Die Stunde des Barabbas

Wie konnte dies bloß geschehen?


„Jesus und Barabbas“ von Giovanni Gasparro (geb. 1983), einem äußerst interessanten Künstler, dessen Werk im figurativen Realismus verankert ist und zugleich von barocken Einflüssen geprägt wird.
„Jesus und Barabbas“ von Giovanni Gasparro (geb. 1983), einem äußerst interessanten Künstler, dessen Werk im figurativen Realismus verankert ist und zugleich von barocken Einflüssen geprägt wird.

Ein Kom­men­tar von Don Micha­el Gurtner*

Alle vier Evan­ge­li­sten erwäh­nen in ihren Pas­si­ons­be­rich­ten, wenn­gleich jeweils nur ganz kurz, eine Epi­so­de, wel­che beson­ders in der Kar­wo­che all­ge­mei­nes Unver­ständ­nis aus­löst und man sich fas­sungs­los fragt: Wie konn­te sol­ches bloß geschehen?

Gemeint ist die klei­ne Erzäh­lung des Bar­ab­bas. Bar­ab­bas war ein Mör­der und Volks­auf­rüh­rer, ein all­ge­mein bekann­ter Ver­bre­cher und eine für alle gefähr­li­che Gestalt, der für Unru­hen und Tod ver­ant­wort­lich war. Pila­tus stell­te, wohl da er ver­such­te, für Jesus einen Aus­weg zu fin­den, ohne selbst sein Gesicht zu ver­lie­ren, weder bei sei­nen römi­schen Vor­ge­setz­ten noch beim Volk oder den Hohe­prie­stern, das Volk vor eine Ent­schei­dung: Sie sol­len wäh­len, wer frei­ge­las­sen wer­de und wer ster­ben müs­se. Ein Vor­ge­hen, das zwar sehr wohl all­ge­mein üblich, aber histo­risch gese­hen nicht an das jüdi­sche Pes­sach­fest gebun­den war. Das Volk ent­schied sich jeden­falls für den Mör­der und gefähr­li­chen Auf­wieg­ler, und nicht für Jesus, sei­nen Hei­land und Erlö­ser, den es noch vor weni­gen Tagen zum König machen woll­te und ihn mit Hos­an­nah-Rufen in Jeru­sa­lem emp­fan­gen hatte.

Die theo­lo­gi­sche Bedeu­tung jenes Bar­ab­bas und des­sen „Typus“ ist viel­schich­tig, doch für den Moment des histo­ri­schen Ereig­nis­ses des Volks­ent­schei­des, ihn anstatt Jesus frei­zu­las­sen, gilt, daß er in jeg­li­cher Hin­sicht ein Anti-Chri­stus, sozu­sa­gen das kom­plet­te Gegen­teil Jesu ist.

Die­ses sein Cha­rak­te­ri­sti­kum spie­gelt sich nicht zuletzt auch schon durch sei­nen Namen wider: Bar­ab­bas ist ein ara­mäi­scher Name und bedeu­tet ver­dol­metscht: „Sohn des Vaters“. Zwar han­delt es sich durch­aus um einen gän­gi­gen Namen der dama­li­gen Zeit, jedoch ist es bei bedeu­ten­den bibli­schen Gestal­ten in den aller­mei­sten Fäl­len so, daß die Bedeu­tung deren Namens auf­fäl­lig ihre „Rol­le“ beschreibt, wel­che sie in den Heils­er­eig­nis­sen spie­len: so auch bei Barabbas.

Bar­ab­bas ist der­je­ni­ge, der nur schein­bar und allein dem Namen nach der „Sohn des Vaters“ ist – wäh­rend Jesus es tat­säch­lich ist, und zwar sei­nem inner­sten Sein nach. Allein schon von daher ist Bar­ab­bas der Anti­po­de zu Chri­stus. Die­ser Ant­ago­nis­mus beschränkt sich jeden­falls nicht allein auf den Namen, son­dern setzt sich in allen ande­ren Aspek­ten fort, wel­chen uns die hei­li­gen Evan­ge­li­sten über­lie­fern: Jesus ist ein Frie­dens­stif­ter, Bar­ab­bas ein Auf­rüh­rer. Jesus ist ein Unschul­di­ger, Bar­ab­bas ein Ver­bre­cher. Jesus bringt das Leben, Bar­ab­bas den Tod. Jesus wird ver­ur­teilt, Bar­ab­bas wird freigelassen.

