„Schule von Bologna“ und progressive Nabelschau — Wie Franziskus die Kirche verändert

Giuseppe Dossetti mit dem ehemaligen EU-Kommissionspräsidenten Romano Prodi, Bruder von Paolo Prodi
Giuseppe Dossetti mit dem ehemaligen EU-Kommissionspräsidenten Romano Prodi, Bruder von Paolo Prodi

(Rom) Die Schu­le von Bolo­gna ist unter Kir­chen­in­si­dern ein Begriff. Der offi­zi­el­le Name lau­tet eigent­lich „Stif­tung für Reli­gi­ons­wis­sen­schaf­ten Johan­nes XXIII.“, doch den kennt kaum jemand. Die Schu­le ent­stand aus dem Umfeld füh­ren­der ita­lie­ni­scher Links­ka­tho­li­ken, die sich in den 60er Jah­ren mit der pro­gres­si­ven „Rhei­ni­schen Alli­anz“ koalier­ten. Pro­gres­siv ist ihre Aus­rich­tung noch heu­te. Aller­dings hand­le es sich um einen erstarr­ten Pro­gres­sis­mus, wie die jüng­ste Kri­tik aus den eige­nen Rei­hen lau­tet. Die Kri­tik ist eine Art von pro­gres­si­ver Nabel­schau, die wegen der Bedeu­tung der „Schu­le von Bolo­gna“ jedoch ein Schlag­licht auf die jüng­sten Ent­wick­lun­gen am pro­gres­si­ven Rand der katho­li­schen Kir­che wirft.
Grün­dungs­ziel der Schu­le ist es, die auf dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil ange­streb­te und in der Nach­kon­zils­zeit teil­wei­se umge­setz­te pro­gres­si­ve „Wen­de“ der katho­li­schen Kir­che irrever­si­bel zu machen.

Deutungshoheit über das Konzil

Ein Instru­ment dafür war die Erobe­rung der Deu­tungs­ho­heit über das Kon­zil. Von der Schu­le von Bolo­gna stammt die „Her­me­neu­tik des Bruchs“, deren wich­tig­ster Ver­fech­ter sie ist. Dazu wur­de eine fünf­bän­di­ge Kon­zils­ge­schich­te erar­bei­tet und ein weit­ge­hen­des Aus­le­gungs­mo­no­pol erobert. Die Geschich­te des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils soll­te die pro­gres­si­ve Stoß­rich­tung ein­ze­men­tie­ren.

Mit Gel­dern der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz (DBK) wur­de auch eine deut­sche Aus­ga­be her­aus­ge­ge­ben. Die För­de­rung der „Schu­le von Bolo­gna“ durch die DBK folg­te dabei einer inne­ren Logik. Die Bischö­fe des deut­schen Sprach­rau­mes waren die Pro­mo­to­ren, die Orga­ni­sa­to­ren und die Infan­te­rie des pro­gres­si­ven Lagers beim Kon­zil.

Nun übt jemand schar­fe Kri­tik an der „Schu­le von Bolo­gna“, von dem man es sich nicht erwar­tet hät­te. „Selbst­be­zo­gen­heit, Mythen­bil­dung, Ego­is­men, Span­nun­gen und Deka­denz“, mit die­sen Vor­wür­fen zer­trüm­mert einer ihrer Grün­der, Pao­lo Pro­di, den pro­gres­si­ven „Tem­pel“.

Der Histo­ri­ker Pao­lo Pro­di ist der älte­re Bru­der des ehe­ma­li­gen ita­lie­ni­schen Mini­ster­prä­si­den­ten und EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­ten Roma­no Pro­di.  Von den sechs Pro­di-Brü­dern waren gleich drei Abge­ord­ne­te des Ita­lie­ni­schen und des Euro­päi­schen Par­la­ments. Die Par­tei­en wech­sel­ten zwar, doch gemein­sam war ihnen eine uner­schüt­ter­li­che links­ka­tho­li­sche Aus­rich­tung.

Paolo Prodis Kritik

Die Fami­lie Pro­di gehört zu den ange­se­hen­sten Fami­li­en des soge­nann­ten „demo­kra­ti­schen Katho­li­zis­mus“, der poli­tisch links der Mit­te ange­sie­delt ist und Alli­an­zen mit der nicht-katho­li­schen Lin­ken anstrebt.

