Das Zweite Vatikanische Konzil und die Verdunkelung Gottes – Eine Kritik am Konzil
Interview mit Don Pietro Leone*
von Francesca Romana*
Francerso Romana: Ihr Buch über das jüngste Konzil ist nun endlich erschienen.
Don Pietro Leone: Deo gratias! Bevor wir beginnen, möchte ich noch einmal öffentlich meinen tiefen Dank an New Catholic aussprechen, weil man mir ermöglicht hat, die erste Fassung des Buches über mehrere Jahre hinweg in Fortsetzungen bei Rorate Caeli zu veröffentlichen.
Ihnen selbst danke ich für die ganze Arbeit an der Gestaltung und Bebilderung des Textes sowie all jenen – Laien wie Ordensleuten –, die das Buch Korrektur gelesen haben. Besonders erwähnen möchte ich den freundlichen und angesehenen Professor Dennis Q. McInerny, der eine Reihe hervorragender philosophischer Bücher verfaßt hat.
Er las das, was im wesentlichen bereits die endgültige Fassung war, und stimmte inhaltlich vollkommen mit mir überein. Er erklärte, das Konzil stelle unter anderem eine vollständige Zurückweisung der Metaphysik dar. Dem stimme ich zu.
Einige seiner Worte haben wir auf dem Umschlag abgedruckt. Leider ist er vor einigen Monaten verstorben. Requiescat in Pace.
Schließlich danke ich dem Verleger von Loreto Publications für seine große Geduld.
Francerso Romana: Das Buch ist anspruchsvoll und umfangreich. Die Menschen von heute, auch traditionelle Katholiken, sind weniger geneigt, einen derart umfangreichen Band vollständig durchzuarbeiten, und wünschen sich Zusammenfassungen der einzelnen Fragen im Internet.
Was können Sie sagen, um Katholiken – und in Wahrheit auch Nichtkatholiken – dazu zu ermutigen, es zu lesen? Für wen genau haben Sie dieses Buch geschrieben? Was erhoffen Sie sich davon, daß der Leser daraus gewinnt?
Don Pietro Leone: Ich habe es für die Hierarchie geschrieben, für die Bischöfe und ihre Seminare, damit die Kirche das Konzil zu gegebener Zeit beiseitelegen kann.
Ich habe es für alle geschrieben, die die Wahrheit kennenlernen wollen, die den katholischen Glauben kennenlernen wollen, damit alle den Glauben praktizieren können, um das Himmelreich zu erlangen.
Das Vermächtnis der Konzilsdokumente, die den einflußreichsten Bestand von Texten darstellen, den uns die Hierarchie im vergangenen Jahrhundert gegeben hat, dient meiner Meinung nach – um es milde auszudrücken – nicht dem letzten Ziel der Kirche: daß der Mensch das Himmelreich erlangt.
Francerso Romana: Ernsthafte Katholiken sollten meiner Ansicht nach ein Exemplar dieses Buches im Regal haben, denn es könnte eine Zeit kommen, in der die virtuelle Welt des Internets und die digitalen Systeme zusammenbrechen. Sogar säkulare Experten auf diesem Gebiet rechnen mit einer Stillegung des Internets und mit Cyberangriffen.
Wenn man nicht in den vergangenen ungefähr fünfzig Jahren in einer Höhle gelebt hat, kann man nicht leugnen, daß die römisch-katholische Kirche in ihrer institutionellen Wirklichkeit immer weiter verfällt. Sie besitzt nicht mehr die Glaubwürdigkeit von vor dreizehn Jahren. Das Ansehen, der Rang und die Autorität des Papstes sind schwer beschädigt worden.
War es ebenfalls ein Ziel des Konzils, die zeitliche und geistliche Macht des Papsttums zu schwächen?
