Im Schatten des Gracchus – Historischer Roman mit theologischer Tiefe

"Im Schatten des Gracchus", der Roman über die Freimaurerei, der mehr ist als ein Roman
"Im Schatten des Gracchus", der Roman über die Freimaurerei, der mehr ist als ein Roman

Buch­be­spre­chung von Wolf­ram Schrems*

Es ist mir eine beson­de­re Freu­de, in die­sem Forum eine äußerst ori­gi­nel­le öster­rei­chi­sche Neu­erschei­nung vorzustellen.

Ganz bestimmt wer­den damit kei­ne Eulen nach Athen getragen.

Es geht um das aktu­el­le Werk eines (unter Pseud­onym schrei­ben­den) Autors, der tief im frei­heit­li­chen Lager ver­wur­zelt und dem Ver­neh­men nach ein aus­ge­zeich­ne­ter Jurist ist.

Worum geht es?

Die Hand­lung spielt im Jahr 1811. Ein anonym blei­ben­der öster­rei­chi­scher Leut­nant wird von Baron Fried­rich von Gentz (1764 – 1832), dem Ver­trau­ten von Außen­mi­ni­ster Fürst Met­ter­nich (1773 – 1859), mit einer Recher­che betraut, die eine von Frank­reich aus­ge­hen­de „län­der- und genera­tio­nen­über­grei­fen­de Ver­schwö­rung“ auf­decken soll. Im Jahr 1795 hat­te eine Grup­pe von Fana­ti­kern der „Gleich­heit“ bzw. „mes­sia­ni­schen Sozia­li­sten“ einen Putsch gegen das „Direk­to­ri­um“ und die neue Ver­fas­sung geplant.

Die­se Grup­pe der soge­nann­ten „Glei­chen“ ver­stand Direk­to­ri­um und neue Ver­fas­sung als Ver­rat an den ursprüng­li­chen Absich­ten der Revo­lu­ti­on von 1789 und der Ver­fas­sung von 1793.

Der Putsch­ver­such wird jedoch ver­ra­ten und zwei der Ange­klag­ten, Fran­çois Noël Babeuf, genannt „Grac­chus“, und Augu­stin Alex­andre Darthé, wer­den in Ven­dô­me auf der Guil­lo­ti­ne hingerichtet.

Met­ter­nich möch­te ange­sichts der pre­kä­ren Lage Öster­reichs erhe­ben las­sen, ob gut fünf­zehn Jah­re spä­ter wei­ter­hin kon­spi­ra­ti­ve Krei­se exi­stie­ren. Besag­ter Leut­nant soll nun die Orga­ni­sa­ti­ons­form, die Ideo­lo­gie und die all­fäl­li­gen Nach­fol­ger der ega­li­tä­ren Kon­spi­ra­ti­on an Ort und Stel­le untersuchen.

Da der Leut­nant auf­grund sei­ner elsäs­si­schen Mut­ter per­fekt fran­zö­sisch spricht, ist er für die­sen Auf­trag gera­de­zu prädestiniert.

Die Gegen­sei­te schläft jedoch nicht. Auf­grund eines Zufalls ent­geht der Leut­nant einem Brand­an­schlag auf sei­ne Woh­nung. Er muß fest­stel­len, daß er obser­viert wird.

Schließ­lich reist er mit einer öster­rei­chi­schen Dele­ga­ti­on zur Tau­fe des Soh­nes von Maria-Loui­se und Napo­le­on, setzt sich aber in Straß­burg von der Grup­pe ab. In Vendà´me fin­det er die Spur Babeufs, in Paris den Logen­raum der „Glei­chen“ und die „Zehn Gebo­te der höl­li­schen Armee“.

Trotz guter Tar­nung erregt er Verdacht.

Nach einer spek­ta­ku­lä­ren Flucht lan­det er bei den katho­li­schen Wider­stands­kämp­fern in Spa­ni­en. Die­se set­zen sich mit bri­ti­scher Hil­fe in einem regel­rech­ten „Kreuz­zug“ gegen die dia­bo­li­sche Aggres­si­on Napo­le­ons zur Wehr.

