„Der Neue Ritus war eine liturgische Revolution; das Konzil war eine doktrinäre Revolution“

Ein Interview mit Don Pietro Leone über sein neues Buch

Die Verdunkelung Gottes – Eine Kritik am Konzil
Die Verdunkelung Gottes – Eine Kritik am Konzil

Das Zweite Vatikanische Konzil und die Verdunkelung Gottes – Eine Kritik am Konzil 

Inter­view mit Don Pie­tro Leo­ne*
von Fran­ce­s­ca Romana*

Fran­cer­so Roma­na: Ihr Buch über das jüng­ste Kon­zil ist nun end­lich erschienen.

Don Pie­tro Leo­ne: Deo gra­ti­as! Bevor wir begin­nen, möch­te ich noch ein­mal öffent­lich mei­nen tie­fen Dank an New Catho­lic aus­spre­chen, weil man mir ermög­licht hat, die erste Fas­sung des Buches über meh­re­re Jah­re hin­weg in Fort­set­zun­gen bei Rora­te Cae­li zu ver­öf­fent­li­chen.
Ihnen selbst dan­ke ich für die gan­ze Arbeit an der Gestal­tung und Bebil­de­rung des Tex­tes sowie all jenen – Lai­en wie Ordens­leu­ten –, die das Buch Kor­rek­tur gele­sen haben. Beson­ders erwäh­nen möch­te ich den freund­li­chen und ange­se­he­nen Pro­fes­sor Den­nis Q. McI­ner­ny, der eine Rei­he her­vor­ra­gen­der phi­lo­so­phi­scher Bücher ver­faßt hat.
Er las das, was im wesent­li­chen bereits die end­gül­ti­ge Fas­sung war, und stimm­te inhalt­lich voll­kom­men mit mir über­ein. Er erklär­te, das Kon­zil stel­le unter ande­rem eine voll­stän­di­ge Zurück­wei­sung der Meta­phy­sik dar. Dem stim­me ich zu.
Eini­ge sei­ner Wor­te haben wir auf dem Umschlag abge­druckt. Lei­der ist er vor eini­gen Mona­ten ver­stor­ben. Requiescat in Pace.
Schließ­lich dan­ke ich dem Ver­le­ger von Lore­to Publi­ca­ti­ons für sei­ne gro­ße Geduld.

Fran­cer­so Roma­na: Das Buch ist anspruchs­voll und umfang­reich. Die Men­schen von heu­te, auch tra­di­tio­nel­le Katho­li­ken, sind weni­ger geneigt, einen der­art umfang­rei­chen Band voll­stän­dig durch­zu­ar­bei­ten, und wün­schen sich Zusam­men­fas­sun­gen der ein­zel­nen Fra­gen im Inter­net.
Was kön­nen Sie sagen, um Katho­li­ken – und in Wahr­heit auch Nicht­ka­tho­li­ken – dazu zu ermu­ti­gen, es zu lesen? Für wen genau haben Sie die­ses Buch geschrie­ben? Was erhof­fen Sie sich davon, daß der Leser dar­aus gewinnt?

Don Pie­tro Leo­ne: Ich habe es für die Hier­ar­chie geschrie­ben, für die Bischö­fe und ihre Semi­na­re, damit die Kir­che das Kon­zil zu gege­be­ner Zeit bei­sei­te­le­gen kann.
Ich habe es für alle geschrie­ben, die die Wahr­heit ken­nen­ler­nen wol­len, die den katho­li­schen Glau­ben ken­nen­ler­nen wol­len, damit alle den Glau­ben prak­ti­zie­ren kön­nen, um das Him­mel­reich zu erlan­gen.
Das Ver­mächt­nis der Kon­zils­do­ku­men­te, die den ein­fluß­reich­sten Bestand von Tex­ten dar­stel­len, den uns die Hier­ar­chie im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert gege­ben hat, dient mei­ner Mei­nung nach – um es mil­de aus­zu­drücken – nicht dem letz­ten Ziel der Kir­che: daß der Mensch das Him­mel­reich erlangt.

