Als Kolumbus noch keine Männer und Frauen vorfand

Von der Mission zum dekolonialen Feminismus – eine "verrückte" Kirche auf Reisen

Der letzte macht das Licht aus. So scheinen Teile der Kirche zu agieren.
Der letzte macht das Licht aus. So scheinen Teile der Kirche zu agieren.

Von Aldo Maria Val­li*

Es wer­den „drei Wochen einer inten­si­ven Rund­rei­se durch Madrid, das Bas­ken­land und Navar­ra“ sein. So wird die Initia­ti­ve der spa­ni­schen Sale­sia­ner-Mis­sio­nen ange­kün­digt, die vier Frau­en aus dem vene­zo­la­ni­schen Ama­zo­nas­ge­biet ein­ge­la­den haben, „um ihrem Kampf für ihr Land eine Stim­me zu geben“.

Wäh­rend ihrer Spa­ni­en­rei­se, so erklä­ren die Sale­sia­ner, wer­den die Frau­en „an Tref­fen mit Ver­tre­tern der Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit und der Men­schen­rech­te, sozia­len Orga­ni­sa­tio­nen und Medi­en sowie an Begeg­nun­gen und Work­shops mit femi­ni­sti­schen Bewe­gun­gen und Grup­pen für LGBTQ+-Rechte teilnehmen“.

Die Initia­ti­ve soll, so heißt es wei­ter, „Räu­me für Aus­tausch schaf­fen und für indi­ge­ne Alter­na­ti­ven sen­si­bi­li­sie­ren, die auf einem guten Leben und Har­mo­nie mit der Natur basieren“.

Daß vie­le Sale­sia­ner längst zu völ­lig eigen­wil­li­gen Akteu­ren einer „Chie­sa fuo­ri (di testa)“ gewor­den sind, ist bekannt – doch hier betä­tigt man sich mit aus­ge­spro­che­ner Furcht­lo­sig­keit vor dem Lächer­li­chen. [Val­lis Wort­spiel ergänzt die For­mel „Chie­sa fuo­ri“, eine Kir­che, die hin­aus­geht, wie sie Papst Fran­zis­kus for­der­te, mit „di testa“. „Fuo­ri di testa“ meint im Ita­lie­ni­schen schlicht­weg „ver­rückt“. Er meint also, daß die­se hin­aus­ge­hen­de Kir­che ver­rückt ist.]

Die Rund­rei­se, so erläu­tern die Ver­an­stal­ter, ist Teil eines Pro­jekts mit dem Namen „Platt­for­men im Ein­satz gegen die Kli­ma­kri­se: Alter­na­ti­ven zum Ent­wick­lungs­mo­dell aus der Per­spek­ti­ve des deko­lo­nia­len Femi­nis­mus der Ver­tei­di­ge­rin­nen der Orino­quía“. Es geht dar­um, „der Kli­ma­kri­se ent­ge­gen­zu­wir­ken“ und „Alter­na­ti­ven zum Ent­wick­lungs­mo­dell“ zu fin­den – aus­ge­hend vom „deko­lo­nia­len Femi­nis­mus“, wie ihn die „Ver­tei­di­ge­rin­nen der Orino­quía“ vertreten.

Bemer­kens­wert ist, daß die­se von den Sale­sia­ner-Mis­sio­nen koor­di­nier­te und von der bas­ki­schen Agen­tur für Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit finan­zier­te Initia­ti­ve wäh­rend der natio­na­len Woche des geweih­ten Lebens stattfindet!

Und – man höre und stau­ne: Nach Ansicht der spa­ni­schen Sale­sia­ner ist „auch das Geschlecht eine euro­päi­sche Erfin­dung, die durch den Kolo­nia­lis­mus auf­ge­zwun­gen wur­de und zuvor nicht exi­stier­te“. Mit ande­ren Wor­ten: Als Chri­stoph Kolum­bus 1492 in His­pa­nio­la ankam, traf er nicht auf Män­ner und Frau­en, son­dern auf „geschlechts­lo­se“ Menschen.

Erst die Euro­pä­er hät­ten die Geschlech­ter­un­ter­schei­dung ein­ge­führt, was „einer Form der Kon­trol­le über die kolo­ni­sier­ten Frau­en gleich­kam“, ein „Macht­mo­dell“, in dem „Hete­ro­se­xua­li­tät als selbst­ver­ständ­lich vor­aus­ge­setzt“ wird und das bis heu­te fortbesteht.

