Die „Gruppe von Mount Angel“: Liturgische Erneuerung – oder die Fortsetzung des Roche-Kurses?

Erneuerung oder nur ein weiterer Schritt auf dem falschen Weg?

In der Benediktinerabtei Mount Angel fand in Mitte August ein Treffen zur Liturgiefrage statt. Die Leitung hatte Kardinal Arthur Roche. Papst Leo XIV. schrieb einen persönlichen Brief.
In der Benediktinerabtei Mount Angel fand in Mitte August ein Treffen zur Liturgiefrage statt. Die Leitung hatte Kardinal Arthur Roche. Papst Leo XIV. schrieb einen persönlichen Brief.

In der Bene­dik­ti­ner­ab­tei Mount Angel kamen auf Ein­la­dung Kar­di­nal Arthur Roches, des Prä­fek­ten des römi­schen Got­tes­dienst­dik­aste­ri­ums, 18 Fach­leu­te zusam­men, um über die lit­ur­gi­sche Bil­dung von Prie­stern, Semi­na­ri­sten und Lai­en nach­zu­den­ken. Papst Leo XIV. unter­stütz­te das Tref­fen aus­drück­lich. Die Beto­nung von lit­ur­gi­scher Bil­dung, Ehr­furcht und Treue zu den appro­bier­ten Tex­ten klingt zunächst viel­ver­spre­chend. Doch ein genaue­rer Blick auf Zusam­men­set­zung, Vor­ge­schich­te und Kar­di­nal Roches bis­he­ri­ge Amts­füh­rung wirft die Fra­ge auf, ob hier tat­säch­lich ein neu­er Auf­bruch vor­be­rei­tet wird – oder viel­mehr die lit­ur­gi­sche Linie des berg­o­glia­ni­schen Pon­ti­fi­kats insti­tu­tio­nell abge­si­chert wer­den soll.

Vom 14. bis 19. August 2026 tra­fen sich in der Bene­dik­ti­ner­ab­tei Mount Angel im US-Bun­des­staat Ore­gon 18 Fach­leu­te aus ver­schie­de­nen Län­dern, um über die lit­ur­gi­sche Bil­dung von Prie­stern, Semi­na­ri­sten und Lai­en nach­zu­den­ken. Gelei­tet wur­de die Arbeits­wo­che von Kar­di­nal Arthur Roche, dem Prä­fek­ten des römi­schen Dik­aste­ri­ums für den Got­tes­dienst und die Sakra­men­ten­ord­nung.

Der Name des Tref­fens ist inzwi­schen bezeich­nend gewor­den: die „Grup­pe von Mount Angel“. Ihre Auf­ga­be bestand dar­in, kon­kre­te Wege für eine ver­tief­te lit­ur­gi­sche Bil­dung zu ent­wickeln. Unter den Teil­neh­mern befan­den sich neben Roche unter ande­rem der Sekre­tär des Dik­aste­ri­ums für den Got­tes­dienst, Erz­bi­schof Vitto­rio Vio­la, der Gast­ge­ber Abt Jere­my Dris­coll, die Kar­di­nä­le Gérald Lacroix und Grze­gorz Ryś, der Abt von Soles­mes Geoff­roy Kem­lin sowie wei­te­re Bischö­fe, Theo­lo­gen und Lit­ur­gie­wis­sen­schaft­ler. Auch Gia­nan­drea Di Don­na von der Theo­lo­gi­schen Fakul­tät Tri­ve­ne­to nahm teil.

Das Bemer­kens­wer­te an die­sem Tref­fen ist jedoch weni­ger die Exi­stenz einer lit­ur­gi­schen Arbeits­grup­pe als ihre aus­drück­li­che Nähe zum Papst.

Leo XIV. gibt Mount Angel seinen Segen

Papst Leo XIV. sand­te Kar­di­nal Roche zum Tref­fen einen per­sön­li­chen Brief, der bei der Eröff­nungs­mes­se ver­le­sen wur­de und inzwi­schen vom Vati­kan auch in deut­scher Spra­che ver­öf­fent­licht wur­de – ein nicht unbe­deu­ten­des Detail, zumal bis­her nur Fas­sun­gen des eng­li­schen Ori­gi­nals und in ita­lie­ni­scher, pol­ni­scher und eben deut­scher Spra­che vorliegen. 

