„Widersprüchlichkeit ist für mich keine Signatur des Heiligen Geistes“

Interview von Maike Hickson mit dem Schweizer Jugendbischof Marian Eleganti zu Amoris laetitia und seinem Bekenntnis zu den unveränderlichen Wahrheiten des Ehesakraments
Interview von Maike Hickson mit dem Schweizer Jugendbischof Marian Eleganti zu Amoris laetitia und seinem Bekenntnis zu den unveränderlichen Wahrheiten des Ehesakraments

Der Bene­dik­ti­ner Mari­an Ele­gan­ti ist Weih­bi­schof von Chur und Schwei­zer Jugend­bi­schof. Vor weni­gen Tagen unter­zeich­ne­te er als erster Bischof der Schweiz das Bekennt­nis zu den unver­än­der­li­chen Wahr­hei­ten des Ehe­sa­kra­ments. Das Bekennt­nis wider­spricht der Aus­le­gung von Amo­ris lae­ti­tia, es kön­ne Aus­nah­men von der Unauf­lös­lich­keit der sakra­men­tal gül­ti­gen Ehe geben und unter­streicht die Bedeu­tung und Schön­heit des Ehe­sa­kra­ments. Die deutsch­ame­ri­ka­ni­sche Histo­ri­ke­rin und Publi­zi­stin Mai­ke Hick­son führ­te des­halb ein Inter­view mit ihm, das von One­Pe­ter­Fi­ve ver­öf­fent­licht wur­de. Die deut­sche Fas­sung des Inter­views stell­te sie zur Ver­fü­gung.

Mai­ke Hick­son: Sie haben vor ein paar Tagen die Erklä­rung der Bischö­fe Kasach­stans zu Amo­ris Lae­ti­tia unter­zeich­net, in der die tra­di­tio­nel­le, katho­li­sche Moral­leh­re bestä­tigt wird und in der Neue­run­gen bezüg­lich der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen und deren Zugang zu den Sakra­men­ten abge­lehnt wer­den. Was hat Sie zu die­sem Schritt bewo­gen?

Bischof Mari­an Ele­gan­ti: Mein Gewis­sen. Wider­sprüch­lich­keit ist für mich kei­ne Signa­tur des Hei­li­gen Gei­stes. Nun aber ste­hen wider­sprüch­li­che Inter­pre­ta­tio­nen von Amo­ris Lae­ti­tia in Raum, die von Bischö­fen und Bischofs­kon­fe­ren­zen pro­mul­giert und ver­tre­ten wer­den, gar nicht zu den­ken an das Cha­os an der Basis, wie ein­zel­ne Prie­ster mit der Fra­ge umge­hen zusam­men mit den betrof­fe­nen Paa­ren. Wo blei­ben da objek­ti­ve Kri­te­ri­en für die Gewis­sens­prü­fung und Ent­schei­dung? Den Gna­den­stand kann ja nie­mand beur­tei­len. Da Papst Fran­zis­kus zu den damit ver­bun­den ern­sten Fra­gen, z.B. ob die bis­he­ri­ge Leh­re der Päp­ste noch gül­tig ist (ich den­ke vor allem an Veri­ta­tis Sple­ndor von Johan­nes Paul II. und in die­sem Zusam­men­hang an die tra­di­tio­nel­le Leh­re über die in sich schlech­ten Taten) schweigt (vgl. sei­ne Ver­hal­ten gegen­über den Dubia), reden alle mög­li­chen Leu­te. War­um also nicht auch wir? Es geht dar­um, ob der behaup­te­te, soge­nann­te Para­dig­men­wech­sel durch Amo­ris Lae­ti­tia ent­spre­chend dem Inhalt die­ser Wort­schöp­fung wirk­lich ein (Tra­di­ti­ons-) Bruch in der kirch­li­chen Leh­re dar­stellt oder nicht. Wenn ja, wür­den die Päp­ste sich in ihrem Lehr­amt wider­spre­chen und sich gegen­sei­tig auf­he­ben. Das wäre fatal. Die Fra­ge wird nun auch aktu­ell im Zusam­men­hang der soge­nann­ten Relek­tü­re von Huma­nae Vitae. Es steht tat­säch­lich viel mehr auf dem Spiel als eine Fuss­no­te.

Weihbischof Marian Eleganti mit Benedikt XVI.
Weih­bi­schof Mari­an Ele­gan­ti mit Bene­dikt XVI.

Mai­ke Hick­son: Sehen Sie als Bischof in der Schweiz die kon­kre­ten Fol­gen der seit Amo­ris Lae­ti­tia herr­schen­den Ver­wir­rung unter den Gläu­bi­gen?

