Ein Homo-Pamphlet gegen die Kirche

Das Buch, das die Bastille der katholischen Morallehre schleifen möchte

Frédéric Martel: „Sodoma“. Das Buch beleuchtet das Problem Homosexualität und Kirche - aber aus der falschen Perspektive.
Frédéric Martel: „Sodoma“. Das Buch beleuchtet das Problem Homosexualität und Kirche - aber aus der falschen Perspektive.

Von Rober­to de Mattei*

Sein Titel lau­tet „Sodo­ma“ (Sodom) und der Autor, Frédé­ric Mar­tel, ist ein bekann­ter, fran­zö­si­scher Homo-Akti­vist. Das Buch ist aller­dings in Ita­li­en ent­stan­den im Lau­fe eines Gesprächs zwi­schen dem Autor und dem Ver­le­ger Car­lo Fel­tri­nel­li, Sohn von Gian­gia­co­mo (1), dem Ver­le­ger und Ter­ro­ri­sten, der am 14. März 1972, beim Ver­such einen Hoch­span­nungs­ma­sten zu spren­gen, sich selbst in die Luft spreng­te.

Sodo­ma“ wird in den näch­sten Tagen in acht Spra­chen und 20 Län­dern in den Buch­han­del kom­men. Der offi­zi­el­le Ver­kaufs­start wur­de auf den 21. Febru­ar gelegt, an dem gleich­zei­tig im Vati­kan der Gip­fel über den sexu­el­len Miß­brauch von Min­der­jäh­ri­gen beginnt. Es han­delt sich also um eine mäch­ti­ge, media­le Ope­ra­ti­on, mit der die katho­li­sche Kir­che ins Visier genom­men wird. Der Autor des Buches, Frédé­ric Mar­tel, der von den Medi­en von Mal zu Mal mit unter­schied­li­chen Titeln vor­ge­stellt wird, ein­mal als Sozio­lo­ge, ein­mal als Histo­ri­ker, ein­mal als Dis­ser­tant, erlang­te durch sein bis­her jüng­stes Buch „Glo­bal Gay“, das in ver­schie­de­ne Spra­chen über­setzt wur­de und in Ita­li­en eben­falls von Fel­tri­nel­li ver­legt wur­de, eine gewis­se Bekannt­heit. Es ist dem tri­um­pha­len Durch­bruch der Homo-Bewe­gung auf der gan­zen Welt gewid­met.

Mar­tel, der zahl­rei­chen Ver­ei­ni­gung ange­hört oder mit ihnen zusam­men­ar­bei­tet, die aktiv an der Aus­brei­tung der Homo-Agen­da mit­wir­ken, ist seit Jah­ren in vor­der­ster Rei­he am Pro­zeß zur För­de­rung und „Nor­ma­li­sie­rung“ der Homo­se­xua­li­tät betei­ligt. Der Homo-Akti­vis­mus des Autors von „Sodo­ma“ mach­te ihn zu einem der füh­ren­den Pro­mo­to­ren des Geset­zes Nr. 99–944 vom 15. Novem­ber 1999 (Du pac­te civil de soli­da­rité et du con­cu­bi­na­ge), mit denen in Frank­reich ein­ge­tra­ge­ne Part­ner­schaf­ten, soge­nann­te PACS, ein­ge­führt wur­den. In den Fol­ge­jah­ren setz­te der Homo-Akti­vist sei­nen Ein­satz für die homo­se­xu­el­le Cau­sa fort, indem er zahl­rei­che Arti­kel zugun­sten der Ein­füh­rung der homo­se­xu­el­len Pseu­do-Ehe in Frank­reich („mar­ria­ge pour tous“) ver­öf­fent­lich­te, die am 18. Mai 2013 gelang.

Mar­tel wen­det sich nun der Homo­se­xua­li­tät in der Kir­che zu, die er als „Sodom“ bezeich­net. Er behaup­tet, vier Jah­re lang Feld­for­schung betrie­ben zu haben, indem er rund 1.500 Per­so­nen im Vati­kan und in ver­schie­de­nen Län­dern der Erde inter­viewt habe. In Wirk­lich­keit man­gelt es dem Buch vor allem an einem, näm­lich an Bele­gen für sei­ne Behaup­tun­gen. Man weiß nach der Lek­tü­re nicht mehr, als zuvor ohne­hin schon bekannt war über die Ver­brei­tung der Homo­se­xua­li­tät in der Kir­che.