In die­sem per­sön­li­chen Brief bezeich­ne­te Leo XIV. die lit­ur­gi­sche Bil­dung des Got­tes­vol­kes als ein wich­ti­ges The­ma und for­der­te kon­kre­te Wege einer sol­chen Bil­dung auf allen Ebe­nen der Kir­che. Beson­ders hob er die Auf­ga­be der Prie­ster her­vor, die Gläu­bi­gen als „Myst­ago­gen“ in das Ver­ständ­nis der hei­li­gen Geheim­nis­se einzuführen.

Die Abtei Mount Angel ver­öf­fent­lich­te ein Bild von der Stu­di­en­grup­pe bei der Arbeit

Der Papst beton­te zugleich die Bedeu­tung der Sonn­tags­mes­se, des Kir­chen­jah­res mit dem Pas­cha­my­ste­ri­um als Mit­tel­punkt sowie der ars cele­bran­di. Lit­ur­gi­sche Bil­dung soll dem­nach nicht ledig­lich zur Lit­ur­gie füh­ren, son­dern durch die Lit­ur­gie selbst gesche­hen. Das ist ein Gedan­ke, der über blo­ße Rubri­zi­stik weit hinausweist.

Noch wich­ti­ger ist jedoch eine ande­re Pas­sa­ge des päpst­li­chen Schrei­bens: Leo XIV. unter­strich die Not­wen­dig­keit der Treue zu den appro­bier­ten Tex­ten und Instruk­tio­nen. Er ver­wies aus­drück­lich auf die von Paul VI. und Johan­nes Paul II. pro­mul­gier­ten Riten und for­der­te gegen­über die­sen eine Hal­tung der Demut und kirch­li­chen Treue. Gemeint ist die Pro­mul­gie­rung der Edi­tio typi­ca des Novus Ordo Mis­sae sowie der zwei­ten Edi­tio typi­ca durch Paul VI. in den Jah­ren 1969 und 1975 sowie der drit­ten Edi­tio typi­ca durch Johan­nes Paul II. im Jahr 2000.

Das klingt zunächst ein­deu­tig: kei­ne lit­ur­gi­sche Will­kür, kei­ne Selbst­dar­stel­lung des Zele­bran­ten, kei­ne belie­bi­ge Krea­ti­vi­tät. Die Mes­se soll nicht zur Büh­ne wer­den, son­dern zum Gottesdienst.

Und doch bleibt eine ent­schei­den­de Fra­ge offen: Was bedeu­tet „Treue“ in einer Kir­che, deren lit­ur­gi­sche Tra­di­ti­on wesent­lich älter ist als der nach­kon­zi­lia­re Ritus? Und was bedeu­tet „Treue“ in einer Kir­che, die – zumin­dest im Westen – nicht nur einen tie­fen Bruch mit ihrer jahr­hun­der­te­al­ten lit­ur­gi­schen Tra­di­ti­on voll­zog, son­dern zugleich im Novus Ordo eine teils erschüt­tern­de Aus­brei­tung lit­ur­gi­schen Miß­brauchs zuließ? Man den­ke nur an die gera­de­zu stark um sich grei­fen­de Pra­xis, das Hoch­ge­bet nach Belie­ben zu ver­än­dern und damit in einen Bereich ein­zu­grei­fen, der gera­de nicht der per­sön­li­chen Gestal­tung des Zele­bran­ten unterliegt.

Genau hier beginnt das Pro­blem der Grup­pe von Mount Angel.