Don Pietro Leone: In den Abschnitten über die Kirche in sich selbst und über ihre Beziehungen zur Außenwelt setzt das Konzil das Papsttum herab, indem es den Papst auf dieselbe Ebene wie das „Bischofskollegium“ stellt und eine rechtliche Struktur schafft, durch die die Päpste Autorität an Bischofskonferenzen delegieren können.
In seinen Dokumenten über Ökumene und Religionsfreiheit vermindert es die päpstliche Autorität noch weiter, indem es die katholische Religion auf die Ebene anderer Religionen oder staatlicher Einrichtungen herabsetzt.
In der Zeit nach dem Konzil waren viele Äußerungen von Papst Franziskus nicht dazu angetan, Achtung vor dem Amt einzuflößen, das die höchste Würde auf Erden innehat.
Francerso Romana: Es sind mehrere gute Bücher über das Zweite Vatikanische Konzil und seine tragischen Folgen geschrieben worden. Was macht Ihr Buch anders, und warum sollten die Menschen es lesen?
Don Pietro Leone: Es gibt gute historische Darstellungen und treffende Darstellungen der Fehler gegeben. Aber es gab keinen Versuch, eine systematische Analyse aus dogmatischer und metaphysischer Perspektive vorzulegen.
In einer Welt, die zunehmend vom Geist der Unwissenheit, der Verwirrung und des Wahnsinns beherrscht wird, möchte das Buch Wahrheit und Irrtum nebeneinanderstellen, um zu zeigen, was angenommen und was zurückgewiesen werden muß.
Dies läßt sich nicht auf wenigen Seiten leisten, und auch nicht auf Seiten, die man schnell lesen kann. Es erfordert Studium und Zeit. Aber ich hoffe, daß dies durch die Erkenntnis belohnt wird, die daraus erwachsen kann.
Francerso Romana: Lehnen Sie das Konzil ab?
Don Pietro Leone: Ich lehne seine Irrtümer ab, wie es jeder tun muß. Aber niemand besitzt die Autorität, das Konzil als solches zu verwerfen, ebenso wenig wie jemand die Autorität besitzt, den Papst abzulehnen.
Nur die Kirche, in Gestalt des Papstes, besitzt die Autorität, ein Konzil oder einen (vergangenen) Papst zurückzuweisen.
Francerso Romana: Hat sich viel verändert, seit ihre Reihe hier bei Rorate veröffentlicht haben? Bei einem derart ehrgeizigen Werk, was Umfang und Tiefe betrifft, gibt es vermutlich immer noch etwas hinzuzufügen: Verbindungen zwischen den verschiedenen Elementen des Konzils, die Klärung der verschiedenen übergeordneten Prinzipien, die das Konzil bestimmen …
Don Pietro Leone: In der Tat.
Francerso Romana: Wie lautet Ihr allgemeines Urteil über die Texte des Konzils?
Don Pietro Leone: Sie sind dunkel und schwer verständlich. Ich habe viel Zeit darauf verwendet, herauszufinden, was der Verfasser eines bestimmten Textes sagen wollte, was daran katholisch war und was nicht, indem ich Dogma und Logik ohne Erbarmen anwandte und versuchte, die Schlußfolgerungen so klar wie möglich auszudrücken.
Oft hatte ich das Bild eines riesigen Wollknäuels vor Augen, mit ineinander verschlungenen und fest verknoteten Fäden, die beinahe unmöglich zu entwirren waren.
Francerso Romana: Aber am Ende ist es dir gelungen?
Don Pietro Leone: Sieben Jahre sind vergangen, und ich habe mich noch immer nicht mit allen Texten des Konzils beschäftigt. Aber irgendwo mußte ich aufhören.
Francerso Romana: Was war der Auslöser zur ursprünglichen Idee für das Buch?
Don Pietro Leone: Ich wußte, daß mit dem Konzil etwas nicht stimmte, und vermutete, daß es ein oberstes Prinzip gab, das alles Falsche daran bestimmte.
Ich wollte dieses übergeordnete oder formale Prinzip des Irrtums des Konzils anhand einer repräsentativen Menge von Texten identifizieren, darunter auch die berühmtesten und heterodoxesten.
