Marsch für das Leben – Eine neue Aktionsform für den Lebensschutz breitet sich aus

(Brüs­sel) In ganz Euro­pa brei­tet sich der Marsch für das Leben als neue Akti­ons­form für den Lebens­schutz aus. 2009 wur­de er erst­mals in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land orga­ni­siert und führt jeweils im Sep­tem­ber durch Ber­lin. Einen Marsch für das Leben gibt es seit 2010 auch in Zürich. In Öster­reich hat die Initia­ti­ve in etwas abge­wan­del­ter Form durch die Jugend für das Leben bereits eine län­ge­re Tra­di­ti­on. Im März 2010 tra­fen sich Jugend­li­che zum ersten Euro­päi­schen Marsch für das Leben in Brüs­sel. Ver­gleich­ba­re Initia­ti­ven ent­stan­den in den ver­gan­ge­nen Jah­ren in einer gan­zen Rei­he von euro­päi­schen Staa­ten, 2010 erst­mals in Ita­li­en und jüngst am 28. Dezem­ber, dem Fest der unschul­di­gen Kin­der, auch in Ungarn. In Buda­pest demon­strier­ten meh­re­re Tau­send Men­schen vor dem Sitz des Staats­prä­si­den­ten für ein sofor­ti­ges Abtrei­bungs­mo­ra­to­ri­um. Gleich­zei­tig star­te­te eine Unter­schrif­ten­samm­lung für das Recht auf Leben eines jeden Men­schen von der Emp­fäng­nis bis zum natür­li­chen Tod, die dem Euro­päi­schen Par­la­ment über­ge­ben wer­den soll.

Älte­ster „Marsch für das Leben“ fin­det in Öster­reich statt

Der Marsch für das Leben kommt aus den USA. Dort wur­de er erst­mals 1974 aus Pro­test gegen das Urteil des Ober­sten Gerichts­hofs von 1973 durch­ge­führt, mit dem die Tötung unge­bo­re­ner Kin­der indi­rekt ohne gesetz­li­che Grund­la­ge erlaubt wur­de. Öster­reich setz­te als erstes euro­päi­sches Land die Idee eines eige­nen Mar­sches für das Leben um. Die Jugend für das Leben orga­ni­siert ihn seit den 90er Jah­ren jähr­lich als mehr­tä­gi­gen Marsch, der meist von einer öster­rei­chi­schen Lan­des­haupt­stadt in eine ande­re führt. 2012 führt er von Eisen­stadt nach Graz.
In den Nie­der­lan­den führ­ten am 10. Dezem­ber 2011 drei pro­te­stan­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen einen Marsch für das Leben durch, an dem rund 1500 Per­so­nen teil­nah­men und an dem auch die jüdi­sche Gemein­schaft teil­nahm. Um 13 Uhr ertön­te das Schof­ar, das Wid­der­horn der jüdi­schen Tra­di­ti­on, um an die nie gebo­re­nen Kin­der zu erin­nern. Bert Doren­bos, der frü­he­re Lei­ter des pro­te­stan­ti­schen Kanals des hol­län­di­schen Fern­se­hens erklär­te: „Wir wol­len kei­ne Ver­schär­fung des Geset­zes, wir wol­len die völ­li­ge Abschaf­fung der Abtrei­bung in den Nie­der­lan­den.“

Seit 2005 in Frank­reich, 2007 Irland, 2009 Deutsch­land, 2010 Schweiz, 2011 Ita­li­en

Am 17. Sep­tem­ber fand zum drit­ten Mal in Ber­lin der vom Bun­des­ver­band Lebens­recht orga­ni­sier­te Marsch für das Leben statt, der von 14 Orga­ni­sa­tio­nen mit zum Teil ganz unter­schied­li­chem kul­tu­rel­len und reli­giö­sen Hin­ter­grund unter­stützt wur­de. Auch in die­sem Fall war das Ziel, die Öffent­lich­keit für das Lebens­recht zu sen­si­bi­li­sie­ren und gleich­zei­tig Druck auf den Deut­schen Bun­des­tag aus­zu­üben. Letz­te­res blieb aller­dings erfolg­los. Der Bun­des­tag beschloß die Lega­li­sie­rung der Prä­im­plan­ta­ti­ons­dia­gno­stik, wenn auch mit Ein­schrän­kun­gen. Ein Instru­ment, das fast exklu­siv zur Selek­ti­on ver­meint­lich behin­der­ter Kin­der und damit zu deren Tötung führt. Der Marsch für’s Läbe durch Zürich fiel durch das auf­rüt­teln­de Mot­to „Bit­te, laßt mich leben!“ auf, das auf vie­len mit­ge­führ­ten Pla­ka­ten und Trans­pa­ren­ten gezeigt wur­de.

