Civiltà Cattolica: „War Luther wirklich ein Häretiker?“

War Luther wirklich ein Häretiker
Jesuitenzeitschrift "La Civiltà Cattolica" stellt zum Höhepunkt des Reformationsgedenkens in Frage, daß Martin Luther ein Häretiker war.

(Rom) Mit dem sich nähern­den Höhe­punkt der Gedenk­ver­an­stal­tun­gen zum Refor­ma­ti­ons-Beginn vor 500 Jah­ren herrscht offen­bar auch im päpst­li­chen Umfeld Refor­ma­ti­ons-Hek­tik.

Galantinos Luther-Lob

Am 19. Okto­ber erklär­te der von Papst Fran­zis­kus per­sön­lich in des­sen dama­li­gem Bis­tum besuch­te und von ihm ernann­te Gene­ral­se­kre­tär der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz bei einer Refor­ma­ti­ons-Tagung an der Päpst­li­chen Late­ran­uni­ver­si­tät:

„Die von Mar­tin Luther vor 500 Jah­ren aus­ge­lö­ste Refor­ma­ti­on war ein Ereig­nis des Hei­li­gen Gei­stes.“

Gleich­zei­tig sprach er Luther von jeder Schuld an der Spal­tung der latei­ni­schen Chri­sten­heit frei:

„Luther selbst hat sich nicht für den Urhe­ber der Refor­ma­ti­on gehal­ten indem er schrieb: ‚ wäh­rend ich geschla­fen habe, hat Gott die Kir­che refor­miert‘.“

Die wohl drei­ste­ste Dar­stel­lung der Ereig­nis­se seit Luthers eige­ner.

Papst Franziskus‘ Wesley-Lob

Am sel­ben Tag emp­fing Papst Fran­zis­kus im Vati­kan eine Dele­ga­ti­on des Welt­ra­tes metho­di­sti­scher Kir­chen. Wenn Papst Fran­zis­kus Luther lobt, wie beim Refor­ma­ti­ons­ge­den­ken mit den Luthe­ra­nern am 31. Okto­ber 2016 im schwe­di­schen Lund, und sich man­che Katho­li­ken besorgt nach­fra­gen, wer­den sie von Ber­go­glia­nern sofort attackiert.

Zur Erin­ne­rung: Am 19. Janu­ar 2017 hielt Fran­zis­kus eine Anspra­che an eine gemischt-kon­fes­sio­nel­le Dele­ga­ti­on aus Finn­land. Dabei sag­te er:

„In die­sem Geist wur­de in Lund dar­an erin­nert, dass die Absicht Mar­tin Luthers vor 500 Jah­ren dar­in bestand, die Kir­che zu erneu­ern, nicht sie zu spal­ten.“

Bestimm­te Krei­se in der Kir­che wis­sen ein hal­bes Jahr­tau­send spä­ter plötz­lich ganz genau, was Luther woll­te und wel­che Absich­ten er angeb­lich heg­te. Woher eigent­lich?

Vor zwei Tagen ging Fran­zis­kus dar­über hin­aus und adres­sier­te das­sel­be Lob, das er Luther zoll­te, auch an John Wes­ley. Der im 18. Jahr­hun­dert leben­de Eng­län­der stamm­te aus einem gemischt-kon­fes­sio­nel­len Eltern­haus. Der Vater war angli­ka­ni­scher Pastor, die Mut­ter Puri­ta­ne­rin (Cal­vi­ni­stin). Wes­ley selbst wur­de zu einem der Grün­der der Metho­di­sten. Wie bei Luther weiß Fran­zis­kus auch genau, was Wes­ley beweg­te:

„John Wes­ley woll­te dem Näch­sten hel­fen, ein hei­li­ges Leben zu leben. Sein Bei­spiel und sei­ne Wor­te ermu­ti­gen vie­le, sich den Hei­li­gen Schrif­ten und dem Gebet zu wid­men, indem sie so Jesus Chri­stus ken­nen­ler­nen.“

Römische Jesuitenzeitschrift: „War Luther wirklich ein Häretiker?“

In der heu­te erschie­ne­nen Aus­ga­be beschäf­tig sich die römi­sche Jesui­ten­zeit­schrift La Civil­tà  Cat­to­li­ca (Heft 4016) mit der Fra­ge, ob Mar­tin Luther denn „wirk­lich“ ein Häre­ti­ker war. Autor des Auf­sat­zes „Mar­tin Luther, 500 Jah­re danach“ ist der Jesu­it Gian­car­lo Pani.

