met­ony­mie füh­ren als näch­sten Schritt dazu, daß die Per­son des Pap­stes mit dem Papst­tum gleich­ge­setzt und ver­wech­selt wird: ein Teil für das Gan­ze, Simon hat Petrus ent­thront. Die­ses Phä­no­men führt dazu, daß Ber­go­glio sich zwar for­mal nur als Pri­vat­arzt äußert, aber de fac­to jede sei­ner Gesten und jedes sei­ner Wor­te sich in einen Akt des Lehr­amts ver­wan­delt. Wenn man dann noch bedenkt, daß sogar der Groß­teil der Katho­li­ken über­zeugt ist, daß das, was der Papst sagt, allein und immer unfehl­bar ist, dann ist das Spiel gelau­fen. So sehr man auch dar­auf hin­wei­sen mag, daß ein Brief an Scal­fa­ri oder ein Inter­view für irgend­wen weni­ger als die Mei­nung einer Pri­vat­per­son sind, im Zeit­al­ter der Mas­sen­me­di­en wird ihre Wir­kung um ein viel­fa­ches grö­ßer sein als jed­we­de fei­er­li­che Ver­kün­di­gung. Mehr noch, je klei­ner und unbe­deu­ten­der die Geste oder die Aus­sa­ge for­mal sind, um so grö­ßer wird ihr Effekt sein und wer­den sie als unan­greif­bar und nicht kri­ti­sier­bar betrach­tet wer­den.

Inhaltliche Leere durch Aufmerksamkeit für Äußerlichkeiten ersetzt – Betäubendes Spiel des Fürsten der Welt

Nicht zufäl­lig ist die Sym­bo­lik, auf der die­ses Phä­no­men ruht, aus klei­nen, all­täg­li­chen Din­gen gemacht. Die in der Hand getra­ge­ne Leder­ta­sche ist ein Lehr­bei­spiel dafür. Aber auch wenn die Rede vom Brust­kreuz, dem Ring, dem Altar, den hei­li­gen Gefä­ßen oder den Para­men­ten ist, wird über das Mate­ri­al gespro­chen, aus denen sie gemacht sind, und nicht mehr über das, was sie reprä­sen­tie­ren. Die inhalt­li­che Lee­re als kenn­zeich­nen­des Phä­no­men unse­rer Zeit wird durch die Auf­merk­sam­keit für Äußer­lich­kei­ten ersetzt. Phä­no­men unse­rer Zeit? Tat­säch­lich befin­det sich Jesus ja nicht mehr auf dem Kreuz, das der Papst um den Hals trägt, weil die Men­schen ange­hal­ten wer­den, über das Eisen nach­zu­den­ken, aus dem das Objekt her­ge­stellt wur­de. Und wie­der frißt der Teil das Gan­ze, in die­sem Fall sogar Das Gan­ze. Und das „Fleisch Chri­sti“ wird anders­wo gesucht und jeder endet damit, wo er will, den Holo­caust, der ihm mehr zusagt, aus­fin­dig zu machen. In die­sen Tagen auf Lam­pe­du­sa, mor­gen wer weiß wo.

Das, was die Weis­heit der Welt her­vor­bringt und was der Hei­li­ge Pau­lus als Dumm­heit äch­tet, wird heu­te benutzt, um das Evan­ge­li­um mit den Augen des Fern­se­hens neu zu lesen. Aber bereits 1969 schrieb Mar­shall McLu­han an Jac­ques Mari­tain, daß die von den elek­tro­ni­schen Medi­en geschaf­fe­ne „Illu­si­on“ von der Welt „als ver­nünf­tig erschei­nen­des Fak­si­mi­le des mysti­schen Lei­bes eine betäu­ben­de Erschei­nung des Anti­chri­sten ist. Schließ­lich ist der Fürst die­ser Welt ein gro­ßer Elek­tro­nik-Inge­nieur.“

Christus ist keine Option unter vielen – Schon gar nicht für seinen Stellvertreter auf Erden

Frü­her oder spä­ter wird man aus die­sem gro­ßen Traum der Mas­sen­me­di­en erwa­chen und sich der Rea­li­tät stel­len müs­sen. Man wird auch die wirk­li­che Demut ler­nen müs­sen, die dar­in besteht, sich Jeman­dem, der viel Grö­ßer ist, zu unter­wer­fen, der sich in den sogar für den Stell­ver­tre­ter Chri­sti unver­än­der­li­chen Geset­zen zeigt. Und man wird den Mut wie­der­fin­den müs­sen zu sagen, daß ein Katho­lik sich nur ver­las­sen und ver­wirrt füh­len kann ange­sichts eines Dia­logs, bei dem jeder, im Namen einer angeb­li­chen Auto­no­mie des Gewis­sens, dazu ange­hal­ten wird, sich auf den Weg zur eige­nen per­sön­li­chen Sicht von Gut und Böse zu machen. Denn Chri­stus ist kei­ne Opti­on unter vie­len. Schon gar nicht für sei­nen Stell­ver­tre­ter auf Erden.

Einleitung/Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

2 Kommentare

  1. Der Arti­kel ist lesens­wert. Beson­ders dass Chri­stus nicht eine Opti­on unter vie­len sein darf, gera­de für sei­nen Stell­ver­tre­ter auf Erden bringt es sehr gut auf den Punkt.

    Man stel­le sich vor, Petrus hät­te Jesus Chri­stus nur für eine Opti­on unter vie­len gehal­ten und sich von ihm abge­wen­det, wie Judas Iska­ri­ot es tat. Dabei war Petrus, abge­se­hen von sei­nen angst­vol­len Ver­leug­nun­gen Jesus zu ken­nen, ganz anders. Sein Nach­fol­ger im Papst­amt Jor­ge Ber­go­glio ver­leug­net Jesus hin­ge­gen regel­mä­ßig, ohne in Not und Bedräng­nis gebracht wor­den zu sein.

  2. Fran­zis­kus I. ist in der Wahr­neh­mung der brei­ten Mas­se der Katho­li­ken ein Poli­ti­ker im Papst­amt, der im Auf­tra­ge der New World Order kon­for­me Plä­ne unter­stützt. Hin­sicht­lich der Reli­gi­on gibt es dazu den Auf­trag, die Unter­schie­de so weit wie mög­lich ein­zu­eb­nen, um einer­seits die reli­giö­sen Kon­flik­te zu „befrie­den“ (das vor­ge­ge­be­ne Ziel, jedoch ande­rer­seits und zugleich die Welt in einen rie­si­gen glo­bal ver­netz­ten Markt zu ver­wan­deln,
    mit mög­lichst wenig Hemm­nis­sen, Unter­schie­den, Indi­vi­dua­lis­men, mit dem
    End­ziel, der mensch­li­chen Uto­pia einer Welt­re­gie­rung und einer Welt­be­völ­ke­rung, die sich ein­ver­nehm­lich nur noch als Bür­ger die­ser „einen Welt“, und Brü­der und Schwe­stern betrach­tet. Die Uto­pie eines men­schen­ge­mach­ten Para­die­ses. Letzt­lich eine, zum Schei­tern ver­ur­teil­te Ideo­lo­gie, wie die vor­aus­ge­gan­ge­nen „Erlö­sungs­ideo­lo­gien“ des Sozia­lis­mus (egal ob natio­nal oder inter­na­tio­nal, und des Kom­mu­nis­mus. Die­se wären bei die­sem Modell ledig­lich geschei­ter­te Vor­läu­fer, auf deren Ideen aber man wei­ter auf­bau­en wür­de und will.

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