Soll Franziskus das Glaubensbekenntnis ändern? Ja, sagt der Leiter der „Schule von Bologna“

Mellonis Empfehlung: Zurück zum Glaubensbekenntnis von Nizäa von 325 (mit Ergänzungen).
Mellonis Empfehlung: Zurück zum Glaubensbekenntnis von Nizäa von 325 (mit Ergänzungen).

(Rom) Soll Papst Fran­zis­kus auch das Glau­bens­be­kennt­nis ändern, um Patri­arch Bar­tho­lo­mä­us I. von Kon­stan­ti­no­pel zu gefal­len? Das emp­fiehlt jeden­falls Alber­to Mel­lo­ni, der umtrie­bi­ge Lei­ter der pro­gres­si­ven „Schu­le von Bolo­gna“ in sei­nem heu­te in La Repub­bli­ca erschie­ne­nen Auf­satz. Oder läßt er in höhe­rem Auf­trag einen Ver­suchs­bal­lon steigen?

Alberto Melloni
Alber­to Melloni

Zur Erin­ne­rung: Die von Euge­nio Scal­fa­ri gegrün­de­te Zei­tung, einem beken­nen­den Athe­isten aus frei­mau­re­ri­scher Fami­lie, der zu den bevor­zug­ten Gesprächs­part­nern des amtie­ren­den Pap­stes gehört, ist laut eige­ner Anga­be des Pap­stes, die „ein­zi­ge“ Tages­zei­tung, die Fran­zis­kus „täg­lich“ liest. Dort etwas zu pla­zie­ren, garan­tiert somit Beach­tung hin­ter den Leo­ni­ni­schen Mauern.
Und zur Erin­ne­rung, wer der Lei­ter der „Schu­le von Bolo­gna“ ist: Mel­lo­ni ver­kün­de­te, eben­falls aus den Spal­ten von La Repub­bli­ca, am ver­gan­ge­nen 21. April das Ende des zöli­ba­tä­ren Prie­ster­tums, denn das „eigent­li­che“ Pro­blem der Beru­fungs­kri­se sei der Priesterzölibat.
Zur unfei­nen Ent­las­sung von Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler als Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on schrieb Mel­lo­ni am 1. Juli, immer in La Repub­bli­ca:

„Der Lauf­paß, den Fran­zis­kus Mül­ler gege­ben hat, ist auf­se­hen­er­re­gend, aber verständlich“.

Und als Bene­dikt XVI. beim Requi­em für den ver­stor­be­nen Köl­ner Erz­bi­schof Joa­chim Kar­di­nal Meis­ner eine Bot­schaft ver­le­sen ließ und dar­in die Not­wen­dig­keit über­zeu­gen­der Hir­ten anmahn­te, „die der Dik­ta­tur des Zeit­gei­stes wider­ste­hen“, glüh­ten bei Mel­lo­ni die Siche­run­gen. Auf Twit­ter schrieb er am 15. Juli:

„Es gibt einen Pro­to-Ratz­in­ger, einen Deu­te­ro-Ratz­in­ger und jetzt auch einen Pseu­do-Ratz­in­ger mit nega­ti­ven Anspie­lun­gen auf den regie­ren­den Papst.“

Patriarch Bartholomäus I. besucht die „Schule von Bologna“

In sei­nem heu­ti­gen Auf­satz „Im neu­en ‚Glau­bens­be­kennt­nis‘ die Kir­che des Dia­logs“ bie­tet Mel­lo­ni zunächst eine kur­ze histo­ri­sche Ein­füh­rung zur Ent­ste­hung des Nizä­ni­schen Glau­bens­be­kennt­nis­ses, das auf das Erste Kon­zil von Nizäa im Jahr 325 zurück­geht und in Grie­chisch gehal­ten ist. Das Bekennt­nis ist voll­in­halt­lich in einer ita­lie­ni­schen Über­set­zung abgedruckt.

Bartholomäus I.
Bar­tho­lo­mä­us I.

