Christian Marquant, Publizist und Vorsitzender der traditionsverbundenen Bewegung Paix Litugique, meldete sich vor wenigen Tagen mit folgender Stellungnahme zur Frage der Bischofsweihen der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) und der römischen Reaktion zu Wort:
Liebe Freunde!
Papst Leo XIV. hatte die Befriedung der Kirche angekündigt – und nun kam die Ankündigung der Bischofsweihen durch die FSSPX dazwischen. Wie soll man mit dieser Angelegenheit umgehen? Rom glaubt, das geniale Rezept gefunden zu haben: Man beruft sich auf die „Rechtsprechung von 1988“.
Kardinal Ratzinger, Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, war damals mit der Angelegenheit betraut worden und führte Gespräche mit Erzbischof Lefebvre; sein Nachfolger, Kardinal Fernández, empfing nun Pater Davide Pagliarani.
Nachdem die Verhandlungen von 1988 gescheitert waren, forderte Johannes Paul II. am 9. Juni 1988 Erzbischof Lefebvre dazu auf, „auf [sein] Vorhaben zu verzichten, das, falls es verwirklicht wird, nur als schismatischer Akt erscheinen kann“. Da auch die knapp einstündige „Verhandlung“ zwischen Fernández und Pagliarani keinerlei Ergebnis brachte, ließ Kardinal Fernández jeden, der es hören wollte, wissen, daß das Exkommunikationsdekret bereits vorbereitet sei, und erklärte: „Dieser Schritt [die angekündigten Weihen] stellt einen schismatischen Akt dar.“
Kardinal Ratzinger versprach damals allen Priestern und Seminaristen der FSSPX, die Erzbischof Lefebvre nach der eigenmächtigen Weihe von vier Bischöfen nicht folgen wollten, daß er eine Struktur schaffen werde, um sie aufzunehmen; Kardinal Fernández ließ einige wenige Priester der FSSPX, die ihre Besorgnis geäußert haben, andeutungsweise wissen, daß er dafür sorgen würde, sie in Diözesen oder Instituten unterzubringen.
Trotz aller Zweideutigkeiten des Vorgehens von Ratzinger ging dieses doch das Risiko ein, die traditionelle Liturgie wieder ins Herz der Kirche hineinzutragen. Dadurch konnte sich diese Liturgie nahezu verdoppeln: Zu den Bischöfen, Priestern, Seminaristen, Meßzentren und Schulen der FSSPX kamen jene der Ecclesia-Dei-Institute hinzu und sogar solche innerhalb der Diözesen – ganz zu schweigen von den Kardinälen und Bischöfen, allen voran Kardinal Ratzinger selbst, die im alten Ritus zelebrierten, weihten und firmten. Das Vorgehen von Fernández wirkt dagegen deutlich kleinlicher und gehemmter.
Denn die Rahmenbedingungen sind heute völlig andere. Das Pontifikat Johannes Pauls II. blieb zwar in hohem Maße konziliar geprägt (beispielsweise durch das Assisi-Treffen), bemühte sich jedoch um eine „richtige Interpretation“ des Konzils (etwa durch die Erklärung Dominus Jesus, die im Jahre 2000 versuchte, den interreligiösen Dialog einzugrenzen, freilich ohne dabei die erforderlichen Zugeständnisse an den Ökumenismus zu verweigern). Heute dagegen befinden wir uns in einer ultrakonziliaren Phase des Nachkonzils.
Joseph Ratzinger empfand große Sympathie für den Vetus Ordo und für jene, die ihm verbunden waren, und er zählte zahlreiche Freunde unter ihren Gemeinschaften, Priestern und Gläubigen. Diese Welt ist Papst Prevost fremd und erst recht Kardinal Fernández. Der Erstere bemüht sich zwar, sich über ein Phänomen zu „informieren“, von dem er weiß, daß es wächst, dessen „explosiver“ Charakter ihm jedoch Angst macht und das ihm innerlich fremd bleibt.
Die verschiedenen Maßnahmen Joseph Ratzingers und später Benedikts XVI. (Dokumente von 1984, 1988 und 2007) haben die traditionelle Liturgie insgesamt von einem bloß geduldeten Zustand in einen Rechtsstatus übergeführt. Seit Traditionis custodes hingegen ist man wieder auf die möglichst restriktive Form bloßer Duldung zurückgefallen: erlaubte Messen, nur tröpfchenweise erteilte Genehmigungen für Diözesanpriester, traditionell gespendete Sakramente theoretisch verboten.
Es liegt daher auf der Hand, daß absolut nichts getan wird, damit die FSSPX Gehör findet oder auch nur ansatzweise die Vorbereitung einer akzeptablen kanonischen Lösung versucht wird. Darüber hinaus führt absolut alles dazu, daß die „offiziellen“ traditionsverbundenen Priester und Gläubige, die man weiterhin einschränken, kontrollieren und marginalisieren möchte, mit Sympathie auf ihre Brüder der Priesterbruderschaft St. Pius X. blicken und mit ihnen eine immer größere Nähe entwickeln. Welch gewaltige Gelegenheit zur Befriedung wird hier gerade vertan!
Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit! Keine konziliare Freiheit für die Kritiker des Zweiten Vatikanischen Konzils! Darin liegt das ewige Paradox: In einer Zeit, in der unaufhörlich vom Ökumenismus mit den „getrennten Brüdern“ die Rede ist, die man niemals als „Schismatiker“ bezeichnen würde und für die man die hübsche Höflichkeitsformel der „unvollkommenen Gemeinschaft“ erfunden hat, schleudert das heutige Rom gegen jene seiner Kinder, die lediglich den Fehler begehen, so zu glauben und zu handeln wie ihre Väter geglaubt und gehandelt haben, alte Sanktionen, die man längst in den Staub der Museen verbannt hatte.
Betet, liebe Pariser „Veilleurs“, daß trotz allem der Friede der Kirche komme, der notwendigerweise über den liturgischen Frieden führen wird – ihr, die ihr den Rosenkranz betet in der Rue du Cloître-Notre-Dame 10, von Montag bis Freitag von 13.00 bis 13.30 Uhr, in Saint-Georges de La Villette, 114 Avenue Simon Bolivar im 19. Arrondissement, mittwochs und freitags um 17 Uhr, vor Notre-Dame du Travail im 14. Arrondissement sonntags um 18.15 Uhr sowie in Sainte-Clotilde im 7. Arrondissement montags um 12.45 Uhr!
In Gebetsgemeinschaft und Freundschaft.
Christian Marquant
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Paix Liturgique
Hinterlasse jetzt einen Kommentar