Die Homo­se­xua­li­tät in der Kir­che, die­ses schwer­wie­gen­de Pro­blem, das Erz­bi­schof Car­lo Maria Viganò durch sein Zeug­nis ans Licht brach­te, wur­de auf wis­sen­schaft­li­che und daher beleg­te Wei­se von zwei pol­ni­schen Wis­sen­schaft­ler ana­ly­siert, von Dario Oko und Andrzej Koby­lin­ski, die bereits Autoren wei­te­rer wis­sen­schaft­li­cher Stu­di­en zum The­ma sind, die von der inter­na­tio­na­le Pres­se jedoch igno­riert wur­den. Mar­tel aber sucht nicht die Wahr­heit. Er hat eine vor­ge­fer­tig­te, ideo­lo­gi­sche The­se zu bewei­sen, doch in sei­nem Buch arbei­tet er nur mit Sug­ge­sti­on, Unter­stel­lung, Ver­leum­dung und Ver­un­glimp­fung.

Msgr. Bat­ti­sta Ric­ca, den San­dro Magi­ster als „Prä­lat der Homo-Lob­by“ bezeich­ne­te, öff­net ihm die Türen zum Vati­kan:

„Il m’indique minu­tieu­se­ment com­ment fran­chir le con­trô­le des gen­dar­mes puis celui des gar­des suis­ses. Je croi­se­rai sou­vent ce pré­lat aux yeux liqui­des, un franc-tireur pro­che de François qui a con­nu la gloire et la chu­te. C’est à lui que je dev­rai, com­me on le ver­ra, de pou­voir loger dans l’une des rési­den­ces du Vati­can.“

„Er erklärt mir minu­ti­ös, wie ich die Kon­trol­len der Gen­dar­men und der Schwei­zer Gar­de umge­hen kann. Ich wer­de die­sen Prä­la­ten oft mit feuch­ten Augen tref­fen, ein Ein­zel­gän­ger, der Fran­zis­kus nahe­steht, der Höhen und Tie­fen ken­nen­ge­lernt hat. Ihm wer­de ich es ver­dan­ken, wie wir sehen wer­den, in einer Woh­nung des Vati­kans leben zu kön­nen.“

Der Autor erzählt, eine Woche im Monat in Rom gewe­sen zu sein, „loge­ant même régu­liè­re­ment à l’intérieur du Vati­can grâce à l’hospitalité de hauts pré­lats qui, par­fois, se révé­lai­ent être eux-mêmes «de la parois­se »“ („indem ich regel­mä­ßig im Vati­kan logier­te dank der Gast­freund­schaft hoher Prä­la­ten, die sich selbst als Ange­hö­ri­ge  ‚der­sel­ben Pfar­rei‘ zu erken­nen gaben“, gemeint ist als Homo­se­xu­el­le).

„Une qua­ran­tai­ne de car­dinaux et des cen­tai­nes d’évêques, de mon­si­gno­ri, de prêtres et de « non­ces » (les ambassa­deurs du pape) ont accep­té de me ren­con­trer. Par­mi eux, des homo­se­xu­els assu­més, prés­ents chaque jour au Vati­can, m’ont fait péné­trer leur mon­de d’initiés.“

„Vier­zig Kar­di­nä­le und Hun­der­te von Bischö­fen, Mon­si­gno­ri, Prie­ster und  «Nun­ti­en» (Bot­schaf­ter des Pap­stes) sind bereit, mich zu tref­fen. Ich spre­che von mut­maß­li­chen Homo­se­xu­el­len, die jeden Tag im Vati­kan anwe­send sind, haben mich in ihre inne­re Welt hin­ein­ge­las­sen.“

Zu Mar­tels Infor­man­ten gehört P. Anto­nio Spa­daro, „un jésui­te con­sidé­ré com­me l’une des émi­nen­ces gri­ses du pape, avec lequel j’ai régu­liè­re­ment dis­cu­té au siè­ge de la revue La Civil­tà Cat­to­li­ca, dont il est le direc­teur“ („Ein Jesu­it, der als eine der grau­en Emi­nen­zen hin­ter dem Papst gilt, mit dem ich regel­mä­ßig im Haupt­quar­tier der Zeit­schrift La Civil­tà Cat­to­li­ca, deren Direk­tor er ist, dis­ku­tiert habe“).