Francerso Romana: Was ist dieses Prinzip?
Don Pietro Leone: Nach mehreren Jahren der Arbeit wurde mir die Einsicht geschenkt, es zu verstehen – oder zumindest scheint es mir so: Das Konzil ist die Zurückweisung unseres seligen Herrn Jesus Christus und Seine Ersetzung durch den Menschen.
Francerso Romana: Ich erinnere mich an diese dramatische Schlußfolgerung aus den Kapiteln. Ich muß sagen, Ihre Analyse ist zutiefst erschütternd.
Don Pietro Leone: Ich habe Dogmatik und Logik angewandt, und dies war das Ergebnis.
Ich teile diese Sicht mit drei traditionellen Priestern, die ich für einige der erleuchtetsten Männer unserer Zeit halte, auch wenn einer von ihnen bereits verstorben ist. Dabei verstehe ich „Erleuchtung“ in dem Sinn, wie es die Griechen taten: als Folge des Leidens.
Francerso Romana: Das Buch dürfte Aufsehen erregen.
Don Pietro Leone: Das hoffe ich aufrichtig. Die Fragen müssen bekannt sein, bevor sie beurteilt werden können. Ich kann mir vorstellen, daß es einige Menschen wütend machen wird. Aber wir müssen versuchen, die Emotionen beiseitezulegen und objektiv zu sein.
Francerso Romana: Ihr größter Wunsch ist, daß Christus die Ihm gebührende Anbetung erfährt.
Don Pietro Leone: Das ist mein größter Wunsch. Der Angriff auf Ihn ist das größte Übel, das vom Konzil ausgeht; darauf laufen nach meinen Studien alle Texte hinaus, wenn man sie in ihrer Gesamtheit betrachtet.
Ich habe die verschiedenen Aspekte dieses Angriffs nacheinander aufgeführt: Christus, der König, wird im Dekret über die Religionsfreiheit angegriffen; Christus, der Erlöser, im Dekret über den Ökumenismus; Christus, der Bräutigam der Kirche, im Dokument über die Ehe; Christus, der Bräutigam der Seele, im Dokument über das Ordensleben – und so weiter.
Francerso Romana: Beschuldigen Sie die Teilnehmer des Konzils selbst, diesen Angriff geführt zu haben?
Don Pietro Leone: Die Verschiedenartigkeit der Mitglieder des Konzils und die Komplexität der Konzilstexte sind derart groß, daß kein menschlicher Akteur eine Schlußfolgerung von einer solchen Geschlossenheit und Unerbittlichkeit hätte orchestrieren können.
Francerso Romana: Sie sprechen also von der Wirksamkeit einer übernatürlichen beziehungsweise präternaturalen Macht hinter dem gesamten Vorgang?
Don Pietro Leone: Zu derselben Schlußfolgerung bin ich hinsichtlich der Schaffung des neuen Meßritus gekommen, in meinem Buch Die Zerstörung des Römischen Ritus.
Francerso Romana: Wenn dies das größte Übel ist, welche anderen Übel gibt es noch?
Don Pietro Leone: Das nächstgrößere Übel ist die Gefahr für die Seelen.
Francerso Romana: Kehren wir zu den Änderungen zurück, die Sie an dem Buch vorgenommen haben, seit die frühere Fassung bei Rorate Caeli veröffentlicht haben.
Don Pietro Leone: In dieser endgültigen Fassung sah ich mich gezwungen, gegen das Konzil den Vorwurf des Atheismus zu erheben.
In der früheren Fassung hatte ich eine große Zahl von Texten aufgelistet, die die natürliche und die übernatürliche Ordnung der Wirklichkeit miteinander vermengten. Inzwischen habe ich ihre Zahl auf dreißig erhöht.
