60 Jahre Nostra aetate: 60 Jahre Nostra aetate: Wieviel Dialog verträgt der katholische Missionsauftrag?

Der interreligiöse Dialog wird zum „theologischen Raum“

Die Unterzeichnung des heute veröffentlichten Dokuments zum 60. Jahrestag von Nostra aetate durch Papst Leo XIV. Drei Dikasterienleiter waren anwesend: Kardinal Fernández, Kardinal Koch und Kardinal Koovakad.
Die Unterzeichnung des heute veröffentlichten Dokuments zum 60. Jahrestag von Nostra aetate durch Papst Leo XIV. Drei Dikasterienleiter waren anwesend: Kardinal Fernández, Kardinal Koch und Kardinal Koovakad.

Der Vati­kan ver­öf­fent­lich­te zum 60. Jah­res­tag der Erklä­rung Nost­ra aet­a­te des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils über das Ver­hält­nis der katho­li­schen Kir­che zu den nicht­christ­li­chen Reli­gio­nen, ein gemein­sa­mes Doku­ment. Die Inter­views der Kar­di­nä­le Vic­tor Manu­el Fernán­dez, Kurt Koch und Georg Jacob Koova­kad zei­gen, wie sehr der inter­re­li­giö­se Dia­log inzwi­schen als Bestand­teil der kirch­li­chen Sen­dung ver­stan­den wird. Dar­aus erge­ben sich eini­ge grund­sätz­li­che Fragen.

Zum 60. Jah­res­tag der Kon­zils­er­klä­rung Nost­ra aet­a­te haben drei vati­ka­ni­sche Dik­aste­ri­en ein gemein­sa­mes Doku­ment mit dem Titel „Ein Weg der Hoff­nung. Sech­zig Jah­re Dia­log und inter­re­li­giö­se Brü­der­lich­keit im Licht der Kon­zils­er­klä­rung Nost­ra aet­a­te“ ver­öf­fent­licht.

Papst Leo XIV. hat­te die drei Dik­aste­ri­en­lei­ter bereits am ver­gan­ge­nen 22. Juni gemein­sam in Audi­enz emp­fan­gen, um das genann­te Doku­ment zu unterzeichnen. 

Beglei­tet wird die Ver­öf­fent­li­chung von Inter­views mit allen drei zustän­di­gen Kar­di­nä­len Fernán­dez, Koch und Koova­kad. Zusam­men­ge­nom­men zeich­nen die Gesprä­che ein deut­li­ches Bild: Der inter­re­li­giö­se Dia­log ist im heu­ti­gen Selbst­ver­ständ­nis der katho­li­schen Kir­che weit mehr als ein Instru­ment der Diplo­ma­tie oder des gesell­schaft­li­chen Frie­dens. Er wird als Bestand­teil der kirch­li­chen Sen­dung verstanden.

Am 22. Juni hat­te Leo XIV. die drei Dik­aste­ri­en­lei­ter emp­fang und das neue Doku­ment zum inter­re­li­giö­sen Dia­log unterzeichnet

Gleich­zei­tig bemü­hen sich die Ver­ant­wort­li­chen um eine wich­ti­ge Klar­stel­lung: Dia­log bedeu­te weder Rela­ti­vis­mus noch Syn­kre­tis­mus. Chri­stus sei der ein­zi­ge Erlö­ser, und die katho­li­sche Iden­ti­tät dür­fe nicht auf­ge­ge­ben werden. 

Nach dem Pon­ti­fi­kat von Fran­zis­kus ist das eine wich­ti­ge und not­wen­di­ge Prä­zi­sie­rung (sie­he auch: Zum Pro­bem des häre­ti­schen Pap­stes).

Damit ist die ent­schei­den­de Fra­ge aller­dings noch nicht beant­wor­tet. Denn es geht nicht dar­um, ob Katho­li­ken mit Ange­hö­ri­gen ande­rer Reli­gio­nen spre­chen, mit ihnen fried­lich zusam­men­le­ben oder gemein­sam für das Gemein­wohl ein­tre­ten dür­fen. Selbst­ver­ständ­lich dür­fen und sol­len sie das.