Pani zeig­te sich als jesui­ti­scher „Win­kel­ad­vo­kat“ (Rober­to de Mattei), als er kurz vor Beginn der ersten Bischofs­syn­ode über die Fami­lie für die Aner­ken­nung von Schei­dung und Zweit­ehe warb. Offi­zi­ell lau­te­te die Agen­da natür­lich auf „Zulas­sung von wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen zu den Sakra­men­ten“. Pani behaup­te­te, die Kir­che habe Schei­dung und Zweit­ehe in der Geschich­te schon gekannt („vene­zia­ni­sche Zweit­ehe“). Die Bot­schaft an die Syn­oda­len? Kar­di­nal Kas­per for­dert nichts Neu­es. Der Histo­ri­ker Rober­to de Mattei wider­leg­te am 7. Okto­ber 2014 die Mär von der „vene­zia­ni­schen Zweit­ehe“.

Pani für Interkommunion

Luther in Jesuitenzeitschrift
Luther in Jesui­ten­zeit­schrift

Nach der kryp­ti­schen Nein-Jein-Ja-Ant­wort von Papst Fran­zis­kus, die er am 15. Novem­ber 2015 in luthe­ri­schen Chri­stus­kir­che in Rom auf die Fra­ge der Luthe­ra­ne­rin Anke de Ber­nar­di­nis gab, ob Luthe­ra­ner mit Katho­li­ken gemein­sam zur Kom­mu­ni­on gehen kön­nen, war es Pater Pani, der in der Civil­tà  Cat­to­li­ca (Heft 3985, 9. Juli 2016) die päpst­li­che The­se zustim­mend auf­griff. Er nahm sogar in Anspruch, die authen­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on der Papst-Wor­te zu lie­fern. Der Anspruch ist nicht ganz ver­we­gen, da jeder Arti­kel der römi­schen Jesui­ten­zeit­schrift der Druck­erlaub­nis durch den Vati­kan bedarf. Zu wich­ti­gen The­men übt Papst Fran­zis­kus das Amt des Zen­sors sogar sel­ber aus.

Der Schrift­lei­ter der Zeit­schrift, Pater Anto­nio Spa­daro, gehört zum eng­sten Ver­trau­ten­kreis von Fran­zis­kus. „Er ist inzwi­schen zum offi­zi­el­len Spre­cher von San­ta Mar­ta und damit von Jor­ge Mario Ber­go­glio per­sön­lich gewor­den, der die Arti­kel, die den Papst am mei­sten inter­es­sie­ren, durch­sieht und mit ihm abstimmt, bevor sie ver­öf­fent­licht wer­den“, so der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster.

Pani damals: Die Papst­wor­te zur Inter­kom­mu­ni­on wür­den „eine Wen­de“ und „einen Fort­schritt in der pasto­ra­len Pra­xis“ signa­li­sie­ren ver­gleich­bar jenen, die Fran­zis­kus mit Amo­ris lae­ti­tia für die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen voll­zo­gen habe. Es sei­en zwar nur „klei­ne Schritt vor­wärts“, aber die Rich­tung sei damit vor­ge­ge­ben.

Die „Rich­tung“ meint offen­bar die gene­rel­le Zulas­sung von Schei­dung und Zweit­ehe sowie die gene­rel­le Zulas­sung der Pro­te­stan­ten zu den Sakra­men­ten. Die Ein­schrän­kun­gen („klei­nen Schrit­te“) erge­ben sich laut Pani offen­bar nur aus dem hef­ti­gen Wider­stand gegen den „rich­ti­gen“ Weg von Papst Fran­zis­kus.

Attacke gegen Verbot des Frauenpriestertums

Pani ist es dann auch, der am 28. Janu­ar 2017 (La Civil­tà  Cat­to­li­ca, Heft 3999) einen Angriff gegen das Ver­bot des Frau­en­prie­ster­tums for­mu­lier­te, das von Papst Johan­nes Paul II. 1994 defi­ni­tiv bekräf­tigt wur­de. Katholisches.info schrieb dazu:

„Pani ist Pani und nicht der Papst. Der Auf­satz erhält jedoch eine ande­re Bedeu­tung, wenn man berück­sich­tigt, daß jeder Arti­kel der Civil­tà  Cat­to­li­ca vor sei­ner Druck­le­gung dem Vati­kan vor­ge­legt und eine aus­drück­li­che Druck­erlaub­nis ein­ge­holt wer­den muß. Wäh­rend Papst Bene­dikt XVI. die­se Zen­sur­auf­ga­be den zustän­di­gen Stel­len über­ließ, küm­mert sich Papst Fran­zis­kus zu den ihm wich­ti­gen The­men per­sön­lich dar­um.“

In sei­nem neue­sten Arti­kel ver­tei­digt Pani, wie­der­um mit vati­ka­ni­scher Druck­erlaub­nis, Mar­tin Luther. Auf Twit­ter wird von der Jesui­ten­zeit­schrift mit fol­gen­den Wor­ten für den den elf Sei­ten gewor­ben:

„Die 95 The­sen Luthers waren weder eine Her­aus­for­de­rung noch eine Rebel­li­on, son­dern ein Vor­schlag zur Erneue­rung des Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums.“

„Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe“ verlangen „dringend“ eine Neubewertung?