Fran­cer­so Roma­na: Ernst­haf­te Katho­li­ken soll­ten mei­ner Ansicht nach ein Exem­plar die­ses Buches im Regal haben, denn es könn­te eine Zeit kom­men, in der die vir­tu­el­le Welt des Inter­nets und die digi­ta­len Syste­me zusam­men­bre­chen. Sogar säku­la­re Exper­ten auf die­sem Gebiet rech­nen mit einer Stillegung des Inter­nets und mit Cyber­an­grif­fen.
Wenn man nicht in den ver­gan­ge­nen unge­fähr fünf­zig Jah­ren in einer Höh­le gelebt hat, kann man nicht leug­nen, daß die römisch-katho­li­sche Kir­che in ihrer insti­tu­tio­nel­len Wirk­lich­keit immer wei­ter ver­fällt. Sie besitzt nicht mehr die Glaub­wür­dig­keit von vor drei­zehn Jah­ren. Das Anse­hen, der Rang und die Auto­ri­tät des Pap­stes sind schwer beschä­digt wor­den.
War es eben­falls ein Ziel des Kon­zils, die zeit­li­che und geist­li­che Macht des Papst­tums zu schwächen?

Don Pie­tro Leo­ne: In den Abschnit­ten über die Kir­che in sich selbst und über ihre Bezie­hun­gen zur Außen­welt setzt das Kon­zil das Papst­tum her­ab, indem es den Papst auf die­sel­be Ebe­ne wie das „Bischofs­kol­le­gi­um“ stellt und eine recht­li­che Struk­tur schafft, durch die die Päp­ste Auto­ri­tät an Bischofs­kon­fe­ren­zen dele­gie­ren kön­nen.
In sei­nen Doku­men­ten über Öku­me­ne und Reli­gi­ons­frei­heit ver­min­dert es die päpst­li­che Auto­ri­tät noch wei­ter, indem es die katho­li­sche Reli­gi­on auf die Ebe­ne ande­rer Reli­gio­nen oder staat­li­cher Ein­rich­tun­gen her­ab­setzt.
In der Zeit nach dem Kon­zil waren vie­le Äuße­run­gen von Papst Fran­zis­kus nicht dazu ange­tan, Ach­tung vor dem Amt ein­zu­flö­ßen, das die höch­ste Wür­de auf Erden innehat.

Fran­cer­so Roma­na: Es sind meh­re­re gute Bücher über das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil und sei­ne tra­gi­schen Fol­gen geschrie­ben wor­den. Was macht Ihr Buch anders, und war­um soll­ten die Men­schen es lesen?

Don Pie­tro Leo­ne: Es gibt gute histo­ri­sche Dar­stel­lun­gen und tref­fen­de Dar­stel­lun­gen der Feh­ler gege­ben. Aber es gab kei­nen Ver­such, eine syste­ma­ti­sche Ana­ly­se aus dog­ma­ti­scher und meta­phy­si­scher Per­spek­ti­ve vor­zu­le­gen.
In einer Welt, die zuneh­mend vom Geist der Unwis­sen­heit, der Ver­wir­rung und des Wahn­sinns beherrscht wird, möch­te das Buch Wahr­heit und Irr­tum neben­ein­an­der­stel­len, um zu zei­gen, was ange­nom­men und was zurück­ge­wie­sen wer­den muß.
Dies läßt sich nicht auf weni­gen Sei­ten lei­sten, und auch nicht auf Sei­ten, die man schnell lesen kann. Es erfor­dert Stu­di­um und Zeit. Aber ich hof­fe, daß dies durch die Erkennt­nis belohnt wird, die dar­aus erwach­sen kann.

Fran­cer­so Roma­na: Leh­nen Sie das Kon­zil ab?

Don Pie­tro Leo­ne: Ich leh­ne sei­ne Irr­tü­mer ab, wie es jeder tun muß. Aber nie­mand besitzt die Auto­ri­tät, das Kon­zil als sol­ches zu ver­wer­fen, eben­so wenig wie jemand die Auto­ri­tät besitzt, den Papst abzu­leh­nen.
Nur die Kir­che, in Gestalt des Pap­stes, besitzt die Auto­ri­tät, ein Kon­zil oder einen (ver­gan­ge­nen) Papst zurückzuweisen.

Fran­cer­so Roma­na: Hat sich viel ver­än­dert, seit ihre Rei­he hier bei Rora­te ver­öf­fent­licht haben? Bei einem der­art ehr­gei­zi­gen Werk, was Umfang und Tie­fe betrifft, gibt es ver­mut­lich immer noch etwas hin­zu­zu­fü­gen: Ver­bin­dun­gen zwi­schen den ver­schie­de­nen Ele­men­ten des Kon­zils, die Klä­rung der ver­schie­de­nen über­ge­ord­ne­ten Prin­zi­pi­en, die das Kon­zil bestimmen …

Don Pie­tro Leo­ne: In der Tat.

Fran­cer­so Roma­na: Wie lau­tet Ihr all­ge­mei­nes Urteil über die Tex­te des Konzils?

