New York Times vereinnahmt Papst Franziskus als „Anti-Trump“ — (Zustimmendes?) Schweigen im Vatikan

New York Times Ivereigh Franziskus Anti-Trump
New York Times vom 5. März 2017: Austen Ivereighs Artikel: "Ist der Papst der Anti-Trump?"

(Washing­ton) Die New York Times, das inter­na­tio­na­le Flagg­schiff des libe­ra­len Main­streams, setzt ihren Kurs fort, Papst Fran­zis­kus gegen US-Prä­si­dent Donald Trump in Stel­lung zu brin­gen. „Ist der Papst der Anti-Trump?“ frag­te die Tages­zei­tung in ihrer gest­ri­gen Sonn­tags­aus­ga­be.

New York Times, das Sprachrohr der Trump-Gegner

Man darf dar­aus schlie­ßen, daß die New York Times nicht ihre Hal­tung gegen­über dem Papst­tum oder der katho­li­schen Kir­che geän­dert hat. Was der­zeit viel­mehr geschieht, ist etwas ganz ande­res. Im Krieg (um nichts ande­res han­delt es sich) gegen den amtie­ren­den US-Prä­si­den­ten Donald Trump gibt es weder Skru­pel noch Zurück­hal­tung. Was auch immer Trump scha­den könn­te, wird von sei­nen Geg­nern auf­ge­grif­fen und ein­ge­setzt. Die New York Times ist in die­sem Krieg das Sprach­rohr die­ser Geg­ner.

Wenn also Papst Fran­zis­kus gegen US-Prä­si­dent Trump ein­ge­setzt wer­den kann, dann wird er von Trumps Geg­nern auch als sol­cher ein­ge­setzt, ohne Rück­sicht auf die katho­li­sche Kir­che.

In der gest­ri­gen Aus­ga­be der New York Times, in der Bei­la­ge Sunday Review – Ide­as, Opi­ni­on, News Ana­ly­sis brach­te der Bri­te Austen Ive­r­eigh Papst Fran­zis­kus gegen Donald Trump in Stel­lung.

Austen Ivereigh

Ive­r­eigh spiel­te im der­zei­ti­gen Pon­ti­fi­kat bereits eine gewis­se Rol­le. Der ehe­ma­li­ge Pres­se­spre­cher von Kar­di­nal Cor­mac Murphy‑O’Connor ver­öf­fent­lich­te Ende Novem­ber 2014 das Buch „The Gre­at Refor­mer: Fran­cis and the Making of a Radi­cal Pope“ (auf deutsch am ehe­sten und viel­sa­gend: Der gro­ße Refor­mer. Fran­zis­kus oder wie man einen radi­ka­len Papst instal­liert). Ive­r­eigh, der frü­her stell­ver­tre­ten­der Chef­re­dak­teur des moder­ni­sti­schen Wochen­blat­tes The Tablet war, macht in dem Buch kein Hehl aus sei­ner Begei­ste­rung für Papst Fran­zis­kus. Um so glaub­wür­di­ger ist sei­ne Ent­hül­lung aus erster Hand, daß vier Kar­di­nä­le die Wahl von Papst Fran­zis­kus ziel­stre­big vor­be­rei­tet und orga­ni­siert hät­ten. Ive­r­eigh nennt die vier Pur­pur­trä­ger Kas­per, Leh­mann, Dan­neels und Murphy‑O’Connor das Team Ber­go­glio. Der Pres­se­spre­cher eines der vier Akteu­re lie­fer­te meh­re­re Details zu den Abläu­fen hin­ter den Kulis­sen.

Am 22. Sep­tem­ber 2015 wur­de auf dem Koekel­berg bei Brüs­sel ein ande­res Buch vor­ge­stellt, eine Bio­gra­phie über God­fried Kar­di­nal Dan­neels, der selbst anwe­send war. Die bei­den Autoren, Karim Schel­kens und Jür­gen Met­te­pen­nin­gen, ent­hüll­ten die Exi­stenz eines Geheim­zir­kels in der katho­li­schen Kir­che, der 1996 zum ersten Mal zusam­men­trat und dem höch­ste Kir­chen­ver­tre­ter ange­hör­ten. Die­sem pro­gres­si­ven Geheim­zir­kel, „Grup­pe von Sankt Gal­len“ genannt, gehör­ten die Kar­di­nä­le des Team Ber­go­glio an. Das Team war im Zusam­men­hang mit dem Kon­kla­ve von 2013 das aus­füh­ren­de Organ der „Grup­pe von Sankt Gal­len“.