Man­che Text­quel­len bezeu­gen sogar einen Dop­pel­na­men, denen zufol­ge er gar „Jesus Bar­ab­bas“ gehei­ßen haben soll, wäh­rend „Jesus“ in man­chen ande­ren Schrift­quel­len fehlt. Auch Orig­e­nes kommt dar­auf in sei­nem Mat­thä­us­kom­men­tar zu spre­chen: in der ersten Hälf­te des drit­ten Jahr­hun­derts muß es also all­ge­mein ver­brei­tet und bekannt gewe­sen sein, daß er „Jesus Bar­ab­bas“ genannt wur­de. Jeden­falls fand es Orig­e­nes unpas­send, daß ein Ver­bre­cher wie Bar­ab­bas die­sen hei­li­gen Namen tra­gen darf, und trat dafür ein, daß man ihn bes­ser nur „Bar­ab­bas“ anstatt „Jesus Bar­ab­bas“ nen­nen sol­le, wie er histo­risch ver­mut­lich rich­tig gehei­ßen hat.

Doch egal, ob der Name „Jesus“ absicht­lich hin­zu­ge­fügt wur­de, um den (Gegen)Bezug zum wah­ren Sohn des Vaters – Jesus Chri­stus – her­aus­zu­stel­len, oder ob er absicht­lich gestri­chen wur­de, um den Namen des Got­tes­soh­nes nicht zu besu­deln, es kommt immer auf das­sel­be hin­aus: bei­des unter­streicht, daß es eine, wenn auch adver­sa­ti­ve, Bezie­hung zwi­schen Bar­ab­bas und dem Hei­land gab: Das Volk wählt den fal­schen Sohn des Vaters und ver­wirft den wah­ren, der Schul­di­ge wird frei­ge­las­sen, der Unschul­di­ge ver­ur­teilt, weil Jesus den Platz des Sün­ders einnimmt.

Doch nun müs­sen wir eine Schicht tie­fer gehen, näm­lich indem wir betrach­ten, wor­um es in die­sem Pro­zeß eigent­lich ging. In dem Duett Jesus – Bar­ab­bas, des­sen Wege und Geschick sich an einem bestimm­ten Punkt der Geschich­te durch den Lauf der Din­ge kreuz­ten, ohne daß sie sich je gesucht hät­ten, tref­fen zwei Kom­po­nen­ten auf­ein­an­der. Jede die­ser bei­den Kom­po­nen­ten wird von je einer die­ser bei­den Per­sön­lich­kei­ten ver­kör­pert, wobei die jeweils ande­re Kom­po­nen­te dem ande­ren gleich­sam wider Wil­len eben­falls ange­hef­tet wird.

Jesus hat eine mes­sia­ni­sche Auf­ga­be, er ist der Heils­brin­ger, wäh­rend Bar­ab­bas eher der Poli­ti­ker ist. Umge­kehrt wird Jesus vom Volk wider Wil­len auch mit poli­ti­schen Erwar­tun­gen kon­fron­tiert, wäh­rend Bar­ab­bas vom Volk auch mit mes­sia­ni­schen Hoff­nun­gen ver­bun­den wird.

Dar­an wird deut­lich, daß das Volk nicht recht zu unter­schei­den weiß: es wähnt sein Heil in poli­ti­schen Ände­run­gen und sieht in der Poli­tik die Erfül­lung der mes­sia­ni­schen Ver­hei­ßun­gen. Mit ande­ren Wor­ten: im Grun­de glaubt es nicht mehr an ein über­na­tür­li­ches Heil, son­dern sucht alles Heil in der Welt und ihrer Politik.

