Kardinal Kasper zu „Amoris laetitia“ und „Dubia“ — Einseitigkeit von Radio Vatikan

Kardinal Walter Kasper: "Amoris laetitia ist klar", es gibt "keinen Widerspruch" zum Lehramt von Johannes Paul II.
Kardinal Walter Kasper: "Amoris laetitia ist klar", es gibt "keinen Widerspruch" zum Lehramt von Johannes Paul II.

(Rom) Kar­di­nal Wal­ter Kas­per ver­tei­dig­te am Don­ners­tag in einem Inter­view der Deut­schen Sek­ti­on von Radio Vati­kan das umstrit­te­ne, nach­syn­oda­le Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia. Das ver­wun­dert wenig, da er an die­sem Doku­ment, das wie kein ande­res seit Mona­ten Ver­wir­rung in der Kir­che stif­tet, selbst Anteil hat. Der deut­sche Kar­di­nal kann sogar die „Vater­schaft“ dafür bean­spru­chen. Durch sei­ne Rede am 20. Febru­ar 2014 vor dem Kar­di­nals­kon­si­sto­ri­um, mit der ihn Papst Fran­zis­kus beauf­tragt hat­te, wur­de erst­mals offi­zi­ell die For­de­rung nach Zulas­sung wie­der­ver­hei­ra­te­ter Geschie­de­ner zu den Sakra­men­ten erho­ben und zum beherr­schen­den The­ma der Dop­pel-Bischofs­syn­ode über die Fami­lie.

Als der ursprüng­li­che Schluß­be­richt der Dop­pel-Syn­ode Ende Okto­ber 2015 von den Syn­oda­len abge­lehnt wur­de, muß­te in den letz­ten Syn­oden­stun­den fie­ber­haft nach einem Kom­pro­miß gesucht wer­den, um ein Schei­tern der Syn­ode zu ver­hin­dern, was als Nie­der­la­ge das Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus bela­stet hät­te.

Das Schluß­do­ku­ment sagt nicht Ja und nicht Nein zur Kom­mu­ni­on für wie­der­ver­hei­ra­tet Geschie­de­ne, was der Leh­re der Kir­che gemäß einem deut­li­chen Nein ent­spricht.

Wäh­rend Papst Fran­zis­kus sich in sei­ner Abschluß­re­de sicht­lich unzu­frie­den zeig­te über das Ergeb­nis, erhol­te sich Kas­per schnell von der Nie­der­la­ge. Die Tages­zei­tung Il Giorna­le ver­öf­fent­lich­te am 26. Okto­ber 2015 ein Inter­view mit dem deut­schen Pur­pur­trä­ger, der sich über den Syn­oden­aus­gang „sehr zufrie­den“ äußer­te.

„Wenn das Ergeb­nis der Syn­ode Kar­di­nal Kas­per zusagt, dann ist es Zeit, besorgt zu sein“, schrieb Secretum meum mihi damals.

Kar­di­nal Kas­per erkann­te sofort die Mög­lich­keit, die sich aus dem „neu­tra­len“ Text ergab. Die Tat­sa­che, daß die kirch­li­che Leh­re über die Unauf­lös­lich­keit der Ehe, über Schei­dung und Zweit­ehe nicht expli­zit wie­der­holt wur­de, nütz­te er bereits am Tag der Schluß­sit­zung für sei­ne Inter­pre­ta­ti­on. Es war eine Fra­ge der Zeit, wer den Wett­lauf um die Inter­pre­ta­ti­on die­ser „Neu­tra­li­tät“ gewin­nen wür­de. Wört­lich sag­te er im Inter­view, das am Sonn­tag ver­öf­fent­licht, dem Tag, an dem der Papst mit den Syn­oda­len die Schluß­mes­se fei­er­te:

„Ich bin zufrie­den, die Tür zur Mög­lich­keit den wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen die Kom­mu­ni­on zu gewäh­ren, hat sich auf­ge­tan. Es gibt eine gewis­se Öff­nung, aber man spricht noch nicht über die Kon­se­quen­zen. Jetzt liegt alles in den Hän­den des Pap­stes, der ent­schei­det. Die Syn­ode hat Emp­feh­lun­gen abge­ge­ben. Es hat eine Öff­nung gege­ben, aber die Ange­le­gen­heit ist noch nicht ganz gelöst und ist noch wei­ter zu ver­tie­fen.“

„Jetzt liegt alles in den Hän­den des Pap­stes, der ent­schei­det“, so Kas­per. Mit ande­ren Wor­ten: Die Syn­ode habe dem Papst nicht die Hän­de gebun­den, die „Kas­per-The­se“ doch umzu­set­zen.

Das Kas­per-Inter­view von Radio Vati­kan ver­rät an sich nichts Neu­es. Es bestä­tigt jedoch die ein­sei­ti­ge Par­tei­nah­me der vati­ka­ni­schen Medi­en. Ein ver­gleich­ba­res Inter­view mit einem der vier Unter­zeich­ner der Dubia (Zwei­fel) oder ande­ren Beden­ken­trä­gern fand bis­her nicht statt.

Kar­di­nal Kas­per stellt sich hin­ter „sei­ne Krea­ti­on“ Amo­ris lae­ti­tia, spricht den vier Kar­di­nä­len Brand­mül­ler, Bur­ke, Caf­farra und Meis­ner aber nicht das Recht ab, dem Papst ihre Zwei­fel vor­zu­le­gen und Fra­gen zu stel­len. Ande­re enge Ver­trau­te des Pap­stes hat­ten das getan. Kas­per übte den­noch Kri­tik an den vier Mit­brü­dern im Kar­di­nals­kol­le­gi­um, wenn er in Fra­ge stellt, ob es „eine gute Idee“ war, die Fra­gen öffent­lich zu stel­len.

Dabei weiß Kas­per natür­lich, daß die Fra­gen ver­trau­lich gestellt wur­den. Öffent­lich gemacht wur­den sie erst nach zwei Mona­ten, weil Papst Fran­zis­kus die Fra­gen igno­rier­te und noch immer eine Beant­wor­tung ver­wei­gert. Auf die­sen Punkt geht Kas­per nicht ein. Die intel­lek­tu­el­le Red­lich­keit scheint es ihm zu ver­bie­ten, so weit zu gehen, und die­ses Schwei­gen des Pap­stes zu ver­tei­di­gen. Er ver­tei­digt das Kir­chen­ober­haupt, das sei­ne Wahl maß­geb­lich dem deut­schen Kar­di­nal ver­dankt, und der umge­kehrt dem Papst die Gele­gen­heit ver­dankt, Schei­dung und Zweit­ehe zum The­ma in der Kir­che gemacht haben zu kön­nen, indem er betont, daß in Amo­ris lae­ti­tia alles „klar“ sei und es „kei­nen Wider­spruch“ zum Lehr­amt von Papst Johan­nes Paul II. gebe. Genau das wird von den Kri­ti­kern vehe­ment bestrit­ten.

„Natür­lich kann jeder dem Papst Zwei­fel und Fra­gen vor­le­gen – jeder Kar­di­nal kann das tun. Ob das eine gute Idee war, das öffent­lich zu machen, ist eine ganz ande­re Fra­ge, das wür­de ich bezwei­feln. Mei­ner Mei­nung nach ist das Apo­sto­li­sche Schrei­ben klar; es gibt ja nach­träg­lich auch Erklä­run­gen des Pap­stes sel­ber, etwa den Brief an die argen­ti­ni­schen Bischö­fe, oder auch Erklä­run­gen des Kar­di­nal­vi­kars von Rom. Dort wird klar­ge­macht, was der Papst meint und wie er es ver­steht. Es haben ande­re gezeigt, dass da kein Wider­spruch zu den Aus­sa­gen von Johan­nes Paul II. besteht, son­dern eine homo­ge­ne Ent­wick­lung. Das ist mei­ne Posi­ti­on, so sehe ich das. Inso­fern bestehen für mich die­se dubia, die­se Zwei­fel nicht.“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Radio Vati­kan

11 Kommentare

  1. Wann erhal­ten die Kar­di­nä­le, die dem Papst die Dubia vor­ge­legt haben, die Gele­gen­heit, ihre Posi­ti­on dar­zu­le­gen? Das soll­ten wir Radio Vati­kan fra­gen. — Und noch eine Fra­ge: Legt der jet­zi­ge Papst auch genau die The­men fest, über die Radio Vati­kan berich­tet?