Pao­lo Pro­di gehör­te vor mehr als 50 Jah­ren mit Giu­sep­pe Dos­set­ti (1913–1996) und Pino Albe­ri­go (1926–2007) zu den Grün­dern der „Schu­le von Bolo­gna“. Sei­ne Kri­tik gilt dem der­zei­ti­gen Lei­ter der Schu­le, dem Histo­ri­ker Alber­to Mel­lo­ni. Sie ent­hüllt erst­mals haus­in­ter­ne Kon­flik­te eines poli­tisch-kul­tu­rel­len Zen­trums, das seit Jahr­zehn­ten mit groß­zü­gi­gen öffent­li­chen Zuwen­dun­gen aus­ge­stat­tet ist. Zuletzt waren es erneut 400.000 Euro und wei­te­re drei Mil­lio­nen Euro für For­schungs­zwecke, die erst zu einem Teil aus­be­zahlt wur­den.

Pro­dis-Kri­tik kratzt erst­mals am Mythos einer Ein­rich­tung, die bis­her durch einen mis­sio­na­ri­schen Corps­geist auf­ge­fal­len war. Pro­di leg­te ein Buch über Giu­sep­pe Dos­set­ti, den „Poli­ti­ker des Kon­zils“ vor. Dar­in berich­tet der inzwi­schen 85 Jah­re alte Histo­ri­ker zahl­rei­che Anek­do­ten und Erin­ne­run­gen aus sei­ner Zeit mit Dos­set­ti.

Die Bedeu­tung von Dos­set­tis Ein­rich­tung zeigt sich an jüng­sten per­so­nel­len Ent­wick­lun­gen in der katho­li­schen Kir­che. Sowohl der neue Erz­bi­schof von Bolo­gna als auch jener von Paler­mo gehö­ren ihr an, eben­so der „auf­stre­ben­de“ phil­ip­pi­ni­sche Kar­di­nal Luis Anto­nio Tag­le.

Giuseppe Dossetti, der „Politiker des Konzils“

Giuseppe Dossetti, "Politiker des Konzils"
Giu­sep­pe Dos­set­ti, „Poli­ti­ker des Kon­zils“

Dos­set­ti war der ver­fah­rens­tech­ni­sche „Orga­ni­sa­tor“ der Abstim­mungs­er­fol­ge der „Rhei­ni­schen Alli­anz“ beim Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil. Der katho­li­sche Anti­fa­schist war nach dem Zwei­ten Welt­krieg der Kopf des lin­ken Flü­gels der ita­lie­ni­schen Christ­de­mo­kra­ten (DC). Von 1946 bis 1948 war er Mit­glied der ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung und dann bis 1953 ita­lie­ni­scher Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ter. Dos­set­tis lin­ker Flü­gel des poli­ti­schen Katho­li­zis­mus war über­zeugt, daß die Zukunft in einem Bünd­nis mit der poli­ti­schen Lin­ken bestehe, ein­schließ­lich der damals streng sta­li­ni­stisch aus­ge­rich­te­ten Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Ita­li­ens, deren Ziel zu jener Zeit noch die Errich­tung einer Mos­kau-treu­en Sowjet­re­pu­blik war.

Nach dem Tod Sta­lins und der Macht­über­nah­me Chruscht­schows fand Dos­set­ti, wenn auch mit gewis­sen Vor­be­hal­ten, Unter­stüt­zung in einem Teil der kirch­li­chen Hier­ar­chie, die Paul VI. auf dem Papst­thron reprä­sen­tier­te. Nicht weni­ge füh­ren­de Kir­chen­män­ner der 1960er Jah­re waren der Über­zeu­gung, ob sie nun dafür oder dage­gen waren, daß Mos­kaus Sozia­lis­mus lang­fri­stig im Kal­ten Krieg sie­gen wer­de.

