Frankreich: Deutliche Verschiebungen in Priesterseminaren — Diözesanseminaristen nehmen ab, Tradition und Communauté St Martin nehmen zu

Priesterweihe: Wie ist der Priester von morgen? Frankreich zeigt eine klare Tendenz.
Priesterweihe: Wie ist der Priester von morgen? Frankreich zeigt eine klare Tendenz.

(Paris) Die Ent­wick­lun­gen der Zah­len bei den fran­zö­si­schen Semi­na­ri­sten wei­sen eini­ge bemer­kens­wer­te Ten­den­zen auf. Ripo­ste catho­li­que ver­gleicht in einer Gra­phik die Zah­len der Semi­na­ri­sten vom Mai 2017 mit jenen vom Mai 2010. Wel­che Ver­än­de­run­gen las­sen sich in die­sen sie­ben Jah­ren, der Dau­er einer gan­zen Prie­ster­aus­bil­dung, able­sen?

Am Ende des Stu­di­en­jah­res 2009/2010 (kurz vor den Prie­ster­wei­hen) gab es in Frank­reich 918 Semi­na­ri­sten. Am Ende des Stu­di­en­jah­res 2016/2017 waren es 853. Das ent­spricht einem Rück­gang um sie­ben Pro­zent.

In den Zah­len sind die Diö­ze­san­se­mi­na­ri­en erfaßt und dar­in alle Semi­na­ri­sten, ob Fran­zo­sen oder Aus­län­der, die für eine fran­zö­si­sche Diö­ze­se stu­die­ren. Erfaßt sind eben­so die säku­la­ren Prie­ster­ge­mein­schaf­ten der Tra­di­ti­on (ein­schließ­lich der Pius­bru­der­schaft) und die Com­mu­n­au­té St. Mar­tin, die in Frank­reich eine zuneh­men­de Rol­le spielt. Das Bild ist daher nicht ganz voll­stän­dig, da die katho­li­schen Orden feh­len. Die Sta­ti­stik zielt jedoch bewußt dar­auf ab, nur den Weltk­le­rus zu erfas­sen.

Wachstum der Gemeinschaften der Tradition und der Gemeinschaft St. Martin

Seminaristen in Frankreich: Vergleich zwischen den Studienjahren 2009/2010 und 2016/2017
Semi­na­ri­sten in Frank­reich: Ver­gleich zwi­schen den Stu­di­en­jah­ren 2009/2010 und 2016/2017

Die 94 fran­zö­si­schen Diö­ze­sen erleb­ten einen Rück­gang der fran­zö­si­schen Semi­na­ri­sten von fast einem Fünf­tel (–18,2 Pro­zent). Bei den aus­län­di­schen Semi­na­ri­sten, die sich für eine fran­zö­si­sche Diö­ze­se auf das Prie­ster­tum vor­be­rei­ten, war der Rück­gang noch deut­li­cher und liegt bei fast einem Vier­tel (– 23,1 Pro­zent).

Ein jähr­li­ches Plus ver­zeich­nen hin­ge­gen die Prie­ster­bru­der­schaf­ten der Tra­di­ti­on. Die Zahl ihrer Semi­na­ri­sten stieg von 140 im Stu­di­en­jahr 2009/2010 auf 160 im Stu­di­en­jahr 2016/2017. Das ent­spricht einer Zunah­me von 14,3 Pro­zent.

Das größ­te Wachs­tum erleb­te im sel­ben Zeit­raum die Prie­ster­ge­mein­schaft St. Mar­tin (Com­mu­n­au­té St. Mar­tin), die 1976 von Jean-Fran­çois Gué­rin, Prie­ster des Erz­bis­tums Tours, gegrün­det und mit Hil­fe des Erz­bi­schofs von Genua, Giu­sep­pe Kar­di­nal Siri, kano­nisch errich­tet wur­de. Der 2005 ver­stor­be­ne Gué­rin, der bis 2004 der Gemein­schaft als Gene­ral­obe­rer vor­stand, war Obla­te der alt­ri­tu­el­len Bene­dik­ti­ner­ab­tei Font­gom­bault. Das Mut­ter­haus und das Prie­ster­se­mi­nar der Gemein­schaft befin­den sich heu­te in der ehe­ma­li­gen Bene­dik­ti­ner­ab­tei Evron.

Die Prie­ster­ge­mein­schaft St. Mar­tin die 2010 43 Semi­na­ri­sten in Frank­reich zähl­te, hat­te im ver­gan­ge­nen Stu­di­en­jahr 98. Damit konn­te sie sich mehr als ver­dop­peln. Die Zunah­me beträgt 128 Pro­zent.

In den Zah­len nicht berück­sich­tigt sind die Ange­hö­ri­gen des Pro­pä­deu­ti­kums.

Deutliche Verschiebungen im Gesamtbild

Die Ver­än­de­run­gen bedeu­ten auch Ver­schie­bun­gen im Gesamt­bild. 2010 mach­ten die fran­zö­si­schen Diö­ze­san­se­mi­na­ri­sten noch zwei Drit­tel (66 Pro­zent) aller Semi­na­ri­sten aus, die sich auf das Welt­prie­ster­tum vor­be­rei­te­ten. Mit den aus­län­di­schen Semi­na­ri­sten, die für fran­zö­si­sche Diö­ze­sen stu­dier­ten, betrug ihr Anteil sogar 80 Pro­zent. Die Semi­na­ri­sten der Prie­ster­ge­mein­schaf­ten der Tra­di­ti­on mach­ten 15,3 Pro­zent der Gesamt­zahl aus. Die Com­mu­n­au­té St. Mar­tin hat­te einen Anteil von 4,7 Pro­zent.