„Is the Pope the Opposition Party?“

Gestern macht Ive­r­eigh Papst Fran­zis­kus zum „Anti-Trump“. Der Unter­ti­tel ist nicht weni­ger deut­lich: „Is the Pope the Oppo­si­ti­on Par­ty?“ Die Fra­ge­zei­chen sind jour­na­li­sti­sche Rou­ti­ne, aber nicht als inhalt­li­che Abschwä­chung gemeint. Der Papst als per­so­ni­fi­zier­te Oppo­si­ti­on gegen den amtie­ren­den US-Prä­si­den­ten. Ive­r­eighs Arti­kel ist indi­rekt illu­striert mit einem Bild der schot­ti­schen Künst­le­rin Lyn­nie Z. (Zulu), das vier Chi­mä­ren zeigt: Mann, Frau, ver­schie­de­ner Ras­sen. Ist das Bild ein Teil der Bot­schaft?

Der Papst ist weder ein Trump noch ein Anti-Trump, sondern Stellvertreter Christi und Oberhaupt der katholischen Kirche.
Der Papst ist weder ein Trump noch ein Anti-Trump, son­dern Stell­ver­tre­ter Chri­sti und Ober­haupt der katho­li­schen Kir­che.

Den Auf­takt zur Sti­li­sie­rung von Papst Fran­zis­kus als inter­na­tio­na­ler Wider­part zu US-Prä­si­dent Trump lie­fer­te das Wall­street Jour­nal sin­ni­ger­wei­se am Hei­li­gen Abend. In der Aus­ga­be vom 24./25. Dezem­ber titel­te das füh­ren­de Wirt­schafts­blatt unter einem Bild von Papst Fran­zis­kus: „The Lea­der of The Glo­bal Left“ (Der Anfüh­rer der glo­ba­len Lin­ken), und das ganz ohne Fra­ge­zei­chen. In der Online-Aus­ga­be lau­te­te der Titel nicht min­der ein­deu­tig: „How Pope Fran­cis Beca­me the Lea­der of the Glo­bal Left“ (Wie Papst Fran­zis­kus der Anfüh­rer der glo­ba­len Lin­ke wur­de). Die Aus­sa­ge war nicht als Fra­ge, Mut­ma­ßung oder Even­tua­li­tät eines kom­men­den Ereig­nis­ses for­mu­liert, son­dern als eine Tat­sa­chen­fest­stel­lung. Der Vor­gang hat­te sich bereits voll­zo­gen.

Die For­mu­lie­rung gibt Auf­schluß dar­über, was zwi­schen den Mor­gen­stun­den des 9. Novem­ber 2016, als der Wahl­sieg von Donald Trump zur Gewiß­heit gewor­den war, und dem 22. Dezem­ber, dem Augen­blick als der Arti­kel Online ver­öf­fent­licht wur­de, gesche­hen war. Eine füh­rungs­lo­se Lin­ke hielt Aus­schau nach einem neu­en, sicht­ba­ren Anfüh­rer. Sie fand das Aus­hän­ge­schild in Papst Fran­zis­kus. Beob­ach­ter, die klas­si­sche poli­ti­sche Koor­di­na­ten gewohnt sind, schüt­teln seit­her ungläu­big den Kopf. Was haben das lin­ke US-Estab­lish­ment und das Ober­haupt der katho­li­schen Kir­che gemein­sam? Waren sich die­se bei­den Sei­ten nicht vor kur­zem noch spin­ne­feind, ja welt­an­schau­li­che Ant­ago­ni­sten schlecht­hin?

Oder ist Papst Fran­zis­kus das Opfer einer Ver­ein­nah­mung, die er gar nicht will und gut­heißt?

