Judas Iskariot in der Lehre von Papst Franziskus

Judas Iskariot
Die christliche Kunst kennt eine Vielzahl von Darstellungen, wie sich Judas Iskariot erhängt und Dämonen seine Seele holen. Es gibt aber keine Darstellung, die zeigt, daß Judas gerettet worden sei. Dennoch behauptet Papst Franziskus genau das. Und folgt darin Eugen Drewermann.

(Rom) Im Jahr 2016 sprach Fran­zis­kus inner­halb weni­ger Mona­ten drei­mal über ein Kapi­tell von Vézelay in Frank­reich, dem er eine objek­tiv halt­lo­se, dafür umso aben­teu­er­li­che­re Inter­pre­ta­ti­on gab. Eine Inter­pre­ta­ti­on, die in ihrer Grund­aus­rich­tung der Aller­lö­sungs­leh­re sehr nahe­kommt. Sie hat mit Judas Iska­ri­ot, dem Ver­rä­ter, zu tun. Über ihn sprach der Papst auch jüngst wie­der und in einem ähn­li­chen Sinn.

Kapitell von Vézelay, rechts laut Drewermann und Franziskus: Jesus, der Judas rettet
Kapi­tell von Vézelay, rechts laut Dre­wer­mann und Fran­zis­kus: Jesus, der Judas ret­tet

Die frei erfun­de­ne Vézelay-The­se stammt nicht von Fran­zis­kus, der den Urhe­ber aber nicht nann­te. Viel­leicht weiß er gar nicht, wer sie erfun­den hat. Daß der Urhe­ber nicht genannt wird, viel­leicht auch dem Papst ver­schwie­gen wur­de, hat sei­nen guten Grund, han­delt es sich doch um den wegen sei­ner häre­ti­schen Leh­ren sus­pen­dier­ten Ex-Prie­ster Eugen Dre­wer­mann, der 2005 sei­nen Aus­tritt aus der katho­li­schen Kir­che erklär­te.

Die Benen­nung sei­ner Urhe­ber­schaft wür­de man­che dann viel­leicht doch stut­zig machen.

Über­haupt hat das Judas-Nar­ra­tiv von Fran­zis­kus eine bemer­kens­wer­te Ent­wick­lung hin­ter sich.

Judas der Verräter, Egoist und Götzenanbeter

Am 14. Mai 2013 spricht er erst­mals von Judas. In der mor­gend­li­chen Pre­digt in San­ta Mar­ta nann­te er den abtrün­ni­gen Apo­stel als „Gegen­bei­spiel für jemand der liebt“.

„Judas war einer jener Men­schen, die nie eine altru­isti­sche Geste set­zen und immer in der Sphä­re des eige­nen Ichs leben.“ Er hat „Bit­ter­keit im Her­zen“, „der Ego­is­mus wächst“ in ihm. Er bleibt „immer allein und iso­liert sein Gewis­sen im Ego­is­mus, im Küm­mern um das eige­ne Leben, aber am Ende ver­liert er es.“ Er ist ein „Göt­zen­an­be­ter, der am Geld hing. Johan­nes sagt es: Er war ein Dieb. Und die­se Göt­zen­ver­eh­rung führt ihn dazu, sich von der Gemein­schaft der ande­ren zu iso­lie­ren“, er „iso­liert sein Gewis­sen vom Gemein­schafts­sinn, vom Emp­fin­den der Kir­che, von der Lie­be, die Jesus uns schenkt.“ Wer das tut, der ver­liert „wie Judas am Ende sein Leben“. „Johan­nes sagt uns: ‚In dem Moment drang Satan in das Herz von Judas ein‘. Wir müs­sen es sagen: Satan zahlt schlecht. Er betrügt uns immer: immer!“

Bei der Gene­ral­au­di­enz vom 16. April 2014 erwähnt Fran­zis­kus Judas nur ganz kurz, spricht aber noch vom „Ver­rat des Judas, der zu den Hohe­prie­stern geht, um zu feil­schen und ihnen den Mei­ster aus­zu­lie­fern.“

Judas das Opfer

Judas IskariotAm 11. April 2016 kam der Papst in der mor­gend­li­chen Pre­digt in San­ta Mar­ta erneut auf Judas zu spre­chen. Doch die Erzäh­lung ändert sich plötz­lich grund­le­gend.