Ein Treffen unter der Prämisse der Liturgiereform

Der Bericht des Lit­ur­gie­wis­sen­schaft­lers Gia­nan­drea Di Don­na über die Arbeits­wo­che macht deut­lich, in wel­chem gei­sti­gen Rah­men sich die Bera­tun­gen beweg­ten. Als Ori­en­tie­rung wird neben der Kon­zils­kon­sti­tu­ti­on Sacro­sanc­tum Con­ci­li­um vor allem das Apo­sto­li­sche Schrei­ben Desi­de­rio desi­dera­vi von Papst Fran­zis­kus genannt. Die Rede ist davon, den von Sacro­sanc­tum Con­ci­li­um vor­ge­zeich­ne­ten Weg fort­zu­set­zen. Zugleich wird die Lit­ur­gie­re­form als Rück­griff auf die apo­sto­li­sche und nach­apo­sto­li­sche Zeit interpretiert.

Damit ist die ent­schei­den­de Wei­chen­stel­lung sichtbar.

Es geht nicht um eine grund­sätz­li­che Neu­be­wer­tung der lit­ur­gi­schen Ent­wick­lung seit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil. Es geht viel­mehr dar­um, die nach­kon­zi­lia­re Lit­ur­gie bes­ser zu ver­ste­hen, wür­di­ger zu fei­ern und die Gläu­bi­gen in ihre Sym­bol­spra­che einzuführen.

Das kann durch­aus berech­tig­te Anlie­gen ent­hal­ten. Eine wür­di­ge Fei­er der Lit­ur­gie, die Schön­heit von Gesten und Zei­chen, das Schwei­gen, die myst­ago­gi­sche Ein­füh­rung in die Geheim­nis­se des Glau­bens und eine soli­de lit­ur­gi­sche Bil­dung sind selbst­ver­ständ­lich kei­ne exklu­si­ven Anlie­gen einer bestimm­ten lit­ur­gi­schen Partei.

Aber gera­de des­halb fällt auf, was in den vor­lie­gen­den Berich­ten nicht im Mit­tel­punkt steht: die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis der nach­kon­zi­lia­ren Lit­ur­gie­re­form zur älte­ren lit­ur­gi­schen Tra­di­ti­on der Kirche.

Und hier wird die Per­son von Kar­di­nal Roche relevant.

Roche und die „liturgische Amnesie“

Katho​li​sches​.info ana­ly­sier­te Roches lit­ur­gi­sche Posi­ti­on Anfang 2026 aus­führ­lich und das für das Kar­di­nals­kon­si­sto­ri­um vor­be­rei­te­te Doku­ment als Doku­ment der lit­ur­gi­schen Amne­sie bezeich­net. Die Kri­tik rich­tet sich vor allem gegen Roches Geschichts­ver­ständ­nis: Die lit­ur­gi­sche Tra­di­ti­on vor dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil erscheint dar­in weit­ge­hend nur noch als Vor­ge­schich­te der Reform, wäh­rend die nach­kon­zi­lia­re Lit­ur­gie als eigent­li­che nor­ma­ti­ve Per­spek­ti­ve gesetzt wird.

Das ist der ent­schei­den­de Hin­ter­grund für die Bewer­tung von Mount Angel.

Kar­di­nal Roche ist kein neu­tra­ler Mode­ra­tor des lit­ur­gi­schen Streits. Er steht seit Jah­ren für eine aus­ge­spro­chen restrik­ti­ve Inter­pre­ta­ti­on der unter Fran­zis­kus ein­ge­schla­ge­nen Linie gegen­über dem über­lie­fer­ten Ritus, ohne daß erkenn­ba­re Maß­nah­men gesetzt wur­den, den lit­ur­gi­schen Miß­brauch im Novus Ordo zu beenden.

In den doku­men­tier­ten Äuße­run­gen und Ana­ly­sen erscheint Roche als einer der maß­geb­li­chen Betrei­ber von Tra­di­tio­nis cus­to­des. In den 2021 ver­öf­fent­lich­ten Respon­sa ad dubia wur­de unter sei­ner Ver­ant­wor­tung die Rück­kehr zu einer ein­heit­li­chen Zele­bra­ti­ons­form als Ziel beschrie­ben. Dar­in ist ein Aus­druck einer Ver­ein­heit­li­chungs­lo­gik zu erken­nen, die prak­tisch auf eine Vor­rang­stel­lung des Novus Ordo hinausläuft.

