Freundschaftliche Kritik an den Thesen von Rocco Buttiglione

Roberto de Mattei übt freundschaftliche Kritik an den Thesen von Rocco Buttiglione. Ihm und Papst Franziskus wirft er vor, mit Amoris laetitia eine Situationsethik zu vertreten.
Roberto de Mattei übt freundschaftliche Kritik an den Thesen von Prof. Rocco Buttiglione. Ihm und Papst Franziskus wirft er vor, mit Amoris laetitia eine Situationsethik zu vertreten, die von der Kirche verurteilt wurde.

Von Rober­to de Mattei*

Seit mehr als 40 Jah­ren ken­ne ich Roc­co But­tiglio­ne. Wir waren bei­de Assi­sten­ten von Prof. Augu­sto Del Noce (1910 – 1989) an der Fakul­tät für Poli­ti­sche Wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät La Sapi­en­za, aber schon seit damals unter­schei­den sich unse­re Posi­tio­nen, vor allem was das Urteil über die Moder­ne betrifft. But­tiglio­ne hielt den histo­ri­schen Pro­zeß, der mit der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on ein­setz­te, für ver­ein­bar mit dem Chri­sten­tum, wäh­rend ich ihn für unver­ein­bar hielt.

Unab­hän­gig von die­sen Diver­gen­zen habe ich das Wir­ken But­tiglio­nes als Mini­ster für die Kul­tur­gü­ter in der Regie­rung Ber­lus­co­ni III (2005/2006) und habe ihm mei­ne Soli­da­ri­tät aus­ge­spro­chen, als er 2004 nicht zum euro­päi­schen Kom­mis­sar ernannt wur­de, weil er die Homo­se­xua­li­tät als „eine Sün­de“ bezeich­net hat­te. An all das erin­ne­re ich, um mei­ne Ehr­lich­keit zu bele­gen, wen ich von einer „freund­schaft­li­chen Kri­tik“ an den The­sen spre­che, so wie But­tiglio­ne wirk­lich ehr­lich ist, wenn er in sei­nem jüng­sten Buch mit Prof. Josef Sei­fert pole­mi­siert, den er als einen „Freund ein Leben lang“(( Ris­po­ste (ami­che­vo­li) ai cri­ti­ci di Amo­ris Lae­ti­tia, (Freund­schaft­li­che Ant­wort an die Kri­ti­ker von Amo­ris lae­ti­tia), mit einem ein­füh­ren­den Auf­satz von Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler, Ares, Mai­land 2017, S. 41.)) nennt. Das soeben erschie­ne­ne Buch umfaßt 200 Sei­ten und ist in vier Kapi­tel geglie­dert.

Prof. Roberto de Mattei
Prof. Rober­to de Mattei

Es fin­det sich dar­in nichts, was die Leser von But­tiglio­ne nicht schon ken­nen. Die Kapi­tel bestehen aus Auf­sät­zen, die bereits an ver­schie­de­ner Stel­le 2016 und 2017 ver­öf­fent­licht wur­den. Das erklärt die vie­len Wie­der­ho­lun­gen, die aller­dings dabei hel­fen, die Grund­the­se bes­ser zu ver­ste­hen: die Mög­lich­keit, wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne zur Kom­mu­ni­on zuzu­las­sen, weil in eini­gen Fäl­len, auch wenn „die Hand­lun­gen ille­gi­tim sind“, die Per­so­nen „aus Man­gel an voll­stän­di­gem Bewußt­sein und bewuß­ter Zustim­mung nicht einer Tod­sün­de ver­fal­len“ (S. 172).

Ich hat­te bereits Gele­gen­heit, die­se Posi­ti­on zu kri­ti­sie­ren. Dem ist hin­zu­zu­fü­gen, daß But­tiglio­ne, um sei­ne Posi­ti­on zu recht­fer­ti­gen, eine trü­ge­ri­sche Unter­schei­dung zwi­schen der „Tod­sün­de“, die „durch das Objekt (durch die schwer­wie­gen­den Mate­rie) spe­zi­fi­ziert wird“, und der „Tod­sün­de“, die „durch die Wir­kung auf das Sub­jekt (läßt die See­le ster­ben) spe­zi­fi­ziert wird“. „Alle Tod­sün­den“, so But­tiglio­ne, „sind auch schwe­re Sün­den, aber nicht alle schwe­ren Sün­den sind auch töd­lich. Es kann vor­kom­men, daß in eini­gen Fäl­len die Schwe­re der Mate­rie nicht ein­her­geht mit einem vol­len Bewußt­sein und der bewuß­ten Zustim­mung“ (S. 173).