Zunächst nennt er den Selbst­mord des Judas zusam­men mit dem Mar­ty­ri­um des hei­li­gen Ste­pha­nus und der hei­li­ge Johan­na von Orleans als Bei­spie­le, die uns dar­an erin­nern, wie­viel Leid „ein für das Wort Got­tes ver­schlos­se­nes Herz“ ver­ur­sa­chen kann, so daß es sogar gegen die Wahr­heit ein­ge­setzt wer­den kann.
Im Lau­fe der Pre­digt kam er auf Judas zurück.

„Es hat mir weh­ge­tan, die­se klei­ne Stel­le im Mat­thäu­sevan­ge­li­um zu lesen, wo Judas reu­ig zu den Prie­stern zurück­kehrt und sagt: ‚Ich habe gesün­digt‘, und geben will… und die Mün­zen gibt‘. Aber sie ant­wor­ten ihm: ‚Was geht das uns an! Damit mußt du klar­kom­men!‘ Sie haben gegen­über die­sem armen, reui­gen Mann, der nicht wuß­te, was er tat, ein ver­schlos­se­nes Herz. Sie sagen ihm: ‚Sieh sel­ber zu‘. Und Judas ging und erhäng­te sich.“
Und was machen sie, als Judas ging und sich erhäng­te? Sie reden und sagen: ‚Was für ein armer Mensch …‘ Kurz­um, das sind die Dok­to­ren des Buch­sta­bens, die die­se, die­se und die­se Regel befol­gen. Das Leben eines Men­schen zählt nichts, die Reue des Judas zählt nichts: Das Evan­ge­li­um sagt, er ist reu­ig zurück­ge­kehrt. Aber sie inter­es­siert nur das Geset­zes­sche­ma und vie­le Wor­te und vie­le Din­ge, die sie kon­stru­iert haben. Das ist die Här­te ihres Her­zens, der Stolz des Her­zens die­ser Leu­te, die, da sie der Wahr­heit des Ste­pha­nus nicht wider­ste­hen konn­ten, fal­sche Zeu­gen gegen ihn suchen, um ihn zu ver­ur­tei­len. Das Schick­sal des Ste­pha­nus ist gezeich­net wie das der Pro­phe­ten und das von Jesus.“

Der Über­gang von Judas zu Ste­pha­nus ist so abrupt, daß er vie­le Fra­gen auf­wirft. Judas wird in der Dar­stel­lung zum Opfer, und zwar aus­schließ­lich Opfer. Fran­zis­kus spricht in sei­ner Ver­tei­di­gung des Judas und in sei­ner Ankla­ge nicht mehr von den Hohe­prie­stern wie noch 2014, son­dern „den Prie­stern“, was impli­zit eine Ankla­ge gegen den heu­ti­gen Prie­ster­stand meint. Der Papst ist über­zeugt, daß Judas im christ­li­chen Sinn von Reue erfaßt war. Doch „dem armen Men­schen“ hör­te nie­mand mehr zu. Wer aber hät­te ihm nach dem dama­li­gen jüdi­schen Gesetz zuhö­ren sol­len? Fran­zis­kus ver­mengt Din­ge, die histo­risch gar nicht in dem von ihm genann­ten Zusam­men­hang ste­hen konn­ten. Vor allem will er das Heils­ge­sche­hen ändern, in dem Judas sei­ne Rol­le spielt. Eine päpst­li­che Dar­stel­lung mit einer gan­zen Rei­he pro­ble­ma­ti­scher Aspek­te.

Die Judas-Vézelay-Drewermann-These

Am 16. Juni 2016 begann Fran­zis­kus jene Drei­er-Rei­he (eigent­lich eine Qua­dri­lo­gie), mit der er die frei erfun­de­ne Dre­wer­mann-Judas-The­se zum Kapi­tell von Vézelay zu einem Teil des päpst­li­chen Lehr­am­tes mach­te. Dabei erstaunt die Insi­stenz, mit der Fran­zis­kus – gegen das bis­her von der Kir­che dazu Gelehr­te – die Ret­tung des Judas her­bei­zu­re­den ver­such­te.