Damit suggeriert das Konzil, es gebe nur eine einzige Ordnung der Wirklichkeit. Wenn es aber nur eine einzige Ordnung der Wirklichkeit gibt, dann kann Gott nicht existieren, denn Gott ist per definitionem vollständig transzendent gegenüber der natürlichen Ordnung. Wenn Er ihr gegenüber nicht transzendent ist, ist Er nicht Gott.
Francerso Romana: Ist das Konzil Ihrer Ansicht nach also atheistisch?
Don Pietro Leone: Nicht ganz. Denken Sie daran, daß die Teilnehmer in zwei Gruppen gespalten waren: die Traditionalisten und die Liberalen/Modernisten. Deshalb können wir das Konzil als Ganzes nicht einfach entsprechend etikettieren.
Ebenso können wir nicht voraussetzen, daß auch die zweite Gruppe bewußt atheistisch war. Aber sie teilten eine Weltanschauung, die bei genauer Analyse letztlich in den Atheismus mündet.
Francerso Romana: Wenn Sie dem Konzil nach einer derart detaillierten Untersuchung Atheismus zuschreiben – wie können wir dann der heutigen Hierarchie vertrauen, die offenbar vollständig in das Zweite Vatikanische Konzil verliebt ist und diejenigen, die ihre Position infrage stellen, des Ungehorsams und sogar des Schismas beschuldigt?
Don Pietro Leone: Meiner Ansicht nach verfügen nicht viele Mitglieder der Hierarchie und der Kirche selbst über eine detaillierte Kenntnis des Konzils.
Wir können vielen Mitgliedern der Hierarchie aufgrund ihres guten Willens vertrauen. Wenn sie jedoch die neue Konzilslehre als etwas Wahres und Gutes verkünden, können wir um die Erlaubnis bitten, anderer Meinung zu sein. Und wenn sie uns deshalb ungehorsam oder schismatisch nennen, können wir ihnen denselben katholischen Glauben als unser Zeugnis entgegenhalten, wie er im Laufe der Jahrhunderte in seiner ganzen Unversehrtheit überliefert worden ist.
Francerso Romana: Wie läßt sich das mit der Verheißung des Herrn vereinbaren: „Die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“?
Don Pietro Leone: Solange es einen Papst und gültig getaufte Katholiken gibt, die nicht in Schisma, Häresie oder Apostasie gefallen sind, wird die Kirche weiterbestehen. Dies ist jedenfalls dogmatisch gewährleistet, selbst wenn viele Mitglieder der Hierarchie weiterhin die Gläubigen in die Irre führen.
Francerso Romana: Mußten Sie noch andere Teile verändern oder neu schreiben?
Don Pietro Leone: Früher oder später habe ich alle Abschnitte verändert. Am meisten Arbeit erforderten die Abschnitte über Kollegialität, Ökumenismus und Religionsfreiheit. Ich mußte das Kapitel über den Ökumenismus zweimal vollständig neu schreiben und andere Teile davon sogar dreimal. Die Abschnitte über Kollegialität und Religionsfreiheit habe ich beinahe bis zur Veröffentlichung immer wieder neu geschrieben.
Diese drei Themen sind ebenso dunkel wie gefährlich. Es bedarf großer Anstrengung, um sie zu klären und zu verstehen.
Wenn man sie jedoch auf eine bestimmte Weise und gründlich analysiert, kann man erkennen, daß sie lediglich eine Wiederholung früherer Häresien darstellen: Kollegialität als Wiederaufnahme des Episkopalismus; Ökumenismus als Wiederaufnahme der panchristlichen Idee; Religionsfreiheit als Wiederaufnahme von Säkularismus und Indifferentismus.
Es war nicht leicht, dies zu verstehen und klar auszudrücken.
Francerso Romana: Die Menschen weisen häufig auf die Dunkelheit der Texte hin und sagen, sie seien mehrdeutig und müßten nur richtig verstanden werden, um akzeptabel zu sein.
Don Pietro Leone: Das ist es, was ich die „Orakeltheorie“ nenne: Ein Orakel ist unfehlbar, drückt sich aber dunkel aus.