Die Fra­ge lau­tet viel­mehr: Wel­chen theo­lo­gi­schen Stel­len­wert erhal­ten die ande­ren Reli­gio­nen – und wel­chen Stel­len­wert erhält der Dia­log mit ihnen inner­halb der Sen­dung der Kirche?

Tucho Fernández: „Alle Religionen sind für den Frieden“

Kar­di­nal Víc­tor Manu­el Fernán­dez stellt den Frie­dens­aspekt in den Mit­tel­punkt. Sei­ne zen­tra­le Aus­sa­ge lautet:

„Alle Reli­gio­nen sind für den Frie­den. Nie­mals für den Krieg.“

Der Frie­de ist im christ­li­chen Ver­ständ­nis in der Per­son Chri­sti begrün­det. Die­ses spe­zi­fisch christ­li­che Ver­ständ­nis des Frie­dens wird in den Aus­füh­run­gen des Kar­di­nals lei­der nicht sicht­bar. Er spricht nur vom Frie­den der Welt.

Fernán­dez hält aller­dings aus­drück­lich an der Ver­kün­di­gung fest. Dia­log und Evan­ge­li­sie­rung sol­len mit­ein­an­der ver­bun­den wer­den. Damit wird Chri­stus als Mit­tel­punkt der christ­li­chen Sen­dung nicht aufgegeben.

Den­noch bleibt die Fra­ge, ob die star­ke Beto­nung des Dia­logs in der kirch­li­chen Pra­xis nicht zu einer Ver­schie­bung der Akzen­te führt: Wird der Dia­log tat­säch­lich als ein Weg ver­stan­den, der auf die Ver­kün­di­gung Chri­sti hin geöff­net bleibt? Oder tritt in der Pra­xis die gemein­sa­me ethi­sche Ziel­set­zung stär­ker her­vor als die Fra­ge nach der Wahr­heit der Offenbarung?

Koch: Christentum und Judentum

Kar­di­nal Kurt Koch kon­zen­triert sich auf das Ver­hält­nis von Chri­sten­tum und Juden­tum. Er spricht von der jüdi­schen Reli­gi­on als der „Mut­ter­er­de“, aus der das Chri­sten­tum her­vor­ge­gan­gen sei, und betont das gemein­sa­me geist­li­che Erbe.

Sei­ne deut­lich­ste Aus­sa­ge lautet:

„Es ist unmög­lich, Jün­ger Jesu Chri­sti und zugleich Anti­se­mi­ten zu sein.“

Dage­gen ist aus katho­li­scher Sicht nichts ein­zu­wen­den. Die theo­lo­gi­sche Fra­ge liegt an ande­rer Stel­le. Zuvor stellt sich aber noch die Fra­ge, war­um die katho­li­sche Kir­che im 21. Jahr­hun­dert ihr Ver­hält­nis zum Juden­tum vor allem unter dem Stich­wort „Anti­se­mi­tis­mus“ defi­niert, immer­hin han­delt sich dabei auch um ein poli­ti­sches Instru­ment, das die Kir­che als sol­ches nicht bedie­nen sollte.

Die über­lie­fer­te Theo­lo­gie unter­schei­det zwi­schen dem alt­te­sta­ment­li­chen Isra­el und der nach­christ­li­chen jüdi­schen Reli­gi­on. Sie erkennt die ein­zig­ar­ti­ge heils­ge­schicht­li­che Bedeu­tung Isra­els an, ohne dar­aus einen eigen­stän­di­gen Heils­weg der nach­christ­li­chen jüdi­schen Reli­gi­on anzuerkennen.

Die nach­kon­zi­lia­re Spra­che geht hier wei­ter. Sie spricht nicht nur von der gemein­sa­men heils­ge­schicht­li­chen Her­kunft, son­dern von einer gegen­wär­ti­gen posi­ti­ven theo­lo­gi­schen Bezie­hung zwi­schen Chri­sten­tum und Juden­tum. Gibt es diese?