Er ist es, der Mar­tel erklärt, daß „le car­di­nal Bur­ke a pris la tête de l’opposition au pape“ („Kar­di­nal Bur­ke die Füh­rung der Oppo­si­ti­on gegen den Papst über­nom­men hat“). Kar­di­nal Bur­ke, dem Mar­tel ein gan­zes Kapi­tel sei­nes Buches wid­met, ist logi­scher­wei­se eine sei­ner Ziel­schei­ben. Sei­ne Schuld? Weil der Kar­di­nal die Homo­se­xua­li­tät auf kate­go­ri­sche Wei­se ver­ur­teilt. Die The­se Mar­tels lau­tet wenig ori­gi­nell, daß hin­ter jedem „Homo­pho­ben“ in Wirk­lich­keit ein Homo­se­xu­el­ler stecke. Da es aber nichts gibt, was der­glei­chen beim US-ame­ri­ka­ni­schen Kar­di­nal bestä­ti­gen wür­de, begnügt sich der fran­zö­si­sche Homo-Akti­vist mit einer eben­so minu­tiö­sen wie kari­ka­tu­ri­sti­schen Beschrei­bung von des­sen Kar­di­nal­s­woh­nung. Mar­tel muß ein­ge­ste­hen: „Bur­ke est l’un des rares à avoir le cou­ra­ge de ses opi­ni­ons“ („Bur­ke ist einer der weni­gen, die den Mut zu einer eige­nen Mei­nung haben“). Über den ehe­ma­li­gen Vati­kan-Diplo­ma­ten Msgr. Viganò schreibt er: „com­me un témoin fia­ble et sa lett­re irré­cus­able; […] il me sem­ble néan­moins, que le geste de Viganò est plus irra­ti­on­nel et soli­taire qu’on ne l’a cru : c’est un acte dése­s­pé­ré, une ven­ge­an­ce per­son­nel­le, qui est d’abord le fruit d’une bles­su­re inti­me pro­fon­de“. Viganò sei „ein zuver­läs­si­ger Zeu­ge“ und sein Brief über McCar­rick und Papst Fran­zis­kus sei „unwi­der­leg­bar“. „Trotz­dem scheint mir Viganòs Geste irra­tio­na­ler und ein­sa­mer zu sein. Es ist eine ver­zwei­fel­te Tat, eine per­sön­li­che Rache, die vor allem das Ergeb­nis einer tie­fen, inne­ren Wun­de ist“. Der Ein­druck sol­cher Schil­de­run­gen: Mar­tel scheint weder alles gese­hen zu haben, was er beschreibt, noch jeden per­sön­lich getrof­fen zu haben, von dem er es behaup­tet, son­dern dürf­te man­ches nur anhand von Bil­dern und Medi­en­be­rich­ten „ana­ly­siert“ haben.

Wes­sen sind homo­se­xu­el­le Kir­chen­män­ner schul­dig? Für Mar­tel jeden­falls nicht der Über­tre­tung des Moral­ge­set­zes, son­dern weil sie Heuch­ler sind, die sich nicht öffent­lich zu ihrem Laster beken­nen.

Qu’il soit bien clair que, pour moi, un prêt­re ou un car­di­nal ne doit avoir aucu­ne hon­te à être homo­se­xu­el ; je pen­se même que ce dev­rait être un sta­tut soci­al pos­si­ble, par­mi d’autres.

Damit es klar ist, für mich soll sich ein Prie­ster oder ein Kar­di­nal nicht schä­men, homo­se­xu­ell zu sein. Ich den­ke, daß es ein mög­li­cher sozia­ler Sta­tus unter ande­ren sein soll­te.“

Die Män­ner der Kir­che soll­ten laut Mar­tel also sagen: Wir sind schwul und stolz dar­auf. Und die Kir­che soll­te sagen: Es war ein Feh­ler, die Homo­se­xua­li­tät zu ver­ur­tei­len. Das ist der Grund, war­um er die „Refor­men“ von Papst Fran­zis­kus unter­stützt:

„Der Rück­tritt von Bene­dikt XVI. und der Reform­wil­le von Papst Fran­zis­kus tra­gen zur Mei­nungs­frei­heit bei. […] Der latein­ame­ri­ka­ni­sche Papst ist der erste, der das Wort ‚schwul‘ gebrauch­te und nicht nur ‚homo­se­xu­ell‘. Im Ver­gleich zu sei­nen Vor­gän­gern kann man ihn als den am mei­sten ‚gay-friend­ly‘ unter den jün­ge­ren Päp­ste bezeich­nen. Er fand sowohl magi­sche als auch listi­ge Wor­te zur Homo­se­xua­li­tät: ‚Wer bin ich, um zu urtei­len?‘ Man kann den­ken, daß die­ser Papst wahr­schein­lich nicht die Ten­den­zen oder Nei­gun­gen hat, die vier sei­ner letz­ten Vor­gän­ger zuge­schrie­ben wer­den. Heu­te ist Fran­zis­kus aber einer aggres­si­ven Kam­pa­gne, die wegen sei­nes angeb­li­chen Libe­ra­lis­mus in Fra­gen der Sexu­al­mo­ral gegen ihn betrie­ben wird von kon­ser­va­ti­ven Kar­di­nä­len, die sehr homo­phob – und größ­ten­teils heim­lich homo­phil – sind. […] Was Fran­zis­kus uner­träg­lich fin­det, ist nicht so sehr die Homo­phi­lie, son­dern die schwin­del­erre­gen­de Heu­che­lei jener, die sich zum Anwalt einer ver­eng­ten Moral machen, aber sel­ber einen Lebens­ge­fähr­ten und Aben­teu­er haben und manch­mal Stri­cher auf­su­chen. Des­halb züch­tigt er die fal­schen From­men, die unauf­rich­ti­gen Bigot­ten, die Heuch­ler. Die­se Janus­köp­fig­keit, die­se Schi­zo­phre­nie klag­te Fran­zis­kus wie­der­holt in sei­nen mor­gend­li­chen Pre­dig­ten in San­ta Mar­ta an. Sei­ne For­mel ver­dient es, in den Vor­der­grund die­ses Buches zu tre­ten: ‚Hin­ter der Starr­heit ver­birgt sich immer etwas; in vie­len Fäl­len ein Dop­pel­le­ben‘.“

Mar­tel ist wie Papst Fran­zis­kus über­zeugt, daß sich hin­ter jedem „Homo­pho­ben“ ein „Homo­phi­ler“ ver­birgt, ein Mann, der ent­we­der von der Homo­se­xua­li­tät ange­zo­gen oder beses­sen ist, egal ob er sie prak­ti­ziert oder nicht.

„On peut même dire qu’il y a une règ­le non écri­te qui se véri­fie pres­que tou­jours à Sodo­ma: plus un pré­lat est homo­pho­be, plus il a de chan­ces d’être lui-même homo­se­xu­el. […] Plus un pré­lat est véhé­ment cont­re les gays, plus son obses­si­on homo­pho­be est for­te, plus il a de chan­ces d’être insin­cè­re et sa véhé­mence de nous cacher quel­que cho­se.“

„Man kann sogar sagen, daß es eine unge­schrie­be­ne Regel gibt, die in Sodom fast immer gilt: Je homo­pho­ber ein Prä­lat ist, desto wahr­schein­li­cher ist er selbst ein Homo­se­xu­el­ler. […] Je stär­ker ein Prä­lat gegen Schwu­le ist, je stär­ker sei­ne homo­pho­be Obses­si­on ist, desto wahr­schein­li­cher und vehe­men­ter ist er unauf­rich­tig und hat etwas zu ver­ber­gen.“

Der Zweck des Buches? Die Bastil­le der katho­li­schen Moral zu schlei­fen.

„Cin­quan­te ans après Stone­wall, la révo­lu­ti­on gay aux États-Unis, le Vati­can est le der­nier basti­on à libé­rer ! Beau­coup de catho­li­ques ont désor­mais l’intuition de ce men­son­ge, sans avoir encore pu lire la descrip­ti­on de Sodo­ma.“

„Fünf­zig Jah­re nach Stone­wall, der Homo-Revo­lu­ti­on in den USA, ist der Vati­kan die letz­te Basti­on, die zu befrei­en ist! Vie­le Katho­li­ken haben jetzt schon eine Intui­ti­on die­ser Lüge, ohne die Schil­de­rung von Sodom gele­sen zu haben.“

Laut Mar­tel sei­en nun Schrit­te zu set­zen: die „Refor­men“ Ber­go­gli­os zu unter­stüt­zen und zu ermu­ti­gen, die tra­di­ti­ons­treu­en Kir­chen­män­ner zu dis­qua­li­fi­zie­ren und eine Dis­kus­si­on über das Übel der Homo­se­xua­li­tät in der Kir­che zu ver­hin­dern, vor allem beim kom­men­den Gip­fel­tref­fen.

Es ist aller­dings anzu­mer­ken, daß die Homo-Unter­stüt­zung für Papst Fran­zis­kus ihm in der schwie­ri­gen Situa­ti­on nicht hel­fen wird, in der er sich befin­det. Die Kar­di­nä­le und Bischö­fe, die im Buch ver­teu­felt wer­den, wer­den aus die­sem so schlecht geführ­ten Angriff gestärkt her­vor­ge­hen. Und wenn die Vor­sit­zen­den der welt­wei­ten Bischofs­kon­fe­ren­zen das The­ma Homo­se­xua­li­tät nicht behan­deln, wird das Tref­fen vom 21.–24. Febru­ar ohne­hin zum geschei­ter­ten Gip­fel.

