Der Intellektuelle, der Bergoglio in Schach hält

Papst Franziskus gestern beim Neujahrsempfang des Diplomatischen Korps. Ein Buch bringt Kritik von unerwarteter Seite: von einem linken Nicht-Katholiken.
Papst Franziskus gestern beim Neujahrsempfang des Diplomatischen Korps. Ein Buch bringt Kritik von unerwarteter Seite: von einem linken Nicht-Katholiken.

(Bue­nos Aires) In Argen­ti­ni­en ist ein Buch erschie­nen, das sich von unge­wohn­ter Sei­te kri­tisch mit Papst Fran­zis­kus aus­ein­an­der­setzt. Es ist Kri­tik von nicht-katho­li­scher Sei­te und von links. Eine unge­wohn­te Kom­bi­na­ti­on für ein Pon­ti­fi­kat, das gera­de aus die­sem Umfeld auf beacht­li­chen Zuspruch stößt. Der Zuspruch gilt dabei aller­dings mehr der Per­son des der­zei­ti­gen Kir­chen­ober­haup­tes, weni­ger der katho­li­schen Kir­che und der Glaubenswahrheit.

Daß Papst Fran­zis­kus in Argen­ti­ni­en eini­ge offe­ne Kapi­tel hat, ist spä­te­stens seit dem stän­di­gen Hin­aus­zö­gern eines Hei­mat­be­su­ches klar. Es dürf­te sich um eini­ge per­sön­li­che, aber auch um poli­ti­sche Kapi­tel han­deln, die mit dem Ver­hält­nis bestimm­ter Grup­pie­run­gen zur Kir­che zu tun haben.

Gott im Labyrinth

Das Buch ist nicht mehr ganz neu, zieht aber erst jetzt eini­ge Krei­se. Es stammt aus der Feder von Juan Josè Sebre­li und trägt den Titel „Dios en el lab­irin­to“ (Gott im Laby­rinth). Erschie­nen ist es bereits im Dezem­ber 2016. Es befaßt sich nicht exklu­siv mit Papst Fran­zis­kus, son­dern stellt, wie es in der Bewer­bung heißt, „das ambi­tio­nier­te­ste und radi­kal­ste Pro­jekt“ des Autors dar: „Die Demo­lie­rung des reli­giö­sen Phä­no­mens aus agno­sti­scher Sicht“.

Sebreli: Gott im Labyrinth
Sebre­li: Gott im Labyrinth

Nun ver­öf­fent­lich­te der Jour­na­list und Schrift­stel­ler Jor­ge Fer­nan­dez Diaz in der argen­ti­ni­schen Tages­zei­tung La Naci­on, deren stän­di­ger Kolum­nist er ist, die Buch­be­spre­chungDer Intel­lek­tu­el­le, der Ber­go­glio in Schach hält“.

La Naci­on, 1870 gegrün­det, hat eine libe­ral­kon­ser­va­ti­ve Grund­aus­rich­tung und steht damit rechts von Cla­rin, der zwei­ten gro­ßen Tages­zei­tung des Lan­des. Der Ver­gleich von La Naci­on mit der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung trifft weit­ge­hend zu, aller­dings mit dem Unter­schied, daß der Ton in der deut­schen Zei­tung gegen­über Papst und Kir­che all­ge­mein, nicht nur auf Fran­zis­kus bezo­gen, in der Ver­gan­gen­heit respekt­vol­ler war.

Fer­nan­dez Diaz gilt als einer der bedeu­tend­sten, zeit­ge­nös­si­schen, spa­nisch­spra­chi­gen Schrift­stel­ler. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er 2017 den Roman „La Heri­da“ (Die Wun­de). Seit 2012 ist er Trä­ger des Ordens Isa­bel­las der Katho­li­schen, der höch­sten spa­ni­schen Aus­zeich­nung für Aus­län­der. Der Orden wird vom König auf Vor­schlag des spa­ni­schen Außen­mi­ni­ste­ri­ums verliehen.

Das von Fer­nan­dez Diaz bespro­che­ne Buch fällt weit aus dem Rah­men des­sen, was bis­her an Büchern über Papst Fran­zis­kus vor­ge­legt wur­de. Kri­tik kam bis­her, wenn schon, von ganz ande­rer Sei­te: etwa das Buch „Der Papst-Dik­ta­tor“ von Marcan­to­nio Colon­na oder das bereits ange­kün­dig­te Buch von Phil­ip Law­ler „Lost She­pherd – Der ver­irr­te Hir­te“, das am 26. Febru­ar erschei­nen wird.

Juan Josè Sebreli

Der Autor von „Gott im Laby­rinth“, Juan Jose Sebre­li, gehört zu den bekann­te­ren argen­ti­ni­schen Links­in­tel­lek­tu­el­len. Der 87 Jah­re alte Sebre­li ist wenn nicht Athe­ist, dann zumin­dest Agno­sti­ker, und er ist homo­se­xu­ell. Den­noch emp­fin­det er nicht die gering­ste Sym­pa­thie für den der­zei­ti­gen Papst, was in erster Linie dar­an zu lie­gen scheint, daß Jor­ge Mario Ber­go­glio sein Lands­mann ist.