Don Pie­tro Leo­ne: Sie sind dun­kel und schwer ver­ständ­lich. Ich habe viel Zeit dar­auf ver­wen­det, her­aus­zu­fin­den, was der Ver­fas­ser eines bestimm­ten Tex­tes sagen woll­te, was dar­an katho­lisch war und was nicht, indem ich Dog­ma und Logik ohne Erbar­men anwand­te und ver­such­te, die Schluß­fol­ge­run­gen so klar wie mög­lich aus­zu­drücken.
Oft hat­te ich das Bild eines rie­si­gen Woll­knäu­els vor Augen, mit inein­an­der ver­schlun­ge­nen und fest ver­kno­te­ten Fäden, die bei­na­he unmög­lich zu ent­wir­ren waren.

Fran­cer­so Roma­na: Aber am Ende ist es dir gelungen?

Don Pie­tro Leo­ne: Sie­ben Jah­re sind ver­gan­gen, und ich habe mich noch immer nicht mit allen Tex­ten des Kon­zils beschäf­tigt. Aber irgend­wo muß­te ich aufhören.

Fran­cer­so Roma­na: Was war der Aus­lö­ser zur ursprüng­li­chen Idee für das Buch?

Don Pie­tro Leo­ne: Ich wuß­te, daß mit dem Kon­zil etwas nicht stimm­te, und ver­mu­te­te, daß es ein ober­stes Prin­zip gab, das alles Fal­sche dar­an bestimm­te.
Ich woll­te die­ses über­ge­ord­ne­te oder for­ma­le Prin­zip des Irr­tums des Kon­zils anhand einer reprä­sen­ta­ti­ven Men­ge von Tex­ten iden­ti­fi­zie­ren, dar­un­ter auch die berühm­te­sten und heterodoxesten.

Fran­cer­so Roma­na: Was ist die­ses Prinzip?

Don Pie­tro Leo­ne: Nach meh­re­ren Jah­ren der Arbeit wur­de mir die Ein­sicht geschenkt, es zu ver­ste­hen – oder zumin­dest scheint es mir so: Das Kon­zil ist die Zurück­wei­sung unse­res seli­gen Herrn Jesus Chri­stus und Sei­ne Erset­zung durch den Menschen.

Fran­cer­so Roma­na: Ich erin­ne­re mich an die­se dra­ma­ti­sche Schluß­fol­ge­rung aus den Kapi­teln. Ich muß sagen, Ihre Ana­ly­se ist zutiefst erschütternd.

Don Pie­tro Leo­ne: Ich habe Dog­ma­tik und Logik ange­wandt, und dies war das Ergeb­nis.
Ich tei­le die­se Sicht mit drei tra­di­tio­nel­len Prie­stern, die ich für eini­ge der erleuch­tet­sten Män­ner unse­rer Zeit hal­te, auch wenn einer von ihnen bereits ver­stor­ben ist. Dabei ver­ste­he ich „Erleuch­tung“ in dem Sinn, wie es die Grie­chen taten: als Fol­ge des Leidens.

Fran­cer­so Roma­na: Das Buch dürf­te Auf­se­hen erregen.

Don Pie­tro Leo­ne: Das hof­fe ich auf­rich­tig. Die Fra­gen müs­sen bekannt sein, bevor sie beur­teilt wer­den kön­nen. Ich kann mir vor­stel­len, daß es eini­ge Men­schen wütend machen wird. Aber wir müs­sen ver­su­chen, die Emo­tio­nen bei­sei­te­zu­le­gen und objek­tiv zu sein.

Fran­cer­so Roma­na: Ihr größ­ter Wunsch ist, daß Chri­stus die Ihm gebüh­ren­de Anbe­tung erfährt.

Don Pie­tro Leo­ne: Das ist mein größ­ter Wunsch. Der Angriff auf Ihn ist das größ­te Übel, das vom Kon­zil aus­geht; dar­auf lau­fen nach mei­nen Stu­di­en alle Tex­te hin­aus, wenn man sie in ihrer Gesamt­heit betrach­tet.
Ich habe die ver­schie­de­nen Aspek­te die­ses Angriffs nach­ein­an­der auf­ge­führt: Chri­stus, der König, wird im Dekret über die Reli­gi­ons­frei­heit ange­grif­fen; Chri­stus, der Erlö­ser, im Dekret über den Öku­me­nis­mus; Chri­stus, der Bräu­ti­gam der Kir­che, im Doku­ment über die Ehe; Chri­stus, der Bräu­ti­gam der See­le, im Doku­ment über das Ordens­le­ben – und so weiter.

Fran­cer­so Roma­na: Beschul­di­gen Sie die Teil­neh­mer des Kon­zils selbst, die­sen Angriff geführt zu haben?

