Gregor der Große und Weihnachten im Jahr 590

Papst Gregor der Große hielt am Beginn seines Pontifikats seine erste Predigt über den Adventus, die Ankunft des Herrn, und sprach dabei über die zweite Ankunft, die Wiederkunft Jesu Christi als Richter.
Papst Gregor der Große hielt am Beginn seines Pontifikats seine erste Predigt über den Adventus, die Ankunft des Herrn, und sprach dabei über die zweite Ankunft, die Wiederkunft Jesu Christi als Richter.

Von Rober­to de Mattei*

Es war im Dezem­ber des Jah­res 590. Hun­dert Jah­re waren ver­gan­gen seit dem Unter­gang des Römi­schen Rei­ches im Westen (476 n.Chr.) Wei­te­re drei Jahr­hun­der­te soll­ten ver­ge­hen, bis die Restau­ra­tio Impe­rii, die Wie­der­errich­tung des christ­li­chen Kai­ser­rei­ches, im Jahr 800 mög­lich wer­den soll­te. Die ita­li­sche Halb­in­sel war von den Arme­en der Byzan­ti­ner, der Goten und der Lan­go­bar­den ver­heert wor­den. Im spä­ten Früh­jahr stan­den die lan­go­bar­di­schen Heer­scha­ren, ange­führt von König Agi­lulf, vor den Toren der Ewi­gen Stadt. Über­all waren die Spu­ren des Unheils und der Drang­sal zu sehen. Auf dem Stuhl Petri saß ein Römer, Gre­gor I., der Nach­kom­me einer alten Sena­to­ren­fa­mi­lie. Sein Vor­gän­ger, Pela­gius, hat­te durch eine schreck­li­che Pest den Tod gefun­den, die in der Stadt Rom wüte­te. Der Krieg, der Hun­ger und die Krank­hei­ten plag­ten das Land, wie es so oft in der Geschich­te der Fall ist.

Am Zwei­ten Advents­sonn­tag, am Beginn sei­nes Pon­ti­fi­kats, hielt der Papst sei­ne erste Pre­digt zu den Evan­ge­li­en. Er beschrieb das Unheil sei­ner Zeit und ver­knüpf­te es mit der Stel­le im Luka­sevan­ge­li­um 21,25–33, wo Jesus sei­nen Jün­ger von den Zei­chen der End­zeit spricht:

Es wer­den Zei­chen sicht­bar wer­den an Son­ne, Mond und Ster­nen, und auf der Erde wer­den die Völ­ker bestürzt und rat­los sein über das Toben und Don­nern des Mee­res.
Die Men­schen wer­den vor Angst ver­ge­hen in der Erwar­tung der Din­ge, die über die Erde kom­men; denn die Kräf­te des Him­mels wer­den erschüt­tert wer­den.
Dann wird man den Men­schen­sohn mit gro­ßer Macht und Herr­lich­keit auf einer Wol­ke kom­men sehen.
Wenn (all) das beginnt, dann rich­tet euch auf, und erhebt eure Häup­ter; denn eure Erlö­sung ist nahe.
Und er gebrauch­te einen Ver­gleich und sag­te: Seht euch den Fei­gen­baum und die ande­ren Bäu­me an:
Sobald ihr merkt, daß sie Blät­ter trei­ben, wißt ihr, daß der Som­mer nahe ist.
Genau­so sollt ihr erken­nen, wenn ihr (all) das gesche­hen seht, daß das Reich Got­tes nahe ist.
Amen, ich sage euch: Die­se Genera­ti­on wird nicht ver­ge­hen, bis alles ein­trifft.
Him­mel und Erde wer­den ver­ge­hen, aber mei­ne Wor­te wer­den nicht ver­ge­hen.

Der Papst sag­te dazu:

„Der Herr und unser Hei­land, lie­be Brü­der, kün­digt die Übel an, wel­che die im Nie­der­gang befind­li­che Welt tref­fen wer­den, weil er uns bereit fin­den und uns Ein­halt gebie­ten will, sie zu lie­ben. Er ent­hüllt uns die Gei­ßeln, die das Kom­men des Endes ankün­di­gen, da wir Gott nicht in der Ruhe fürch­ten, auf daß wir zumin­dest Furcht vor dem nahen­den Gericht haben, auch unter der Last der Übel, die über uns her­ein­bre­chen. Der Lesung des hei­li­gen Evan­ge­li­ums, das ihr, Brü­der, soeben gehört habt, hat der Herr kurz zuvor vor­aus­ge­schickt: ‚Ein Volk wird sich gegen das ande­re erhe­ben und ein Reich gegen das ande­re. Ein Volk wird sich gegen das ande­re erhe­ben und ein Reich gegen das ande­re. Es wird gewal­ti­ge Erd­be­ben und an vie­len Orten Seu­chen und Hun­gers­nö­te geben; schreck­li­che Din­ge wer­den gesche­hen und am Him­mel wird man gewal­ti­ge Zei­chen sehen.‘“

