Die Illusion eines „weiblichen Kirchenwesens“

Kirchlicher Feminismus


Sr. Linda Pocher mit Papst Franziskus: Feministischer Klerikalismus als Ausweg wohin?
Sr. Linda Pocher mit Papst Franziskus: Feministischer Klerikalismus als Ausweg wohin?

In die­sen Tagen, rund um den Inter­na­tio­na­len Frau­en­tag, ver­brei­tet sich erneut ein wohl­be­kann­tes Nar­ra­tiv: Frau­en müß­ten in der Kir­che „mehr Raum“ erhal­ten, um die Insti­tu­ti­on zu „ver­wan­deln“. Bis in die hin­ter­ste Pro­vinz tra­gen die Main­stream-Medi­en die­se Erzäh­lung wei­ter. Ein beson­ders mar­kan­tes Bei­spiel lie­fert das jüng­ste Inter­view mit Sr. Lin­da Pocher, der femi­ni­sti­schen Vor­zei­ge-Ordens­frau von Papst Fran­zis­kus, ver­öf­fent­licht am 7. März 2026 in La Dife­sa del Popo­lo, der Wochen­zei­tung der Diö­ze­se Padua.
Die Bot­schaft ist ein­deu­tig: Die Kir­che müs­se sich „ent­männ­li­chen“, Frau­en Zugang zu allen Dien­sten eröff­nen und damit letzt­lich das gesam­te kirch­li­che Gefü­ge neu definieren.

Hin­ter die­ser pro­gres­si­ven Argu­men­ta­ti­on ver­birgt sich ein fun­da­men­ta­ler Irr­tum: Die Kir­che ist kein Sozio­kon­strukt, das den Lau­nen kul­tu­rel­ler Strö­mun­gen unter­wor­fen sein soll­te. Pocher spricht von „kul­tu­rel­ler Erneue­rung“ und ver­weist auf Evan­ge­lii Gau­di­um, eine Enzy­kli­ka von Papst Fran­zis­kus, über­sieht dabei jedoch geflis­sent­lich, daß das Evan­ge­li­um selbst nicht der Wan­del­bar­keit welt­li­cher Gen­der-Ideo­lo­gien unter­liegt. Die Ver­kün­di­gung Chri­sti ist nicht ver­han­del­bar, und das kirch­li­che Wei­he­amt ist kei­ne Macht­po­si­ti­on, die nach Maß­stä­ben des­sen, was heu­te als „moder­ne Gerech­tig­keit“ gilt, neu ver­teilt wer­den könnte.

Pocher ver­sucht, die Debat­te um das Dia­ko­nat der Frau­en als „Fra­ge des Dien­stes“ zu ver­klä­ren. Doch der eigent­li­che Kern des Pro­blems liegt in der schlei­chen­den Umdeu­tung des kirch­li­chen Amts­be­griffs. Was Aus­druck einer sakra­men­ta­len Ord­nung ist, soll zuneh­mend nach sozia­len und ideo­lo­gi­schen Kri­te­ri­en bewer­tet wer­den. Wenn behaup­tet wird, der Zugang zum Dia­ko­nat „müs­se weni­ger Angst machen, wenn er als Dienst ver­stan­den wird“, dann ver­kennt dies den histo­ri­schen und theo­lo­gi­schen Zusam­men­hang: Das Dia­ko­nat war nie ein Instru­ment gesell­schaft­li­cher Stel­lung, son­dern Aus­druck geleb­ter Nach­fol­ge Chri­sti und wur­de erst in einem spä­te­ren Schritt in die sakra­men­ta­le Ord­nung des Wei­he­sa­kra­men­tes integriert.

Die Stra­te­gie des kirch­li­chen Femi­nis­mus folgt dabei einem erkenn­ba­ren Muster. Es geht um das Wei­he­sa­kra­ment, nicht um Lei­tungs­funk­tio­nen, doch: Zunächst wer­den Frau­en in Lei­tungs­funk­tio­nen ein­ge­führt; anschlie­ßend wird das System argu­men­ta­tiv umge­deu­tet, bis schließ­lich auch das sakra­men­ta­le Prin­zip selbst zur Dis­po­si­ti­on steht – jenes Prin­zip also, das nicht Frau­en den Zugang zum Wei­he­amt ver­wehrt, son­dern den Zugang nur für beru­fe­ne Män­ner vor­sieht. Schon heu­te über­neh­men Frau­en in nord- und mit­tel­eu­ro­päi­schen Gemein­den admi­ni­stra­ti­ve und lit­ur­gi­sche Lei­tungs­auf­ga­ben, wäh­rend die eigent­li­che sakra­men­ta­le Struk­tur for­mal unan­ge­ta­stet bleibt. Pocher fei­ert die­se Ent­wick­lung eupho­risch als „Expe­ri­men­tier­feld für den Syn­oda­len Weg“.