Beson­de­re Auf­merk­sam­keit fand die 5. Ral­ly for Life in Dub­lin. 6000 Teil­neh­mer führ­ten Trans­pa­ren­te mit der Auf­schrift “Hal­ten wir Irland abtrei­bungs­frei“ mit. Die Insel­re­pu­bli­ken Irland und Mal­ta sind die ein­zi­gen Staa­ten Euro­pas, in denen die Tötung unge­bo­re­ner Kin­der ver­bo­ten ist. Aller­dings ist auch auf der „grü­nen Insel“ seit Febru­ar 2011 die Pil­le danach im Han­del erhält­lich, die abtrei­ben­de Wir­kung hat. Der iri­sche Marsch des Lebens wird von Youth Defence, Pre­cious Life und Life Insti­tu­te gemein­sam mit wei­te­ren Lebens­rechts­grup­pen aus­ge­rich­tet. Der Marsch 2011 hat­te eine deut­li­che poli­ti­sche Aus­rich­tung. Auf Pla­ka­ten wur­de Mini­ster­prä­si­den­tin Enda Kel­ly auf­ge­for­dert, ihr bio­ethi­schen Wahl­ver­spre­chen zu hal­ten. In vie­len euro­päi­schen Staa­ten mei­den Poli­ti­ker bio­ethi­sche The­men. Das Lebens­recht gilt als Tabu­the­ma. Man redet nicht mehr dar­über, wäh­rend das Töten unge­bo­re­ner Kin­der auf Hoch­tou­ren wei­ter­geht.

Eine Mas­sen­er­he­bung war der Marsch des Lebens, der am 28. März 2011 in 80 spa­ni­schen Städ­ten mit mehr als 150.000 Teil­neh­mern gegen eines der letz­ten „fin­ste­ren Geset­ze“ der sozia­li­sti­schen Regie­rung Zapa­tero durch­ge­führt wur­de, mit dem die Abtrei­bung noch mehr erleich­tert wur­de.

Bemer­kens­wer­te Initia­ti­ven star­te­te auch die bul­ga­ri­sche Lebens­rechts­ver­ei­ni­gung Pro Vita mit Sitz in Buka­rest. Sie steht bei­spiel­haft für zahl­rei­che reli­giö­se Lebens­rechts­grup­pen, bei Pro Vita han­delt es sich um ortho­do­xe Chri­sten, die den Kampf für das Leben theo­lo­gisch begrün­den. Pro Vita führt eine Viel­zahl unter­schied­lich­ster Aktio­nen durch, die vom Gebet getra­gen wer­den.

In Ita­li­en gibt es ver­schie­de­ne Mar­ce per la vita. Die wich­tig­sten waren jener von Rom am 25. Mai 2011 und jener von Desen­za­no am Gar­da­see.  Für den 13. Mai 2012 steht bereits das Datum für den näch­sten römi­schen Marsch fest, der vom Movi­men­to Euro­peo Dife­sa vita (Euro­päi­sche Lebens­schutz­be­we­gung) und der Ver­ei­ni­gung Famiglia Doma­ni (Fami­lie mor­gen) ver­an­stal­tet wird.