Was bereits jetzt ein Fias­ko ist, ist das Pam­phlet von Frédé­ric Mar­tel.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017.

Übersetzung/Fußnote: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Roma­na

________________________________________________

(1) Gian­gia­co­mo Fel­tri­nel­li (1926–1972) ent­stamm­te einer der reich­sten Fami­lie Ita­li­ens, die im Bank- und Ener­gie­sek­tor aktiv war; er war vier­mal ver­hei­ra­tet und hat­te einen Sohn. Er wur­de nach dem Krieg Mit­glied der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Ita­li­ens (KPI). 1954 grün­de­te er den Ver­lag Fel­tri­nel­li, um „mit Büchern für eine bes­se­re Welt zu kämp­fen“. Er unter­stütz­te ver­le­ge­risch die kuba­ni­sche Revo­lu­ti­on und den Gue­ril­la­kampf von Che Gue­va­ra. Er mach­te des­sen Kon­ter­fei, das er aus einem Grup­pen­fo­to ver­grö­ßer­te, zur „Iko­ne“ der 68er-Bewe­gung und der Mode­bran­che. 1970 grün­de­te er die bewaff­ne­te, kom­mu­ni­sti­sche Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on GAP (Par­ti­sa­nen-Akti­ons­grup­pe – Volks­be­frei­ungs­ar­mee), um auf revo­lu­tio­nä­rem Weg und mit Hil­fe der Sowjet­uni­on eine sozia­li­sti­sche Volks­re­pu­blik zu errich­ten. Sein Kampf­na­me war „Osval­do“. Die Behaup­tung, Fel­tri­nel­li habe einen Putsch von rechts befürch­tet, wird in lin­ken Krei­sen noch heu­te als Ent­schul­di­gung her­um­ge­reicht. Zu die­sem selbst­ge­strick­ten Mythos gehör­te die sofort von der „Stu­den­ten­be­we­gung“ ver­brei­te­te Behaup­tung, Fel­tri­nel­li sei wahr­schein­lich „grau­sam ermor­det“ wor­den, ent­we­der „vom Staat“ oder von „der Rech­ten“, was im lin­ken Sprach­duk­tus jener Zeit das­sel­be bedeu­te­te. Zu den Unter­zeich­nern die­ser Behaup­tung gehör­te auch Euge­nio Scal­f­a­ri. Fel­tri­nel­lis Beer­di­gung wur­de zur poli­ti­schen Kund­ge­bung, es wur­de die „Inter­na­tio­na­le“ ange­stimmt und in Sprech­chö­ren das „mör­de­ri­sche Bür­ger­tum“ beschul­digt. Die mei­sten GAP-Mit­glie­der schlos­sen sich nach Fel­tri­nel­lis Tod der Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Rote Bri­ga­den (BR) an. Die BR führ­ten eige­ne Ermitt­lun­gen durch, um den Tod Fel­tri­nel­lis zu klä­ren. Fel­tri­nel­lis Mit­tä­ter, Kampf­na­me „Gun­ter“, der von den GAP zu den BR gewech­selt war, bestä­tig­te, daß Fel­tri­nel­li eine Bom­be legen woll­te und dabei selbst zu Tode kam. Von ver­haf­te­ten BR-Atten­tä­tern wur­de 1979, als der Pro­zeß gegen sie begann, vor Gericht eine Erklä­rung ver­le­sen, in der sie erklär­ten: „Osval­do ist kein Opfer, son­dern ein Revo­lu­tio­när, der im Kampf gefal­len ist“. Sie stell­ten auch klar, daß Fel­tri­nel­li nicht von der Gefahr eines „faschi­sti­schen Staats­reich beses­sen“ gewe­sen sei, son­dern einen „bewaff­ne­ten, revo­lu­tio­nä­ren Kampf“ los­tre­ten woll­te „nach dem Vor­bild Che Gue­va­ras“, um die Men­schen „von Kapi­ta­lis­mus und Impe­ria­lis­mus zu befrei­en“. Des­halb habe er als erster Ita­lie­ner Kon­takt zur deut­schen Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Rote Armee Frak­ti­on (RAF) auf­ge­nom­men, die bereits seit 1968 aktiv war. Sei­ne drit­te Frau, die Bun­des­deut­sche Inge Schön­thal, Mut­ter sei­nes Soh­nes, die sich von ihm schei­den ließ, kurz bevor er in den Unter­grund ging, führ­te das Ver­lags­haus wei­ter. Heu­te wirkt die nach ihm benann­te, finanz­kräf­ti­ge Stif­tung.




Sie lesen gern Katholisches.info? Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!