Don Pie­tro Leo­ne: Die Ver­schie­den­ar­tig­keit der Mit­glie­der des Kon­zils und die Kom­ple­xi­tät der Kon­zils­tex­te sind der­art groß, daß kein mensch­li­cher Akteur eine Schluß­fol­ge­rung von einer sol­chen Geschlos­sen­heit und Uner­bitt­lich­keit hät­te orche­strie­ren können.

Fran­cer­so Roma­na: Sie spre­chen also von der Wirk­sam­keit einer über­na­tür­li­chen bezie­hungs­wei­se prä­ter­na­tu­ra­len Macht hin­ter dem gesam­ten Vorgang?

Don Pie­tro Leo­ne: Zu der­sel­ben Schluß­fol­ge­rung bin ich hin­sicht­lich der Schaf­fung des neu­en Meß­ri­tus gekom­men, in mei­nem Buch Die Zer­stö­rung des Römi­schen Ritus.

Fran­cer­so Roma­na: Wenn dies das größ­te Übel ist, wel­che ande­ren Übel gibt es noch?

Don Pie­tro Leo­ne: Das nächst­grö­ße­re Übel ist die Gefahr für die Seelen.

Fran­cer­so Roma­na: Keh­ren wir zu den Ände­run­gen zurück, die Sie an dem Buch vor­ge­nom­men haben, seit die frü­he­re Fas­sung bei Rora­te Cae­li ver­öf­fent­licht haben.

Don Pie­tro Leo­ne: In die­ser end­gül­ti­gen Fas­sung sah ich mich gezwun­gen, gegen das Kon­zil den Vor­wurf des Athe­is­mus zu erhe­ben.
In der frü­he­ren Fas­sung hat­te ich eine gro­ße Zahl von Tex­ten auf­ge­li­stet, die die natür­li­che und die über­na­tür­li­che Ord­nung der Wirk­lich­keit mit­ein­an­der ver­meng­ten. Inzwi­schen habe ich ihre Zahl auf drei­ßig erhöht.
Damit sug­ge­riert das Kon­zil, es gebe nur eine ein­zi­ge Ord­nung der Wirk­lich­keit. Wenn es aber nur eine ein­zi­ge Ord­nung der Wirk­lich­keit gibt, dann kann Gott nicht exi­stie­ren, denn Gott ist per defi­ni­tio­nem voll­stän­dig tran­szen­dent gegen­über der natür­li­chen Ord­nung. Wenn Er ihr gegen­über nicht tran­szen­dent ist, ist Er nicht Gott.

Fran­cer­so Roma­na: Ist das Kon­zil Ihrer Ansicht nach also atheistisch?

Don Pie­tro Leo­ne: Nicht ganz. Den­ken Sie dar­an, daß die Teil­neh­mer in zwei Grup­pen gespal­ten waren: die Tra­di­tio­na­li­sten und die Liberalen/​Modernisten. Des­halb kön­nen wir das Kon­zil als Gan­zes nicht ein­fach ent­spre­chend eti­ket­tie­ren.
Eben­so kön­nen wir nicht vor­aus­set­zen, daß auch die zwei­te Grup­pe bewußt athe­istisch war. Aber sie teil­ten eine Welt­an­schau­ung, die bei genau­er Ana­ly­se letzt­lich in den Athe­is­mus mündet.

Fran­cer­so Roma­na: Wenn Sie dem Kon­zil nach einer der­art detail­lier­ten Unter­su­chung Athe­is­mus zuschrei­ben – wie kön­nen wir dann der heu­ti­gen Hier­ar­chie ver­trau­en, die offen­bar voll­stän­dig in das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil ver­liebt ist und die­je­ni­gen, die ihre Posi­ti­on infra­ge stel­len, des Unge­hor­sams und sogar des Schis­mas beschuldigt?

Don Pie­tro Leo­ne: Mei­ner Ansicht nach ver­fü­gen nicht vie­le Mit­glie­der der Hier­ar­chie und der Kir­che selbst über eine detail­lier­te Kennt­nis des Kon­zils.
Wir kön­nen vie­len Mit­glie­dern der Hier­ar­chie auf­grund ihres guten Wil­lens ver­trau­en. Wenn sie jedoch die neue Kon­zils­leh­re als etwas Wah­res und Gutes ver­kün­den, kön­nen wir um die Erlaub­nis bit­ten, ande­rer Mei­nung zu sein. Und wenn sie uns des­halb unge­hor­sam oder schis­ma­tisch nen­nen, kön­nen wir ihnen den­sel­ben katho­li­schen Glau­ben als unser Zeug­nis ent­ge­gen­hal­ten, wie er im Lau­fe der Jahr­hun­der­te in sei­ner gan­zen Unver­sehrt­heit über­lie­fert wor­den ist.