  2. P.S.: Da Radio Vati­kan die­ses Foto von Kas­per aus­ge­wählt hat, kön­nen sei­ne Anhän­ger nicht erklä­ren, dass Kas­per durch ein beson­ders unglück­li­ches Foto dis­kre­di­tiert wer­den soll­te.

  3. Papst Fran­zis­kus steckt wirk­lich in einem Dilem­ma. Daher hat er sich vor­erst ent­schie­den, zu den Dubia zu schwei­gen. Wür­de er die Leh­re der Kir­che, die Jesu Leh­re ist, bekräf­ti­gen, wür­de er in den Rücken jener Moder­ni­sten fal­len, die ihn zwecks Durch­füh­rung von Refor­men gewählt haben. Andern­falls müss­te er sich gegen die Leh­re der Kir­che zur Ehe und Fami­lie stel­len und die ein­schlä­gi­gen Sakra­men­te rela­ti­vie­ren, womit er sich wohl der for­mel­len Häre­sie schul­dig machen und damit die Gefahr der Spal­tung der römisch-katho­li­schen Kir­che her­auf­be­schwö­ren wür­de. Doch Schwei­gen beschä­digt ihn und sein Amt. Daher möge er sich noch ein­mal an das erin­nern, was auch ihn im Som­mer 2015 in wesent­lich aus­führ­li­che­rer Form dar­ge­legt wor­den ist.

    Es geht im Kern um die Glaub­wür­dig­keit und Ver­bind­lich­keit der in den Evan­ge­li­en über­lie­fer­ten Wor­te Jesu und damit um die Fra­ge, wel­ches Offen­ba­rungs­ge­wicht sie in der heu­ti­gen Zeit noch haben – ange­sichts der Ergeb­nis­se der evan­ge­lisch-luthe­ri­schen Leben-Jesu-For­schung, wel­che die Echt­heit fast aller Wor­te Jesu bestrei­tet.
    Was auf dem Spiel steht, zeigt ein Bei­trag von Prof. Regi­na Polak im Pfarr­blatt der Wie­ner Dom­pfar­re, der unter der Über­schrift „Mensch­wer­dung Got­tes als Häre­sie“ die Autorin mit fol­gen­dem Satz zitiert: „Die Vor­stel­lung von der ‚Mensch­wer­dung‘ Got­tes ist eine Häre­sie – ein ande­rer als der biblisch bezeug­te Glau­be. Weder im Alten noch im Neu­en Testa­ment ist davon die Rede, dass Gott Mensch gewor­den ist.“
    Dar­auf hat der Kom­men­ta­tor Spi­no­za unter dem Begriff „Mytho­lo­gie“ Frau Pro­fes­sor zu ver­tei­di­gen ver­sucht und unge­wollt die Sache ver­schlim­mert, als er sag­te: „Biblisch ist die Mensch­wer­dung kein Feh­ler. Sie ist Inhalt des NT. Vor­bild der Evan­ge­li­sten genann­ten. Autoren­grup­pen sind aber ori­en­ta­lisch-hel­le­ni­sti­sche Myh­ten. Die­se und ihre Leh­re über­tra­gen sie auf die histo­risch nicht beleg­ba­re Figur Jesu. Vor­bild für die­se Figur mögen ein oder meh­re­re jüdi­sche Wan­der­pre­di­ger gewe­sen sein. Allein die im NT dar­ge­stell­te Her­kunft Jesu schließt ihn jedoch als jüdi­schen Mes­si­as aus. Die­ser ist rein mensch­lich und muß einen leib­li­chen Vater haben, der von David und Salo­mon abstammt“ (Kath.net, am 23 Dezem­ber 2016 um 10:30)
    Das ist die Bibel­ex­ege­se eines klas­si­schen Spät­da­tie­rers, der 20 der 27 Schrif­ten des NT hel­le­ni­sti­schen Autoren aus einer Zeit nach der Tem­pel­zer­stö­rung (70) zuord­net, wie die unten fol­gen­de Zeit­ta­fel aus­weist.

