EKD lädt Papst Franziskus nach Wittenberg ein

EKD-Vorsitzender Bredford-Strohm richtete am 31. Oktober von der Kanzel der Schloßkirche in Wittenberg eine Einladung an Papst Franziskus
EKD-Vorsitzender Bredford-Strohm richtete am 31. Oktober von der Kanzel der Schloßkirche in Wittenberg eine Einladung an Papst Franziskus

(Wit­ten­berg) Hein­rich Bed­ford-Strohm, luthe­ri­scher Lan­des­bi­schof von Bay­ern und Vor­sit­zen­der der Evan­ge­li­schen Kir­che Deutsch­lands (EKD), in der Luthe­ra­ner, Cal­vi­ni­sten, Refor­mier­te und Unier­te der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zusam­men­ge­schlos­sen sind, sprach am Refor­ma­ti­ons­tag eine Ein­la­dung aus.

Einladung von Papst Franziskus nach Wittenberg

Papst-Selfie mit Luther in Wittenberg?
Papst-Sel­fie mit Luther in Wit­ten­berg?

Ein­ge­la­den wur­de von ihm, im Rah­men der 500-Jahr­fei­ern zur Refor­ma­ti­on, Papst Fran­zis­kus. Das katho­li­sche Kir­chen­ober­haupt sol­le in die Stadt Luthers kom­men, wo die­ser an der Uni­ver­si­tät gelehrt und sei­ne 95 The­sen (wenn schon nicht ange­schla­gen, so doch) geschrie­ben hat.

Im Zusam­men­hang mit die­ser Ein­la­dung muß ein wenig zurück­ge­blät­tert wer­den.

Am 23. Sep­tem­ber 2011 besuch­te Papst Bene­dikt XVI. Deutsch­land. Er ging aber nicht nach Wit­ten­berg, wo Luthers pro­te­stan­ti­sches Leben statt­fand, son­dern nach Erfurt, wo Luther in den Augu­sti­ner­or­den ein­ge­tre­ten, die Ordens­ge­lüb­de abge­legt und die Prie­ster­wei­he emp­fan­gen hat­te. Es war die Stadt, in der der katho­li­sche Luther leb­te. Kon­kret besuch­te Bene­dikt XVI. das ehe­ma­li­ge Augu­sti­ner­klo­ster, in dem ein ver­zwei­fel­ter Luther mut­maß­lich wegen eines von ihm began­ge­nen Duells mit Todes­fol­ge Zuflucht vor welt­li­cher Straf­ver­fol­gung gefun­den hat­te.

Im Zuge der„Reformation“ ging Luthers Orden in der gesam­ten säch­sisch-thü­rin­gi­schen Regi­on unter.

Bene­dikt XVI. wur­de bei sei­nem Deutsch­land-Besuch mehr­fach mit der For­de­rung nach der „eucha­ri­sti­schen Gemein­schaft“ kon­fron­tiert. Der dann unwür­dig ange­tre­te­ne Bun­des­prä­si­dent Chri­sti­an Wulff hat­te den Papst gleich bei der Begrü­ßung auf Schloß Bel­le­vue, als „per­sön­lich Betrof­fe­ner“, mit die­ser For­de­rung kon­fron­tiert. Das Zen­tral­ko­mi­tee der deut­schen Katho­li­ken (ZdK) hat­te sie am Vor­abend des Papst­be­su­ches zum eigent­li­che The­ma erklärt. Jede drit­te deut­sche Ehe sei gemischt­kon­fes­sio­nell. Bei der Begeg­nung mit der EKD wie­der­hol­te sie Niko­laus Schnei­der, der dama­li­ge Vor­gän­ger von Bred­ford-Strohm. „Für uns alle wäre es ein Segen, in einer nicht all­zu fer­nen Zeit eine eucha­ri­sti­sche Gemein­schaft frei von Hin­der­nis­sen mög­lich machen zu kön­nen.“

Katholisches.info schrieb am 23. Sep­tem­ber 2011:

„Die gro­ße Zahl an gemischt­kon­fes­sio­nel­len Ehen ver­bun­den mit einem radi­ka­len Wis­sens­schwund in reli­giö­sen Din­gen, erzeu­gen Erwar­tungs­hal­tun­gen, die eine den Glau­bens­kern berüh­ren­de Fra­ge zu einer blo­ßen ‚Wil­lens­fra­ge‘ redu­ziert.“

In den ver­gan­ge­nen Tagen war im deut­schen Sprach­raum viel­fach von pro­te­stan­ti­scher und katho­li­scher Sei­te zu hören, die Wie­der­her­stel­lung der Ein­heit, zumin­dest der „Tisch­ge­mein­schaft“, sei nur „eine Fra­ge des Wil­lens“.