Am 16. Juni hielt er in der Late­ran­ba­si­li­ka eine Anspra­che zur Eröff­nung einer Tagung der Diö­ze­se Rom zur Umset­zung von Amo­ris lae­ti­tia.

„Das Evan­ge­li­um selbst ver­langt von uns, weder zu rich­ten, noch zu ver­ur­tei­len (vgl. Mt 7,1; Lk 6,37) (AL, 308). Und hier mache ich einen Ein­schub. Ich habe das Bild – ihr kennt es sicher – von einem Kapi­tell der Basi­li­ka Saint-Marie-Made­lei­ne in Vézelay in Süd­frank­reich in die Hän­de bekom­men, wo der Jakobs­weg beginnt: Auf der einen Sei­te ist Judas, erhängt, mit her­aus­hän­gen­der Zun­ge, und auf der ande­ren Sei­te das Kapi­tells ist Jesus, der gute Hirt, der ihn auf der Schul­ter trägt, er nimmt ihn mit. Das ist ein Geheim­nis.
Aber die Men­schen des Mit­tel­al­ters, die durch die­se Abbil­dun­gen die Kate­che­se lehr­ten, hat­ten die­ses Geheim­nis des Judas ver­stan­den.“

Luzifer quält Judas, Brutus, Cassius
Luzi­fer quält Judas, Bru­tus, Cas­si­us

Die Men­schen des Mit­tel­al­ters haben das Kapi­tell mit Sicher­heit nicht so ver­stan­den, weil sie allein schon wegen der Höhe, gut fünf Meter über dem Boden, die Details gar nicht so genau wahr­neh­men konn­ten. Vor allem aber kennt das Hoch­mit­tel­al­ter, die Kapi­tel­le ent­stan­den zwi­schen 1130 und 1140, kei­ne Dar­stel­lun­gen des Guten Hir­ten. Schon gar nicht wur­de Jesus so dar­ge­stellt, weder damals noch davor oder danach, wie die Figur, die eine ande­re Figur auf dem Rücken trägt. Daß es sich beim Getra­ge­nen um Judas han­deln soll, ist eine eben­so will­kür­li­che Inter­pre­ta­ti­on wie die Behaup­tung, es sei Jesus, der ihn trägt. Letz­te­res ist mit Sicher­heit nicht der Fall, weil Jesus nicht bart­los und mit kur­zen Haa­ren dar­ge­stellt wird, und die Figur ver­zerr­te Gesichts­zü­ge hat. Die Kunst­ge­schich­te kennt über­haupt kei­ne Dar­stel­lung von Jesus als Guten Hir­ten, der Judas trägt. Die Kunst­ge­schich­te kennt hin­ge­gen zahl­rei­che Dar­stel­lun­gen, die Judas’ Höl­len­fahrt nahe­le­gen.

War­um gab Fran­zis­kus also sei­nem Bis­tum eine so gezwun­ge­ne Inter­pre­ta­ti­on?

Obwohl der Vati­ka­nist Anto­nio Soc­ci, und in sei­nem Gefol­ge wei­te­re Autoren, auf die Urhe­ber­schaft Dre­wer­manns hin­wie­sen und die kunst­hi­sto­ri­sche Halt­lo­sig­keit der The­se auf­zeig­ten, ließ sich Fran­zis­kus nicht beir­ren. Viel­mehr beharr­te er auf sei­ner The­se und wie­der­hol­te sie wei­te­re Male.