Beim Ersten Kon­zil von Kon­stan­ti­no­pel wur­de es im Jahr 381 leicht geän­dert, das heißt, es wur­de, was den Hei­li­gen Geist betrifft, prä­zi­siert. Die­ses Niz­ä­no-Kon­sta­ni­no­po­li­ta­num wird noch heu­te in der latei­ni­schen Mes­se gebe­tet, aber im Novus Ordo auch in man­chen Volks­spra­chen (so zum Bei­spiel in Ita­li­en, wäh­rend im deut­schen Sprach­raum das kür­ze­re Apo­sto­li­sche Glau­bens­be­kennt­nis gebe­tet wird). Die Ortho­do­xen haben damit aller­dings ihre Probleme.

Heu­te wur­de Mel­lo­nis Über­set­zung aus dem Grie­chi­schen dem Öku­me­ni­schen Patri­ar­chen Bar­tho­lo­mä­us I. vor­ge­stellt, der in Bolo­gna die Fon­da­zio­ne per le sci­en­ze reli­gio­se Gio­van­ni XXIII (Stif­tung für Reli­gi­ons­wis­sen­schaf­ten Johan­nes XXIII.) besucht. Die 1953 von Giu­sep­pe Dos­set­ti und Giu­sep­pe Albe­ri­go gegrün­de­te Stif­tung ist Trä­ge­rin der soge­nann­ten „Schu­le von Bolo­gna“. Wer ihm dazu gera­ten hat, ist nicht bekannt.

Nizänisches Glaubensbekenntnis statt Nizäno-Konstantinopolitanum

Laut Mel­lo­ni wäre es bes­ser, das grie­chi­sche Cre­do - natür­lich in die Volks­spra­chen über­setzt — zu beten. Die latei­ni­sche Fas­sung, die es gibt, aber abge­kom­men ist, wird von ihm über­gan­gen. Als Grund für den Rück­griff nennt Mel­lo­ni die Chan­ce zur Begeg­nung und Gemein­sam­keit der katho­li­schen und der ortho­do­xen Kir­che. Letz­te­re lehnt das Bekennt­nis des Ersten Kon­zils von Kon­stan­ti­nopel ab.

Das Bekennt­nis zur Tau­fe, Auf­er­ste­hung, Ver­ge­bung der Sün­den und zum Leben ven­tu­ri sà¦culi, „der kom­men­den Welt“, ist im Niz­ä­num nicht ent­hal­ten. Mel­lo­ni fügt es dem nizä­ni­schen Bekennt­nis ein­fach hin­zu, wodurch eher von einem „Mel­lo­ni­schen Glau­bens­be­kennt­nis“ zu spre­chen wäre. Um so mehr, als Mel­lo­ni, der sich selbst ger­ne als „Papst­flü­ste­rer“ sieht, nicht die „Ver­ge­bung der Sün­den“ (in remis­sio­nem pec­ca­torum) in das Niz­ä­num ein­füg­te, son­dern die „Ver­ge­bung der Schuld“.

Der „Drang“ zu den Orthodoxen und das „filioque“

Ihm geht es letzt­lich um den Zusatz „filio­que“, der ursprüng­lich im Bekennt­nis von 381 nicht expli­zit ent­hal­ten war. Er wur­de am Beginn des zwei­ten Jahr­tau­sends von Papst Bene­dikt VIII. als Prä­zi­sie­rung in das Niz­ä­no-Kon­stan­ti­no­po­li­ta­num ein­ge­fügt. In der latei­ni­schen Kir­che läßt sich das filio­que im Atha­na­si­schen Glau­bens­be­kennt­nis aber bereits seit der Spät­an­ti­ke nachweisen.

Mellonis Aufsatz in "La Repubblica"
Mel­lo­nis Auf­satz in „La Repubblica“

Die grie­chi­sche Kir­che lehnt die­sen Zusatz aus for­ma­len, aber auch inhalt­li­chen Grün­den ab. 1054 kam es des­halb zum Gro­ßen Schis­ma zwi­schen Ost- und West­kir­che, das auch als Mor­gen­län­di­sches Schis­ma in die Geschich­te ein­ging und bis heu­te andauert.