Gregor der Große (590-604)
Gre­gor der Gro­ße (590–604)

Das Ende der Welt, über das nach­zu­den­ken der Papst auf­for­der­te, ist nicht nur der End­punkt der Geschich­te, die Paru­sie, die zwei­te Wie­der­kunft Jesu Chri­sti auf Erden, um jedem nach sei­nen Wer­ken zu ver­gel­ten und das himm­li­sche Jeru­sa­lem zu errich­ten. Es ist auch das Ende einer bestimm­ten histo­ri­schen Epo­che, die vom Herrn für ihre Sün­den gerich­tet und bestraft wird. In die­sem Sinn ist der Unter­gang Jeru­sa­lems sowohl eine Anspie­lung auf das Wel­ten­en­de als auch auf alle Stra­fen, mit denen Gott seit jeher die Mensch­heit straft: Krie­ge, Epi­de­mi­en, Hun­ger und Natur­ka­ta­stro­phen. Jede Stra­fe ist eine Vor­aus­deu­tung des End­ge­richts, und jede Hand­lung der Treue zu Gott in Kri­sen­zei­ten ist eine Andeu­tung auf das Zeug­nis, das die Aus­er­wähl­ten in der Zeit des Anti­chri­sten für Gott able­gen.

„Wir sehen in unse­ren Tagen Trüb­sal, die über das gan­ze Land kommt. Oft haben wir Nach­richt aus ande­ren Tei­len der bekann­ten Welt erhal­ten von Erd­be­ben, die zahl­lo­se Städ­te zer­stö­ren. Wir ertra­gen ohne Ende die Pest. Wir sehen noch nicht offen außer­ge­wöhn­li­che Zei­chen an Son­ne und Mond und Ster­nen, doch durch die Ver­än­de­rung der Luft kön­nen wir erah­nen, daß sie nicht mehr fern sind. Bevor Ita­li­en dem frem­den Schwert aus­ge­lie­fert wur­de, haben wir flam­men­de Blit­ze am Him­mel gese­hen, wie das leben­di­ge Blut des Men­schen­ge­schlechts, das ver­gos­sen wer­den soll­te.“

Wegen die­ses schreck­li­chen Unheils for­der­te der Papst dazu auf, das Haupt auf­zu­rich­ten, die Her­zen zu erhe­ben und den Geist empor­zu­he­ben zu den Freu­den der himm­li­schen Hei­mat.

„Jene, die Gott lie­ben, müs­sen jubeln und sich über das Ende der Welt freu­en, denn sicher wer­den sie bald Jenem begeg­nen, den sie lie­ben, wäh­rend die Welt bald ver­geht, die sie nicht geliebt haben. Des­halb soll es nicht sein, daß der Gläu­bi­ge, den es drängt, Gott zu sehen, über die Gei­ßeln der Welt weint, von der er weiß, daß sie bestimmt ist, unter ihnen zu enden. Es steht des­halb geschrie­ben: Wer ein Freund der Welt sein will, macht sich zum Feind Got­tes. Wer sich also nicht freut über das nahen­de Wel­ten­en­de, zeigt, ihr Freund zu sein, und hat damit bewie­sen, ein Feind Got­tes zu sein. Über die Zer­stö­rung der Welt wei­nen jene, die ihre Wur­zeln des Her­zens in die Lie­be zu ihr ein­ge­pflanzt haben, jene, die kein zukünf­ti­ges Leben suchen, und jene, die sich nicht ein­mal vor­stel­len kön­nen, daß es ein sol­ches gibt.“

Gre­gor der Gro­ße rief die Wor­te des Evan­ge­li­ums in Erin­ne­rung:

„‘Him­mel und Erde wer­den ver­ge­hen, aber mei­ne Wor­te wer­den nicht ver­ge­hen.‘ Es ist, als wür­de er offen sagen: Alles was für euch Bestand hat, hat kei­nen Bestand für die Ewig­keit, wäh­rend alles, was man bei mir vor­über­ge­hen sieht, bleibt gleich und unver­än­der­lich, da mein Wort, das vor­über­geht, Wahr­hei­ten aus­spricht, die blei­ben und ohne Wan­del sind. Des­halb, mei­ne Brü­der, erle­ben wir die Voll­endung des­sen, was wir gehört haben. Die Welt wird jeden Tag von neu­en und grö­ße­ren Übeln bedrückt. Ihr selbst könnt sehen, wie vie­le ihr geblie­ben seid von einer unzäh­li­gen Bevöl­ke­rung. Jeden Tag quä­len uns neue Gei­ßeln, plötz­li­che Lei­den bedrücken uns, neue und unvor­her­ge­se­he­ne Kata­stro­phen pla­gen uns. Dar­um, mei­ne Brü­der, liebt nicht die­se Welt, von der ihr seht, daß sie nicht lan­ge Bestand haben kann. Bewahrt im Her­zen die apo­sto­li­schen Gebo­te, mit denen der Herr uns ermahnt, indem Er sagt: Liebt nicht die Welt und nicht die Din­ge die­ser Welt! Wenn einer die Welt liebt, ist die Lie­be des Vaters nicht mit ihm.“

Der Papst erin­ner­te dar­an, wie weni­ge Tage zuvor in Rom eini­ge uralte Bäu­me durch einen Wir­bel­sturm umge­ris­sen wur­den:

„Wir müs­sen uns vor Augen hal­ten, daß der unsicht­ba­re Rich­ter, um die­se Din­ge umzu­set­zen, den Hauch eines sanf­ten Win­des beweg­te und aus einer ein­zi­gen Wol­ke einen Sturm ent­fach­te, die die Erde erschüt­ter­te und zahl­rei­che Gebäu­de bis zu den Fun­da­men­ten, sodaß sie fast zu Rui­nen wur­den. Was wird also die­ser Rich­ter tun, wenn Er selbst kom­men wird und Sein Zorn sich in der Bestra­fung der Sün­den ent­flammt, wenn wir nicht imstan­de sind, es zu ertra­gen, wenn Er uns durch eine harm­lo­se Wol­ke trifft? Pau­lus sagt mit Blick auf die Stren­ge des Rich­ters, der dabei ist, zu kom­men: Es ist schreck­lich, in die Hän­de des leben­di­gen Got­tes zu fal­len. Hal­tet euch daher, lie­be Brü­der, jenen Tag vor Augen, und das, was euch jetzt schwer­wie­gend erscheint, wird euch dann im Ver­gleich leicht vor­kom­men. Was sol­len wir von den schreck­li­chen Ereig­nis­sen sagen, deren Zeu­gen wir sind, wenn nicht, daß sie Boten des künf­ti­gen Zorns sind? Es ist not­wen­dig, zu sehen, daß die gegen­wär­ti­gen von jener extre­men Drang­sal in dem Maße ver­schie­den sind, wie die Macht der Herol­de sich von jener des Rich­ters unter­schei­det. Denkt daher, lieb­ste Brü­der, mit äußer­ster Auf­merk­sam­keit an jenen Tag, ändert euer Leben, ver­än­dert euer Ver­hal­ten, besiegt mit all eurer Kraft die Ver­su­chun­gen des Bösen und bestraft die began­ge­nen Sün­den mit euren Trä­nen. Ihr wer­det im rech­ten Augen­blick das Kom­men des ewi­gen Rich­ters um so gewis­ser erken­nen, je bes­ser ihr euch heu­te in der Furcht vor des­sen Stren­ge dar­auf vor­be­rei­tet.“

Mit die­sen Wor­ten berei­te­te der hei­li­ge Papst Gre­gor der Gro­ße die Bür­ger Roms im Dezem­ber 590 auf die hei­li­ge Weih­nacht vor. So spra­chen vie­le der höch­sten Hir­ten in den dun­kel­sten Zei­ten der Mensch­heit. Ihre Stim­me dringt aus der Fer­ne bis zu uns wie das Licht eines fer­nen Ster­nes, der die Fin­ster­nis der Nacht erhellt und uns in den Her­zen und in der gan­zen Gesell­schaft die Geburt des Gött­li­chen Hei­lan­des ver­kün­det.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wikicommons/Corrispondenza Roma­na




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1 Kommentar

  1. Herr, schen­ke uns wie­der einen solch‘ wei­sen und hei­li­gen Papst!
    Es darf auch ger­ne wie­der Papst Bene­dikt sein!

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