Die­se poli­ti­sche Heils­hoff­nung war der eigent­li­che Grund, wes­halb das Volk Jesus am Palm­sonn­tag mit Hos­an­nah-Rufen emp­fan­gen hat­te, doch als es sei­ne poli­ti­schen Hoff­nun­gen in Jesus nicht erfüllt sah, weil er sich als der Mes­si­as, also der Brin­ger des über­na­tür­li­chen Heils prä­sen­tier­te und nicht als ein poli­ti­scher König, wand­te sich das Volk von ihm ab und hofier­te nun Bar­ab­bas, der offen­kun­dig poli­tisch war und der mit Poli­tik die mes­sia­ni­schen Hoff­nun­gen des Vol­kes zu bedie­nen such­te. Das Volk, wel­ches eigent­lich das Volk Jesu war, such­te also sein Heil nicht im Him­mel, son­dern in der Welt mit ihrer poli­ti­schen Büh­ne, wo es mög­lichst eine Haupt­rol­le zu ergat­tern trachtete.

Die Par­al­le­len der Dyna­mik der Ereig­nis­se rund um Bar­ab­bas und der aktu­el­len Kir­chen­si­tua­ti­on sind offen­sicht­lich. Bar­ab­bas scheint auch in der heu­ti­gen Kir­che gra­de sei­ne gro­ße Stun­de zu haben, er, der kon­kre­te poli­ti­sche Ver­spre­chun­gen macht, wird auch von Kir­chen­män­nern dem Hei­land und sei­nen fern schei­nen­den Hoff­nungs­vi­sio­nen des Jen­seits vor­ge­zo­gen, und es ist auf­fäl­lig, wie sehr Volk und Kir­chen­volk, Kle­rus inklu­si­ve, heu­te die Bar­ab­bas-Opti­on wäh­len und ihn dem Chri­stus vor­zie­hen, von dem es sich schon lan­ge abge­wandt hat.

Ähn­lich wie damals läßt sich das Volk von einem vor­nehm­lich poli­tisch inter­es­sier­ten Kle­rus beein­flus­sen, der es nicht zuletzt durch sei­nen Prie­ster­stand selbst schafft, daß die poli­ti­schen Belan­ge die reli­giö­sen Inter­es­sen zunächst ver­drän­gen und schließ­lich ganz erset­zen. Das Heil wird in einer welt­li­chen Poli­tik gesucht, wäh­rend die Aus­rich­tung auf die über­na­tür­li­che Wirk­lich­keit als eine pein­lich-nost­al­gi­sche Erin­ne­rung an Zei­ten vor dem letz­ten Kon­zil gilt, von denen man unan­ge­nehm berührt ist, so daß man am lieb­sten hät­te, es hät­te sie nie gegeben.

Daß man auch in der Kir­che heu­te lie­ber Bar­ab­bas mit sei­nen ver­locken­den Ver­spre­chun­gen frei­las­sen möch­te und Jesus mit sei­nen unan­ge­neh­men, poli­tisch abso­lut nicht kor­rek­ten For­de­run­gen, die noch dazu den Anspruch abso­lu­ter Wahr­heit zu erhe­ben wagen, weg­sperrt, läßt sich seit dem letz­ten Kon­zil durch­ge­hend nachweisen.