Verzerrte Gesichtszüge „zurechtbiegen“

Am 27. Juli 2016 sag­te er zu den pol­ni­schen Bischö­fen in Kra­kau:

„Mich beein­druckt sehr ein mit­tel­al­ter­li­ches Kapi­tell in der Basi­li­ka der hei­li­gen Maria Mag­da­le­na zu Vézelay in Frank­reich, wo der Jakobs­weg beginnt. Auf die­sem Kapi­tell sieht man auf der einen Sei­te Judas, der sich erhängt hat, mit offe­nen Augen und her­aus­ge­streck­ter Zun­ge, und auf der ande­ren Sei­te sieht man den Guten Hir­ten, der ihn mit zu sich nimmt. Und wenn wir genau und ganz auf­merk­sam hin­schau­en, bemer­ken wir, dass das Gesicht des Guten Hir­ten, sei­ne Lip­pen auf der einen Sei­te einen trau­ri­gen Aus­druck haben, auf der ande­ren Sei­te aber ein Lächeln zei­gen. Die Barm­her­zig­keit ist ein Geheim­nis, sie ist ein Geheim­nis. Sie ist das Geheim­nis Got­tes.“

Die Aus­sa­ge ist auch des­halb inter­es­sant, weil sie zu bestä­ti­gen scheint, daß Fran­zis­kus sehr wohl Kennt­nis von der Kri­tik Soc­cis und ande­rer an sei­ner Vézelay-The­se vom Juni hat­te. In Kra­kau ver­such­te er näm­lich die ver­zerr­ten Gesichts­zü­ge der unbe­kann­ten Gestalt „gera­de­zu­bie­gen“, auf die Soc­ci hin­ge­wie­sen hat­te.

Jesu „Komplizenschaft“ mit Judas

Am 2. Okto­ber 2016 sag­te Fran­zis­kus auf dem Rück­flug von Ader­bai­dschan den Jour­na­li­sten:

„Der Grund­satz ist jener, doch die mensch­li­chen Schwä­chen, die Sün­den exi­stie­ren, und immer hat das letz­te Wort nicht die Schwach­heit, hat das letz­te Wort nicht die Sün­de: Das letz­te Wort hat die Barm­her­zig­keit! Ich erzäh­le ger­ne – ich weiß nicht, ob ich es schon gesagt habe, denn ich wie­der­ho­le es oft –, dass es in der Basi­li­ka St. Maria Mag­da­le­na in Vézelay ein wun­der­schö­nes Kapi­tell aus dem 12. Jahr­hun­dert gibt. Im Mit­tel­al­ter mach­te man die Kate­che­se mit den Skulp­tu­ren der Kathe­dra­len. Auf der einen Sei­te die­ses Kapi­tells ist Judas zu sehen, der sich erhängt hat. Die Zun­ge hängt ihm aus dem Hals und die Augen quel­len aus dem Kopf her­vor. Auf der ande­ren Sei­te sieht man Jesus, den Guten Hir­ten, der ihn auf sei­ne Schul­tern gela­den hat und ihn mit­nimmt. Und wenn wir das Gesicht Jesu genau betrach­ten, sehen wir, dass sei­ne Lip­pen auf einer Sei­te einen trau­ri­gen Aus­druck haben, doch mit einem leich­ten Lächeln der ‚Kom­pli­zen­schaft‘ auf der ande­ren. Die hat­ten ver­stan­den, was Barm­her­zig­keit ist! Mit Judas!“

Fran­zis­kus beharr­te auf der frei erfun­de­nen Inter­pre­ta­ti­on, daß auf dem Kapi­tell von Vézelay Jesus dar­ge­stellt sei, der Judas ret­te. Im Flug­zeug schrieb er Jesus sogar eine „Kom­pli­zen­schaft“ mit Judas zu. Kom­pli­zen­schaft wor­in? Über­haupt scheint das Wort „Kom­pli­zen­schaft“ sehr unan­ge­mes­sen.
Das päpst­li­che Vézelay-Nar­ra­tiv wird gera­de­zu zur „bedrücken­den Vor­stel­lung“ (Mes­sa in Lati­no), wenn es stim­men soll­te, was in jedem Fall wahr­schein­li­cher ist als die Fran­zis­kus-Dre­wer­mann-The­se, daß auf dem Kapi­tell ein Dämon zu sehen ist, der Judas holt.