Die­se The­se wur­de von Johan­nes Paul II. zurück­ge­wie­sen, der gegen den Vor­schlag eini­ger Theo­lo­gen und Syn­oden­vä­ter der Syn­ode von 1984, eine drei­fa­che Unter­schei­dung der Sün­den in läß­lich, schwe­re und töd­li­che Sün­den ein­zu­füh­ren, in sei­nem nach­syn­oda­len Schrei­ben Recon­ci­lia­tio et pæni­ten­tia erklär­te, daß in der Leh­re der Kir­che die schwe­re Sün­de mit der Tod­sün­de gleich­ge­setzt ist. Das sind sei­ne Wor­te:

„Eine sol­che Drei­tei­lung könn­te deut­lich machen, daß es bei den schwe­ren Sün­den Unter­schie­de gibt. Dabei bleibt es jedoch wahr, daß der wesent­li­che und ent­schei­den­de Unter­schied zwi­schen jener Sün­de besteht, die die Lie­be zer­stört, und der Sün­de, die das über­na­tür­li­che Leben nicht tötet: Zwi­schen Leben und Tod gibt es kei­nen mitt­le­ren Weg. […] Des­halb wird in Leh­re und Pasto­ral der Kir­che die schwe­re Sün­de prak­tisch mit der Tod­sün­de gleich­ge­setzt“ (Recon­ci­lia­tio et pæni­ten­tia, 17).

Natür­lich gibt es Abstu­fun­gen in den Tod­sün­den. Die Kreu­zi­gung des Herrn, zum Bei­spiel, ist nicht in glei­chem Maße schwer­wie­gend für Pila­tus und die Anfüh­rer des jüdi­schen Vol­kes (Joh 19,11). Aber alle schwe­ren Sün­den sind Tod­sün­den und alle Tod­sün­den sind schwer­wie­gend. Für But­tiglio­ne ist das Zusam­men­le­ben immer eine „schwe­re Wun­de“ für das mora­li­sche Wohl der Per­son, aber nicht immer eine „töd­li­che Wun­de“ (S. 174). Es hän­ge von den „Umstän­den“ ab, die „nicht die Natur der Hand­lung, aber das Urteil über die Ver­ant­wort­lich­keit der Per­son ändern kön­nen“ (S. 174). Die Kir­che kön­ne daher „aus­nahms­wei­se die Sakra­men­te gewäh­ren, wenn es sich ergibt, daß das Sub­jekt trotz der objek­ti­ven Abwei­chung von der christ­li­chen Moral sich nicht aus sub­jek­ti­ven, mil­dern­den Umstän­den im Stand der Tod­sün­de befin­det“ (S. 197). Der Ehe­bruch zum Bei­spiel kann „eine Situa­ti­on der Sün­de, aber nicht der Tod­sün­de bedeu­ten“ (S. 175). „Wäh­rend also die Regel aus­nahms­los Gül­tig­keit hat, ist das abwei­chen­de Ver­hal­ten nicht immer gleich schuld­haft“ (S. 185). Die Aus­nah­me gilt dem­nach für das Ver­hal­ten, nicht für die Regel. Da stellt sich aber die Fra­ge, wie anders man die Moral­re­gel über­tre­ten soll, wenn nicht durch das Ver­hal­ten?

But­tiglio­ne leug­net, daß die Posi­ti­on von Papst Fran­zis­kus und sei­ne eige­ne eine „Situa­ti­ons­ethik“ ver­tritt, die von der Kir­che ver­ur­teilt wur­de. Um zu über­zeu­gen, muß man jedoch bele­gen, was man behaup­tet oder bestrei­tet. Bedau­er­li­cher­wei­se muß ich mit Josef Sei­fert, Car­los Casa­no­va, Cor­ra­do Gner­re, Clau­dio Pier­an­to­ni und ande­ren her­aus­ra­gen­den Kri­ti­kern But­tiglio­nes, daß die Posi­ti­on von Amo­ris lae­ti­tia einer „Situa­ti­ons­ethik“ ent­spricht, oder noch genau­er, einer „Ethik der Umstän­de“. Cha­rak­te­ri­sti­kum der Situa­ti­ons­ethik ist nach P. Ange­lo Pere­go „die Leug­nung der ent­schei­den­den und kon­sti­tu­ti­ven Funk­ti­on der Moral der objek­ti­ven Ord­nung“(( L’etica del­la situa­zio­ne (Die Situa­ti­ons­ethik), Ver­lag La Civil­tà Cat­to­li­ca, Rom 1958, S. 106.))

In der tra­di­tio­nel­len Moral ist die letz­te Regel im mensch­li­chen Han­deln das Sein und nicht das han­deln­de Sub­jekt. Die tra­di­tio­nel­le Moral ist daher essen­ti­ell objek­tiv, weil sie vom Sein aus­geht und sich stän­dig am Sein mißt. Die Ethik der Umstän­de grün­det sich hin­ge­gen auf das sub­jek­ti­ve Wer­den.