Bei­spiels­wei­se im „Abkom­men von Metz“ vom 18. August 1962, wel­ches zwi­schen dem Hei­li­gen Stuhl, reprä­sen­tiert durch Eugè­ne Car­di­nal Tis­serant, und dem ortho­do­xen Patri­ar­chat von Mos­kau, wel­ches unter Sowjet­auf­sicht stand, geschlos­sen wur­de: Rom woll­te auch Beob­ach­ter des mos­kau­er Patri­ar­chats am Kon­zil anwe­send wis­sen, doch die Bedin­gung von sowje­ti­scher Sei­te war, daß das Kon­zil den Kom­mu­nis­mus nicht nega­tiv erwäh­nen bzw. ver­ur­tei­len dür­fe. Genau dies wur­de näm­lich von den Kon­zils­vä­tern in den vor­be­rei­ten­den Pha­sen viel­fach ver­langt (es gab ins­ge­samt 1586 Ein­brin­gun­gen bezüg­lich des Kom­mu­nis­mus), und genau dies war auch schon weni­ge Jah­re zuvor gesche­hen, als Papst Pius XII. am 1. Juli 1949 die Mit­glie­der, Wäh­ler, Anhän­ger und Zuar­bei­ter der kom­mu­ni­sti­schen Par­tei exkom­mu­ni­zier­te und die Unver­ein­bar­keit von Kom­mu­nis­mus und Katho­li­zis­mus offi­zi­ell fest­stell­te. Am 4. April 1959, drei Jah­re vor dem Abkom­men von Metz, bestä­tig­te Papst Johan­nes XXIII. in einem Dubi­um mit Bezug­nah­me auf das Dekret sei­nes Vor­gän­gers das Ver­bot, die kom­mu­ni­sti­sche Par­tei oder kom­mu­ni­sti­sche Kan­di­da­ten zu wählen.

In den Kon­zils­tex­ten, die nur weni­ge Jah­re spä­ter ent­stan­den, fand der Kom­mu­nis­mus jedoch mit kei­nem Wort Erwäh­nung. Das Kon­zil war also nun bereit, die Poli­tik über alles ande­re zu stel­len und die kirch­li­che, auf dem Glau­ben grün­den­de Posi­ti­on zum Kom­mu­nis­mus zugun­sten der Poli­tik auf­zu­ge­ben, jeden­falls was die öffent­li­che Hal­tung anbe­lang­te. Dem Vati­kan war die Anwe­sen­heit von zwei ortho­do­xen Beob­ach­tern ohne Stimm­recht, die der kom­mu­ni­sti­schen Dik­ta­tur unter­stan­den, also mehr wert als die öffent­li­che Auf­recht­erhal­tung der kla­ren, ableh­nen­den Hal­tung gegen­über dem Kommunismus.

Die Zeit ist wei­ter­ge­flos­sen, und man ist den ein­ge­schla­ge­nen Weg in die­sel­be Rich­tung wei­ter­ge­gan­gen. Schließ­lich ist man zu einem Geheim­ab­kom­men mit Chi­na gelangt, wel­ches die Aus­wahl der Kan­di­da­ten für das Bischofs­amt in die Hän­de der kom­mu­ni­sti­schen Par­tei legt: der Hei­li­ge Stuhl wählt die Kan­di­da­ten nun nicht mehr selbst aus, son­dern ernennt jene Kan­di­da­ten, die der kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Chi­nas genehm sind und dem Hei­li­gen Stuhl zur Ernen­nung präsentiert.

Dies ist nur eines von vie­len Bei­spie­len, die sich dafür anfüh­ren lie­ßen, wie geist­li­che Prin­zi­pi­en durch welt­li­che ersetzt wer­den, und zwar aktiv durch die Kir­che selbst.

Die eige­ne Ver­hält­nis­be­stim­mung der Kir­che zur Poli­tik, sowohl auf uni­ver­sa­ler als auch auf loka­ler Ebe­ne, hat sich mit dem letz­ten Kon­zil grund­le­gend geän­dert. Zwar sind die unter­schied­li­chen Län­der dabei mit unter­schied­li­chem Tem­po vor­an­ge­schrit­ten, aber mitt­ler­wei­le ist es nahe­zu glo­bal umge­setzt. Bei­spie­le aus der jün­ge­ren Zeit sind hier­für Hal­tung und Ver­hal­ten der Kir­che hin­sicht­lich der Coro­na-Imp­fung, die akti­ve För­de­rung der poli­ti­schen Agen­da west­li­cher Län­der in Fra­gen von Mas­sen­ein­wan­de­rung und Isla­mi­sie­rung, Kli­ma­schutz und Reli­gi­ons­in­dif­fe­ren­tis­mus. Die Sit­zungs­pro­to­kol­le der Bischofs­kon­fe­ren­zen lesen sich wie Par­tei­pro­gram­me, und vie­le Pre­dig­ten von Bischö­fen und Prie­stern glei­chen einer Unter­stüt­zungs­re­de auf einer Wahl­ver­an­stal­tung lin­ker Parteien.