Bischof Mari­an Ele­gan­ti: Mehr oder weni­ger das glei­che Bild wie über­all.

Mai­ke Hick­son: Ken­nen Sie kon­kret Fäl­le, wo nun Wie­der­ver­hei­ra­te­te, ohne ihren Lebens­stand zu ändern, zu den Sakra­men­ten gehen?

Bischof Mari­an Ele­gan­ti: Das ist nicht erst seit Amo­ris Lae­ti­tia der Fall. Vie­le haben sich ja damit gerühmt, dass jetzt ihre bis­lang ille­gi­ti­me Pra­xis schein­bar offi­zi­ell wur­de. Ich den­ke an vie­le Seel­sor­ger, die sol­chen Paa­ren seit Jah­ren aus Barm­her­zig­keits- und Gewis­sens­mo­ti­ven die Erlaub­nis zur hl. Kom­mu­ni­on gege­ben haben.

Mai­ke Hick­son: Wie sehen Sie die Gefahr, dass Amo­ris Lae­ti­tia und der dar­in gemach­ten Äusse­rung, dass ein Paar in einer „irre­gu­lae­ren Situa­ti­on“ nicht unbe­dingt im Stand der Tod­sün­de sein muss, eine Auf­wei­chung des gesam­ten Moral­ge­set­zes der Kir­che zur Fol­ge hat? Das heisst, wie ja nun auch bereits von Pater Chi­odi in Rom mit Bezug auf Amo­ris Lae­ti­tia behaup­tet wur­de, das Neh­men der Pil­le oder ande­rer Ver­hü­tungs­mit­tel manch­mal nicht nur nicht sünd­haft, son­dern gebo­ten sei?

Bischof Mari­an Ele­gan­ti: Über den Stand der Gna­de kann sich nie­mand ein Urteil anma­ssen, weder Seel­sor­ger noch die betrof­fe­nen Paa­re selbst. Der hl. Papst Johan­nes Paul II. hat dies­be­züg­lich fest­ge­hal­ten, dass allein die objek­ti­ve Situa­ti­on zivil Wie­der­ver­hei­ra­te­ter den Aus­schlag gibt, war­um sie nicht zur Hl. Kom­mu­ni­on gehen kön­nen, es sei denn sie ent­hal­ten sich sexu­el­ler ehe­li­cher Akte. Er hat dabei auch fest­ge­hal­ten, dass es hier auch um die Klar­heit der Leh­re und die Kohä­renz zwi­schen Glau­bens­leh­re und sakra­men­ta­ler Glau­bens­pra­xis geht. Nicht aber wur­de damit ein Urteil gefällt über den Gna­den­stand der Betrof­fe­nen. Es war ein gro­sser Feh­ler, an den bei­den Fami­li­en­syn­oden nicht die­se Dif­fe­ren­zie­rung neu ver­ständ­lich gemacht zu haben, son­dern Prie­ster und zivil Wie­der­ver­hei­ra­te­te auf die schie­fe Ebe­ne zu brin­gen, indem von ihnen eine Beur­tei­lung des Gna­den­stan­des ver­langt wird, die sie beim besten Wil­len gar nicht lei­sten kön­nen. Statt sich wie in der bis­he­ri­gen Lehr­tra­di­ti­on und sakra­men­ta­len Pra­xis an objek­tiv fest­stell­ba­re Tat­sa­chen zu hal­ten wie die Nich­tig­keit einer ersten Ehe (der ein­zi­ge legi­ti­me Grund für die Recht­fer­ti­gung einer sog. Zweit­ehe) und die Exi­stenz abso­lu­ter Nor­men, die über­all und immer in sich schlech­te Taten wie den Ehe­bruch ver­bie­ten (unab­hän­gig von Umstän­den, guten Absich­ten und mil­dern­den Umstän­den), hat man inzwi­schen mehr Ver­wir­rung und Inter­pre­ta­ti­ons­cha­os her­vor­ge­bracht als Klar­heit. Es gibt eben nicht das rich­ti­ge Leben im Fal­schen. Mit ande­ren Wor­ten: Bei Fort­be­stand eines gül­ti­gen, unauf­lös­li­chen Ehe­ban­des recht­fer­tigt nichts – auch nicht das viel beschwo­re­ne Wohl der Kin­der aus zwei­ter Ver­bin­dung — ein Zusam­men­le­ben more uxorio in einer zwei­ten zivi­len Ehe, es sei denn, man ent­hält sich der sexu­el­len Akte, die der sakra­men­ta­len Ehe vor­be­hal­ten sind, Das ist des­halb so, weil sie wie die hl. Eucha­ri­stie ein Real­sym­bol sind und in bei­den Fäl­len (Chri­stus-Kir­che; Bräu­ti­gam-Braut bzw. Ehe­gat­te-Ehe­gat­tin) den unauf­lös­li­chen Bund gleich­zei­tig dar­stel­len und ver­wirk­li­chen. Sonst haben wir wirk­lich die seel­sorg­lich beglei­te­te Schei­dung und Wie­der­ver­hei­ra­tung, die Jesus ganz klar abge­lehnt hat. Chi­odi ver­tritt offen­bar eine Situa­ti­ons­ethik, die das bis­he­ri­ge Lehr­amt der Päp­ste ver­wor­fen hat.

