Kardinal Zen: „Das Problem ist, wer im Käfig sitzt“

Kardinal Zen setzt Kritik an der Neuen Ostpolitik des Vatikans fort.
Kardinal Zen setzt Kritik an der Neuen Ostpolitik des Vatikans fort.

(Hong Kong) Kar­di­nal Joseph Zen, eme­ri­tier­ter Bischof von Hong Kong und graue Emi­nenz der Unter­grund­kir­che in der Volks­re­pu­blik Chi­na, ist kein Mann, der schweigt, wenn er ange­grif­fen wird. Auf sei­nem Blog kri­ti­sier­te er gestern Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin, der ihm in einem Inter­view vom 30. Janu­ar vor­ge­wor­fen hat­te, Grund für „Ver­wir­rung und Pole­mik“ zu sein. Das läßt der streit­ba­re Kar­di­nal und Wort­füh­rer einer seit 70 Jah­ren ver­folg­ten Kir­che nicht auf sich sit­zen.

Kar­di­nal Zen hat­te am 29. Janu­ar die „Neue Ost­po­li­tik“ des Vati­kans kri­ti­siert und dem Hei­li­gen Stuhl vor­ge­wor­fen, die chi­ne­si­sche Kir­che zu „ver­ra­ten“.

Der Kar­di­nal­staats­se­kre­tär reagier­te am Tag danach, ohne den Kar­di­nal beim Namen zu nen­nen, bestä­tig­te aber, wenn auch ver­klau­su­liert, was Zen dem Vati­kan vor­ge­wor­fen hat­te. Papst Fran­zis­kus will als ein­sei­ti­ge Vor­lei­stung alle unrecht­mä­ßi­gen Bischö­fe aner­ken­nen, die vom kom­mu­ni­sti­schen Regime in Peking gegen den Wil­len Roms ernannt wor­den sind.

Dazu gibt es unter­schied­li­che Dar­stel­lun­gen. Es ist der­zeit unklar, ob Fran­zis­kus fünf die­ser unrecht­mä­ßi­gen und exkom­mu­ni­zier­ten Bischö­fe bereits aner­kannt hat. Zugun­sten von zwei unrecht­mä­ßi­gen Bischö­fen ver­langt er von zwei recht­mä­ßi­gen, rom­treu­en Bischö­fen ihre Bischofs­sit­ze zu räu­men, um ein „Abkom­men“ mit der Pekin­ger Regie­rung über Bischofs­er­nen­nun­gen zu ermög­li­chen.

Der Kar­di­nal­staats­se­kre­tär bestä­tig­te, daß Papst Fran­zis­kus die Chi­na-Agen­da ent­schei­det und von den bei­den recht­mä­ßi­gen Bischö­fen ein „Opfer“ zugun­sten des „höhe­ren Wohls der Kir­che“ for­dert. Aller­dings sag­te Paro­lin auch, wer das vom Papst gefor­der­te „Opfer“ nicht brin­ge, der ver­fol­ge „ande­re Inter­es­sen“ als das Evan­ge­li­um. Mit ande­ren Wor­ten: Der Vati­kan läßt den bei­den legi­ti­men Bischö­fen von Shan­tou und Min­dong kei­ne freie Wahl.

Kar­di­nal Zen hat­te am 29. Janu­ar ent­hüllt, daß sich Papst Fran­zis­kus im Herbst 2017 einem chi­ne­si­schen Erz­bi­schof und am 12. Janu­ar 2018 ihm per­sön­lich gegen­über völ­lig ahnungs­los gege­ben habe. Wenn der Papst aber nichts davon wuß­te, daß in sei­nem Namen von recht­mä­ßi­gen chi­ne­si­schen Bischö­fen der Rück­tritt ver­langt wur­de, dann kön­ne das nur bedeu­ten, daß jemand im Vati­kan ein Dop­pel­spiel spielt.

Der Kar­di­nal­staats­se­kre­tär beton­te am Tag danach, daß alles im Wis­sen und mit Zustim­mung des Pap­stes gesche­he: „Nie­mand ergreift eine Pri­vat­in­itia­ti­ve“.

Wenn aber die Aus­sa­gen von Kar­di­nal Zen und Kar­di­nal Paro­lin stim­men, dann wäre es Papst Fran­zis­kus selbst, der bis­her ein dop­pel­tes Spiel spiel­te.