    Von der Rich­tig­keit die­ser Spät­da­tie­rung geht auch Wal­ter Kar­di­nal Kas­per aus, wonach zur Fest­stel­lung der jeweils gül­ti­gen Wahr­heit die Ori­en­tie­rung am jewei­li­gen Zeit­geist oder den Zei­chen der Zeit erfol­gen und immer wie­der am „Glau­bens­sinn“ oder zumin­dest an der Glau­bens­pra­xis und nach Bischof Bode ersatz­wei­se auch an den jewei­li­gen Lebens­rea­li­tä­ten gemes­sen und nöti­gen­falls neu defi­niert wer­den muss Es gehe heu­te nicht dar­um, eine schein­bar ewig gül­ti­ge Wahr­heit gegen eine über­hol­te, weil nicht mehr leb­ba­re Leh­re der Kir­che zu ver­tei­di­gen, viel­mehr müss­ten die über­lie­fer­ten, höchst unsi­che­ren und damit unver­bind­li­chen Wor­te Jesu an die jewei­li­gen Lebens­rea­li­tä­ten der Men­schen ange­passt wer­den, ein Vor­gang, der bei Bedarf jeder­zeit wie­der­hol­bar sei. Auf­ga­be der Kir­che sei es, den Men­schen zu hel­fen, die für sie jeweils gül­ti­ge Wahr­heit zu fin­den. Im Ein­zel­fall sei es legi­tim, der momen­ta­nen Leh­re der Kir­che zu wider­spre­chen, da sich Dog­men ent­wickeln wür­den. Neben Schrift und Tra­di­ti­on müs­se eben auch die kon­kre­te Rea­li­tät der Men­schen als Quel­le theo­lo­gi­scher Erkennt­nis aner­kannt wer­den. Da heut­zu­ta­ge wie am Ende des 1. Jhdts. Glau­bens­wirk­lich­keit und Glau­bens­leh­re stark aus­ein­an­der­klaff­ten, müss­te ana­log zu jener Zeit die Leh­re den Ver­hält­nis­sen ange­passt wer­den.
    Die­se Auf­fas­sun­gen Kar­di­nal Kas­pers haben sich im Früh­jahr 2015 in Hil­des­heim 2/3 der deut­schen Bischö­fe zu Eigen gemacht.
    Was ist aber von deren Wahr­heits­ge­halt zu hal­ten?
    Die Zeit­ta­fel des evang.-luth. Spät­da­tie­rers Edu­ard Loh­se (1991)gibt Ant­wort:

    Schrift Ver­fas­ser
    um 50: 1. Brief an die Tes­sa­lo­ni­ker Pau­lus
    53–55: Brief an die Gala­ter Pau­lus
    um 55: 1. Brief an die Korin­ther Pau­lus
    um 55: Brief an die Phil­ip­per Pau­lus
    um 55: Brief an Phi­le­mon Pau­lus
    um 55: 2. Brief an die Korin­ther Pau­lus
    um 55: Brief an die Römer Pau­lus
    um 70: Evan­ge­li­um nach Mar­kus unbe­kannt
    um 80: Brief an die Kolos­ser unbe­kannt
    80–90: Brief an die Hebrä­er unbe­kannt
    um 90 Evan­ge­li­um nach Mat­thä­us unbe­kannt
    um 90: Evan­ge­li­um nach Lukas unbe­kannt
    vor 100: Apo­stel­ge­schich­te unbe­kannt
    vor 100: Offen­ba­rung des Johan­nes unbe­kannt
    vor 100: Brief an die Ephe­ser unbe­kannt
    vor 100: 2. Brief an die Tes­sa­lo­ni­ker unbe­kannt
    vor 100: 1. Petrus-Brief unbe­kannt
    vor 100: Jako­bus-Brief unbe­kannt
    um 100: Evan­ge­li­um nach Johan­nes unbe­kannt
    Anf. 2.Jhdt.: 1., 2. Brief an Tim unbe­kannt
    Anf. 2.Jhdt.: 1.,2.,3. Johan­nes-Brief unbe­kannt
    Anf. 2.Jhdt.: Brief an Titus unbe­kannt
    Anf. 2.Jhdt.: Judas-Brief: unbe­kannt
    Mit­te 2.Jhdt.: 2. Petrus-Brief unbe­kannt