An die Stel­le des Keryg­mas, wel­ches Chri­stus in die Welt hin­ein ver­kün­det, ist die Per­sua­si­on welt­li­cher Dog­men in die Kir­che hin­ein getre­ten. Oder anders gewen­det: Bar­ab­bas hat jetzt selbst in der Kir­che sei­ne gro­ße Stun­de, da sie ihn und sein poli­ti­sches Ver­spre­chen Jesus und sei­ner mes­sia­ni­schen Sen­dung vor­zieht. Sie betreibt mehr Poli­tik als Ver­kün­di­gung und küm­mert sich mehr um das welt­li­che Wohl­erge­hen als um das geist­li­che, was dar­auf hin­deu­tet, daß sie das Heil nicht mehr so sehr von Chri­stus erwar­tet, als viel eher von der Poli­tik. Wie einst in Jeru­sa­lem wird Chri­stus zum Poli­ti­ker gemacht und Bar­ab­bas zum Hei­land – ihre Rol­len wer­den gegen­ein­an­der ausgetauscht.

Wenn die Kir­che jedoch vor­nehm­lich nur noch als ein Polit­or­gan wahr­ge­nom­men wird, des­sen vor­ran­gi­ge Auf­ga­be dar­in besteht, dem poli­ti­schen Para­dig­men­wech­sel auch unter den Gläu­bi­gen Akzep­tanz zu ver­schaf­fen, so stellt sich die Fra­ge, ob es ihrer denn über­haupt noch bedarf. Wenn deren Bot­schaft im Grun­de kei­ne ande­re mehr ist als jene der Poli­tik, indem sie das gesell­schaft­li­che Dik­tat, das von der Poli­tik vor­ge­ge­ben wird, in theo­lo­gi­sche Ter­mi­no­lo­gie über­setzt, anstatt als Kor­rek­tiv auf­zu­tre­ten, wo es not­wen­dig ist, dann kommt sie ihrem Grund­auf­trag nicht mehr nach und ver­fälscht selbst ihre eigent­li­che Grund­bot­schaft, an die sie gebun­den ist.

Heu­te geschieht selbst in der Kir­che das­sel­be, was vor zwei­tau­send Jah­ren in Jeru­sa­lem geschah: man jubelt Jesus zu, solan­ge man in ihm einen für die eige­nen Inter­es­sen nütz­li­chen poli­ti­schen Umwäl­zer sieht. Doch als Heils­brin­ger lehnt man ihn ab, denn alles Hof­fen des (Kirchen)Volkes ist auf poli­ti­sche Zie­le hin aus­ge­rich­tet, über die hin­aus man sich nichts mehr erwartet.

Reli­gi­on, und zwar jed­we­de Reli­gi­on, gilt dabei als ein Mit­tel zur Errei­chung die­ser Zie­le. Die Kir­che wird benutzt, solan­ge sie den poli­ti­schen Zwecken dient. Sobald sie aber eige­ne Ansprü­che erhebt, erst recht, wenn sie die­sen Zie­len viel­leicht sogar ent­ge­gen­ste­hen, wird sie durch die­sel­be Her­rin ver­bannt, wel­cher sie gehor­sam dient.