Dos­set­ti tausch­te das Gewand des Poli­ti­kers mit dem des Prie­sters. 1958 wur­de er von Kar­di­nal Ler­ca­ro (1891–1976) von Bolo­gna, dem rang­höch­sten pro­gres­si­ven Kir­chen­ver­tre­ter Ita­li­ens, zum Prie­ster geweiht. Im Zusam­men­hang mit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil bedeu­te­te das, daß er sei­ne poli­ti­sche Hand­fer­tig­keit in die Kir­che hin­ein­trug und der pro­gres­si­ven Alli­anz uner­war­te­te Vor­tei­le ver­schaff­te, weil er wie ein Poli­ti­ker dach­te und han­del­te. Sei­ne „Waf­fe“ war die Geschäfts­ord­nung. Das wuß­te er aus sei­ner Zeit als Abge­ord­ne­ter. Die Geschäfts­ord­nung inter­es­sier­te den Groß­teil der Bischö­fe gar nicht. Damit konn­te Dos­set­ti sie regel­recht über­töl­peln. Zumin­dest solan­ge, bis es auch Paul VI. zu bunt wur­de, und er die Ent­fer­nung Dos­set­tis aus Rom for­der­te.

Paul VI. wur­de zum Lieb­lings­haß­ob­jekt der Schu­le. Ihm wur­de vor­ge­wor­fen, die pro­gres­si­ve „Wen­de“ behin­dert und am Ende auf hal­bem Weg abge­würgt zu haben. Dahin­ter ver­birgt sich auch die „Erklä­rung“, war­um der ange­kün­dig­te „neue Früh­ling“ der Kir­che bis heu­te nicht statt­ge­fun­den habe.

Erstarrter Progressismus?

Um die von Dos­set­ti in „sei­nem“ roten Bolo­gna gegrün­de­te Mönchs­ge­mein­schaft ist es schon lan­ge ruhig gewor­den. Es gibt sie noch, doch spielt sie weder im Erz­bis­tum Bolo­gna noch im Kul­tur­le­ben der Stadt eine Rol­le, das Dos­set­ti mit sei­ner Idee einer katho­lisch-kom­mu­ni­sti­schen Alli­anz mit­ge­prägt hat­te.

Pro­di wirft Mel­lo­ni vor, eine Linie ohne kla­res, zusam­men­hän­gen­des Pro­gramm zu ver­fol­gen. Die „Schu­le von Bolo­gna“ ist ein von der poli­ti­schen Lin­ken gehät­schel­tes Pre­sti­ge­pro­jekt. Die Finan­zie­run­gen wer­den durch links­ka­tho­li­sche Poli­ti­ker sicher­ge­stellt, die den Rei­hen der regie­ren­den Links­de­mo­kra­ten füh­ren­de Posi­tio­nen inne­ha­ben.

„Mei­ner Mei­nung nach, ist man in der Stif­tung dem Zwei­ten Vati­ca­num als Kult treu geblie­ben, hat aber die Ent­wick­lung danach nicht oder nicht aus­rei­chend ver­folgt“, so Pro­di gegen­über der Nuo­va Bus­so­la Quo­ti­dia­na.

Pro­di sagt es nicht aus­drück­lich, doch scheint ihm eine „Schu­le von Bolo­gna“ vor­zu­schwe­ben, die eine Art poli­tisch-reli­giö­ser Think Tank ist.

Pro­di ver­ließ die Schu­le von Bolo­gna bereits vor 40 Jah­ren im Streit mit Albe­ri­go. Damals war Mel­lo­ni, der heu­ti­ge Lei­ter, erst Uni­ver­si­täts­stu­dent. Er habe die Schu­le ver­las­sen, weil er sie als Dienst betrach­te­te, der die Instru­men­te für die For­schung zu den gro­ßen The­men unse­rer Zeit lie­fert. Statt des­sen habe sich die Schu­le in Inter­pre­ta­ti­ons­kon­flik­te zwi­schen den ver­schie­de­nen inner­kirch­li­chen Strö­mun­gen ver­hed­dert.