For­mal haben im deut­schen Sprach­raum Pasto­ral­as­si­sten­tin­nen oder Gemein­de­lei­te­rin­nen kei­nen Anteil am Wei­he­sa­kra­ment. Doch die Insze­nie­run­gen, die in vie­len Diö­ze­sen gedul­det oder geför­dert wer­den, ver­mit­teln den prie­ster­los gemach­ten Gläu­bi­gen einen ande­ren Ein­druck. So wer­den im gro­ßen Stil Nebel­ker­zen gezün­det und seit Jah­ren erheb­li­che Ver­wir­rung gestiftet.

Die von Pocher gefei­er­ten Expe­ri­men­te sind alles ande­re als der von ihr sug­ge­rier­te Fort­schritt; sie bedeu­ten viel­mehr eine schlei­chen­de Ero­si­on der kirch­li­chen Iden­ti­tät. Die Fixie­rung auf „Kul­tur“ statt auf die Kon­ti­nui­tät des Glau­bens ver­deckt die eigent­li­che Fra­ge: Soll die Kir­che sich selbst treu blei­ben – oder sich den ideo­lo­gi­schen Moden der Gegen­wart anpassen?

Pocher betont zwar die Not­wen­dig­keit der „Hör­be­reit­schaft“ inner­halb der Gemein­de. Doch Zuhö­ren ist weder ein Instru­ment zur Öff­nung der Kir­che für Zeit­geist-Ideo­lo­gien noch eine Metho­de, um dok­tri­nel­le Grund­sät­ze auf­zu­lö­sen. Sein Ziel muß viel­mehr sein, eine tie­fe­re Ein­heit in der Wahr­heit zu fördern.

Die kirch­li­che Tra­di­ti­on lehrt, daß kirch­li­che Ämter kei­ne Macht­in­stru­men­te sind, son­dern sakra­men­ta­le Dien­ste am Leib Chri­sti. Jede ideo­lo­gi­sche Umdeu­tung die­ser Ord­nung gefähr­det ihr inne­res Gefü­ge. Was als „Femi­nis­mus inner­halb der Kir­che“ prä­sen­tiert wird, erweist sich häu­fig als Ver­such, die sakra­men­ta­le Logik der Kir­che einer demo­kra­ti­schen Wil­lens­bil­dung mit ideo­lo­gi­scher Schlag­sei­te zu unter­wer­fen. Histo­ri­sche und theo­lo­gi­sche Zeug­nis­se zei­gen jedoch: Sol­che Anpas­sun­gen berei­chern die Kir­che nicht – sie gefähr­den ihre Identität.

Der kirch­li­che Femi­nis­mus, wie ihn Sr. Lin­da Pocher pro­pa­giert, ist kein Instru­ment geist­li­cher Erneue­rung, son­dern ein ideo­lo­gi­scher Fil­ter, durch den der Glau­be an die Maß­stä­be des Zeit­gei­stes ange­paßt wer­den soll. Unter die­ser Per­spek­ti­ve droht die Kir­che – ob beab­sich­tigt oder nicht – zur Platt­form sozia­ler Expe­ri­men­te zu werden.

Ihr Auf­trag ist jedoch ein ande­rer: Zeug­nis vom Evan­ge­li­um zu geben, nicht von den wech­seln­den Debat­ten der Gen­der-Ideo­lo­gie. Wo die­ser Auf­trag aus dem Blick gerät, läuft die Kir­che Gefahr, nicht mehr Spie­gel Got­tes zu sein, son­dern nur noch Spie­gel der Kul­tur, in der sie lebt.

Doch erin­nern wir uns: Sr. Lin­da Pocher wur­de von Papst Fran­zis­kus in der Schluß­pha­se sei­nes Pon­ti­fi­kats geför­dert. Schon die Byzan­ti­ner kann­ten dafür ein treff­li­ches Sprichwort.