    Schon ein kur­zer Blick auf die Zeit­ta­fel des Pro­te­stan­ten Edu­ard Loh­se (Die Ent­ste­hung des Neu­en Testa­men­tes, 1991, 5.Auflage) lässt den refor­ma­to­ri­schen Ansatz der Spät­da­tie­rung erken­nen: Die sie­ben, zwi­schen 50 und 62 datier­ba­ren und als echt dekla­rier­ba­ren Pau­lus­brie­fe, davon fünf mit Bezug zur pau­li­ni­schen Recht­fer­ti­gungs­leh­re, sol­len als ein­zig siche­re Grund­la­ge des christ­li­chen Glau­bens übrig blei­ben. Nach Auf­fas­sung der Spät­da­tie­rer sind sie älter als alle Evan­ge­li­en und alle ande­ren Schrif­ten des NT. Was Pau­lus nicht kennt, wird als Grund­la­ge des Glau­bens der Kir­che für frag­wür­dig gehal­ten. Auf die­se Wei­se lässt sich alles bezwei­feln, was nicht ins refor­ma­to­ri­sche oder neu­er­dings auch nicht ins pro­gres­si­sti­sche Denk­mu­ster passt. Die Hypo­the­se, dass die Evan­ge­li­en, von Men­schen­hand ver­fasst, erst nach der Tem­pel­zer­stö­rung 70 durch hel­le­ni­sti­sche Gemein­de­theo­lo­gen ent­stan­den sind, also vier­zig bis sieb­zig Jah­re nach dem Tod Jesu, beruht im wesent­li­chen auf dem pro­te­stan­ti­schen Wil­len, das heu­ti­ge Chri­sten­tum in Pau­lus zu ver­an­kern und nicht in der Leh­re Jesu Chri­sti, wie sie von den apo­sto­li­schen Augen- und Ohren­zeu­gen schon früh im Neu­en Testa­ment über­lie­fert wor­den und in der inspi­rier­ten Tra­di­ti­on der Kir­che ver­tieft und im römi­schen Lehr­amt nie­der­ge­legt wor­den ist.