Antwort Benedikts XVI. (2011) auf Forderung nach „ökumenischem Gastgeschenk“

Die katho­li­sche Kir­che setzt für die Com­u­nio, die Gemein­schaft mit Chri­stus in der hei­li­gen Eucha­ri­stie, das wah­re Ver­ständ­nis der Trans­sub­stan­tia­ti­on vor­aus. Wäh­rend ein katho­li­scher Ehe­part­ner nicht das in pro­te­stan­ti­schen Got­tes­dien­sten ver­teil­te Brot essen kann, da – man­gels Wei­he­prie­ster­tum – die Trans­sub­stan­tia­ti­on nicht erfolgt, und damit die Real­prä­senz Chri­sti nicht gege­ben ist, kann ein evan­ge­li­scher Ehe­part­ner nicht in der katho­li­schen Mes­se den Leib des Her­ren emp­fan­gen, da kein voll­stän­di­ges Ver­ständ­nis der hei­li­gen Eucha­ri­stie sicher­ge­stellt ist.

Im Vor­feld von Bene­dikts Besuch war 2011 mit Nach­druck ein „öku­me­ni­sches Gast­ge­schenk“ her­bei­re­det wor­den. Von ver­schie­de­nen Krei­sen wur­de eine Erwar­tungs­hal­tung erzeugt, die den Bene­dikt XVI. unter Druck set­zen soll­te. Die „fei­ne eng­li­sche Art“ war das mit Sicher­heit nicht. Vor allem muß­te dar­an die demon­stra­ti­ve pro­te­stan­ti­sche Grund­hal­tung stö­ren, die ein­sei­ti­ge Bring­schuld lie­ge allein bei der katho­li­schen Sei­te.

Als das „Gast­ge­schenk“ aus­blieb, weil es der Sache nach zwangs­läu­fig aus­blei­ben muß­te, ver­such­te der EKD-Vor­sit­zen­de Schnei­der den blo­ßen Besuch Bene­dikts in Erfurt zu einer De-fac­to-Reha­bi­li­tie­rung Luthers umzu­deu­ten. Bene­dikt war aber eben nicht nach Wit­ten­berg, son­dern nach Erfurt gegan­gen. Im Gegen­satz zu Fran­zis­kus bemüh­te sich Bene­dikt auch in den Details, Miß­ver­ständ­nis­se zu ver­mei­den.

Bene­dikt XVI. sag­te in Erfurt Rich­tung Pro­te­stan­ten und katho­li­sche Hyper-Öku­me­ni­ker:

„Im Vor­feld mei­nes Besu­ches war ver­schie­dent­lich von einem öku­me­ni­schen Gast­ge­schenk die Rede, das man sich von einem sol­chen Besuch erwar­te. Die Gaben, die dabei genannt wur­den, brau­che ich nicht ein­zeln anzu­füh­ren. Dazu möch­te ich sagen, daß dies so, wie es mei­stens erschien, ein poli­ti­sches Miß­ver­ständ­nis des Glau­bens und der Öku­me­ne dar­stellt. Wenn ein Staats­ober­haupt ein befreun­de­tes Land besucht, gehen im all­ge­mei­nen Kon­tak­te zwi­schen den Instan­zen vor­aus, die den Abschluß eines oder auch meh­re­rer Ver­trä­ge zwi­schen den bei­den Staa­ten vor­be­rei­ten: In der Abwä­gung von Vor- und Nach­tei­len ent­steht der Kom­pro­miß, der schließ­lich für bei­de Sei­ten vor­teil­haft erscheint, so daß dann das Ver­trags­werk unter­schrie­ben wer­den kann. Aber der Glau­be der Chri­sten beruht nicht auf einer Abwä­gung unse­rer Vor- und Nach­tei­le. Ein selbst­ge­mach­ter Glau­be ist wert­los. Der Glau­be ist nicht etwas, was wir aus­den­ken und aus­han­deln. Er ist die Grund­la­ge, auf der wir leben. Nicht durch Abwä­gung von Vor- und Nach­tei­len, son­dern nur durch tie­fe­res Hin­ein­den­ken und Hin­ein­le­ben in den Glau­ben wächst Ein­heit. Auf sol­che Wei­se ist in den letz­ten 50 Jah­ren, beson­ders auch seit dem Besuch von Papst Johan­nes Paul II. vor 30 Jah­ren, viel Gemein­sam­keit gewach­sen, für die wir nur dank­bar sein kön­nen. Ich den­ke gern an die Begeg­nung mit der von Bischof Loh­se geführ­ten Kom­mis­si­on zurück, in der ein sol­ches gemein­sa­mes Hin­ein­den­ken und Hin­ein­le­ben in den Glau­ben geübt wur­de. Allen, die dar­an mit­ge­wirkt haben, von katho­li­scher Sei­te beson­ders Kar­di­nal Leh­mann, möch­te ich herz­li­chen Dank aus­spre­chen. Ich ver­sa­ge mir, wei­te­re Namen zu nen­nen – der Herr kennt sie alle. Mit­ein­an­der kön­nen wir alle nur dem Herrn dan­ken für die Wege der Ein­heit, die er uns geführt hat, und in demü­ti­gem Ver­trau­en ein­stim­men in sein Gebet: Laß uns eins wer­den, wie du mit dem Vater eins bist, damit die Welt glau­be, daß er dich gesandt hat (vgl. Joh 17,21).“

Kardinal Kochs Frage an die Protestanten

In einer Pole­mik, die durch die pro­te­stan­ti­sche Insi­stenz pro­vo­ziert wur­de, for­der­te Kar­di­nal Kurt Koch, der dama­li­ge und heu­ti­ge Vor­sit­zen­de des Päpst­li­chen Ein­heits­ra­tes die Luthe­ra­ner auf, die Fra­ge zu beant­wor­ten, ob sie sich „im Bruch mit der Ver­gan­gen­heit der Kir­che – einer Kir­che der Frei­heit, laut der Refor­ma­ti­on – oder in Kon­ti­nui­tät“ mit den 1500 Jah­ren Kir­chen­ge­schich­te bis Luther sehen.

Die Fra­ge wäre 2017 zu wie­der­ho­len, nach­dem Schnei­der Nach­fol­ger Bred­ford-Strohm am Diens­tag die Refor­ma­ti­on als „Akt der Befrei­ung“ bezeich­ne­te. „Befrei­ung“ wovon? Von der Kir­che? Von der Glau­bens­leh­re? Vom Apo­sto­li­schen Erbe? Die Pro­te­stan­ten, ob 2011 oder 2017, wol­len offen­bar einer­seits von der katho­li­schen Kir­che als „wah­re“ Kir­che aner­kannt wer­den. Unter der Nicht-Aner­ken­nung lei­den sie offen­bar sehr. Zugleich aber sind sie Gefan­ge­ne einer seit Luther antrai­nier­te Rhe­to­rik der maxi­ma­len Distan­zie­rung und häu­fig auch Ver­ach­tung der katho­li­schen Kir­che. Letz­te­res darf nicht ver­schwie­gen wer­den.

Kar­di­nal Koch wird im gewen­de­ten inner­ka­tho­li­schen Kli­ma von 2017 sei­ne Fra­ge aber wahr­schein­lich nicht wie­der­ho­len.