Und hier das Inter­view der Dife­sa del Popo­lo mit Sr. Lin­da Pocher:

Welche Kirche wird es sein? Frauen im Mittelpunkt

Die Debat­te über die Rol­le der Frau in der Kir­che ist leben­di­ger denn je. Die Fra­ge nach der „Ent­männ­li­chung“ der Kir­che – oder danach, wer Zugang zu einem kirch­li­chen Dienst (mini­ste­ro) erhal­ten kann – legt tie­fe­re Fra­ge­stel­lun­gen offen: Wel­ches Amts­ver­ständ­nis und wel­che Kir­che wol­len wir?

Lin­da Pocher: Wenn das Amt wei­ter­hin eher als Macht denn als Dienst wahr­ge­nom­men wird, bleibt die Aus­ein­an­der­set­zung dar­über, wer Zugang dazu erhält, unvoll­stän­dig. Dar­auf weist Sr. Lin­da Pocher, Sale­sia­ne­rin und seit lan­gem mit die­sen The­men befaßt, hin. Heu­te, so betont sie, müs­se sich – wie es der syn­oda­le Weg nahe­le­ge – die Refle­xi­on in die kirch­li­chen Gemein­schaf­ten ver­la­gern, wo aus den Fra­gen kon­kre­te Erfah­run­gen und For­men der Mit­ver­ant­wor­tung entstehen.

La Dife­sa del Popo­lo: An wel­chem Punkt steht der Weg zur „Ent­männ­li­chung“ der Kirche?

Sr. Lin­da Pocher: Jedes­mal, wenn vom Frau­en­dia­ko­nat die Rede ist, ver­här­ten sich die Posi­tio­nen: Es gibt jene, die einen Bruch mit der Tra­di­ti­on fürch­ten, und ande­re, die jede Vor­sicht als Abschot­tung inter­pre­tie­ren. Doch die eigent­li­che Fra­ge ist eine ande­re. Es geht nicht nur um das Dia­ko­nat; auf dem Spiel steht viel­mehr die Vor­stel­lung von Kir­che, die wir ver­tei­di­gen – oft ohne es zu bemer­ken.
Bei den ver­schie­de­nen Tref­fen, an denen ich teil­neh­me, zeigt sich eine inten­si­ve theo­lo­gi­sche Arbeit; auch an Publi­ka­tio­nen und Dis­kus­sio­nen man­gelt es nicht. Die Zei­ten wer­den nicht kurz sein, doch ich bin zuver­sicht­lich: Der Pro­zeß ist in Gang gesetzt.

La Dife­sa del Popo­lo: Die vati­ka­ni­sche Stu­di­en­kom­mis­si­on hat jüngst einen mög­li­chen Kurs­wech­sel gebremst.

Sr. Lin­da Pocher: Der Bericht bekräf­tigt, daß nach dem gegen­wär­ti­gen Stand nicht behaup­tet wer­den kann, Frau­en hät­ten Zugang zum Dia­ko­nat als einer Stu­fe des Wei­he­sa­kra­men­tes. Eini­ge haben dies als eine end­gül­ti­ge Absa­ge gele­sen. In Wirk­lich­keit läßt der Text ent­schei­den­de Fra­gen offen: Was ist ein kirch­li­cher Dienst (mini­ste­ri­um)? Wie sind Macht, Dienst und Aner­ken­nung im kirch­li­chen Leben zu ver­or­ten?
Wenn das Dia­ko­nat tat­säch­lich als Dienst ver­stan­den wür­de, wür­de es weni­ger Befürch­tun­gen her­vor­ru­fen. In der Pra­xis jedoch wird das Amt noch immer als sym­bo­li­sche und ent­schei­dungs­re­le­van­te Macht wahr­ge­nom­men. Der ent­schei­den­de Punkt ist daher nicht nur, wer Zugang dazu hat, son­dern auch das Modell, das dahintersteht.

La Dife­sa del Popo­lo: Was bedeu­tet die Ver­öf­fent­li­chung des Berichts der Studiengruppe?

Sr. Lin­da Pocher: Das Signal ist klar: Die Debat­te ist nicht abge­schlos­sen. Die Ent­schei­dung für Trans­pa­renz war bedeut­sam, und der Papst hat sich nicht end­gül­tig geäu­ßert. Das zeigt, daß die Dis­kus­si­on wei­ter­hin offen ist.