Der Wunsch nach Ver­söh­nung und Wie­der­her­stel­lung der damals zer­bro­che­nen Kir­chen­ein­heit wird in der latei­ni­schen Kir­che all­ge­mein aner­kannt. Mel­lo­nis Vor­stoß erstaunt den­noch, weil die pro­gres­si­ven Kir­chen­krei­se, denen er als füh­ren­der Ver­tre­ter ange­hört, zugleich eine Pro­te­stan­ti­sie­rung der katho­li­schen Kir­che vor­an­trei­ben. Dar­in liegt ein offen­sicht­li­cher Wider­spruch, will man nicht anneh­men, daß – abseits von einem theo­re­ti­schen Ein­heits­wunsch – die Annä­he­rung an die Ortho­do­xie vor allem des­halb gesucht wird, um mit ihrer Hil­fe, die Sakra­men­ten­ord­nung der latei­ni­schen Kir­che auf­zu­wei­chen. Gegen die Annä­he­rung an die Ortho­do­xen gibt es in übri­gen Kir­che näm­lich weit weni­ger Wider­stän­de als gegen die Annä­he­rung an die Pro­te­stan­ten. Das wis­sen auch die Pro­gres­si­ven wie Mel­lo­ni. Soweit der tak­ti­sche Aspekt. Inhalt­lich ist es zudem so, daß es den Ortho­do­xen im Lau­fe der Geschich­te nicht gelun­gen ist, die Sakra­men­ten­ord­nung in der Pra­xis in allen Berei­chen auf­recht­zu­er­hal­ten. Das gilt bei­spiels­wei­se für die Zulas­sung ver­hei­ra­te­ter Män­ner zur Prie­ster­wei­he oder der Zulas­sung einer Zweit- und Dritte­he. War­um also den Zöli­bat mit Blick auf die Pro­te­stan­ten abschaf­fen wol­len, wenn es mit Blick auf die Ortho­do­xen auch gehen könn­te. Glei­ches gilt für die Auf­wei­chung des Ehesakraments.

Melloni empfiehlt Rückschritt

Wäre es aber ins­ge­samt nicht bes­ser, zum Bekennt­nis von 325 zurück­zu­keh­ren, als es zwar ande­re Spal­tun­gen gab, aber noch nicht die Spal­tung zwi­schen Rom und Kon­stan­ti­no­pel? Wenn es aber stimmt, daß sich die Wahr­heit in der Tra­di­ti­on ent­fal­tet und im Lau­fe der Zeit bes­ser erkannt wird, dann muß ein sol­cher Schritt falsch sein. Er wäre näm­lich kein Rück­griff, son­dern ein Rückschritt.

Das "filioque" hat wesentlich mit der Dreieinigkeit zu tun.
Das „filio­que“ hat wesent­lich mit der Drei­ei­nig­keit zu tun.

Die römi­sche Kir­che hat das filio­que auf dem Vier­ten Later­an­kon­zil im Jahr 1215 zum Dog­ma erho­ben. Vor eine erkann­te Wahr­heit zurück­zu­keh­ren, stellt ein­deu­tig inen Rück­schritt dar. Das gilt auch für die der­zeit wie­der inten­si­ver dis­ku­tier­te For­de­rung, den Zöli­bat als Zugangs­be­din­gung zum Prie­ster­tum abzu­schaf­fen oder die Schei­dung und Wie­der­ver­hei­ra­tung Geschie­de­ner anzu­er­ken­nen. Ein Schritt hin­ter die erkann­te Wahr­heit zurück ist in sich unmöglich.

Wenn Bene­dikt VIII. das filio­que als Prä­zi­sie­rung ein­füg­te, um den Glau­ben bes­ser zum Aus­druck zu brin­gen, und spä­te­re Päp­ste dies unun­ter­bro­chen und ein all­ge­mei­nes Kon­zil bestä­tig­ten, dann bedeu­tet das, daß es impli­zit bereits im Niz­ä­no-Kon­stan­ti­no­po­li­ta­num von 381 ent­hal­ten war und daher seit 1700 Jah­ren als defi­nier­tes Cre­do des auf Chri­stus zurück­ge­hen­den Glau­bens Gül­tig­keit hat.