Skizze einer Annäherung

Die Fak­ten erlau­ben es nicht, im Stau­nen zu ver­har­ren. Seit dem März 2013 hat sich die Welt rapi­de ver­än­dert. Indi­zi­en deu­te­ten es an. Hin­ter den Kulis­sen fand eine Annä­he­rung unglaub­li­chen Aus­ma­ßes statt. Die Annä­he­rung betrifft den Papst, in der Per­son von Fran­zis­kus, und jenen maß­geb­li­chen Teil des Estab­lish­ments, der den Main­stream kon­trol­liert. Die Annä­he­rung erfolg­te in sol­cher Rapi­di­tät, daß man­che eine Ver­net­zung von Kar­di­nal Ber­go­glio mit die­sen Krei­sen bereits für die Zeit vor sei­ner Wahl anneh­men, was der­zeit aber Spe­ku­la­ti­on ist.

Das Jahr 2015 brach­te den Durch­bruch.

  • Im April 2015 war UNO-Gene­ral­se­kre­tär Ban Ki-moon Gast von Papst Fran­zis­kus und nahm an einer Tagung über den Kli­ma­wan­del teil. Das Ein­schwen­ken des Hei­li­gen Stuhls auf die UNO-Kli­ma­wan­del­po­li­tik mit der damit zusam­men­hän­gen­den Wirtschafts‑, Sozial‑, Migra­ti­ons- und Bevöl­ke­rungs­po­li­tik war damit bereits beschlos­se­ne Sache. Ban Ki-moon erklär­te damals, daß der Papst die UNO-Agen­da zum Kli­ma­wan­del unter­stützt. Dafür sprach er dem Papst ein „spi­ri­tu­el­le und mora­li­sche Lea­dership“ zu. Wört­lich sag­te der UNO-Gene­ral­se­kre­tär zum Dank über Fran­zis­kus: „Ich applau­die­re sei­ner Lea­dership“.
  • Im Sep­tem­ber 2015 besuch­te Fran­zis­kus die damals noch von Barack Oba­ma regier­ten USA und sprach vor dem in gemein­sa­mer Sit­zung ver­sam­mel­ten Kon­greß. Eines sol­ches Pri­vi­leg war zuvor kei­nem katho­li­schen Kir­chen­ober­haupt ein­ge­räumt wor­den. Bis Ronald Rea­gan unter­hiel­ten die USA nicht ein­mal diplo­ma­ti­sche Bezie­hun­gen mit dem Hei­li­gen Stuhl.
  • Im Rah­men des­sel­ben US-Besu­ches wur­de Papst Fran­zis­kus ein wei­te­res nie dage­we­se­nes Pri­vi­leg ein­ge­räumt. Er durf­te im Glas­pa­last der Ver­ein­ten Natio­nen in New York vor der UNO-Kon­fe­renz für nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung, auf der die Zie­le der Welt­po­li­tik für die kom­men­den 15 Jah­re beschlos­sen wur­den, als ein­zi­ger Red­ner auf­tre­ten und die Fest­an­spra­che hal­ten. Mit sei­ner mora­li­schen Auto­ri­tät als Papst erteil­te er den Post-Mill­en­ni­ums-Zie­len den „Segen“ der Kir­che. Papst Fran­zis­kus tat dies, ohne eine Kri­tik an umstrit­te­nen Ziel­de­fi­ni­tio­nen zu äußern, etwa der Abtrei­bung, gegen die sich sei­ne Vor­gän­ger Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. noch mas­siv gewehrt hat­ten.