Daß es auch im sale­sia­ni­schen Umfeld längst Akteu­re einer „ver­rück­ten Kir­che, die hin­aus­geht“, gibt, ist bekannt – aber hier, das muß man ein­fach sagen, geschieht es mit einer bemer­kens­wer­ten Furcht­lo­sig­keit vor dem Lächerlichen.

*Aldo Maria Val­li, Stu­di­um der Poli­tik­wis­sen­schaf­ten an der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät von Mai­land, seit 1978 Publi­zist, seit 1985 Berufs­jour­na­list, ab 1995 für das Staats­fern­se­hen RAI tätig, von 2007 bis 2019 Lei­ter der Reli­gi­ons­ab­tei­lung und Chef-Vati­ka­nist der RAI – als sol­cher ging er nach län­ge­rem inne­rem Rin­gen ab 2016 auf Distanz zur Linie von Papst Fran­zis­kus, die er als „kon­fus“ kri­ti­sier­te –, 2019 wur­de er des­halb zu RAI Sport ver­setzt und 2020 pen­sio­niert. Er ist Buch­au­tor und betreibt den Blog Duc in altum.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Duc in Altum

6 Kommentare

  1. Als Mit­glied eines katho­li­schen Jugend­ver­ban­des erleb­te ich sol­che Spiel­chen schon ab etwa 1990. Der Ver­band wur­de gezielt von femi­ni­sti­schen Akteu­rin­nen unter­wan­dert. Es fan­den Ver­an­stal­tun­gen nur für Mädchen/​Frauen statt. Danach wur­den den Män­nern eben­falls geschlechts­ge­trenn­te Ver­an­stal­tun­gen auf­er­legt und das päd­ago­gi­schen Ziel wur­de vor Beginn fest­ge­legt. So in etwa: Ihr macht jetzt eine eige­ne Ver­an­stal­tung auf der ihr Eure Per­spek­ti­ve ändert und danach wollt Ihr aus eige­ner Erfah­rung nur noch vege­ta­risch essen. 

    Mani­pu­la­ti­ve Arbeit läuft schon lan­ge nach dem glei­chen Sche­ma ab. Die dabei ent­ste­hen­den Kol­lek­ti­ve ste­hen schließ­lich in einer aus­ge­präg­ten Wahr­neh­mungs­ver­zer­rung. Die­ser aus sei­nem Wesen in Span­nung zur Ver­nunft ste­hen­de Zustand wird durch ein gemein­sa­mes Feind­bild kom­pen­siert. Man hat sich im Kol­lek­tiv sogar lieb. Wenn sol­che lie­ben Men­schen unter sich sind kön­nen sie zuwei­len leicht dilet­tan­tisch erschei­nen. Das Essen ist ange­brannt, der Haupt­red­ner fällt aus, oder die Kame­ra war die gan­ze Zeit ver­stellt. Alles kein Pro­blem, Sie haben sich trotz­dem lieb.

  2. Man lei­det hier im wahr­sten Sin­ne des Wor­tes an einer Krank­heit des Gei­stes, denn ich befürch­te, die­se „Sale­sia­ner“ glau­ben tat­säch­lich, was sie da sagen. Was wür­de der Hl. Franz von Sales wohl dazu sagen? Beten wir für die­se armen ver­irr­ten Men­schen um bal­di­ge Ein­sicht, die allein der all­mäch­ti­ge und dei­fal­ti­ge Gott geben kann.

  3. Bei der­ar­ti­gen Berich­ten fällt mir zuerst als Kom­men­tar immer das Völ­lig unqua­li­fi­zier­te Wort Ver­trot­te­lung ein.

  4. Was da inzwi­schen so alles an spät­mo­der­nem Ungeist im Namen der Kir­che wan­delt, ist längst eine Gefahr für die gött­li­che Ord­nung. Da die­se unum­stöß­lich ist (das sind ech­te Geset­ze, kei­ne erfun­de­nen), ent­steht eine ver­lust­rei­che Rei­bung dar­an, mit einem enor­men Scha­den, ins­be­son­de­re für die eigent­lich Schutz­be­foh­le­nen der Kirche.

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