Neuer Anlauf mit Papst Franziskus

Die Ein­la­dung von Bred­ford-Strohm an Papst Fran­zis­kus ist vor dem Hin­ter­grund der Ereig­nis­se und Erwar­tun­gen von 2011 zu sehen. Im neu­en Kli­ma, das in Rom herrscht, macht sich auf luthe­ri­scher Sei­te aller­dings neue Hoff­nung breit, daß der „unkon­ven­tio­nel­le“ argen­ti­ni­sche Papst nach Wit­ten­berg kom­men und das erwar­te­te „öku­me­ni­sche Gast­ge­schenk“ mit­brin­gen könn­te. Der Orts­wech­sel Wit­ten­berg statt Erfurt wür­de bereits den Unter­schied zwi­schen Bene­dikt XVI. und Fran­zis­kus signa­li­sie­ren.

Kardinal Müller: "Zu begeisterte Stimmen zu Luther in der katholischen Kirche"
Kar­di­nal Mül­ler: „Zu begei­ster­te Stim­men zu Luther in der katho­li­schen Kir­che“

In Wit­ten­berg for­der­te Luther die Kir­che her­aus. In Wit­ten­berg ver­brann­te er hoch­mü­tig die Exkom­mu­ni­ka­ti­ons­an­dro­hungs­bul­le von Papst Leo X. in aller Öffent­lich­keit. Seit 500 Jah­ren arbei­tet man auf pro­te­stan­ti­scher Sei­te am Nar­ra­tiv, daß an allem Rom schuld sei, wäh­rend Luther nur die besten Absich­ten atte­stiert wer­den. Die­ses Nar­ra­tiv ist eine ein­sei­ti­ge und ver­zerr­te Geschichts­dar­stel­lung. Sie wird heu­te jedoch durch die Hal­tung von Papst Fran­zis­kus begün­stigt, der sie unre­flek­tiert wie­der­holt. „Luther hat­te recht“, sag­te Fran­zis­kus im Juni 2016. Luther „hat eine Medi­zin für die Kir­che“ gemacht, sag­te er Ende Okto­ber 2016.

Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler, der ehe­ma­li­ge Glau­bens­prä­fekt, schrieb hin­ge­gen am 24. Okto­ber:

„Über die Moda­li­tä­ten kann man dis­ku­tie­ren, aber wenn es um die Sub­stanz der Dok­trin geht, muß man fest­stel­len, daß die kirch­li­che Auto­ri­tät [damals gegen­über Luther] kei­ne Feh­ler gemacht hat.“

Hein­rich Bed­ford-Strohm streu­te Papst Fran­zis­kus am Diens­tag, beim zen­tra­len „Fest­got­tes­dienst zum Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um“ in der Schloß­kir­che von Wit­ten­berg, reich­lich Blu­men:

„Ich rufe am 500. Jah­res­tag der Refor­ma­ti­on von Wit­ten­berg aus dem Papst in Rom zu: Lie­ber Papst Fran­zis­kus, Bru­der in Chri­stus, wir dan­ken Gott von Her­zen für dein Zeug­nis der Lie­be und Barm­her­zig­keit, das auch für uns Pro­te­stan­ten ein Zeug­nis für Chri­stus ist. Wir dan­ken für dei­ne Zei­chen der Ver­söh­nung zwi­schen den Kir­chen. Und wenn du ein­mal hier­her nach Wit­ten­berg kommst, dann wer­den wir dich, ein hal­bes Jahr­tau­send nach der Ver­bren­nung der Bann­bul­le, von gan­zem Her­zen will­kom­men hei­ßen.“

In der Rede Bred­ford-Strohms war auf­fal­lend wenig, bzw. nur auf­fal­lend unkon­kret von Mar­tin Luther die Rede. Ver­bun­den mit der lan­gen Distan­zie­rung, die der EKD-Vor­sit­zen­de gleich­zei­tig von Luther voll­zog, bekommt die Ver­mu­tung neu­en Auf­trieb, daß sich die Luthe­ra­ner mit dem Ende des Refor­ma­ti­ons­ge­den­kens von Luther mehr oder weni­ger ver­ab­schie­den wer­den.

Ebnet das den Weg für Papst Fran­zis­kus nach Wit­ten­berg, oder lie­fert es die Luthe­ra­ner erst recht den ihnen wie­der­holt vor­ge­wor­fe­nen Zeit­geist­schwan­kun­gen aus?

Eine Reak­ti­on von Fran­zis­kus auf die Ein­la­dung steht noch aus.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: ARD(Secretum meum mihi/Montage (Screen­shots)