Anerkennung als höchster Religionssprecher

In wie­weit es sich um einen tat­säch­li­chen Gleich­schritt in den Ideen han­delt oder um einen Teil­gleich­schritt, dem stra­te­gi­sche und tak­ti­sche Über­le­gun­gen zugrun­de lie­gen, läßt sich im Detail nicht genau sagen. Tat­sa­che ist der Gleich­schritt, Tat­sa­che ist, daß der Vati­kan sich nicht davon distan­ziert. Der Gleich­schritt ver­zeich­net nicht nur auf der Soll‑, son­dern auch auf der Haben­sei­te Ver­bu­chun­gen. Im Gegen­zug für das Mit­tra­gen der UNO-Agen­da wird Papst Fran­zis­kus als pri­mus inter pares und höch­ster Reli­gi­ons­spre­cher der Welt aner­kannt, wie die auf­ge­zeig­te pri­vi­le­gier­te Stel­lung ver­deut­licht. Daß gemäß dem Säku­la­ris­mus-Ver­ständ­nis der­sel­ben Krei­se Reli­gi­on eigent­lich kei­ne Rol­le spie­len soll­te, jeden­falls nicht im öffent­li­chen Raum, schon gar nicht in der Gesetz­ge­bung, gibt der statt­fin­den­den „Trans­for­ma­ti­on“ erst die eigent­li­che Dimen­si­on.

Der Wahl­sieg von Donald Trump ver­setz­te das lin­ke Estab­lish­ment in Unru­he. Es fühlt sich gede­mü­tigt und sinnt auf Rache. Es wird nichts unver­sucht gelas­sen wer­den, um Trump mög­lichst vor­zei­tig, spä­te­stens aber 2020, aus dem Amt zu jagen. Bis dahin soll er syste­ma­tisch vor der Welt­öf­fent­lich­keit lächer­lich gemacht und in sei­ner Amts­füh­rung behin­dert wer­den. Die­sen Part erfül­len die Mas­sen­me­di­en bis hin­un­ter zu den euro­päi­schen Pro­vinz­blät­tern und Gra­tis­zei­tun­gen mit erschrecken­der Uni­for­mi­tät. Wen wun­dert es da, wenn man­che Beob­ach­ter gehei­me Strip­pen­zie­her am Werk sehen, jene, die „im Dun­keln sit­zen“ und die Fäden der ver­öf­fent­lich­ten Mei­nung zie­hen.

Die bei­den Zwi­schen­ti­tel, die Ive­r­eigh in sei­nen Auf­satz ein­ge­baut hat, lie­fern die nöti­gen Schlag­wör­ter: „The world’s most famous popu­lists face off“ und „Fran­cis is a bridge maker in an age of wall buil­ding“.

Die New York Times ist nicht irgend­ein Blatt, son­dern die ein­fluß­reich­ste Tages­zei­tung der Welt. Den­noch erhob das Staats­se­kre­ta­ri­at des Vati­kans bis­her kei­nen Pro­test gegen die hoch­po­li­tisch-bri­san­te Ver­ein­nah­mung von Papst Fran­zis­kus. Dabei hat­te Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin erst am 22. Febru­ar mit­ge­teilt, das Image des Pap­stes schüt­zen und den „Gebrauch von Bil­dern des Pap­stes über­wa­chen“ zu wol­len. Gilt das nur, wenn in Rom eini­ge anony­me Pla­ka­te gegen die Amts­füh­rung des Pap­stes auf­tau­chen, aber nicht, wenn die unver­gleich­lich ein­fluß­rei­che­re New York Times den Papst ein­sei­tig als „Anti-Trump“ vor den Kar­ren einer durch­sich­ti­gen Kam­pa­gne spannt?

Eben­so­we­nig gab es gegen den Arti­kel eine Inter­ven­ti­on des Apo­sto­li­schen Nun­ti­us in den USA. Schon gar nicht gab es eine Rich­tig­stel­lung von Vati­kan­spre­cher Greg Bur­ke.

Inter­es­siert es den Vati­kan nicht, was die New York Times über den Papst schreibt? Oder hat die­ses Schwei­gen damit zu tun, daß es viel­leicht sogar stimmt, was die New York Times insi­nu­iert?

Der voll­stän­di­ge Arti­kel der New York TimesIs the Pope the Anti-Trump?“ vom 5. März 2017.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: New York Times (Screen­shots)

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1 Kommentar

  1. Wer die letz­ten Jah­re ein biß­chen auf­ge­passt und mit­ge­dacht hat sieht doch die Trennlinien,die jetzt gezo­gen wer­den.

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