Grund dafür war der Umschwung, der in Bolo­gna mit der Ernen­nung von Kar­di­nal Gia­co­mo Bif­fi durch Johan­nes Paul II. ein­setz­te, der die Schu­le um den Rück­halt des Ober­hir­ten brach­te. „Das alles hat mei­ner Mei­nung nach zu Span­nun­gen geführt, die nicht gut getan haben. Das Insti­tut war der Inter­pret von Ler­ca­ro und stell­te die­sen in eine Gegen­po­si­ti­on zu Bif­fi.“

Kritik von links und Papst Franziskus

Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil sieht Pro­di als „Ende der triden­ti­ni­schen Epo­che, aber nicht als Neu­be­ginn“. Die Kri­tik des Histo­ri­kers an sei­nen ehe­ma­li­gen Weg­ge­fähr­ten rich­tet sich nicht gegen die grund­sätz­li­che Aus­rich­tung, son­dern gegen den ein­ge­schla­ge­nen Weg zu deren Umset­zung. Pro­di wirft Mel­lo­ni vor, beim Kon­zil ste­hen­ge­blie­ben zu sein. Das Kon­zil sei wich­tig gewe­sen, um die davor lie­gen­den fast 500 Jah­re der Kir­chen­ge­schich­te zu been­den. Was er aber ver­mis­se, sei der Blick in die Zukunft. Den habe die Schu­le ver­säumt. „Man hät­te in die Zukunft schau­en müs­sen, was nun die­ser Papst macht“, so Pro­di.

Pro­dis Kri­tik kommt damit von links. Der Histo­ri­ker und ehe­ma­li­ge Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­te posi­tio­niert sich noch wei­ter links als Mel­lo­ni. Es genü­ge nicht, sich nur an Papst Fran­zis­kus anzu­hän­gen. Sol­che Ver­su­che unter­nahm Mel­lo­ni tat­säch­lich bereits mehr­fach, indem er Fran­zis­kus für sei­ne Rich­tung zu ver­ein­nah­men ver­such­te. Die Schu­le müs­se hin­ge­gen, so Pro­di, eige­ne Ideen ent­wickeln und Stich­wort­ge­be­rin für die Ent­wick­lung der Kir­che sein.

Papst Fran­zis­kus sen­de­te bis­her, sei­ner Art ent­spre­chend, ganz wider­sprüch­li­che Signa­le aus. Den Kuri­en­erz­bi­schof Agosti­no Mar­chet­to und bekann­ten Her­me­neu­ti­ker der Kon­ti­nui­tät lob­te Fran­zis­kus als „besten Kon­zils­in­ter­pre­ten“. Gleich­zei­tig ver­mit­tel­te er Mel­lo­ni und der Schu­le von Bolo­gna, und damit den Her­me­neu­ti­kern des Bruchs und direk­ten Gegen­spie­lern Mar­chet­tos, den Ein­druck, auf ihrer Sei­te zu ste­hen. Der Streit um die Kon­zils­aus­le­gung scheint das amtie­ren­de Kir­chen­ober­haupt hin­ter sich gelas­sen zu haben. Er ist bereits einen Schritt wei­ter (sie­he dazu Wie sieht Papst Fran­zis­kus das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil? – Kar­di­nal Sarah ins Gefäng­nis?).

Der Angriff von Pao­lo Pro­di wird im Zusam­men­hang mit dem neu­en Erz­bi­schof von Bolo­gna gese­hen. Mit der Ernen­nung des bis­he­ri­gen Weih­bi­schofs von Rom, Matteo Maria Zup­pi, been­de­te Papst Fran­zis­kus die „restau­ra­ti­ve“ Ära der Erz­bi­schö­fe Bif­fi und Caf­farra. Die Rück­wärts­rol­le zurück in die Ära Ler­ca­ro ist unüber­seh­bar. Zup­pi gehört der Gemein­schaft von Sant’Egidio an.

Offen­bar sieht sich jemand nun ermu­tigt, sogar eine unan­tast­ba­re, aber erstarr­te pro­gres­si­ve Hoch­burg wie die Schu­le von Bolo­gna anzu­grei­fen. Aller­dings nur, um sie noch wei­ter nach links zu rücken.

Jeden­falls erklärt die Kri­tik, war­um bei der Vor­stel­lung von Pro­dis jüng­stem Buch am 12. April an der Uni­ver­si­tät Bolo­gna kein Ver­tre­ter der Schu­le anwe­send war.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL/Corrispondenza Roma­na