Den Schluß bil­det die Aus­wer­tung des Mate­ri­als mit Gentz.

Ein äußerst ori­gi­nel­ler Epi­log the­ma­ti­siert das Wei­ter­le­ben der Kon­spi­ra­ti­on bei Marx, Trotz­ki, Lenin und Marcuse.

Darstellungskraft, Gedankenschärfe, Empathie

Im Schatten des Gracchus
Im Schat­ten des Gracchus

Der Autor hat die Gabe, eine Hand­lung span­nend und ideen­reich dar­zu­stel­len: Dra­ma­ti­sche Höhe­punk­te sind die Suche nach der unter­ir­di­schen Loge und die Flucht vom Schiff.

Er hat auch die Gabe, grund­sätz­li­che, rechts- und geschichts­phi­lo­so­phi­sche Über­le­gun­gen prä­zi­se und ver­ständ­lich darzulegen.

Inhalt­lich sym­pa­thi­siert er offen­sicht­lich mit den anti-uto­pi­schen und anti-tota­li­tä­ren Über­zeu­gun­gen von Fried­rich von Gentz:

„Aber den­noch bin ich über­zeugt, daß die Idee, alle Staa­ten zu einem ein­zi­gen zusam­men­zu­fas­sen, kei­nen Frie­den brin­gen wür­de. (…) Ein sol­cher Welt­staat wür­de mehr Unglück stif­ten als alle Krie­ge, denen er ein Ende machen soll­te“ (39).

Der Autor denkt sich gut in sei­ne Cha­rak­te­re hin­ein. Beson­ders gelun­gen ist das fik­ti­ve Tage­buch des Ver­schwö­rers Babeuf vul­go „Grac­chus“:

„Die Zer­stö­rung der Kir­chen und Fried­hö­fe, die Ent­haup­tung der Gesalb­ten, die Ent­eig­nung des Kir­chen­ver­mö­gens, der Repu­bli­ka­ni­sche Kalen­der, die Ent­wei­hung Not­re-Dames zur Kathe­dra­le der Ver­nunft, die Ver­trei­bung der Pfaf­fen, die nicht bereit waren, Rom abzu­schwö­ren und einen neu­en Eid auf unse­re Ver­fas­sung abzu­le­gen – das alles wäre sinn­los gewe­sen, hät­ten wir den Men­schen nicht eine neue Reli­gi­on gezeigt: die Idee des Höch­sten Wesens, in dem die See­le der Ver­nunft ewig lebt“ (91).

Auch der Staats­an­walt kommt pla­stisch zu Wort:

„,[Der] Punkt ist doch der, daß Sie schlicht und ein­fach ein habi­tu­el­ler Ver­bre­cher sind. Ein Ver­bre­cher, der vor­gibt, ein Tri­bun zu sein‘“ (121).

Kirche zwischen Widerstand und Anpassung

Äußerst bemer­kens­wert, da in unse­rer Zeit so gut wie denk­un­mög­lich, ist die Dar­stel­lung der katho­li­schen Wider­stands­be­we­gung in Spanien:

„Und noch etwas fiel dem Leut­nant auf: die gro­ße Anzahl von Prie­stern im Lager. Die­se Prie­ster waren aber anders als die Kon­sti­tu­ti­ons­pfaf­fen, die er in den fran­zö­si­schen Län­dern ken­nen­ge­lernt hat­te. Sie waren auch anders als die fei­sten Pfaf­fen der Habs­bur­ger­mon­ar­chie. Die­se hier waren schlank und groß. Ihre Blicke waren auf­recht und ent­schlos­sen. Ihre Gesich­ter waren aus kan­ti­gen Zügen gezeich­net. Die­se Leu­te waren kei­ne Pfaf­fen, das waren Prie­ster, ihr Auf­tre­ten hat­te das For­mat von Offi­zie­ren. Deut­lich fühl­te er, daß er mit ihnen durch ein unsicht­ba­res Band ver­wo­ben war, das stär­ker war als jede Kon­fes­si­on“ (190).

Damit spricht der Autor den ver­werf­li­chen Oppor­tu­nis­mus von Kir­chen­män­nern ange­sichts einer pro­ble­ma­ti­schen welt­li­chen Macht an.