Der reli­giö­se Indif­fe­ren­tis­mus, der kein Wahr und Falsch mehr aner­kennt und das Reli­giö­se in den Bereich des kul­tu­rel­len Aus­drucks redu­ziert, ist in der Kir­che selbst zur all­täg­li­chen Pra­xis gewor­den. Er ist im letz­ten aber doch nichts ande­res als die kon­se­quen­te Umset­zung des­sen, was im zwei­ten vati­ka­ni­schen Kon­zil über den Öku­me­nis­mus und die Reli­gi­ons­frei­heit ver­kün­det wur­de. Damit aller­dings schau­felt sich die Kir­che, im Sin­ne ihrer inner­welt­li­chen Struk­tur, auf mit­tel­fri­sti­ge Sicht letzt­lich selbst ihr eige­nes Grab.

Denn indem sie gera­de auch ihre zen­tral­sten Leh­ren, aus denen sie erst ihre Exi­stenz­be­rech­ti­gung bezieht, ein­fach so aus­tauscht, negiert sie deren Ver­bind­lich­keit und folg­lich auch deren Wahr­heit und Wich­tig­keit. Indem sie sich selbst zur Poli­ti­ke­rin mit einer etwas reli­giö­se­ren Spra­che degra­diert, ver­neint sie, daß sie etwas zu geben hat, was nur sie zu geben ver­mag und was nicht aus­tausch­bar ist.

Doch wenn sie nicht mehr die Heils­ver­mitt­le­rin ist, son­dern nur noch wan­del­ba­re Ver­mitt­le­rin einer eben­so wan­del­ba­ren poli­ti­schen Visi­on, dann stellt sich die Fra­ge, ob es sie über­haupt noch braucht, ob sie über­haupt noch gut ist und ob sie über­haupt noch einen Daseins­grund hat.

Immer mehr Men­schen ver­nei­nen dies, weil sie mei­nen, daß die Kir­che in ihrem inner­sten Kern genau das sei, wonach sie sich ver­hält. Man kann es ihnen nicht ver­übeln, denn die Kir­che selbst sagt ihnen heu­te nicht mehr, was sie eigent­lich wirk­lich ist, weil sie selbst es nicht mehr von sich glaubt. Die Haupt­last die­ser Schuld haben nicht die Men­schen zu tra­gen, son­dern der Kle­rus, da er es ist, der ihnen den unge­trüb­ten Blick auf Chri­stus und sei­ne Kir­che bewußt verstellt.

Wenn sogar die Geist­lich­keit heu­te „Bar­ab­bas“ anstatt „Jesus“ ruft, dann wird sich das Volk über kurz oder lang ent­täuscht zurück­zie­hen, wenn es merkt, daß die­ser nicht das ersehn­te Heil zu brin­gen ver­mag. Wozu in eine Kir­che gehen, in wel­cher Chri­stus offen­kun­dig nicht das Zen­trum ist? Eine der­ar­ti­ge Sinn­lo­sig­keit ist nicht zu leugnen.

Die Fra­ge, die zurück­bleibt, ist am Ende des Tages die­sel­be wie damals, als das Volk Bar­ab­bas anstatt Jesus frei­rief: Wie konn­te dies bloß geschehen?


Anhang:

Es wur­de die­ser Ober­sten Hei­li­gen Kon­gre­ga­ti­on die Fra­ge vorgelegt:

  1. ob es erlaubt sei, der kom­mu­ni­sti­schen Par­tei bei­zu­tre­ten oder sie zu unterstützen;
  2. ob es erlaubt sei, Bücher, Zeit­schrif­ten, Zei­tun­gen oder Flug­schrif­ten, wel­che die Leh­re oder das Wir­ken der Kom­mu­ni­sten för­dern, zu drucken, zu ver­brei­ten oder zu lesen, oder für sol­che zu schreiben;
  3. ob Chri­sten, die wis­sent­lich und frei­wil­lig das in den Num­mern 1 und 2 Genann­te getan haben, zu den Sakra­men­ten zuge­las­sen wer­den können;
  4. ob Chri­sten, die die mate­ria­li­sti­sche und anti­christ­li­che Leh­re des Kom­mu­nis­mus beken­nen, und ins­be­son­de­re jene, die sie ver­tei­di­gen und ver­brei­ten, ipso fac­to der dem Apo­sto­li­schen Stuhl vor­be­hal­te­nen Exkom­mu­ni­ka­ti­on ver­fal­len, inso­fern sie als Abtrün­ni­ge vom katho­li­schen Glau­ben zu betrach­ten sind.