    Fak­tisch behaup­ten also die histo­risch-kri­ti­schen Spät­da­tie­rer, dass erst nach der Tem­pel­zer­stö­rung zwi­schen 70 und 100 münd­lich umher­ir­ren­des, dabei bereits ver­än­der­tes Jesus­ma­te­ri­al von unbe­kann­ten Ver­fas­sern, zu unbe­kann­ten Zei­ten, unter fal­schen Namen, in unbe­kann­ten Gemein­den, unab­hän­gig von­ein­an­der gesam­melt, geord­net, erwei­tert, zum Teil aus dem Alten Testa­ment her­aus­ge­spon­nen, mytho­lo­gisch über­formt, an den Zeit­geist ange­passt und end­lich zu vier Evan­ge­li­en ver­schrif­tet wor­den ist, in Gesell­schaft mit wei­te­ren 16 Schrif­ten eben­so unbe­kann­ter Her­kunft, alles geschrie­ben von Gemein­de­theo­lo­gen, die nie­mand gese­hen und gekannt hat und die unre­flek­tiert von Juden und Hei­den, auf­ge­taucht und wie­der spur­los im Dun­kel der Geschich­te ver­schwun­den sind.
    Berech­net man die mathe­ma­ti­sche Wahr­schein­lich­keit des gleich­zei­ti­gen Ein­tref­fens all die­ser Fak­to­ren zwi­schen den Jah­ren 70 und 100, so erhält man einen Wert von 1:1000000000 (in Wor­ten: eins zu 1 Mil­li­ar­de). Das heißt: Wenn die Spät­da­tie­rung der Evan­ge­li­en nur zu einem Mil­li­ard­stel rich­tig sein kann, muss die histo­risch-kri­ti­sche Hypo­the­se von der Spät­da­tie­rung nach mensch­li­chem Ermes­sen falsch sein und damit alles, was aus ihr abge­lei­tet wird.
    Damit ist mit einer an Sicher­heit gren­zen­den Wahr­schein­lich­keit alles falsch, was Kar­di­nal Kas­per an rela­ti­vi­sti­schen Reform­vor­schlä­gen aus der fal­schen Spät­da­tie­rung auf­be­rei­tet hat. Rich­tig bleibt, dass die von Jesus Chri­stus geof­fen­bar­te und in den Evan­ge­li­en apo­sto­lisch bezeug­te Wahr­heit Got­tes in mensch­li­cher Spra­che, gesi­chert im geist­ge­lei­te­ten Lehr­amt der Kir­che, eben nicht aus jeder­zeit rela­ti­vier­ba­ren Wor­ten von Men­schen­wor­ten besteht, son­dern nach wie vor auch für die Kir­che von heu­te unre­la­ti­vier­ba­re Ver­bind­lich­keit besitzt.

    Schwer wiegt im syn­oda­len Zusam­men­hang die Bezweif­lung der Histo­ri­zi­tät der Wor­te Jesu zu Ehe, Ehe­bruch und Ehe­schei­dung. Die Beant­wor­tung der Fra­ge nach der Zulas­sung von Wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen zur hei­li­gen Kom­mu­ni­on hing in der Dop­pel­syn­ode 14/15 davon ab, ob sich schluss­end­lich Papst Fran­zis­kus und die Pro­gres­si­sten im Gefol­ge von Kar­di­nal Kas­per durch­set­zen wür­den, wel­che bereit waren, die Evan­ge­li­en „von Men­schen­hand“ zugun­sten einer gewis­sen Barm­her­zig­keits­pa­sto­ral zu rela­ti­vie­ren — oder nicht — oder nicht ganz. Das Ergeb­nis ist Amo­re Lae­ti­tia.

    Die neue Fra­ge lau­tet, ob sich die vier Kar­di­nä­le und vie­le wei­te­re Zweif­ler an Amo­ris Lae­ti­tia mit Kar­di­nal Bur­ke an der Spit­ze durch­set­zen wer­den, dem schwei­gen­den Papst das Bekennt­nis zu der in den apo­sto­li­schen Schrif­ten und in der Tra­di­ti­on der Kir­che über­lie­fer­ten gött­li­chen Wahr­heit unge­schmä­lert abzu­rin­gen und ihn im Gehor­sam gegen­über dem Wort Got­tes zu bewe­gen, an der kirch­li­chen Ehe­leh­re fest­zu­hal­ten, wie sie im Apo­sto­li­schen Schrei­ben „Fami­lia­ris Con­sor­tio“ (1981) von Papst Johan­nes Pauls II. dar­ge­stellt und ver­bind­lich ent­schie­den wor­den ist — oder nicht. Die Beant­wor­tung der Dubia jeden­falls bleibt Papst Fran­zis­kus nicht erspart.
    Eine geseg­ne­te Weih­nacht!