Für die weni­ger mit der öster­rei­chi­schen Geschich­te ver­trau­ten Leser:

Die Kir­che-Staat-Bezie­hung des frei­mau­re­risch inspi­rier­ten Jose­phi­nis­mus und des Vor­märz ist tat­säch­lich nicht erfreu­lich. Vie­le Klö­ster wer­den auf­ge­löst. Öster­reich ver­liert alle Kar­tau­sen (Aggs­bach, Mau­er­bach, Gaming, Unser Frau im Schnalstal/Vinschgau) und etli­che Zister­zen neben ande­ren Klö­stern. Die Prie­ster wer­den im Prin­zip Staats­an­ge­stell­te, der Kon­takt der loka­len Hier­ar­chie mit Rom wird behin­dert. Das geist­li­che Leben verflacht.

Vom Niveau eines hl. König Lud­wig IX. (1214 – 1270) fal­len auch die fran­zö­si­sche Kir­che und das fran­zö­si­sche König­tum im 17. und 18. Jahr­hun­dert ab – mit allen unbe­strit­ten vor­han­de­nen nega­ti­ven sozia­len Kon­se­quen­zen wie weit­ver­brei­te­ter drücken­der Armut bei fri­vo­lem Reich­tum weniger.

Der Autor hat­te bei der kri­ti­schen Dar­stel­lung der staats­hö­ri­gen Prie­ster wohl auch die unwür­di­gen und nichts­sa­gen­den „Kon­sti­tu­ti­ons­pfaf­fen“ vor Augen, wie sie uns im der­zei­ti­gen Öster­reich in gro­ßer Anzahl begeg­nen – je höher in der Hier­ar­chie, desto schlim­mer, meist.

Nach­dem sich der Autor eben im wesent­li­chen mit den Gent­z­schen Über­le­gun­gen iden­ti­fi­ziert, wird man die­se Pas­sa­ge aus dem ein­lei­ten­den Gespräch von Gentz‘ mit dem Leut­nant auch auto­bio­gra­phisch deu­ten können:

„Inso­fern habe ich, und ich muß nicht beto­nen, daß wir bei­de Pro­te­stan­ten sind, einen gewis­sen Respekt vor der katho­li­schen Förm­lich­keit“ (53).

Die Poin­te ist, daß der Autor selbst nicht Katho­lik ist. Daher sind alle die­se Aus­füh­run­gen eine erfreu­li­che Über­ra­schung. Ja, rich­tig, „Form“ und „Förm­lich­keit“ sind wichtig.

Philosophische und theologische Reflexionen

Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen von hoher Qua­li­tät sind in gro­ßer Zahl ein­ge­ar­bei­tet. Der Autor läßt etwa einen der Gue­ril­la-Prie­ster sagen:

„Über all den poli­ti­schen Pak­ten schwebt der wirk­li­che Feind, zumal hin­ter jeder poli­ti­schen Fra­ge eine theo­lo­gi­sche ver­bor­gen ist. Die­sen wirk­li­chen Feind gilt es zu erken­nen und die­sem gilt es, den abso­lu­ten Krieg zu erklä­ren“ (194).

Bei der Erör­te­rung der zutiefst irra­tio­na­len revo­lu­tio­nä­ren Ideen mit ihrem hohen Haß- und Mord­po­ten­ti­al läßt der Autor Fried­rich von Gentz sagen:

„Die ent­schei­den­de Fra­ge ist, ob sich die Quel­le der Zer­set­zung im Dies­seits oder im Jen­seits befin­det“ (215).

Resümee

Der Autor, kein staat­lich geför­der­ter Berufs­schrift­stel­ler, muß­te sich die Zeit für die pro­fun­den Recher­chen aus sei­nem Tages­ab­lauf förm­lich her­aus­ge­kratzt haben. Das Lite­ra­tur­ver­zeich­nis umfaßt immer­hin drei­ßig Titel, dar­un­ter hoch­spe­zia­li­sier­te wis­sen­schaft­li­che Publikationen. –

Die Grund­aus­sa­ge des Buches ist: Es gibt Ver­schwö­run­gen. Sie sind der Motor von Revolutionen.