Auch Roches frü­he­re Aus­sa­gen sind in die­sem Zusam­men­hang auf­schluß­reich. Bereits 2021 ver­trat er öffent­lich die Auf­fas­sung, der über­lie­fer­te Ritus sei nicht mehr zeit­ge­mäß und habe sei­nen ursprüng­li­chen Zweck verloren.

Wer die­se Vor­ge­schich­te kennt, kann die Ein­la­dung von 18 Exper­ten nach Mount Angel daher nicht ein­fach als lit­ur­gi­sches Fach­sym­po­si­um ohne kir­chen­po­li­ti­schen Kon­text betrachten.

Der Papst will Ehrfurcht – aber Roche definiert den Rahmen

Gera­de hier liegt die Ambi­va­lenz des gegen­wär­ti­gen Pontifikats.

Leo XIV. spricht bemer­kens­wert häu­fig über die Wür­de der Lit­ur­gie, über Sacro­sanc­tum Con­ci­li­um, über myst­ago­gi­sche Bil­dung und über die Treue zu den appro­bier­ten Tex­ten. Sei­ne Bot­schaft an Mount Angel ent­hält nichts von jener lit­ur­gi­schen Belie­big­keit, die vie­le Gläu­bi­ge nach der Lit­ur­gie­re­form über Jahr­zehn­te erlebt haben und immer häu­fi­ger Sonn­tag für Sonn­tag erle­ben müssen.

Das ist positiv.

Doch die päpst­li­che Beto­nung der Wür­de der Lit­ur­gie beant­wor­tet noch nicht die Fra­ge, ob die­se Wür­de aus­schließ­lich inner­halb der nach­kon­zi­lia­ren lit­ur­gi­schen Ord­nung gesucht wer­den soll.

Genau das scheint der­zeit die ent­schei­den­de offe­ne Fra­ge zu sein.

Denn Kar­di­nal Roche selbst erklär­te inzwi­schen unmiß­ver­ständ­lich, daß er unter Leo XIV. kei­ne Rück­kehr zu den groß­zü­gi­ge­ren Rege­lun­gen des Motu pro­prio Sum­morum Pon­ti­fi­cum von Bene­dikt XVI. erwar­tet. Nach sei­ner Dar­stel­lung wer­de der Papst Tra­di­tio­nis cus­to­des nicht ändern. Anders aus­ge­drückt: Leo XIV. iden­ti­fi­zie­re sich, so sein eng­ster Mit­ar­bei­ter im Bereich der Lit­ur­gie, mit dem lit­ur­gi­schen Ver­ständ­nis sei­nes Vor­gän­gers Fran­zis­kus. Die­se Aus­sa­ge des Kar­di­nals ent­täusch­te die Hoff­nun­gen vie­ler tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ner Katho­li­ken auf eine Revi­si­on der Restriktionen.

Noch bemer­kens­wer­ter ist die Sicher­heit, mit der Roche die­se Ein­schät­zung vor­trägt. Der eng­li­sche Pur­pur­trä­ger scheint sich der Rücken­deckung des neu­en Pap­stes sicher zu sein. Denn weder wur­de Tra­di­tio­nis cus­to­des auf­ge­ho­ben noch Roche als Prä­fekt des Got­tes­dienst­dik­aste­ri­ums abge­löst. Gleich­zei­tig tritt der Kar­di­nal öffent­lich mit einer bemer­kens­wer­ten Gewiß­heit auf.

Damit bekommt Mount Angel eine zusätz­li­che Bedeutung.

Was genau soll „Bildung“ bedeuten?

Nie­mand kann ernst­haft bestrei­ten, daß es in der Kir­che einer bes­se­ren lit­ur­gi­schen Bil­dung bedarf.