Inter­na­tio­na­le Mär­sche für das Leben

Wie bereits ange­deu­tet, gibt es neben den Län­der­mär­schen auch inter­na­tio­na­le Mär­sche für das Leben. Dazu gehört der Mar­che Pour la Vie von Paris, die fünf­zehn Ver­ei­ni­gun­gen im Orga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tee sam­melt. Sie fin­det immer im Janu­ar statt und erlebt 2012 bereits die ach­te Auf­la­ge. 2011 waren Lebens­schüt­zer aus Öster­reich, Deutsch­land, Bel­gi­en, den Nie­der­lan­den, Ita­li­en, Tsche­chi­en, Spa­ni­en, Rumä­ni­en und der Slo­wa­kei in Paris dabei.

Am 25. März fand in Brüs­sel der March for Life statt, der Lebens­rechts­grup­pen, vor allem Jugend­grup­pen aus gan­ze Euro­pa sam­mel­te. Die Initia­ti­ve ging von eini­gen Jugend­li­chen, Stu­den­ten und Berufs­tä­ti­gen aus, die „ein Recht auf Leben in allen Lebens­si­tua­tio­nen“ for­dern. Lies­beth Rons­mans, eine der Initia­to­rin­nen erklär­te: „Es ist wich­tig, aus den ver­schie­de­nen Län­dern Unter­stüt­zung zu erhal­ten, um so viel wie mög­lich von­ein­an­der zu ler­nen. Es ist wirk­lich moti­vie­rend, wenn die ein­zel­nen Län­der mit Eifer an die­sen Pro­jek­ten für den Lebens­schutz arbei­ten, wie man reagie­ren soll, wie man sich orga­ni­sie­ren kann. Des­halb ist es von  grund­le­gen­der Bedeu­tung, inter­na­tio­na­le Netz­wer­ke zu schaf­fen.“ Micha­el Botz­ke, Ver­tre­ter der Jugend für das Leben Deutsch­land kün­dig­te an, daß in Zukunft ver­mehrt öffent­li­che Zei­chen für den Lebens­schutz gesetzt wer­den: „Wir gehen wei­ter für das Recht auf Leben in Euro­pa auf die Stra­ße.“

Euro­pä­er „defen­siv“, Ame­ri­ka­ner „offen­siv“ —  Euro­päi­scher Lebens­schutz  gewinnt an Selbst­be­wußt­sein

Die ver­schie­de­nen euro­päi­schen Mär­sche für das Leben ver­bin­den meh­re­re gemein­sa­me Ele­men­te. Im Unter­schied zu den ame­ri­ka­ni­schen sind sie aller­dings weni­ger „laut“. Das hängt mit dem erst neu zu fin­den­den Selbst­be­wußt­sein der euro­päi­schen Lebens­rechts­sze­ne zusam­men. Die links­li­be­ra­le Domi­nanz ist in Euro­pa deut­lich drücken­der als in den USA. Im Gegen­satz zum lin­ken Spek­trum, für das der Kampf um die Stra­ße als wich­ti­ger Teil des Kamp­fes um die öffent­li­che Mei­nung eine Selbst­ver­ständ­lich­keit ist, müs­sen nicht-lin­ke Krei­se erst ler­nen, „hin­ter dem Ofen“ her­vor­zu­kom­men. Die Mär­sche für das Leben haben in Euro­pa eine ent­spre­chend defen­si­ve Aus­rich­tung und tre­ten mehr „für das Leben“ ein. In den USA beset­zen die kon­ser­va­ti­ven Kräf­te die Stra­ße und den gesam­ten öffent­li­chen Raum nicht min­der selbst­ver­ständ­lich als die libe­ra­len. Dort rich­tet sich der „March for Life“ offen­siv gegen die Tötung unge­bo­re­ner Kin­der. Die Initia­ti­ven Marsch für das Leben schei­nen den­noch ein wesent­li­cher Impuls zur Wie­der­ge­win­nung die­ses Selbst­be­wußt­sein auch in Euro­pa.

Für die öffent­li­che Mei­nung und die Poli­tik sind die Mär­sche in Euro­pa ein wich­ti­ges Signal, das das The­ma Lebens­schutz und die täg­lich zig­tau­send­fach zu tref­fen­de Ent­schei­dung, ob ein unge­bo­re­nes Kind leben darf oder nicht, sicht­bar macht gegen den Tabui­sie­rungs­druck, den jene gesell­schafts­po­li­ti­schen Kräf­te durch­zu­set­zen ver­su­chen, seit ihnen — ob aus ideo­lo­gi­schen oder aus uti­li­ta­ri­sti­schen Grün­den — die Lega­li­sie­rung der Abtrei­bung gelun­gen ist.