Fran­cer­so Roma­na: Wie läßt sich das mit der Ver­hei­ßung des Herrn ver­ein­ba­ren: „Die Pfor­ten der Unter­welt wer­den sie nicht überwältigen“?

Don Pie­tro Leo­ne: Solan­ge es einen Papst und gül­tig getauf­te Katho­li­ken gibt, die nicht in Schis­ma, Häre­sie oder Apo­sta­sie gefal­len sind, wird die Kir­che wei­ter­be­stehen. Dies ist jeden­falls dog­ma­tisch gewähr­lei­stet, selbst wenn vie­le Mit­glie­der der Hier­ar­chie wei­ter­hin die Gläu­bi­gen in die Irre führen.

Fran­cer­so Roma­na: Muß­ten Sie noch ande­re Tei­le ver­än­dern oder neu schreiben?

Don Pie­tro Leo­ne: Frü­her oder spä­ter habe ich alle Abschnit­te ver­än­dert. Am mei­sten Arbeit erfor­der­ten die Abschnit­te über Kol­le­gia­li­tät, Öku­me­nis­mus und Reli­gi­ons­frei­heit. Ich muß­te das Kapi­tel über den Öku­me­nis­mus zwei­mal voll­stän­dig neu schrei­ben und ande­re Tei­le davon sogar drei­mal. Die Abschnit­te über Kol­le­gia­li­tät und Reli­gi­ons­frei­heit habe ich bei­na­he bis zur Ver­öf­fent­li­chung immer wie­der neu geschrie­ben.
Die­se drei The­men sind eben­so dun­kel wie gefähr­lich. Es bedarf gro­ßer Anstren­gung, um sie zu klä­ren und zu ver­ste­hen.
Wenn man sie jedoch auf eine bestimm­te Wei­se und gründ­lich ana­ly­siert, kann man erken­nen, daß sie ledig­lich eine Wie­der­ho­lung frü­he­rer Häre­si­en dar­stel­len: Kol­le­gia­li­tät als Wie­der­auf­nah­me des Epi­skopa­lis­mus; Öku­me­nis­mus als Wie­der­auf­nah­me der pan­christ­li­chen Idee; Reli­gi­ons­frei­heit als Wie­der­auf­nah­me von Säku­la­ris­mus und Indif­fe­ren­tis­mus.
Es war nicht leicht, dies zu ver­ste­hen und klar auszudrücken.

Fran­cer­so Roma­na: Die Men­schen wei­sen häu­fig auf die Dun­kel­heit der Tex­te hin und sagen, sie sei­en mehr­deu­tig und müß­ten nur rich­tig ver­stan­den wer­den, um akzep­ta­bel zu sein.

Don Pie­tro Leo­ne: Das ist es, was ich die „Ora­kel­theo­rie“ nen­ne: Ein Ora­kel ist unfehl­bar, drückt sich aber dun­kel aus.
Doch das Lehr­amt ist kein Ora­kel. Es ist unfehl­bar, aber klar; tat­säch­lich bewahrt es die­se Klar­heit im Lau­fe der Zeit oder stei­gert sie sogar.
Das Kon­zil hin­ge­gen stellt auf­grund sei­ner Dun­kel­heit in die­sem Sin­ne kei­nen Fort­schritt, son­dern einen Rück­schritt dar – ein deut­li­ches Zei­chen sei­ner Unecht­heit.
Außer­dem wür­de jeder, der die Tex­te liest, erken­nen, daß es nicht bloß um Mehr­deu­tig­keit geht, son­dern – wie ich in der Ein­lei­tung des Buches geschrie­ben habe – um die Andeu­tung, ja sogar um die impli­zi­te Behaup­tung häre­ti­scher Lehren.

Fran­cer­so Roma­na: Kön­nen Sie das unse­ren Lesern genau­er erklä­ren? Kön­nen Sie uns eini­ge Bei­spie­le geben?

Don Pie­tro Leo­ne: Gewiß. Wenn das Kon­zil sagt, die Kir­che Chri­sti „sub­si­stiert“ in der katho­li­schen Kir­che, dann deu­tet dies an, daß die Kir­che Chri­sti nicht iden­tisch mit der katho­li­schen Kir­che sei, wie es zuvor immer gelehrt wor­den war – oder jeden­falls nicht mehr iden­tisch sei, wenn per impos­si­bi­le ein Dog­ma sich ändern könn­te.
War­um soll­te man sonst die Defi­ni­ti­on ändern?
Wenn das Kon­zil wie­der­um sagt, es gebe „ande­re Kir­chen“, impli­ziert dies, daß die katho­li­sche Kir­che nicht eine ist – obwohl es ein defi­nier­tes Dog­ma ist, das jeder prak­ti­zie­ren­de Katho­lik jeden Sonn­tag in der Mes­se bekennt.