Juan Jose Sebreli
Juan Jose Sebreli

In sei­nem Buch demo­liert Sebre­li das Image des Pap­stes, jeden­falls jenes, das ande­re – nicht zuletzt mit Blick nach links – mit beson­de­rem Eifer von ihm pflegen.

Fer­nan­dez Diaz ver­tei­digt Fran­zis­kus, wenn auch vor­sich­tig, gegen die Schär­fe im Ton­fall. Das ist bemer­kens­wert, weil Sebre­li immer­hin stän­di­ger Autor von La Naci­on und der Rezen­sent kein über­mä­ßig katho­li­scher Apo­lo­get oder gar „Fun­da­men­ta­list“ ist. Ein Wort, das Papst Fran­zis­kus übri­gens ganz und gar nicht mag.

Juan José Pérez Sebre­li wur­de 1930 in Bue­nos Aires gebo­ren, wo er Sozio­lo­gie stu­dier­te. Sei­ne For­mung erleb­te er durch von Hegel gepräg­te, mar­xi­sti­sche Linksintellektuelle.

Wäh­rend der Peri­ode der Revo­lu­ci­on Liber­tado­ra, wie die Zeit nach dem Putsch von 1955 genannt wur­de, mit der die Herr­schaft von Juan Dom­in­go Peron been­det wur­de, stell­te er sich gegen die Mili­tär­re­gie­run­gen. Anfang der 70er Jah­re grün­de­te er die Homo-Bewe­gung mit pathe­ti­schem Namen Fren­te de Libe­r­aci­on Homo­se­xu­al (Homo­se­xu­el­le Befrei­ungs­front). Wegen sei­ner Regime­kri­tik muß­te er sogar für eini­ge Mona­te ins Gefängnis.

Der Sieg der Pero­ni­sten und die Rück­kehr Perons war aller­dings nicht, was er woll­te. Im Pero­nis­mus, zu dem er auf Distanz blieb, sah er trotz des­sen Links­aus­rich­tung eine „faschi­sti­sche Bewe­gung“. Sebre­li selbst bezeich­net sich als Sozi­al­de­mo­krat „im euro­päi­schen Sinn“, der radi­ka­le Kri­tik an der argen­ti­ni­schen Innen­po­li­tik übt. 2015 behaup­te­te er, in Argen­ti­ni­en „ist die Demo­kra­tie 2001 gestorben“.

Populismus-Kritik

Haupt­the­ma sei­ner Kri­tik sind der Popu­lis­mus und der Irra­tio­na­lis­mus. Erste­res ist ein typi­sches, aber nicht exklu­si­ves Phä­no­men Argen­ti­ni­ens, letz­te­res steht in direk­tem Zusam­men­hang mit Sebre­lis Kir­chen- und Religionsfeindlichkeit.

Juan und Evita Peron
Juan und Evi­ta Peron

Die Zeit von 1943 (dem Auf­stieg Perons) bis 1983 (dem Ende der Mili­tär­dik­ta­tur) bezeich­net er als Peri­ode des „Schat­tens“, der sich über das Land gelegt habe. Argen­ti­ni­en sei in die­ser Zeit von einem „bru­ta­len System“ regiert wor­den, „das von der Kir­che und dem Heer gestützt“ wurde.

Damit sind auch schon die wich­tig­sten Lini­en gezo­gen, die ihn in einen Gegen­satz zu sei­nem Lands­mann Papst Fran­zis­kus bringen.

Ob Papst Fran­zis­kus Sebre­lis Buch gele­sen hat, ist nicht bekannt. Aus­ge­schlos­sen ist es nicht, da zu sei­nen eng­sten Bera­tern mit Vic­tor Manu­el Fer­nan­dez (Titu­lar­erz­bi­schof, Rek­tor der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät von Argen­ti­ni­en und Ghost­wri­ter des Pap­stes) und Mar­ce­lo San­chez Soron­do (Kuri­en­bi­schof, Kanz­ler der Päpst­li­chen Aka­de­mien der Wis­sen­schaf­ten und der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten und poli­ti­scher Arm des Pap­stes) zwei Argen­ti­ni­er  gehö­ren, die auf­merk­sam die Ent­wick­lung in der Hei­mat im Auge behal­ten. San­chez Soron­dos Vater war an füh­ren­der Stel­le am Putsch von 1955 betei­ligt. Der Sohn unter­hält heu­te hin­ge­gen­ner­staun­lich gute und enge Kon­tak­te mit der inter­na­tio­na­len, radi­ka­len Linken.

Sebre­li ist viel­leicht nicht der ein­zi­ge Lin­ke, der sich vom Links­schwenk von Papst Fran­zis­kus (und San­chez Soron­do) nicht beein­drucken läßt. Er ist bis­her aber der ein­zi­ge, der es so offen und so radi­kal aus­ge­spro­chen hat.