Ein Papst, der eine Dämo­nendar­stel­lung mit Jesus ver­wech­selt?

Zweifelt Franziskus Judas in den Himmel?

Den Abschluß der Judas-Qua­dri­lo­gie bil­de­te am 6. Dezem­ber 2016 eine mor­gend­li­che Pre­digt in San­ta Mar­ta. Das Kapi­tell von Vézelay erwähn­te der Papst nicht mehr, Dre­wer­mann ohne­hin nicht. Fran­zis­kus sprach aber über Judas, „der sich in sei­nem ‚inne­ren Dun­kel‘ ver­lo­ren hat­te“, und bezeich­ne­te ihn als „eine Art Pro­to­typ, ‚die Iko­ne‘ des Schäf­leins im Gleich­nis des Evan­ge­li­ums“.

Die Wie­der­ga­be im Osser­va­to­re Roma­no:

Es gibt noch eine wei­te­re, tie­fe­re Ebe­ne, in die der Papst in sei­nen Über­le­gun­gen vor­ge­drun­gen ist. Er wies dar­auf hin, daß „der Herr gut ist, auch für die­se Scha­fe“. Er beton­te ein Wort, das wir in der Bibel fin­den, „ein Wort, das sagt, daß Judas sich erhängt hat, erhängt und ‚bereut‘“ Und er [der Papst] kom­men­tier­te: „Ich glau­be, daß der Herr die­ses Wort neh­men und mit sich tra­gen wird, ich weiß nicht, kann sein, aber die­ses Wort läßt uns zwei­feln.“ Vor allem unter­strich er: „Aber was bedeu­tet die­ses Wort? Daß bis zum Schluß die Lie­be Got­tes in die­ser See­le arbei­te­te, bis zum Moment der Ver­zweif­lung.“ Und es ist genau das, sagt er, um den Kreis sei­ner Über­le­gun­gen zu schlie­ßen, „die Hal­tung des Guten Hir­ten mit den ver­irr­ten Scha­fen.“

Die Wie­der­ga­be ver­langt eine Anmer­kung: Das Wort, von dem der Papst hier spricht, ist „pen­ti­to“. Judas Iska­ri­ot sei „pen­ti­to“ gewe­sen, als er sich erhäng­te. „Pen­ti­to“ von „pen­tir­si“ (bereu­en) ist im Deut­schen als Par­ti­zip Per­fekt „bereut“ wie­der­zu­ge­ben, als voll­zo­ge­ner Zustand. „Die­ses Wort läßt uns zwei­feln“, sag­te Fran­zis­kus, womit im Kon­text nur gemeint sein kann, daß bezwei­felt wer­den müs­se, daß Judas Iska­ri­ot ver­dammt ist.

Dämo­nen holen Judas‘ See­le

Der Evan­ge­list Mar­kus schreibt zum Ver­rat des Judas nichts von einem „Schäf­lein“ oder einer „Iko­ne“:

„Doch weh dem Men­schen, durch den der Men­schen­sohn ver­ra­ten wird. Für ihn wäre es bes­ser, wenn er nie gebo­ren wäre“ (Mk 14,21).

Die Kir­chen­vä­ter sahen den Selbst­mord des Judas als Bei­spiel für das Ende jener, die sich von Chri­stus abwen­den. Der Ver­rat des Petrus wird dem Ver­rat des Judas gegen­über­ge­stellt. Petrus bereu­te auf­rich­tig, kehr­te um und fand die Gna­de Chri­sti, der ihn zum Ober­haupt sei­ner Kir­che mach­te. Judas hin­ge­gen ende­te auf dem Blut­acker. Sein Tod wird in der Apo­stel­ge­schich­te dra­ma­tisch geschil­dert:

„Sein Leib barst aus­ein­an­der und alle Ein­ge­wei­de fie­len her­aus“ (Apg 1,18).

Woll­te Papst Fran­zis­kus sagen, daß es „bis zum Moment der Ver­zweif­lung“ die Chan­ce zur Umkehr gibt, weil Got­tes Lie­be am Werk ist? Oder woll­te er dar­über hin­aus­ge­hen im Sin­ne einer Aller­lö­sungs­leh­re à la Dre­wer­mann?