Die hoch­wür­dig­sten und ehr­wür­dig­sten Väter, wel­che mit dem Schut­ze des Glau­bens und der Sit­ten betraut sind, haben nach Ein­ho­lung des Gut­ach­tens der Kon­sul­to­ren in der Ple­nar­ver­samm­lung vom 28. Juni 1949 beschlos­sen und geantwortet:

  1. ver­nei­nend; denn der Kom­mu­nis­mus ist mate­ria­li­stisch und anti­christ­lich; die Füh­rer der Kom­mu­ni­sten, obgleich sie bis­wei­len mit Wor­ten erklä­ren, der Reli­gi­on nicht ent­ge­gen­zu­ste­hen, erwei­sen sich in Wirk­lich­keit sowohl in ihrer Leh­re als auch in ihrem Han­deln als feind­lich gegen­über Gott, der wah­ren Reli­gi­on und der Kir­che Christi;
  2. ver­nei­nend; es ist bereits kraft des Geset­zes selbst ver­bo­ten (vgl. can. 1399 des Codex des kano­ni­schen Rechtes);
  3. ver­nei­nend, gemäß den all­ge­mei­nen Grund­sät­zen, wonach die Sakra­men­te jenen zu ver­wei­gern sind, die nicht recht dis­po­niert sind;
  4. beja­hend.

Am 30. des­sel­ben Monats und Jah­res hat Papst Pius XII. in der übli­chen Audi­enz beim Asses­sor des Hei­li­gen Offi­zi­ums die­se Ent­schei­dung der Väter gut­ge­hei­ßen und ihre Ver­öf­fent­li­chung im offi­zi­el­len Kom­men­tar der Acta Apo­sto­li­cae Sedis ange­ord­net.
(Dekret vom 1. Juli 1949)


Es wur­de die­ser Ober­sten Hei­li­gen Kon­gre­ga­ti­on die Fra­ge vor­ge­legt, ob es den katho­li­schen Bür­gern erlaubt sei, bei Wah­len ihre Stim­me jenen Par­tei­en oder Kan­di­da­ten zu geben, die zwar kei­ne der katho­li­schen Leh­re ent­ge­gen­ge­setz­ten Grund­sät­ze beken­nen oder sogar den christ­li­chen Namen anneh­men, sich jedoch tat­säch­lich mit den Kom­mu­ni­sten ver­bin­den und die­se durch ihr Ver­hal­ten unterstützen.

  1. März 1959

Die mit dem Schut­ze des Glau­bens und der Sit­ten betrau­ten Kar­di­nä­le ant­wor­te­ten durch Dekret:
ver­nei­nend, gemäß dem Dekret des Hei­li­gen Offi­zi­ums vom 1. Juli 1949, Nr. 1.

Am 2. April des­sel­ben Jah­res hat Papst Johan­nes XXIII. in der Audi­enz beim Pro-Sekre­tär des Hei­li­gen Offi­zi­ums die­se Ent­schei­dung der Väter gut­ge­hei­ßen und ihre Ver­öf­fent­li­chung ange­ord­net.
(Dubi­um vom 4. April 1959)

*Mag. Don Micha­el Gurt­ner ist ein aus Öster­reich stam­men­der Diö­ze­san­prie­ster, der in der Zeit des öffent­li­chen (Coro­na-) Meß­ver­bots die­sem wider­stan­den und sich gro­ße Ver­dien­ste um den Zugang der Gläu­bi­gen zu den Sakra­men­ten erwor­ben hat. Von ihm stam­men die Kolum­ne „Zur Lage der Kir­che“ und wei­te­re Bei­trä­ge.

Bild: Facebook/​Giovanni Gaspar­ro (Screen­shot). Sie­he zu Gaspar­ro auch hier.

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