Wel­che Auto­ri­tät könn­te, und mit wel­cher Auto­ri­tät, den Rück­schritt voll­zie­hen, den Mel­lo­ni emp­fiehlt? Ein Pro­gres­si­ver scheint sich mit Auto­ri­täts­fra­gen aber nicht auf­zu­hal­ten. In einem posi­ti­vi­sti­schen Den­ken scheint alles ver­füg­bar. 1969 wur­de Hand an den Römi­schen Ritus gelegt und es ist der­sel­be Mel­lo­ni, der emp­fiehlt, heu­te auch Hand an die Mes­se von Paul VI. zu legen, um den Pro­te­stan­ten ent­ge­gen­zu­kom­men. War­um also nicht zum Niz­ä­num von 325 zurück­keh­ren, um den Ortho­do­xen entgegenzukommen.

Melloni übergeht das Unionskonzil von Florenz

Es ist kein Zufall, daß Mel­lo­ni — obwohl Histo­ri­ker — das kur­ze Kapi­tel der Geschich­te über­geht, als das Kon­zil von Flo­renz im Jahr 1439 die Ein­heit zwi­schen West- und Ost­kir­che wie­der­her­stel­len konn­te. Der Ver­such schei­ter­te letzt­lich zwar, weil Kon­stan­ti­no­pel nur vier­zehn Jah­re spä­ter von den Mus­li­men erobert wur­de. Der neue, osma­ni­sche Macht­ha­ber am Bos­po­rus trieb ziel­si­cher einen Keil zwi­schen sei­ne Fein­de, indem er einen Mann zum neu­en Patri­ar­chen von Kon­stan­ti­no­pel ernann­te, der die Uni­on von Flo­renz ablehn­te, obwohl er selbst auf dem Kon­zil anwe­send war und die Uni­on mit sei­ner eige­nen Unter­schrift besie­gelt hatte.

Die dama­li­ge Eini­gung besag­te zum filio­que, daß sowohl die Leh­re bei­der Sei­ten vom Hei­li­gen Geist als auch das Niz­ä­no-Kon­stan­ti­no­po­li­ta­ni­sche Glau­bens­be­kennt­nis von 381 mit und ohne Bei­fü­gung des filio­que recht­gläu­big sind. Von den Grie­chen, die die höch­ste Auto­ri­tät des Pap­stes aner­kann­ten, wur­de nicht ver­langt, das filio­que zu übernehmen.

Die Uni­on von Flo­renz sah damit etwas ande­res vor, als es nun Mel­lo­ni vor­schlägt, der das filio­que auch für die latei­ni­sche Kir­che abschaf­fen möch­te – und die Sün­de viel­leicht gleich noch dazu.

Unklar ist auch, wie Mel­lo­ni sich vor­stellt, die Ortho­do­xen mit einem Do-it-yours­elf-Sym­bo­lum beein­drucken zu kön­nen, da gera­de der for­ma­le Umstand, daß Bene­dikt VIII. mit dem filio­que ein­sei­tig eine Ergän­zung in ein von einem öku­me­ni­schen Kon­zil beschlos­se­nen Bekennt­nis ein­ge­fügt hat­te, einer der zen­tra­len Punk­te im Streit war. Die Fra­ge hat natür­lich auch mit jener der Auto­ri­tät des Pap­stes zu tun, einem wohl noch grö­ße­ren Knack­punkt in den Bezie­hun­gen zwi­schen Ost und West.

Das Kon­zil von Flo­renz hat jeden­falls bewie­sen, daß eine Ein­heit – wenn sie auch nur von kur­zer Dau­er war – mög­lich ist. Und das lan­ge vor und ganz ohne Melloni.

Text: Giu­sep­pe Nardi
Bild: La Repubblica/MiL/Vatican Insi­der (Screen­shot)

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