„Ich bin sicher, daß der Herr das gemacht hat“

Judas‘ Tod und die Mäch­te des Bösen

In der Diens­tag-Aus­ga­be, 20. Febru­ar, ver­öf­fent­lich­te der Osser­va­to­re Roma­no die Nie­der­schrift einer Begeg­nung von Papst Fran­zis­kus mit eini­gen Kin­dern, die von der Ver­ei­ni­gung Fdp-Prot­ago­ni­sti nell’educazione (Akteu­re der Erzie­hung) betreut wer­den. Sie ist mit einem ersten Wai­sen­haus am Stadt­rand von Rumä­ni­en ent­stan­den und wird von der Gemein­schaft Com­u­nio­ne e Libe­ra­zio­ne (CL) getra­gen. Bei der Begeg­nung wur­den dem Papst meh­re­re Fra­gen gestellt. Eine davon soll an die­ser Stel­le inter­es­sie­ren, weil Fran­zis­kus auf Judas zurück­kam.

Fra­ge: Im ver­gan­ge­nen Jahr ist einer von unse­ren Freun­den gestor­ben. Er ist in der Kar­wo­che gestor­ben, am Grün­don­ners­tag. Ein ortho­do­xer Prie­ster hat uns gesagt, daß er als Sün­der gestor­ben ist und des­halb nicht ins Para­dies kommt. Ich glau­be das nicht.

Papst Fran­zis­kus: Viel­leicht wuß­te der Prie­ster nicht, was er da sag­te. Viel­leicht ging es dem Prie­ster an die­sem Tag nicht gut. Viel­leicht hat­te er etwas im Her­zen, das ihn so ant­wor­ten hat las­sen. Nie­mand von uns kann sagen, daß ein Mensch nicht in den Him­mel gekom­men ist. Ich sage dir eine Sache, die dich viel­leicht erstaunt: Nicht ein­mal von Judas kön­nen wir das sagen. Du hast an euren Freund erin­nert, der gestor­ben ist, und du hast dar­an erin­nert, daß er am Grün­don­ners­tag gestor­ben ist. Mir scheint das sehr selt­sam, was du die­sen Prie­ster sagen hören hast, das müß­te man näher wis­sen. Viel­leicht ist er nicht rich­tig ver­stan­den wor­den… Jeden­falls sage ich dir, daß Gott uns alle ins Para­dies brin­gen will, nie­mand aus­ge­schlos­sen, und daß wir in der Kar­wo­che genau das fei­ern: das Lei­den Jesu, der als Guter Hir­te sein Leben für uns hin­ge­ge­ben hat, die wir sei­ne Schäf­chen sind. Und wenn ein Schäf­chen sich ver­irrt, dann geht Er es suchen, bis Er es fin­det. So ist es. Gott bleibt nicht ein­fach sit­zen. Er geht, wie Er es uns im Evan­ge­li­um zeigt: Er ist immer auf dem Weg, um die­ses Schäf­chen zu fin­den, und wenn Er uns fin­det, erschrickt Er auch nicht, wenn wir sehr zer­brech­lich sind, wenn wir von Sün­den schmut­zig sind, wenn wir von allen und vom Leben ver­las­sen sind. Er umarmt uns und küßt uns. Er müß­te nicht kom­men, aber Er ist für uns gekom­men, der Gute Hir­te. Und wenn ein Schäf­chen sich ver­irrt hat, wenn Er es fin­det, nimmt er es auf die Schul­tern und trägt es voll Freu­de zurück nach Hau­se. Ich kann dir eines sagen: Ich bin über­zeugt, so wie ich Jesus ken­ne, bin ich sicher, daß der Herr in jener Kar­wo­che genau das mit eurem Freund gemacht hat.“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wikicommons/MiL/Monica Sal­vo (Screen­shots)




Sie lesen gern Katholisches.info? Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!