    • Ihr Kom­men­tar ist aus­ge­spro­chen auf­schluss­reich. Zugleich lässt er mich aber erschau­dern. Es war mir schon klar, dass sich die in Amo­ris Lae­ti­tia for­mu­lier­ten Posi­tio­nen nur hal­ten las­sen, wenn die Wor­te der Schrift aus­ge­spro­chen „krea­tiv aus­ge­legt“ wür­den. So wie ich Ihren Kom­men­tar ver­ste­he, dro­hen die Moder­ni­sten aber die Wahr­heit der Schrift prin­zi­pi­ell infra­ge zu stel­len. Das ist unfass­bar. — Dem „Solo Scrip­tu­ra“ begeg­nen die Moder­ni­sie­rer jetzt mit einem „Con­tra Scrip­turam“ oder besten­falls mit einem „Negle­gens Scrip­tu­rae“? — Dass die­se Ori­en­tie­rung an dem Zeit­geist, dass die­ser Rela­ti­vis­mus das Den­ken hoher Wür­den­trä­ger — und offen­sicht­lich auch ihres höch­sten Wür­den­trä­gers — bestimmt, kann ich immer noch nicht fas­sen.

    • Dan­ke lie­ber Sophie! Ihr Bei­trag soll­te Papst und Kar­di­nals­kol­le­gi­um laut vor­ge­le­sen wer­den und als Resul­tat die­sen amo­ris lae­ti­t­i­ta Unsinn dahin wer­fen wohin er gehört näm­lich in den näch­sten Muell­schlucker!
      Fro­he Weih­nach­ten

  4. Herz­li­chen Dank @Sophus für die­se zusam­men­fas­sen­de Dar­stel­lung der theo­lo­gi­schen Grund­la­gen Kas­per­schen Den­kens. Ich fra­ge mich dabei, den­ken die­se Theo­lo­gen Ihre The­sen nicht bis zu Ende? Stellt sich nie­mand die Fra­ge, was von Kir­che und Glau­be noch übrig bleibt, wenn die­se Auf­fas­sun­gen All­ge­mein­gül­tig­keit in Leh­re nd Pra­xis der Kir­che erlang­ten!? Sind die­se Theo­lo­gen nur Gefan­ge­ne ihres Gedan­ken­kä­figs oder wol­len sie bewusst Kir­che und Glau­be zer­stö­ren und das Chri­sten­tum in sei­ner Exi­stenz ver­nich­ten? Denn auf nichts ande­res läuft die­se Belie­big­keits­theo­lo­gie mit tem­po­rä­rer Gül­tig­keit aller Glau­bens­leh­ren und ‑voll­zü­ge hin­aus. Die­se Theo­lo­gie bricht mit der 2000jährigen Tra­di­ti­on christ­li­chen Glau­bens radi­kal und setzt an ihre Stel­le ein Gedan­ken­kon­strukt, dass von Jesus und katho­li­scher Kir­che nichts mehr übrig lässt. Wahn­sinn!

  5. Wenn ein Kar­di­nal Kas­per mir sagen wür­de „dort ist Chri­stus“ dann wür­de ich ihm sagen „dort war ich schon und habe nur ein gro­ßes Loch gefun­den“. Wei­ter wür­de ich ihm sagen das ich ihn noch nicht­mals als ein Navi­ga­ti­ons­sy­stem in mein Auto ein­bau­en wür­de weil die Ver­si­che­rung mir gro­be Fahr­läs­sig­keit vor­wer­fen wür­de.
    Per Mari­am ad Chri­stum.