Fran­ce­s­ca Roma­no: Papst Bene­dikt för­der­te die „Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät“, und die­se wur­de von der heu­ti­gen Hier­ar­chie über­nom­men. Ist das das­sel­be wie zu sagen, die Tex­te sei­en mehr­deu­tig und müß­ten ledig­lich rich­tig inter­pre­tiert werden?

Don Pie­tro Leo­ne: Ja. Die „Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät“ – ein wei­te­res The­ma, das ich dem Buch hin­zu­ge­fügt habe – ist selbst eine Leh­re, die frü­her ver­ur­teilt wur­de, nun aber unter einem ande­ren Namen erneut vor­ge­tra­gen wird.
Der Begriff bezieht sich auf Her­mes, den Göt­ter­bo­ten der grie­chi­schen Mytho­lo­gie. Die Göt­ter waren ver­schla­gen, Her­mes hin­ge­gen war auf­rich­tig – aber nicht in die­sem Fall.
Die betref­fen­de Her­me­neu­tik ist ledig­lich eine Form der „Evo­lu­ti­on des Dog­mas“ – eine Häre­sie, die in Pas­cen­di ver­ur­teilt wurde.

Fran­ce­s­ca Roma­no: Was bedeu­tet das in ein­fa­chen Worten?

Don Pie­tro Leo­ne: Die katho­li­sche Kir­che lehrt, daß der Glau­be der ange­mes­se­ne Aus­druck der letz­ten, objek­ti­ven und unver­än­der­li­chen Wahr­heit ist. Dies ist daher die „tra­di­tio­na­li­sti­sche“ Sicht.
Die „Moder­ni­sten“ leug­nen die­se Sicht.
Die „Neo­kon­ser­va­ti­ven“ akzep­tie­ren sie, sagen aber, daß sich der Aus­druck der Wahr­heit im Lau­fe der Zeit ver­än­dern kön­ne.
Das ist teil­wei­se wahr und teil­wei­se falsch.
Er kann sich mate­ria­li­ter ver­än­dern – hin­sicht­lich sei­ner Tie­fe und Klar­heit –, aber er kann sich nicht sub­stan­tia­li­ter ver­än­dern und dadurch zu einer neu­en Leh­re wer­den.
Das Erste Vati­ka­ni­sche Kon­zil erklärt dies aus­drück­lich und ver­weist dabei auf das Com­mo­ni­to­ri­um des hei­li­gen Vin­zenz von Lérins.
Wenn Neo­kon­ser­va­ti­ve behaup­ten, der Aus­druck des Glau­bens kön­ne sich im Lau­fe der Zeit ver­än­dern, mei­nen sie, daß dies nicht nur mate­ri­ell, son­dern auch wesens­mä­ßig gesche­hen kön­ne, so daß dar­aus eine neue Leh­re wer­de. Das wider­spricht dem Ersten Vati­ka­ni­schen Kon­zil.
Letzt­lich beru­hen sowohl die moder­ni­sti­schen als auch die neo­kon­ser­va­ti­ven Posi­tio­nen auf der Häre­sie der „Evo­lu­ti­on des Dog­mas“: Im ersten Fall soll sich die Wahr­heit ver­än­dern, im zwei­ten der Aus­druck der Wahr­heit.

Fran­ce­s­ca Roma­no: Ist ein Ver­tre­ter der Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät absicht­lich irreführend?

Don Pie­tro Leo­ne: Ich wür­de es nicht so for­mu­lie­ren, son­dern viel­mehr sagen, daß er aus Ehr­furcht sowohl gegen­über dem frü­he­ren als auch gegen­über dem gegen­wär­ti­gen Lehr­amt han­delt: Er möch­te bei­de mit­ein­an­der in Ein­klang brin­gen und ein Schis­ma ver­mei­den. Er folgt dabei jeweils den höch­sten Auto­ri­tä­ten der Kirche.

Fran­ces­co Roma­no: Ihr Stil unter­schei­det sich ziem­lich stark von dem des Konzils.