3 Kommentare

  1. Bei der Geschich­te von Judas Iska­ri­ot ist eine genaue­re Ana­ly­se der Hal­tung und Hand­lung des Akteurs nach sei­nem Ver­rat anzu­stel­len. Mat­thä­us berich­tet, dass Judas sei­ne Tat bereu­te, als er sah, dass sein Ver­rat zur Ver­ur­tei­lung Jesu geführt hat­te. Bis dahin ist die Geschich­te ver­gleich­bar mit der Reue des Petrus nach des­sen Ver­leug­nung Jesu. Die Pro­ble­ma­tik liegt in den Fol­ge­hand­lun­gen des Ver­rä­ters: Judas bringt sein Sün­den­be­kennt­nis und sei­ne Reue den Hohen­prie­stern vor. Zugleich ver­such­te er sein Ver­rats­geld wie­der an die jüdi­schen Auto­ri­tä­ten zurück­zu­ge­ben. Die­ser Ver­such kann als Absicht zur Wie­der­gut­ma­chung sei­nes Ver­ge­hens aus­ge­legt wer­den. Die Hohen­prie­ster erklä­ren sich unzu­stän­dig für sei­ne Reue und wol­len auch sein Rück­geld nicht anneh­men. Dar­auf­hin warf Judas ihnen das Geld hin­ter­her in den Tem­pel – gewis­ser­ma­ßen als Spen­de, was die Tem­pel­lei­tung erst recht nicht akzep­tie­ren konn­te. Schließ­lich erhäng­te sich Judas Iska­ri­ot.
    Die Reue des Ver­rä­ters scheint ehr­lich gemeint sein – erkenn­bar an der Rück­ga­be des Gel­des. Aber war­um wird sie von den Evan­ge­li­sten anders bewer­tet als die von Petrus und auch vom reui­gen Schä­cher an der Sei­te Jesu am Kreuz. Der Mit­ge­kreu­zig­te bekennt und bereut sei­ne Ver­ge­hen vor dem Got­tes­sohn, der ihm ver­zei­hend die Auf­nah­me ins Para­dies zusagt. Von Petrus darf die glei­che Reue vor sei­nem Herrn und Mei­ster ange­nom­men wer­den. Judas aber wen­det sich mit Sün­den­be­kennt­nis, Reue und Wie­der­gut­mach­tung nicht an Gott, son­dern an Men­schen. Wie könn­ten sie ihm auch Sün­den­ver­ge­bung zuspre­chen oder das Geld für den voll­zo­ge­nen Ver­rat anneh­men? Damit bleibt Judas in sei­ner Sün­de und hängt sich auf – offen­sicht­lich aus Ver­zweif­lung.
    Der ent­schei­den­de Unter­schied zu den bei­den Ver­gleichs­ge­schich­ten ist der, dass sich Judas in sei­ner Umkehr, Reue und Sün­den­be­kennt­nis nicht an Gott wen­det und nicht von ihm Ver­zei­hung, Gna­de und Barm­her­zig­keit erwar­tet. Sei­nem Glau­ben, im mensch­li­chen Mit­ein­an­der durch Reue, Bekennt­nis und Geld­rück­ga­be sei­ne Sün­de zu til­gen, ent­spricht sei­nem Unglau­ben, sich gegen Gott ver­sün­digt zu haben und sich in sei­nen Sün­den Gott anzu­ver­trau­en. Im Gleich­nis vom ver­lo­re­nen Sohn sagt der Umkehr­wil­li­ge: „Vater, ich habe gesün­digt gegen den Him­mel und vor dir“. Judas dage­gen scheint nur die Sün­de gegen Men­schen zu ken­nen und er glaubt sie mit sei­nem eige­nen Tun unge­sche­hen zu mach­ten. Auch nach dem Miss­lin­gen sei­nes pela­gia­ni­schen Ver­suchs der Sün­den­til­gung wen­det er sich nicht an Gott. Sein anschlie­ßen­der Sui­zid aus Ver­zweif­lung resul­tiert aus sei­nem Zwei­fel an der Barm­her­zig­keit Got­tes, indem er sich nicht in Glau­ben und Ver­trau­en an den gnä­di­gen Gott wen­det. Daher ist die Inter­pre­ta­ti­on von Dre­wer­mann und Papst Fran­zis­kus, Jesus habe den nicht an Got­tes Barm­her­zig­keit glau­ben­den Ver­rä­ter Judas wie ein Hir­te ins Para­dies getra­gen, weder nach Bibel und Tra­di­ti­on gerecht­fer­tigt, noch evi­dent nach lehr­lo­gi­schen Über­le­gun­gen.