Doch das Lehramt ist kein Orakel. Es ist unfehlbar, aber klar; tatsächlich bewahrt es diese Klarheit im Laufe der Zeit oder steigert sie sogar.
Das Konzil hingegen stellt aufgrund seiner Dunkelheit in diesem Sinne keinen Fortschritt, sondern einen Rückschritt dar – ein deutliches Zeichen seiner Unechtheit.
Außerdem würde jeder, der die Texte liest, erkennen, daß es nicht bloß um Mehrdeutigkeit geht, sondern – wie ich in der Einleitung des Buches geschrieben habe – um die Andeutung, ja sogar um die implizite Behauptung häretischer Lehren.
Francerso Romana: Können Sie das unseren Lesern genauer erklären? Können Sie uns einige Beispiele geben?
Don Pietro Leone: Gewiß. Wenn das Konzil sagt, die Kirche Christi „subsistiert“ in der katholischen Kirche, dann deutet dies an, daß die Kirche Christi nicht identisch mit der katholischen Kirche sei, wie es zuvor immer gelehrt worden war – oder jedenfalls nicht mehr identisch sei, wenn per impossibile ein Dogma sich ändern könnte.
Warum sollte man sonst die Definition ändern?
Wenn das Konzil wiederum sagt, es gebe „andere Kirchen“, impliziert dies, daß die katholische Kirche nicht eine ist – obwohl es ein definiertes Dogma ist, das jeder praktizierende Katholik jeden Sonntag in der Messe bekennt.
Francesca Romano: Papst Benedikt förderte die „Hermeneutik der Kontinuität“, und diese wurde von der heutigen Hierarchie übernommen. Ist das dasselbe wie zu sagen, die Texte seien mehrdeutig und müßten lediglich richtig interpretiert werden?
Don Pietro Leone: Ja. Die „Hermeneutik der Kontinuität“ – ein weiteres Thema, das ich dem Buch hinzugefügt habe – ist selbst eine Lehre, die früher verurteilt wurde, nun aber unter einem anderen Namen erneut vorgetragen wird.
Der Begriff bezieht sich auf Hermes, den Götterboten der griechischen Mythologie. Die Götter waren verschlagen, Hermes hingegen war aufrichtig – aber nicht in diesem Fall.
Die betreffende Hermeneutik ist lediglich eine Form der „Evolution des Dogmas“ – eine Häresie, die in Pascendi verurteilt wurde.
Francesca Romano: Was bedeutet das in einfachen Worten?
Don Pietro Leone: Die katholische Kirche lehrt, daß der Glaube der angemessene Ausdruck der letzten, objektiven und unveränderlichen Wahrheit ist. Dies ist daher die „traditionalistische“ Sicht.
Die „Modernisten“ leugnen diese Sicht.
Die „Neokonservativen“ akzeptieren sie, sagen aber, daß sich der Ausdruck der Wahrheit im Laufe der Zeit verändern könne.
Das ist teilweise wahr und teilweise falsch.
Er kann sich materialiter verändern – hinsichtlich seiner Tiefe und Klarheit –, aber er kann sich nicht substantialiter verändern und dadurch zu einer neuen Lehre werden.
Das Erste Vatikanische Konzil erklärt dies ausdrücklich und verweist dabei auf das Commonitorium des heiligen Vinzenz von Lérins.
Wenn Neokonservative behaupten, der Ausdruck des Glaubens könne sich im Laufe der Zeit verändern, meinen sie, daß dies nicht nur materiell, sondern auch wesensmäßig geschehen könne, so daß daraus eine neue Lehre werde. Das widerspricht dem Ersten Vatikanischen Konzil.
Letztlich beruhen sowohl die modernistischen als auch die neokonservativen Positionen auf der Häresie der „Evolution des Dogmas“: Im ersten Fall soll sich die Wahrheit verändern, im zweiten der Ausdruck der Wahrheit.