Don Pie­tro Leo­ne: Ich bemü­he mich, wis­sen­schaft­lich vor­zu­ge­hen, was not­wen­dig ist, um Häre­sie und Trug­schlüs­se zu wider­le­gen.
Bewußt bezie­he ich vie­les aus der Tra­di­ti­on ein: die Kir­chen­vä­ter, zum Bei­spiel den hei­li­gen Cypri­an. Die Weis­heit der Alten kann nicht aus­ge­löscht wer­den. Der Ver­such, dies zu tun, ist ein Zei­chen der Revo­lu­ti­on.
Der Neue Ritus war eine lit­ur­gi­sche Revo­lu­ti­on; das Kon­zil war eine dok­tri­nä­re Revo­lu­ti­on.
Das­sel­be gilt für die lite­ra­ri­sche Tra­di­ti­on: Homer und bei­spiels­wei­se die grie­chi­schen Tra­gi­ker. Was sie sagen, ist von gro­ßer Bedeu­tung für das Ver­ständ­nis der mensch­li­chen Situa­ti­on – und auch des Kon­zils –, wie ich zu zei­gen ver­sucht habe.
Ich habe auch Ver­wei­se auf die moder­ne Lite­ra­tur hin­zu­ge­fügt, von der wir eben­falls viel ler­nen können.

Fran­ces­co Roma­no: Ihre Schreib­wei­se hat etwas Gelehr­tes an sich.

Don Pie­tro Leo­ne: Das ist das Erbe mei­ner Fami­lie, mei­ner Erzie­hung und spä­ter mei­ner bewuß­ten Ent­schei­dung.
Um zu ver­ste­hen, müs­sen wir die Din­ge in ihrem Zusam­men­hang verstehen.Revolutionäre inter­es­sie­ren sich nicht für Zusam­men­hän­ge. Sie wol­len die Ver­gan­gen­heit aus­lö­schen, ich wie­der­ho­le es, und alles mit Füßen tre­ten, was wahr, gut, hei­lig und schön ist. Sie wol­len ihren Abgott an die Stel­le Got­tes set­zen.
Sie tun dies schon viel zu lan­ge. Es ist an der Zeit, daß sie ver­trie­ben werden.

Fran­ce­s­ca Roma­no: In der Tat!

Don Pie­tro Leo­ne: Unser Herr wird ange­grif­fen; das ewi­ge Leben ist in Gefahr. Wir haben die Fol­gen in die­sen Nach­kon­zils­jah­ren gese­hen.
Ein zutiefst ver­werf­li­cher Geist der Auf­leh­nung ist in den Vati­kan ein­ge­drun­gen, und im Peters­dom wird eine „Frucht­bar­keits­göt­tin“ [Pacha­ma] ver­ehrt.
Auch dies gehört in einen grö­ße­ren Zusam­men­hang und darf nicht still­schwei­gend über­gan­gen werden.

Fran­ces­co Roma­no: Sie spre­chen vom Wah­ren und Guten: Das ist ein Kenn­zei­chen des Buches. Sie stel­len es in den Kon­text der ari­sto­te­lisch-scho­la­sti­schen Meta­phy­sik. Sie begin­nen das gan­ze Buch mit einer Ein­lei­tung über das Wesen der Wahrheit.

Don Pie­tro Leo­ne: Genau dar­in liegt der grund­le­gen­de Punkt von allem, was ich hier geschrie­ben habe.
Ich habe gesagt, daß ich Dog­ma­tik und Logik als Werk­zeu­ge zur Ana­ly­se der Doku­men­te ver­wen­de, weil die Wahr­heit – sowohl die über­na­tür­li­che als auch die natür­li­che – ent­schei­dend ist. Mei­nun­gen sind dabei ohne Belang.
Was Logik und Meta­phy­sik betrifft, habe ich mehr als hun­dert meta­phy­si­sche Feh­ler auf­ge­zeigt.
Man wird mich manch­mal fra­gen: Wel­chen Grad an Gehor­sam schul­den wir dem Kon­zil?
Mei­ne Ant­wort lau­tet: Zunächst müs­sen wir fest­stel­len, ob das, was es lehrt, wahr oder falsch ist, denn der Falsch­heit schul­det man kei­nen Gehorsam.

Fran­ces­co Roma­no: Ver­ste­he ich rich­tig, daß dies Ihr letz­tes Wort zum Moder­nis­mus ist? Haben Sie vor, noch ein­mal über die­se The­men zu schreiben?