Die Option für die Armen und der religiöse Populismus

Papst FranziskusDrei Aspek­te sei­ner bis­si­gen, manch­mal iro­ni­schen Kri­tik an Papst Fran­zis­kus sol­len her­aus­ge­grif­fen werden:

  • Las Vil­las

Die Vil­las mise­ria, die Elends­vier­tel am Ran­de der argen­ti­ni­schen Groß­städ­te, und ihre Bewoh­ner, die Vil­le­ros, schei­nen „dem Papst beson­ders zu gefal­len, ent­set­zen aber ihre Bewoh­ner. Es gibt in ihnen nicht den gering­sten Enthu­si­as­mus für die­se wun­der­ba­ren Gemein­schaf­ten, in denen der Katho­li­zis­mus auf so vor­bild­li­che Wei­se blüht. Die Illu­si­on aller Vil­le­ros besteht dar­in, sie so schnell als mög­lich zu ver­las­sen. Des­halb tun sie nichts für sie von dem, was sie tun könnten.“

  • Die Opti­on für die Armen

„Die vor­ran­gi­ge Opti­on für die Armen, wir könn­ten sogar von einer exklu­si­ven Opti­on spre­chen, erfolg­te durch die Kir­che, als die Armen wie eine Flut für die Evan­ge­li­ka­len optier­ten, ohne daß die vor­ran­gi­ge Opti­on der Flut den gering­sten Damm ent­ge­gen­ge­setzt hätte.“

  • Der reli­giö­se Populismus

Auch der drit­te Aspekt scheint einen ein­deu­ti­gen Adres­sa­ten zu haben: Sebre­li schil­dert einen reli­giö­sen Popu­lis­mus, der dem Fort­schritt miß­traut, mit cha­ris­ma­ti­scher Füh­rung und einem erstaun­lich anti­in­tel­lek­tu­el­len Wesenszug.

Sebre­li spielt dabei unter ande­rem auf die iro­ni­schen Wor­te eines Pfingst­ler-Pastors gegen­über der New York Times an:

„Die Iro­nie ist, daß die Katho­li­ken für die Armen optier­ten, als die Armen für die Evan­ge­li­ka­len optierten.“

Er sieht in Ber­go­glio einen „popu­lä­ren Kon­ser­va­ti­ven“, der in der Armut „kei­nen Man­gel, son­dern eine Tugend“ sieht.

Dar­aus for­mu­liert Sebre­li sei­ne Kritik:

„Die Hil­fe für die Armen besteht nicht dar­in, die Armut wie ein Ver­dienst zu fei­ern, son­dern sie zu bekämpfen.“

Weder der Libe­ra­lis­mus noch der Mar­xis­mus, so der Autor, könn­ten Fran­zis­kus in sei­ner Sicht­wei­se der Armut fol­gen, da bei­de ein Wirt­schafts­pro­blem mit der Wirt­schaft lösen wollen.

Papst Franziskus als Politiker beurteilen

„Der demü­ti­ge Papst als Dorf­prie­ster ver­birgt den geschick­ten und geris­se­nen Poli­ti­ker…“ Das sei der Machia­vel­lis­mus: „Igna­ti­us von Loyo­la ver­klei­det als süßer Franz von Assisi.“

Karikatur des linksradikalen Stiano, der heute für die Zeitung der italienischen Bischöfe zeichnen darf.
Kari­ka­tur des links­ra­di­ka­len Stia­no (selbst im Bild hin­ten links als Pro­to­typ eines Lin­ken), der heu­te für die Zei­tung der ita­lie­ni­schen Bischö­fe zeich­nen darf.

Die­se „Dua­li­tät“, die Sebre­li in Fran­zis­kus zu erken­nen meint, mache die­sen zu dem, was Che­ster­ton einen „gött­li­chen Dem­ago­gen“ nennt.

So wie Bene­dikt XVI. als Den­ker beur­teilt wur­de, dar­in gibt der Rezen­sent Sebre­li recht, so müs­se Fran­zis­kus als Poli­ti­ker beur­teilt wer­den. Denn er sei wie Peron fähig, zu mutie­ren und jedem das zu erzäh­len, was er hören will, und für sei­ne Zwecke sogar sei­ne ehe­ma­li­gen Geg­ner zu benut­zen, solan­ge er die Füh­rung hat und die Ent­schei­dun­gen tref­fen kann.“

Sebre­lis Buch „Gott im Laby­rinth“ ist die Kri­tik eines gott­lo­sen Kir­chen­geg­ners, des­sen Text über Strecken eine Zumu­tung ist, was nicht die eine oder ande­re inter­es­san­te Beob­ach­tung und Ana­ly­se ausschließt.

Text: Giu­sep­pe Nardi
Bild: Vatican.va/Diario de cultura/RBA/MiL (Screen­shots)