Anzu­neh­men, sol­che Vor­gän­ge gin­gen „von selbst“ von­stat­ten, wäre idio­tisch. Der Autor hat die Cou­ra­ge, die kon­spi­ra­ti­ve Dyna­mik zu the­ma­ti­sie­ren und – im Epi­log – einen Bezug zur Gegen­wart her­zu­stel­len. Die Revo­lu­ti­on ging eben wei­ter: Ver­schwö­run­gen in der Ver­schwö­rung, die „per­ma­nen­te Revolution“.

Das Direk­to­ri­um konn­te das letzt­lich nicht auf­hal­ten. Auch der Wie­ner Kon­greß nicht.

Und daß bekla­gens­wer­te Zustän­de in Kir­che und Staa­ten­welt heu­te so sind, wie sie sind, muß ja irgend­je­mand wollen:

In gewis­ser Hin­sicht sind es die­sel­ben, die damals „Gleich­heit“, ega­li­té, erzwin­gen woll­ten – von der sie selbst natür­lich aus­ge­nom­men sind. Man­che sind eben doch „glei­cher“ als andere. –

Der Autor schreibt ein gutes und nüch­ter­nes Deutsch. Ein­zel­ne For­mu­lie­run­gen sind sehr gut gelun­gen. Eini­ge weni­ge Stel­len sind aller­dings weni­ger glück­lich ausgefallen.

Manch­mal lie­gen auch alte und neue Recht­schrei­bung mit­ein­an­der im Wider­streit. Außer­halb eines Brie­fes ist zudem die Groß­schrei­bung von „du“ und des­sen Ablei­tun­gen nicht ortho­gra­phisch. Eini­ge Ver­schrei­bun­gen sind dem Lek­to­rat entgangen.

Die Fuß­no­ten sind zwar für die wei­te­re Beschäf­ti­gung mit dem Stoff eine gute Hil­fe, sind aber in einer sehr eigen­wil­li­gen Zita­ti­ons­wei­se gehal­ten. Viel­leicht kann das in einer Zweit­auf­la­ge aus­ge­bes­sert werden. –

Schließ­lich ist bemer­kens­wert, daß der Zur-Zeit-Ver­lag von Ex-Euro­pa­par­la­men­ta­ri­er Andre­as Möl­zer die­ses Buch ver­legt hat. Denn auch wenn man in die­sen Krei­sen auf Haus­ver­stand in poli­ti­schen Fra­gen trifft, so sticht die­ses Buch inhalt­lich und for­mal doch bei wei­tem aus dem frei­heit­lich Übli­chen heraus.

Es ist bekannt, daß das „Drit­te Lager“ aus sei­nen histo­ri­schen Wur­zeln her­aus ableh­nend zur Katho­li­schen Kir­che steht (auch wenn sich das in den letz­ten Jahr­zehn­ten etwas modi­fi­ziert hat) und selbst eine revo­lu­tio­nä­re Ten­denz hat.

Umso erfreu­li­cher ist es daher, daß einem Autor aus die­sem Lager eine fai­re und wohl­wol­len­de Behand­lung von Glau­be, Kir­che, Tra­di­ti­on und Natur­recht gelingt. Für die histo­ri­sche Urteils­fä­hig­keit des Autors spricht auch die (ange­deu­te­te) dif­fe­ren­zier­te Bewer­tung Met­ter­nichs. Es scheint, als ob hier jemand über den eige­nen Schat­ten gesprun­gen ist.

Es bleibt am Schluß zu wün­schen, daß die­ses Buch wei­te Ver­brei­tung fin­det. Am besten schon als Schullektüre.

Schließ­lich ist sehr zu hof­fen, daß der Autor Zeit für eine Fort­set­zung fin­det. Oder noch bes­ser für mehrere.

Im Schatten des Gracchus – Historischer Roman von S. Coell, „Zur Zeit“-Edition, Band 21, Wien 2015, 244 S.

*MMag. Wolf­ram Schrems, Linz und Wien, katho­li­scher Theo­lo­ge, Phi­lo­soph, Katechist

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