  2. Herr Hecker, Ihre grund­sätz­li­che Beur­tei­lung fin­de ich sehr gut und Ihr möch­te ich mich auch anschlie­ßen. Aber den Ver­rat des Judas und des Petrus in der Ent­ste­hung gleich zu set­zen, hal­te ich für falsch, der­weil die Moti­va­ti­on eine ganz ande­re war. Judas ver­riet Jesus aus nied­ri­gen Moti­ven, er han­del­te eine Bezah­lung für den Ver­rat aus und han­del­te offen­sicht­lich von Hab­gier ange­trie­ben. Petrus dage­gen hat­te einen schwa­chen Moment und fürch­te­te auf­grund der Stim­mung in das pro­zes­sua­le Gesche­hen mit ein­be­zo­gen zu wer­den, letzt­end­lich hat­te er Exi­stenz­angst. Das ist eine ande­re Moti­va­ti­on als Hab­gier. Als Petrus sein Ver­rat bewusst wur­de, wein­te er bit­ter­lich.
    Ver­zei­hen Sie, aber ich fürch­te die Mehr­zahl von uns wür­de in einer ver­gleich­ba­ren Situa­ti­on emp­fin­den und han­deln wie Petrus und spä­ter bei der vol­len Erkennt­nis sei­nes Ver­ra­tes auf die Ver­ge­bung Chri­sti hof­fen. Die Inter­pre­ta­ti­on von Dre­wer­mann und Papst Fran­zis­kus sind in der Tat nicht nach­voll­zieh­bar. Inter­es­sant ist, dass die Mei­nung von P.Franziskus eine sich wan­deln­de ist. Eine wan­deln­de Mei­nung ist nie ein Zei­chen eine Inspi­ra­ti­on durch den hei­li­gen Geist.

  3. Judas hat­te über 3 Jah­re die Gegen­wart Jesu genos­sen, sei­ne Leh­re, sein Leben und sei­ne selbst­lo­se Lie­be zu sei­nem Vater und zu den Men­schen haut­nah erle­ben dür­fen, doch bei Judas trug die Lie­be zum Mam­mon den Sieg davon. Jesus und die Jün­ger hat­ten ihm die Ver­wal­tung ihres Gel­des über­las­sen und Jesus wuss­te, das Judas sich des öfte­ren aus der ihm anver­trau­ten Kas­se bedien­te. Er hat­te Judas sogar mit Macht aus­ge­stat­tet Dämo­nen aus­zu­trei­ben und Kran­ke zu hei­len. Lan­ge Zeit hat­te Judas vie­le Mög­lich­kei­ten zur Her­zen­sum­kehr. Er war auch sicher des öfte­ren im Zwie­spalt. Als Maria, die Schwe­ster von dem aus Tod auf­er­weck­ten Laza­rus Jesus mit dem teu­ren Nar­den­öl das Haupt und die Füße salb­te, da murr­te Judas allen Jün­gern vor­an über Mari­as „Ver­schwen­dung“ und mein­te das man die­ses teu­re Nar­den­öl, immer­hin fast ein Jah­res­ein­kom­men, doch bes­ser den Armen hät­te geben können.(Markus 14,3–8) Doch Judas hat­te nicht wirk­lich das Wohl der Armen im Auge, eher sein eige­nes Wohl. Sei­ne Hab­gier sieg­te schließ­lich voll­ends und er ging fort um Jesus zu ver­ra­ten… Sei­ne Reue war zu spät und sie kam nicht von Her­zen. Wor­an und an wen erin­nert mich die Geschich­te von Judas bloß??

Kommentare sind deaktiviert.