In der Ethik der Umstän­de von But­tiglio­ne und von Papst Fran­zis­kus ist das letz­te, kon­sti­tu­ti­ve Ele­ment der Moral von sub­jek­ti­vem Cha­rak­ter im engen Sinn. Das Moral­ge­setz wird eine intrin­si­sche Norm, die zum prak­ti­schen Urteil bei­trägt, aber nie zum ent­schei­den­den Ele­ment wird. Was ist der ent­schei­den­de Fak­tor? Die „Unter­schei­dung“ der Umstän­de durch den Beicht­va­ter, der, wie ein Zau­be­rer, das Gute in Böses und das Böse in Gutes ver­wan­deln kann. Pius XII. sag­te:

„Wir stel­len der ‚Situa­ti­ons­ethik‘ drei Betrach­tun­gen oder Maxi­men ent­ge­gen. Die erste: Wir geben zu, daß Gott vor allem und immer die gute Absicht ver­langt; aber die­se genügt nicht. Er will auch das gute Werk. Die zwei­te: Es ist nicht erlaubt, Böses zu tun, damit dar­aus Gutes ent­ste­he (vgl. Röm 3,8). Doch die­se Ethik han­delt — viel­leicht ohne sich davon Rechen­schaft abzu­le­gen — nach dem Prin­zip, daß der Zweck die Mit­tel hei­li­ge. Die drit­te: Es kann Umstän­de geben, in denen der Mensch und beson­ders der Christ sehr wohl wis­sen soll­te, daß er alles, selbst das Leben, opfern muß, um sei­ne See­le zu ret­ten. Alle Mär­ty­rer erin­nern uns dar­an. Und die­se sind in unse­rer Zeit sel­ber sehr zahl­reich. Hät­ten denn die Mut­ter der Mak­ka­bä­er und ihre Söh­ne, die hei­li­gen Per­pe­tua und Feli­zi­tas trotz ihrer neu­ge­bo­re­nen Kin­der, Maria Goret­ti und tau­send ande­re Män­ner und Frau­en, die die Kir­che ver­ehrt, in ihrer ‚Situa­ti­on‘ den blu­ti­gen Tod umsonst oder selbst fälsch­lich auf sich genom­men? Gewiß nicht, und sie sind mit ihrem Blut die aus­drück­lich­sten Zeu­gen der Wahr­heit gegen­über der ‚neu­en Moral‘“ (Anspra­che vom 18. April 1952, in AAS, 44 (1952), S. 417f).

Umge­kehrt, wie ein Freund mich auf­merk­sam mach­te: Wenn But­tiglio­nes Leh­re über die Anre­chen­bar­keit der Schuld gül­tig wäre, wür­de dar­aus fol­gen, daß auch die Abtrei­bung zu einer schwe­ren, aber der abtrei­ben­den Frau nicht anre­chen­ba­ren Sün­de wer­den könn­te wegen ihrer psy­chi­schen und öko­no­mi­schen Situa­ti­on zum Zeit­punkt, an dem sie ihrer Schwan­ger­schaft ein Ende setzt, und wegen der psy­cho­lo­gi­schen und öko­no­mi­schen Pro­ble­me, die ihr die Geburt ihres Kin­des ver­ur­sa­che wür­de. Das­sel­be könn­te man von der Eutha­na­sie sagen und a for­tio­ri von der Homo­se­xua­li­tät, die zwar eine him­mel­schrei­en­de Sün­de, dem „Sodo­mi­ten“ aber nicht anre­chen­bar wäre, weil er es nicht auf­grund einer Ent­schei­dung, son­dern von Natur aus sei.

Die intel­lek­tu­el­le Anstren­gung von Roc­co But­tiglio­ne bleibt auch des­halb frucht­los, weil trotz der Wor­te die Fak­ten blei­ben. Und die Fak­ten sind, daß im Beicht­stuhl eine zuneh­men­de Zahl von Prie­stern auf der Grund­la­ge von Amo­ris lae­ti­tia dem Beich­ten­den ver­si­chern, daß die Gött­li­che Barm­her­zig­keit sei­ne irre­gu­lä­re Situa­ti­on abdeckt und ihn ein­lädt, beden­ken­los die Eucha­ri­stie zu emp­fan­gen.

Wir fra­gen daher Prof. But­tiglio­ne: Hat die Zahl der sakri­le­gi­schen Kom­mu­nio­nen und der ungül­ti­gen Beich­ten seit Amo­ris lae­ti­tia zuge­nom­men oder abge­nom­men?

Die Ant­wort ist ein­deu­tig. Die neue „pasto­ra­le Stra­te­gie“ zer­stört die Ehe und die Sakra­men­te, zer­setzt das Natur­recht und öff­net den Weg für neue Irr­tü­mer und Häre­si­en auf der Ebe­ne von Leh­re und Pra­xis. Kein Sophis­mus kann das wider­le­gen.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Romana/LifeSite