Die Kirche in China als „Vogel im Käfig“

China Vogel im Käfig oder frei
Vogel im Käfig oder frei

Die Ver­tre­ter der Unter­grund­kir­che hät­te er dem­nach in fal­scher Sicher­heit gewiegt, indem er sie beru­hig­te, sich unwis­send gab und ihnen den Ein­druck ver­mit­tel­te, auf ihrer Sei­te zu ste­hen. In Wirk­lich­keit aber, soviel gilt nach dem Paro­lin-Inter­view als sicher, strebt er ein Gen­tle­man Agree­ment mit Peking an. Gegen­über Reu­ters beschrieb ein anony­mer, „hoch­ran­gi­ger“ Vati­kan­ver­tre­ter den Zweck die­ses ange­streb­ten Abkom­mens wie folgt:

„Wir wer­den zwar wei­ter­hin ein Vogel in einem Käfig sein, aber der Käfig wird grö­ßer sein.

Gestern regier­te Kar­di­nal Zen dar­auf mit spit­zen Wor­ten:

„Das Pro­blem ist nicht die Grö­ße des Käfigs, son­dern wer im Käfig sitzt.“

Er wer­de jeden­falls auch wei­ter­hin sei­ne Mei­nung offen sagen, ließ er in Rich­tung Vati­kan und Peking wis­sen.

Mit sei­ner Ent­hül­lung mach­te Kar­di­nal Zen dem vati­ka­ni­schen Dop­pel­spiel einen Strich durch die Rech­nung. Er hält die vati­ka­ni­sche Hal­tung gegen­über der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Chi­nas für ver­ant­wor­tungs­los naiv. Damit wer­de die rom­treue Unter­grund­kir­che dem Regime aus­ge­lie­fert, dem es allein dar­um gehe, die Katho­li­ken sei­ner Kon­trol­le zu unter­wer­fen, die sich bis­her die­ser Kon­trol­le ent­zie­hen konn­ten. Des­halb ist es sein erklär­tes Ziel, die der­zei­ti­gen Ver­hand­lun­gen zwi­schen Rom und Peking zu Fall zu brin­gen.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: oldyo­sef (Screen­shot)

4 Kommentare

  1. Da sind dann die römisch katho­li­schen Chri­sten
    in der VR Chi­na
    jetzt dann exkom­mu­ni­ziert
    (vom Vati­kan oder in des­sen Auf­trag von der Katho­lisch-Patrio­ti­schen Ver­ei­ni­gung),
    wenn sie nicht das Glau­bens­be­kennt­nis
    der Katho­lisch-Patrio­ti­schen Ver­ei­ni­gung der VR Chi­na
    (das Par­tei­pro­gramm der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei
    — das neue Chi­na-all­um­fas­sen­de Evan­ge­li­um) beten,
    son­dern wei­ter
    „Cre­do in unam sanc­tam, catho­li­cam et apo­sto­li­cam Eccle­si­am.“
    (Ich glau­be an die eine, hei­li­ge, katho­li­sche und apo­sto­li­sche Kir­che.)

    beten?

  2. Kar­di­nal Zen ist uner­schrocken und streit­bar. Er hat das Zeug zum Mär­ty­rer. Er kämpft mit offe­nem Visier, und das auch noch gegen zwei Geg­ner gleich­zei­tig. Einer die­ser Geg­ner sitzt in Peking, der ande­re in Rom. Der in Peking kämpft auch mit offe­nem Visier. Der in Rom soll­te eigent­lich Zens Mit­strei­ter sein. Aber er kämpft, anders als Zen, mit ver­deck­tem Visier — und auf der fal­schen Sei­te. Er spielt ein undurch­sich­ti­ges Dop­pel­spiel — und zudem mit etli­chen Fouls. Ach wäre es nur ein Spiel …

  3. Zitat: „Damit wer­de die rom­treue Unter­grund­kir­che dem Regime aus­ge­lie­fert, dem es allein dar­um gehe, die Katho­li­ken sei­ner Kon­trol­le zu unter­wer­fen, die sich bis­her die­ser Kon­trol­le ent­zie­hen konn­ten…“
    Ein wei­ser Mann hat ein­mal gesagt: „Hero­des denkt, aber Gott lenkt!“
    Also: Beten und hof­fen!

  4. Bedenkt man, dass die geziel­te Ver­wen­dung sog. „hybri­der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mu­ster“ (https://kirchfahrter.wordpress.com/2017/05/01/hybride-kommunikationsmuster-im-kirchlichen-raum/) in die­sem Pon­ti­fi­kat signi­fi­kant ist, ver­wun­dert auch die­ses dop­pel­bö­di­ge Vor­ge­hen nicht. Ob Steh­greif-Reden im Flug­zeug, ob pro­ble­ma­ti­sche Aus­sa­gen in Neben­sät­zen: die „plau­si­ble denia­bi­li­ty“, also die Mög­lich­keit, die Ver­ant­wor­tung für bestimm­te Aktio­nen mit eini­ger Plau­si­bi­li­tät abstrei­ten zu kön­nen, steht im Mit­tel­punkt päpst­li­chen Han­delns…

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