Prie­ster müs­sen wis­sen, was sie tun. Ein Han­del in per­so­na Chri­sti scheint nicht immer bewußt zu sein. Semi­na­ri­sten müs­sen die Theo­lo­gie der Lit­ur­gie ver­ste­hen. Zei­chen, Gesten, Zei­ten, Gewän­der, Gesän­ge und lit­ur­gi­sche Räu­me müs­sen wie­der als Trä­ger einer sakra­men­ta­len Wirk­lich­keit ver­stan­den werden.

Gera­de dar­in liegt aber ein ent­schei­den­der Punkt: Eine wirk­li­che lit­ur­gi­sche Bil­dung kann nicht mit einem ver­kürz­ten lit­ur­gi­schen Gedächt­nis beginnen.

Wer die Gläu­bi­gen zur Schön­heit der Lit­ur­gie füh­ren will, muß ihnen auch erklä­ren kön­nen, wes­halb die Kir­che über Jahr­hun­der­te hin­weg in einer bestimm­ten Wei­se gebe­tet hat. Er muß die Ent­wick­lung des Römi­schen Ritus ken­nen, die lit­ur­gi­sche Tra­di­ti­on der Väter, das mit­tel­al­ter­li­che Wachs­tum der Riten, die Refor­men nach dem Kon­zil von Tri­ent, die Kodi­fi­zie­rung unter Pius V. und die spä­te­ren orga­ni­schen Ent­wick­lun­gen eben­so wie die tief­grei­fen­den Ver­än­de­run­gen des 20. Jahr­hun­derts und ihre Kon­se­quen­zen. Doch hier stößt man auf die bei­den gro­ßen Tabus: auf das Zei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil als Bruch mit den über 1900 Jah­ren der Kir­chen­ge­schich­te vor dem Kon­zil und auf die Unan­tast­bar­keit des Kon­zils und die Wei­ge­rung, die teils kata­stro­pha­len Fol­gen in den kon­zi­lia­ren Kon­text zu stellen.

Geschieht die­se nicht, wird nicht die rich­ti­ge Fra­ge gestellt: Was ist die Lit­ur­gie der Kir­che und wie ist ihre orga­ni­sche Ent­wick­lung zu verstehen?

Die Fra­ge wür­de dann ledig­lich lau­ten: Wie brin­gen wir die Gläu­bi­gen dazu, die bestehen­de Lit­ur­gie des Novus Ordo bes­ser zu ver­ste­hen und wür­di­ger zu feiern?

Das ist nicht dasselbe.

Die Tradition ist kein Hindernis der Einheit

Die eigent­li­che Schwä­che der Roche-Linie liegt aus tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ner Sicht des­halb nicht dar­in, daß sie Wür­de, Bil­dung oder Ein­heit for­dert. Die­se For­de­run­gen sind berech­tigt. Pro­ble­ma­tisch wird es dort, wo Ein­heit mit Uni­for­mi­tät ver­wech­selt und Lit­ur­gie exklu­siv, bruch­ar­tig und tabui­sie­rend auf den Novus Ordo redu­ziert wird. 

Die lit­ur­gi­sche Tra­di­ti­on der Kir­che war nie­mals sta­tisch. Aber sie war eben­so wenig belie­big. Ihre Ent­wick­lung voll­zog sich über Jahr­hun­der­te, und gera­de die­se orga­ni­sche Kon­ti­nui­tät unter­schei­det Tra­di­ti­on von einem blo­ßen histo­ri­schen Museumsstück.

Die Lit­ur­gie der Kir­che ist älter als jedes Kon­zil, Tra­di­ti­on kann nicht belie­big geformt wer­den und die Ein­heit ent­steht nicht durch die Unter­drückung legi­ti­mer Viel­falt. Das ist der Kern der Aus­ein­an­der­set­zung. Die Anhän­ger des über­lie­fer­ten Ritus ver­lan­gen, daß ihre eige­ne lit­ur­gi­sche Tra­di­ti­on nicht län­ger wie ein kirch­li­ches Pro­blem behan­delt wird. Bene­dikt XVI. ver­such­te mit Sum­morum Pon­ti­fi­cum eine Ant­wort dar­auf zu geben, doch wur­de sein Erbe seit 2013 syste­ma­tisch beseitigt.