  6. @ Kar­di­nal Wal­ter Kas­par

    Excel­lenz,
    Wür­den Sie uns bit­te die Ant­wor­ten auf die 5 Fra­gen geben, die die 4 Kar­di­nä­le gestellt hat­ten und auch Papst Fran­zis­kus bit­ten, das zu tun? Nach Ihrer Aus­sa­ge steht Amo­ris Lae­ti­tia ja nicht im Wider­spruch zur Leh­re der Kir­che, die Fra­gen schei­nen also sehr leicht zu beant­wor­ten zu sein. Sie sind ja auch so for­mu­liert, dass ein kla­res Ja oder Nein als Ant­wort genügt. Offen­sicht­lich ist es jedoch so, dass die­se 4 Kar­di­nä­le — und mit ihnen eine Rei­he von Gläu­bi­gen — ent­we­der das Schrei­ben des der­zei­ti­gen Pap­stes oder die Doku­men­te frü­he­rer Päp­ste nicht rich­tig ver­stan­den haben.
    Bit­te besei­ti­gen Sie die Miss­ver­ständ­nis­se und machen Sie die­sem unwür­di­gen Schau­spiel ein Ende, indem Sie die­se 5 Wör­ter sagen — so wie es ja auch in der Hl. Schrift gefor­dert ist: unser Ja soll ein Ja sein und unser Nein ein Nein.

    Ein herz­li­ches Vergelt’s Gott und Got­tes Segen!

    Kana­di­er

  7. Die Reak­ti­on Kar­di­nal Kas­pers auf AL und ins­be­son­de­re auf die Fra­gen der vier Kar­di­nä­le zei­gen sehr deut­lich, wie weit sich die­ser von Katho­li­zi­tät ent­fernt hat. Daher mei­det Kar­di­nal Kas­per und sei­ne Mit­strei­ter jede inhalt­lich Aus­ein­an­der­set­zung mit den Fra­gen der vier Kar­di­nä­le und belässt es statt des­sen bei rein per­sön­li­chen Attacken.

    Klar ist in der Tat, dass Kar­di­nal Kas­per ein­deu­tig häre­ti­sche Posi­tio­nen in der Kir­che durch­set­zen möch­te, was ihm und sei­nen Mit­strei­tern nicht gelin­gen wird. Offen­bar hat man im Umfeld des Pap­stes die Glau­bens­treue vie­ler Kar­di­nä­le unter­schätzt und gedacht, mit einem trick­reich ver­schlei­ern­den Doku­ment die kirch­li­che Leh­re klamm­heim­lich ver­fäl­schen zu kön­nen.

    Der Papst mag wet­tern wie er will, er ist im Unrecht und er weiß das sehr genau, hier hilft auch kei­ne jesui­ti­sche Geschmei­dig­keit.

    Schlimm, dass der Papst durch sein Schwei­gen eine Kri­se in der Kir­che her­auf­be­schwört. Sei­ne „Bera­ter“ hät­ten ihn im Vor­feld von AL genau vor einer sol­chen Ent­wick­lung war­nen müs­sen, haben es ent­we­der nicht getan oder sind nicht gehört wor­den.

    Wie dem auch sei, so kann es nicht wei­ter gehen.

  8. Die Situa­ti­on ist wohl „real­po­li­ti­scher Natur“. Man steht vor dem Dilem­ma, daß schon bald jede 2.Ehe geschie­den sein wird. Was dabei schwer wiegt ist, dass dies vor allem (auch) bei unse­ren ober­sten Eli­ten der Fall ist. D.h. wir haben es heut­zu­ta­ge nicht mehr nur mit einem Hein­rich VIII zu tun. Es ist sicher­lich kein Zufall, daß beson­ders die deut­schen Kar­di­nä­le und Wür­den­trä­ger hier mit feder­füh­rend sind. Die Situa­ti­on von geschie­de­nen Staats­ober­häup­tern, die gemäss Leh­re der Kir­che in „hart­näcki­ger Sün­de“ leben, kann die­sen nicht gefal­len. Wer den Cha­rak­ter die­ser Leu­te kennt, weiss, dass sie mas­siv ihre Macht spie­len las­sen, um die­se Situa­ti­on nach­drück­lich zu ändern. Dass die Betref­fen­den man­gels Urteils­ver­mö­gen auch poli­ti­sche Kata­stro­phen ver­ant­wor­ten, ohne es sich selbst ein­zu­ge­ste­hen, kann dabei nicht mehr wirk­lich wundern…Die per­sön­li­che Situa­ti­on über­trägt sich wesen­haft genau­so auf die Art der Füh­rung ihrer Amts­ge­schäf­te. Das ist wohl der wun­de Punkt.

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