„Marsch für das Leben“ , das neue Netz­werk für zer­split­ter­te Lebens­rechts­sze­ne

Die Mär­sche für das Leben schaf­fen in Ansät­zen jene Netz­wer­ke für das Leben, von denen Rons­mans spricht. Die Lebens­rechts­sze­ne zer­fällt in allen Län­dern in eine Viel­zahl oft aus kul­tu­rel­len, ideo­lo­gi­schen, kon­fes­sio­nel­len oder per­sön­li­chen Grün­den kon­kur­rie­ren­der Grup­pen und Orga­ni­sa­tio­nen. Zusam­men­schlüs­se zur Stär­kung der Schlag­kraft gelan­gen bis­her nur schwer­lich und erwie­sen sich als brü­chig. Initia­ti­ven, wie der Marsch für das Leben bie­ten dage­gen eine Mög­lich­keit, die meist frucht­ba­re Viel­falt der ver­schie­de­nen Orga­ni­sa­tio­nen auf­zu­wer­ten und doch ziel­füh­rend zu bün­deln.

Sie bie­ten auch eine Gele­gen­heit, die Kon­fes­sio­na­li­sie­rung des Lebens­schut­zes zu durch­bre­chen. In der Regel sind es gläu­bi­ge Chri­sten, ob Katho­li­ken, Pro­te­stan­ten oder Ortho­do­xe, die Trä­ger des Lebens­schutz­ge­dan­kens sind. Dar­an ändert auch wenig, daß die mei­sten Lebens­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen laut Sta­tut weder kon­fes­sio­nell gebun­den sind noch sich und ihre Arbeit reli­gi­ös defi­nie­ren. Dahin­ter ver­birgt sich eine der Fra­ge offen­sicht­lich imma­nen­te Wahr­heit, daß der unein­ge­schränk­te Schutz des Lebens und der mensch­li­chen Per­son mit dem Men­schen­bild zusam­men­hängt und das Chri­sten­tum der höch­ste Aus­druck des Respekts und des Schut­zes der Men­schen­rech­te und der Men­schen­wür­de ist.

Bio­ethi­sche The­men betref­fen alle – Lebens­schutz als Bin­de­glied zwi­schen Gläu­bi­gen und Ungläu­bi­gen?

Die Mär­sche für das Leben bie­ten durch ihre Akti­ons­form auch Lai­zi­sten und Athe­isten eine Teil­nah­me­mög­lich­keit und daher einen Ein­stieg in den Lebens­schutz. Alle bio­ethi­schen The­men berüh­ren das Sein des Men­schen als sol­chen und beschäf­ti­gen daher inten­siv all jene, die sich dem rein uti­li­ta­ri­sti­schen Den­ken des domi­nan­ten kapi­ta­li­sti­schen Kon­sum­den­kens ent­zie­hen.

Papst Bene­dikt XVI. beton­te bereits mehr­fach, so auch am 19. August 2005 beim Welt­ju­gend­tag in Köln, die Bedeu­tung des Ein­sat­zes für das Leben. Eben­so, daß er ein wich­ti­ges ver­bin­den­des Ele­ment zwi­schen den Kon­fes­sio­nen, aber auch mit ande­ren Denk­strö­mun­gen dar­stellt. So unter­strich der Papst am 26. März 2011 in einer Video­bot­schaft an den in Paris statt­fin­den­den Dia­log der Kir­che mit den Athe­isten, daß der Ein­satz für den Schutz des mensch­li­chen Lebens der rich­tungs­wei­sen­de Weg für die Zusam­men­ar­beit zwi­schen Gläu­bi­gen und Suchen­den sei. Das Lebens­recht also als gemein­sa­me Ver­pflich­tung für Gläu­bi­ge und Nicht-Gläu­bi­ge.

Text: BQ/Giuseppe Nar­di
Bild: BQ