Mount Angel könnte eine Chance sein – wenn die Frage richtig gestellt wird

Die Tat­sa­che, daß sich 18 Fach­leu­te mit der Fra­ge beschäf­ti­gen, wie Prie­ster und Lai­en wie­der lit­ur­gisch gebil­det wer­den kön­nen, ist grund­sätz­lich begrü­ßens­wert. Eben­so ist die aus­drück­li­che päpst­li­che For­de­rung nach Ehr­furcht, Treue zu den lit­ur­gi­schen Büchern und Distanz zu will­kür­li­cher Krea­ti­vi­tät ein wich­ti­ger Schritt weg von jenen Aus­wüch­sen, die die Lit­ur­gie vie­ler­orts nach wie vor belasten.

Aber gera­de des­halb soll­te man die Sache beim Namen nen­nen: Eine lit­ur­gi­sche Erneue­rung, die das lit­ur­gi­sche Gedächt­nis der Kir­che auf die Zeit nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil ver­kürzt, ist kei­ne Erneue­rung, son­dern nur die Fort­set­zung einer schwer defi­zi­tä­ren Ent­wick­lung unter ver­än­der­tem Vorzeichen.

Wenn Mount Angel tat­säch­lich zu einem neu­en lit­ur­gi­schen Auf­bruch füh­ren soll, müß­te des­halb auch die Fra­ge nach dem über­lie­fer­ten Ritus offen gestellt wer­den: als ernst­haf­te kirch­li­che Fra­ge: War­um suchen welt­weit Katho­li­ken gera­de in die­ser Lit­ur­gie geist­li­che Hei­mat? War­um ent­ste­hen dort Fami­li­en, Beru­fun­gen und Gemein­schaf­ten – wenn sie nicht von der Hier­ar­chie abge­würgt wer­den? War­um erle­ben vie­le Gläu­bi­ge dort jene Ehr­furcht und sakra­le Dich­te, die andern­orts schmerz­lich ver­mißt werden?

Die eigentliche Bewährungsprobe für Leo XIV.

Damit geht es am Ende nicht um Kar­di­nal Roche, son­dern um Papst Leo XIV.

Der Papst zeigt mit sei­ner Bot­schaft an Mount Angel, daß ihm die Lit­ur­gie wich­tig ist. Er spricht von Ehr­furcht, myst­ago­gi­scher Bil­dung, Schön­heit, dem Pas­cha­my­ste­ri­um und Treue zu den appro­bier­ten Tex­ten. Das sind gute Voraussetzungen.

Doch nun muß sich zei­gen, ob dar­aus auch eine wirk­li­che lit­ur­gi­sche Ver­söh­nung erwach­sen kann, jene Ver­söh­nung der nach­kon­zi­lia­ren Kir­che mit der 1900jährigen kirch­li­chen Tra­di­ti­on davor. Nur eine sol­che Ver­söh­nung kann die Kir­che in ihre eige­ne Kon­ti­nui­tät zurück­brin­gen, von der sie abge­kom­men ist, wie die bei­spiel­lo­se Kir­chen­kri­se in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten seit dem Kon­zil zeigt.

Solan­ge aber Kar­di­nal Roche die lit­ur­gi­sche Linie des Dik­aste­ri­ums bestimmt und zugleich erklärt, daß Tra­di­tio­nis cus­to­des nicht geän­dert wer­de, bleibt der Ein­druck bestehen, daß die Türen für eine ech­te Neu­be­wer­tung des über­lie­fer­ten Ritus geschlos­sen und die Kir­che zwei­ge­teilt bleiben.

Hat Mount Angel eine Chan­ce zu einem Ort lit­ur­gi­scher Erneue­rung zu wer­den und nicht nur ein wei­te­rer Schritt auf dem in den 1960er Jah­ren ein­ge­schla­ge­nen, defi­zi­tä­ren Weg?

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: fttr​.it/​A​b​tei Mount Angel (Screen­shots)

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