Mai­ke Hick­son: Kar­di­nal Rein­hard Marx — der Prä­si­dent der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz — hat sich nun grund­sätz­lich offen gegen­über mög­li­cher Seg­nun­gen von Homo­se­xu­el­len Paa­ren gezeigt. Möch­ten Sie die­sen Schritt kom­men­tie­ren?

Bischof Mari­an Ele­gan­ti: Das über­rascht nicht wei­ter und liegt auf der Linie die­ser Logik der „Ein­zel­fall-Aus­nah­me-Rege­lung“, die dann by the way auf die Län­ge zur Regel und zum Nor­mal­fall wird. Er redet ja zunächst von Ein­zel­fäl­len. Kri­te­ri­en dafür wer­den nicht mit­ge­lie­fert.

Mai­ke Hick­son: Als Bischof, was ist Ihre Sor­ge in unse­rer Situa­ti­on der mora­li­schen Ver­wir­rung, und was wür­den Sie ger­ne Ihren Mit­brü­dern im Bischofs­amt mit­ge­ben?

Bischof Mari­an Ele­gan­ti: Die­ser histo­ri­sche Pro­zess bzw. Moment der Kir­chen­ge­schich­te in die­ser und ande­ren Fra­gen, über die, wie es so schön heisst, „neu nach­ge­dacht wer­den müs­se“ wie z.B. die Bewer­tung der künst­li­chen Ver­hü­tungs­me­tho­den 50 Jah­re nach Huma­nae Vitae u.a.m. ist nicht abge­schlos­sen. Die Zeit ist ja bekannt­lich grö­sser als der Raum und wird es hof­fent­lich erwei­sen, wo Chri­stus steht. Also müs­sen sich die Bischö­fe outen und sagen, was sie in ihrem Gewis­sen den­ken. Wie der hl. Igna­ti­us ent­schei­de ich immer vor­be­halt­lich einer bes­se­ren Ein­sicht und hand­le dann nach mei­nem Gewis­sen. Tie­fe­re Ein­sich­ten kön­nen immer kom­men. Es ist aller­dings oft ein Mar­ty­ri­um, dahin zu gelan­gen oder sie besten Wis­sens und Gewis­sens und mit ehren­wer­ten Ver­nunft­grün­den und Absich­ten zu ver­tre­ten.

Mai­ke Hick­son: Wie den­ken Sie, kann die Katho­li­sche Kir­che wie­der zu eine kla­ren Stim­me mit einer kla­ren Leh­re kom­men bezüg­lich des­sen, wel­ches Ver­hal­ten Gott gut­heisst, und wel­ches Ver­hal­ten die See­le von Men­schen in Gefahr bringt?

Bischof Mari­an Ele­gan­ti: Indem wir alle mit dem Papst zusam­men­ste­hen und einen red­li­chen Dia­log füh­ren ohne mani­pu­la­ti­ve Tricks, Ein­schüch­te­rung oder Denk- und Rede­ver­bo­te, aber in Wahr­heit und Lie­be, gegen­sei­ti­gem Respekt und Ehr­furcht vor dem Gewis­sen des ande­ren. Bis­her aber hat der Papst in die­sem Zusam­men­hang kei­ne unfehl­ba­re neue Leh­re vor­ge­tra­gen, viel­mehr dar­auf ver­zich­tet, sein Lehr­amt aus­zu­üben, indem er auf die Dubia kei­ne kla­re, lehr­amt­li­che und unmiss­ver­ständ­li­che Ant­wort gege­ben hat. Das ver­un­si­chert vie­le von jenen Klei­nen, von denen Jesus im Evan­ge­li­um spricht und die mir schrei­ben. Ich den­ke auch an sie, wenn ich öffent­lich rede.

Inter­view: Mai­ke Hick­son
Bild: jugendbischof.ch (Screen­shot)