2017 zeigt sich das Bild deut­lich anders: Die fran­zö­si­schen Diö­ze­san­se­mi­na­ri­sten machen nur mehr 58 Pro­zent aller hier erfaß­ten Semi­na­ri­sten aus. Zusam­men mit den aus­län­di­schen Semi­na­ri­sten für fran­zö­si­sche Diö­ze­sen liegt ihr Anteil bei 69,7 Pro­zent. Der Anteil der Prie­ster­ge­mein­schaf­ten der Tra­di­ti­on hat sich auf 18,8 Pro­zent gestei­gert und jener der Com­mu­n­au­té St. Mar­tin sogar auf 11,5 Pro­zent.

Der Anteil der Diö­ze­san­se­mi­na­ri­sten ver­teilt sich zudem ganz unter­schied­lich auf die Bis­tü­mer. Elf der 94 Bis­tü­mer hat­ten im ver­gan­ge­nen Stu­di­en­jahr nur einen Semi­na­ri­sten, fünf hat­ten gar kei­nen. 13 Bis­tü­mer hat­ten nur zwei Semi­na­ri­sten, 17 wei­te­re nur drei und wei­te­re 18 Diö­ze­sen zwi­schen vier und fünf Semi­na­ri­sten. Mit ande­ren Wor­ten: Zwei Drit­tel der fran­zö­si­schen Bis­tü­mer haben nicht ein­mal jedes Jahr einen Neu­prie­ster.

Hälfte der Diözesanseminaristen stammen aus 13 von 94 Bistümern — Ausnahme Frejus-Toulon

Mehr als die Hälf­te aller Diö­ze­san­se­mi­na­ri­sten stam­men aus 13 von 94 Diö­ze­sen. Dabei ragen zwei Bis­tü­mer beson­ders her­aus: das Erz­bis­tum Paris und das Bis­tum Fre­jus-Tou­lon. Die größ­te Zahl hat mit 70 Semi­na­ri­sten das Erz­bis­tum Paris. Man muß am unte­ren Ende der Liste die Semi­na­ri­sten von 42 Diö­ze­sen zusam­men­zäh­len, um auf die Semi­na­ri­sten­zahl von Paris zu kom­men. Das Erz­bis­tum umfaßt 3,3 Pro­zent der Ein­woh­ner Frank­reichs, stellt aber 11,8 Pro­zent der Diö­ze­san­se­mi­na­ri­sten und 8,2 Pro­zent aller Semi­na­ri­sten.

Eine wirk­li­che Aus­nah­me stellt das Bis­tum Fre­jus-Tou­lon in der Pro­vence dar. Es wird seit 2000 vom tra­di­ti­ons­freund­li­chen Bischof Domi­ni­que Rey gelei­tet. Obwohl das Bis­tum nur 1,6 Pro­zent der Bevöl­ke­rung Frank­reichs aus­macht, stellt die klei­ne Diö­ze­se mit 42 Semi­na­ri­sten sie­ben Pro­zent aller Diö­ze­san­se­mi­na­ri­sten und fast fünf Pro­zent aller Semi­na­ri­sten. Ins­ge­samt zieht das Prie­ster­se­mi­nar von Fre­jus-Tou­lon im Ver­hält­nis die mei­sten Prie­ster­be­ru­fun­gen an. Am Semi­nar wur­den im ver­gan­ge­nen Stu­di­en­jahr 66 Semi­na­ri­sten aus­ge­bil­det. Bischof Rey för­der­te in der Ver­gan­gen­heit die Nie­der­las­sung oder Grün­dung neu­er Orden und Gemein­schaf­ten, dar­un­ter vor allem sol­che mit einem mis­sio­na­ri­schen und tra­di­tio­nel­len Cha­ris­ma. Die Aus­bil­dung am Diö­ze­san­se­mi­nar von Fre­jus-Tou­lon wird auch von Prie­stern der Tra­di­ti­on geschätzt.

27 Diö­ze­sen hat­ten 2017 mehr Semi­na­ri­sten als 2010. Nicht bei allen bedeu­tet das eine Trend­um­kehr, bei eini­gen aber schon. Nen­nens­wert war die Zunah­me vor allem in den Bis­tü­mern Lyon, Bayon­ne, Ren­nes, Mont­pel­lier, Meaux, Saint-Brieuc und Digne. Das Bis­tum Bayon­ne wird mit Msgr. Marc Ail­let eben­falls von einem tra­di­ti­ons­freund­li­chen Bischof gelei­tet, der der Prie­ster­ge­mein­schaft St. Mar­tin ange­hört.

Ins­ge­samt ist eine gene­rel­le Ver­la­ge­rung fest­stell­bar. Sie führt vom nach­kon­zi­lia­ren Geist weg und in abge­stuf­ter Wei­se hin zur Tra­di­ti­on.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Ripo­ste Catho­li­que

2 Kommentare

  1. Die sind sehr gute, wohl­tu­en­de Nach­rich­ten bei den son­sti­gen täg­li­chen Hiobs­bot­schaf­ten aus der Kir­che. Wie es unter den jet­zi­gen Umstän­den wei­ter­ge­hen wird, ist mathe­ma­tisch gut vor­her­seh­bar und macht Hoff­nung.
    Dan­ke an die Redak­ti­on.

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