Francesca Romano: Ist ein Vertreter der Hermeneutik der Kontinuität absichtlich irreführend?
Don Pietro Leone: Ich würde es nicht so formulieren, sondern vielmehr sagen, daß er aus Ehrfurcht sowohl gegenüber dem früheren als auch gegenüber dem gegenwärtigen Lehramt handelt: Er möchte beide miteinander in Einklang bringen und ein Schisma vermeiden. Er folgt dabei jeweils den höchsten Autoritäten der Kirche.
Francesco Romano: Ihr Stil unterscheidet sich ziemlich stark von dem des Konzils.
Don Pietro Leone: Ich bemühe mich, wissenschaftlich vorzugehen, was notwendig ist, um Häresie und Trugschlüsse zu widerlegen.
Bewußt beziehe ich vieles aus der Tradition ein: die Kirchenväter, zum Beispiel den heiligen Cyprian. Die Weisheit der Alten kann nicht ausgelöscht werden. Der Versuch, dies zu tun, ist ein Zeichen der Revolution.
Der Neue Ritus war eine liturgische Revolution; das Konzil war eine doktrinäre Revolution.
Dasselbe gilt für die literarische Tradition: Homer und beispielsweise die griechischen Tragiker. Was sie sagen, ist von großer Bedeutung für das Verständnis der menschlichen Situation – und auch des Konzils –, wie ich zu zeigen versucht habe.
Ich habe auch Verweise auf die moderne Literatur hinzugefügt, von der wir ebenfalls viel lernen können.
Francesco Romano: Ihre Schreibweise hat etwas Gelehrtes an sich.
Don Pietro Leone: Das ist das Erbe meiner Familie, meiner Erziehung und später meiner bewußten Entscheidung.
Um zu verstehen, müssen wir die Dinge in ihrem Zusammenhang verstehen.Revolutionäre interessieren sich nicht für Zusammenhänge. Sie wollen die Vergangenheit auslöschen, ich wiederhole es, und alles mit Füßen treten, was wahr, gut, heilig und schön ist. Sie wollen ihren Abgott an die Stelle Gottes setzen.
Sie tun dies schon viel zu lange. Es ist an der Zeit, daß sie vertrieben werden.
Francesca Romano: In der Tat!
Don Pietro Leone: Unser Herr wird angegriffen; das ewige Leben ist in Gefahr. Wir haben die Folgen in diesen Nachkonzilsjahren gesehen.
Ein zutiefst verwerflicher Geist der Auflehnung ist in den Vatikan eingedrungen, und im Petersdom wird eine „Fruchtbarkeitsgöttin“ [Pachama] verehrt.
Auch dies gehört in einen größeren Zusammenhang und darf nicht stillschweigend übergangen werden.
Francesco Romano: Sie sprechen vom Wahren und Guten: Das ist ein Kennzeichen des Buches. Sie stellen es in den Kontext der aristotelisch-scholastischen Metaphysik. Sie beginnen das ganze Buch mit einer Einleitung über das Wesen der Wahrheit.
Don Pietro Leone: Genau darin liegt der grundlegende Punkt von allem, was ich hier geschrieben habe.
Ich habe gesagt, daß ich Dogmatik und Logik als Werkzeuge zur Analyse der Dokumente verwende, weil die Wahrheit – sowohl die übernatürliche als auch die natürliche – entscheidend ist. Meinungen sind dabei ohne Belang.
Was Logik und Metaphysik betrifft, habe ich mehr als hundert metaphysische Fehler aufgezeigt.
Man wird mich manchmal fragen: Welchen Grad an Gehorsam schulden wir dem Konzil?
Meine Antwort lautet: Zunächst müssen wir feststellen, ob das, was es lehrt, wahr oder falsch ist, denn der Falschheit schuldet man keinen Gehorsam.
Francesco Romano: Verstehe ich richtig, daß dies Ihr letztes Wort zum Modernismus ist? Haben Sie vor, noch einmal über diese Themen zu schreiben?