Daher fragt Pani unter Ver­weis auf „500 Jah­re Distanz, histo­ri­sche Unter­su­chun­gen und Stu­di­en“:

„Luther: Häre­ti­ker? Wirk­lich?“

Eine sol­che Fra­ge­stel­lung nach 500 Jah­ren nimmt bereits die Ant­wort vor­weg, auch wenn die­se nicht direkt aus­ge­spro­chen wird. Wer ande­rer Mei­nung ist, dem hält Pani gleich im näch­sten Satz, daß „Ehr­lich­keit und Lie­be zur Wahr­heit“ eine „drin­gend not­wen­di­ge Neu­in­ter­pre­ta­ti­on der Ver­gan­gen­heit“ ver­lan­gen wür­den. Die­se müs­se „frei von Vor­ur­tei­len, All­ge­mein­plät­zen und tra­dier­ten Gemein­hei­ten“ sein.

„Nach fünf Jahr­hun­der­ten der Refor­ma­ti­on ist es mög­lich, Luther in einem neu­en Blick­win­kel zu sehen, um ihn in sei­ner Wahr­heit und sei­nen Kon­text zu erfas­sen.“

Und wie wird die­ser gera­de­zu skan­da­lö­se Sin­nes­wan­del begrün­det? Skan­da­lös allein schon des­halb, weil – soll­te Panis Stand­punkt rich­tig sein – die katho­li­sche Kir­che 500 Jah­re ein fal­sches Bild von Luther ver­brei­tet und ihn ver­leug­net, also die Katho­li­ken in die Irre und in schreck­li­che Kon­flik­te getrie­ben hät­te. Doch mit sol­chen „Details“ beschäf­tigt sich der Jesu­it erst gar nicht. Denn als alles abseg­nen­de Quel­le für sei­ne „Neu­po­si­tio­nie­rung“ zitiert er Papst Fran­zis­kus, des­sen „Papier nicht geleug­net wer­den kön­ne, in dem er Luther einen Zeu­gen des Glau­bens nennt“.

Heu­te schrieb die katho­li­sche Inter­net-Tages­zei­tung Nuo­va Bus­so­la Quo­ti­dia­na zum Luther-Lob Galan­ti­nos:

„Der Geist Luthers erobert Galan­ti­no“.

Das gilt nicht nur für den von Papst Fran­zis­kus ein­ge­setz­ten Gene­ral­se­kre­tär der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz, son­dern für einen nicht uner­heb­li­chen Teil des päpst­li­chen Umfel­des, wie der Jesu­it Gian­car­lo Pani zeigt, aber auch Kar­di­nal Wal­ter Kas­per, der in sei­nem 2016 erschie­nen Luther-Buch schreibt: „Luther hat­te recht“. Eine Aus­sa­ge, die von Papst Fran­zis­kus über­nom­men und wie­der­holt wur­de.

Ist damit bereits die ban­ge Fra­ge von immer mehr Katho­li­ken beant­wor­tet, war­um Papst Fran­zis­kus sich aus­ge­rech­net mit theo­lo­gisch zwei­fel­haf­ten Bera­tern umgibt?

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Civil­tà  Cat­to­li­ca (Screen­shots)

 

3 Kommentare

  1. Es ist die Fra­ge, wie­vie­le Dog­men Luther geleug­net hat mit sei­ner Kir­chen-Abspal­tung. Dann könn­te man sagen, wie­vie­le Häre­si­en er beging.

  2. Der Inten­ti­on der NWO, der „Ver­brü­de­rung“ aller Reli­gio­nen, steht die Wahr­heit des Glau­bens im Wege. Daher „muss“ jeweils ein Weg der Inte­gra­ti­on aller und jeder noch so kon­tro­ver­sen Ansicht gefun­den wer­den. Das ist ein poli­ti­scher Auf­trag für Papst und ein­fluss­rei­che Gesell­schafts­krei­se. Man kann und will sich nicht damit abfin­den, dass es im Glau­ben so etwas wie Wahr­heit an sich geben könn­te. Ent­we­der hat­te Luther Recht, oder das Triden­ti­unun. Um den Preis der Zie­le der NWO ebnet man ein­fach alles ein.…Ob Hei­lig­spre­chung Luthers, oder Moham­meds, alles kein Hin­der­nis, man fin­det für alles Wort­hül­sen und Win­kel­zu­ü­ge.

  3. Der Mensch hat vie­le Göt­ter geschaf­fen, aber es ist nur ein Gott für alle Men­schen gestor­ben, Jesus. Das Wort Got­tes wur­de Fleisch durch Jesus und das mensch­li­che „Gefäss“ was die Jung­frau Maria. Wenn Luther sagt, die­se Frau ist tod, schon da kann ich mir vor­stel­len, dass sein jet­zi­ger und ewi­ger Auf­ent­halts­ort klar ist…
    Luther hat vie­le Mil­lio­nen von Gläu­bi­gen Chri­sten um den Leib und das Blut Chri­sti gebracht, welch eine Schuld!

Kommentare sind deaktiviert.