La Dife­sa del Popo­lo: War­um spre­chen Sie von einer „kul­tu­rel­len“ Frage?

Sr. Lin­da Pocher: Weil die Ent­mas­ku­li­ni­sie­rung der Kir­che nicht nur eine insti­tu­tio­nel­le oder dok­tri­nä­re Ange­le­gen­heit ist. In Evan­ge­lii Gau­di­um erin­nert Papst Fran­zis­kus dar­an, daß ‚die Gna­de die Kul­tur vor­aus­setzt‘.
Über Jahr­hun­der­te hin­weg haben wir das Chri­sten­tum mit der euro­päi­schen Kul­tur iden­ti­fi­ziert, ohne die Dif­fe­renz zwi­schen dem Evan­ge­li­um und sei­nen histo­ri­schen Aus­drucks­for­men wahr­zu­neh­men. Heu­te sind wir uns stär­ker bewußt, daß die Kul­tur stän­dig evan­ge­li­siert wer­den muß und daß das Evan­ge­li­um immer wie­der neu ver­stan­den wer­den muß.
Der Wan­del, den wir erle­ben, ist Teil einer gro­ßen kul­tu­rel­len Umwäl­zung. Man den­ke etwa an die Geschlech­ter­rol­len oder an die Fami­lie. Die­se streng geord­ne­te Welt exi­stiert nicht mehr. Zu ihr kann man nicht ein­fach zurückkehren.

La Dife­sa del Popo­lo: Gibt es kon­kre­te Erfahrungen?

Sr. Lin­da Pocher: In eini­gen Regio­nen Nord­eu­ro­pas koor­di­nie­ren Frau­en bereits kirch­li­che Gemein­schaf­ten, lei­ten Wort­got­tes­fei­ern ohne Eucha­ri­stie und über­neh­men pasto­ra­le Ver­ant­wor­tung. Doch das The­ma betrifft nicht nur die Frau­en; es betrifft die Rol­le der Lai­en in die­sem histo­ri­schen Moment.

La Dife­sa del Popo­lo: Und in Italien?

Sr. Lin­da Pocher: Die Situa­ti­on ist von Diö­ze­se zu Diö­ze­se und von Pfar­rei zu Pfar­rei sehr unter­schied­lich. In man­chen Kon­tex­ten arbei­tet man ernst­haft an der Ent­wick­lung der Lai­en­äm­ter, und immer mehr Frau­en lei­ten diö­ze­sa­ne Ämter – etwas, das noch vor weni­gen Jah­ren undenk­bar gewe­sen wäre. An ande­ren Orten steht das The­ma noch ganz am Anfang. Die Pro­zes­se hän­gen stark von den han­deln­den Per­so­nen ab.

La Dife­sa del Popo­lo: Was ist die ent­schei­den­de Frage?

Sr. Lin­da Pocher: Es geht nicht nur dar­um, wann oder ob das Frau­en­dia­ko­nat mög­lich sein wird. Die radi­ka­le­re Fra­ge lau­tet: Wel­che Kir­che wol­len wir? Eine Kir­che, die sich selbst schützt – oder eine, die sich auch von den Fra­gen der gläu­bi­gen Frau­en zur Umkehr bewe­gen läßt?
Solan­ge wir ledig­lich über den Zugang zu kirch­li­chen Dien­sten spre­chen, lau­fen wir Gefahr, den ent­schei­den­den Punkt zu über­se­hen: Wie wird Macht in der Kir­che aus­ge­übt? An die­ser Fra­ge ent­schei­det sich die Zukunft des kirch­li­chen ‚Wir‘.

La Dife­sa del Popo­lo: Gibt es in den Gemein­schaf­ten den Wunsch nach Austausch?

Sr. Lin­da Pocher: Ja, bei den Begeg­nun­gen zeigt sich ein star­kes Bedürf­nis nach Zuhö­ren – und das ist auch der Kern des syn­oda­len Weges. Zuhö­ren bedeu­tet nicht, Mehr­hei­ten zu zäh­len, son­dern einen tie­fe­ren Kon­sens zu suchen. Außer­dem hat die Syn­ode den Diö­ze­sen und Pfar­rei­en Raum für Expe­ri­men­te gelas­sen: Dort wird sich vie­les entscheiden.

Ein­lei­tung und Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

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