Don Pietro Leone: Nein, das habe ich nicht vor. Eine Analyse des Konzils reicht aus, um auch den gegenwärtigen Zustand der institutionellen Kirche und der Welt zu verstehen.
Mein Oberer erteilt mir eine Aufgabe, die, wenn alles wie erhofft verläuft, nicht viel Zeit zum Schreiben lassen wird. Ich hoffe, die verbleibende Zeit dazu zu nutzen, die katholische Lehre in ihrer Reinheit und Einfachheit darzulegen.
Die Unkenntnis des Glaubens ist nahezu allenthalben verbreitet. Er wurde unterdrückt, zusammen mit den metaphysischen Prinzipien, die ihn erklären. Ich möchte nur ein Beispiel aus dem Konzil nennen, und damit können wir dieses Interview abschließen, wenn es euch recht ist. Das Konzil hat das metaphysische Prinzip der Finalität unterdrückt.
Was ist der Zweck der Kirche? Was ist der Zweck ihrer Pflichten gegenüber nichtkatholischen Christen, gegenüber anderen Religionen, dem Staat und der Welt? Was ist der Zweck des Priesters? Der Messe? Der Ehe? Was ist der Zweck des Lebens?
Wir kennen den Zweck nicht. Niemand sagt ihn uns. Wir sind im Dunkeln.
Wir irren durch die Finsternis unserer modernen Städte, aus denen das Wahre, das Gute und das Schöne verbannt sind, ebenso wie alles, was das Herz zu Gott erhebt. Wir werden verschlungen vom Lärm und vom dröhnenden, schreienden Verkehr dieser chaotischen städtischen Kosmopolis. Wir irren umher wie Straßenkinder, verloren und verlassen in den weiten, labyrinthischen Betonunterwelten unserer Städte.
Wir haben keinen Kompaß, keine Führung, keine Nahrung, keinen Trost.
Wir sitzen in Staub und Asche, lehnen uns an die Wand dieser Unterwelt und schauen um uns. Dann erheben wir uns wieder und gehen weiter, obwohl wir nicht wissen, wohin wir gehen.
Lieber Leser, ich sende Ihnen meinen priesterlichen Segen.
Möge unser gebenedeiter Herr, unser Schöpfer, Erlöser, anbetungswürdiger König und die fleischgewordene Wahrheit, uns beschützen und auf dem Weg der Vollkommenheit durch das Tal des Todesschattens führen, bis für uns endlich die Morgenröte in der himmlischen Heimat anbricht.
Amen.
*Don Pietro Leone ist das Pseudonym eines italienischen katholischen Priesters und Theologen. Er studierte klassische Philologie und Philosophie, lehrte mehrere Jahre in den USA und ist heute wieder in Italien tätig. Bekannt ist er vor allem für seine Schriften zur traditionellen katholischen Liturgie, zum Zweiten Vatikanischen Konzil sowie zu modernen theologischen Entwicklungen.
*Francesca Romana ist eine katholische traditionsverbundene Autorin und Übersetzerin. Sie ist vor allem durch ihre langjährige Mitarbeit bei Rorate Cæli bekannt, wo dieses Interview veröffentlicht wurde und wo sie Beiträge publiziert und Texte, insbesondere aus dem Italienischen, unter anderem von Roberto de Mattei, ins Englische übersetzt. Inhaltliche Schwerpunkte ihrer Arbeit sind die katholische Tradition, Liturgie, Kirchenkrise und die Auseinandersetzung mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil.
Don Pietro Leone: Vatican II and the Eclipse of God: A Critique of the Council, Loreto Publications, Fitzwilliam (New Hampshire) 2026, 514 Seiten.
Bisher ist das Buch nur in englischer Ausgabe erschienen. Es konnten keine Hinweise gefunden werden, daß derzeit Übersetzungen ins Deutsche und andere Sprachen in Vorbereitung sind.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: loretopubs.org (Screenshot)
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