Don Pie­tro Leo­ne: Nein, das habe ich nicht vor. Eine Ana­ly­se des Kon­zils reicht aus, um auch den gegen­wär­ti­gen Zustand der insti­tu­tio­nel­len Kir­che und der Welt zu ver­ste­hen.
Mein Obe­rer erteilt mir eine Auf­ga­be, die, wenn alles wie erhofft ver­läuft, nicht viel Zeit zum Schrei­ben las­sen wird. Ich hof­fe, die ver­blei­ben­de Zeit dazu zu nut­zen, die katho­li­sche Leh­re in ihrer Rein­heit und Ein­fach­heit dar­zu­le­gen.
Die Unkennt­nis des Glau­bens ist nahe­zu allent­hal­ben ver­brei­tet. Er wur­de unter­drückt, zusam­men mit den meta­phy­si­schen Prin­zi­pi­en, die ihn erklä­ren. Ich möch­te nur ein Bei­spiel aus dem Kon­zil nen­nen, und damit kön­nen wir die­ses Inter­view abschlie­ßen, wenn es euch recht ist. Das Kon­zil hat das meta­phy­si­sche Prin­zip der Fina­li­tät unter­drückt.
Was ist der Zweck der Kir­che? Was ist der Zweck ihrer Pflich­ten gegen­über nicht­ka­tho­li­schen Chri­sten, gegen­über ande­ren Reli­gio­nen, dem Staat und der Welt? Was ist der Zweck des Prie­sters? Der Mes­se? Der Ehe? Was ist der Zweck des Lebens?
Wir ken­nen den Zweck nicht. Nie­mand sagt ihn uns. Wir sind im Dun­keln.
Wir irren durch die Fin­ster­nis unse­rer moder­nen Städ­te, aus denen das Wah­re, das Gute und das Schö­ne ver­bannt sind, eben­so wie alles, was das Herz zu Gott erhebt. Wir wer­den ver­schlun­gen vom Lärm und vom dröh­nen­den, schrei­en­den Ver­kehr die­ser chao­ti­schen städ­ti­schen Kos­mo­po­lis. Wir irren umher wie Stra­ßen­kin­der, ver­lo­ren und ver­las­sen in den wei­ten, laby­rin­thi­schen Beton­un­ter­wel­ten unse­rer Städ­te.
Wir haben kei­nen Kom­paß, kei­ne Füh­rung, kei­ne Nah­rung, kei­nen Trost.
Wir sit­zen in Staub und Asche, leh­nen uns an die Wand die­ser Unter­welt und schau­en um uns. Dann erhe­ben wir uns wie­der und gehen wei­ter, obwohl wir nicht wis­sen, wohin wir gehen.

Lie­ber Leser, ich sen­de Ihnen mei­nen prie­ster­li­chen Segen.

Möge unser gebe­ne­dei­ter Herr, unser Schöp­fer, Erlö­ser, anbe­tungs­wür­di­ger König und die fleisch­ge­wor­de­ne Wahr­heit, uns beschüt­zen und auf dem Weg der Voll­kom­men­heit durch das Tal des Todes­schat­tens füh­ren, bis für uns end­lich die Mor­gen­rö­te in der himm­li­schen Hei­mat anbricht.
Amen.

*Don Pie­tro Leo­ne ist das Pseud­onym eines ita­lie­ni­schen katho­li­schen Prie­sters und Theo­lo­gen. Er stu­dier­te klas­si­sche Phi­lo­lo­gie und Phi­lo­so­phie, lehr­te meh­re­re Jah­re in den USA und ist heu­te wie­der in Ita­li­en tätig. Bekannt ist er vor allem für sei­ne Schrif­ten zur tra­di­tio­nel­len katho­li­schen Lit­ur­gie, zum Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil sowie zu moder­nen theo­lo­gi­schen Entwicklungen.

*Fran­ce­s­ca Roma­na ist eine katho­li­sche tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ne Autorin und Über­set­ze­rin. Sie ist vor allem durch ihre lang­jäh­ri­ge Mit­ar­beit bei Rora­te Cæli bekannt, wo die­ses Inter­view ver­öf­fent­licht wur­de und wo sie Bei­trä­ge publi­ziert und Tex­te, ins­be­son­de­re aus dem Ita­lie­ni­schen, unter ande­rem von Rober­to de Mat­tei, ins Eng­li­sche über­setzt. Inhalt­li­che Schwer­punk­te ihrer Arbeit sind die katho­li­sche Tra­di­ti­on, Lit­ur­gie, Kir­chen­kri­se und die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Konzil.


Don Pie­tro Leo­ne: Vati­can II and the Eclip­se of God: A Cri­tique of the Coun­cil, Lore­to Publi­ca­ti­ons, Fitz­wil­liam (New Hamp­shire) 2026, 514 Sei­ten.

Bis­her ist das Buch nur in eng­li­scher Aus­ga­be erschie­nen. Es konn­ten kei­ne Hin­wei­se gefun­den wer­den, daß der­zeit Über­set­zun­gen ins Deut­sche und ande­re Spra­chen in Vor­be­rei­tung sind.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: lore​to​pubs​.org (Screen­shot)

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