Das neue vati­ka­ni­sche Doku­ment bemüht sich aller­dings um eine wich­ti­ge Gren­ze. Die beson­de­re Bezie­hung zwi­schen Chri­sten und Juden bedeu­te nicht, daß es zwei Heils­we­ge gebe. Chri­stus blei­be der ein­zi­ge Erlöser.

Die bri­san­te Fra­ge bleibt jedoch bestehen: Wel­chen theo­lo­gi­schen Sta­tus besitzt denn die gegen­wär­ti­ge jüdi­sche Reli­gi­on, wenn Chri­stus zugleich als ein­zi­ger Erlö­ser bekannt wird?

Wie steht es um die Mis­si­ons­ab­sa­ge gegen­über Juden, die unter Fran­zis­kus aus­ge­spro­chen wur­de? wie läßt sich die­ser mit dem unein­ge­schränk­ten Mis­si­ons­auf­trag Jesu Chri­sti an die Kir­che vereinbaren.

Wann wird die katho­li­sche Sei­te die Fra­ge des Tal­mud auf­wer­fen, der über beacht­li­che Strecken ein gräß­li­ches anti­christ­li­ches und got­tes­lä­ster­li­ches Werk ist? 

Koovakad: Der Dialog als „theologischer Raum“

Am deut­lich­sten wird die neue Akzent­set­zung bei Kar­di­nal Geor­ge Koovakad.

Er ver­steht den inter­re­li­giö­sen Dia­log nicht ledig­lich als Mög­lich­keit, Vor­ur­tei­le abzu­bau­en oder gemein­sam für den Frie­den zu arbei­ten. Der Dia­log wird als Bestand­teil der kirch­li­chen Sen­dung beschrieben.

Beson­ders bemer­kens­wert ist Koova­kads For­mu­lie­rung, der Dia­log kön­ne ein

„theo­lo­gi­scher Raum“ sein, „in dem der Hei­li­ge Geist durch die Begeg­nun­gen mit den ande­ren wirkt“.

Hier liegt der theo­lo­gisch inter­es­san­te­ste und bri­san­te­ste Satz der drei Interviews.

Die Begeg­nung mit Ange­hö­ri­gen ande­rer Reli­gio­nen erhält eine eige­ne theo­lo­gi­sche Bedeutung.

Koova­kad betont zwar zugleich, daß Dia­log weder Rela­ti­vis­mus noch Syn­kre­tis­mus bedeu­te. Die katho­li­sche Iden­ti­tät müs­se gewahrt blei­ben. Doch gera­de des­halb stellt sich die Fra­ge, was kon­kret damit gemeint ist, daß der Hei­li­ge Geist „durch die Begeg­nun­gen mit den ande­ren“ wirkt. Hier wäre eine genaue Unter­schei­dung notwendig.

Selbst­ver­ständ­lich kann Gott einen Men­schen außer­halb der sicht­ba­ren Gren­zen der Kir­che zur Wahr­heit füh­ren. Selbst­ver­ständ­lich kann aus einem Gespräch mit einem Nicht­chri­sten Gutes ent­ste­hen. Dar­aus folgt jedoch noch nicht, daß die nicht­christ­li­che Reli­gi­on als sol­che zu einem posi­ti­ven Instru­ment gött­li­cher Offen­ba­rung oder Heils­ver­mitt­lung wird.

Der Unter­schied ist ent­schei­dend: Gott kann außer­halb der Kir­che wir­ken, ohne daß des­halb die Reli­gio­nen außer­halb der Kir­che als sol­che zu Heils­we­gen werden.

Es wird betont, daß die Aner­ken­nung von Wahr­heits­ele­men­ten in ande­ren Reli­gio­nen nicht die Annah­me meh­re­rer gleich­be­rech­tig­ter Heils­we­ge bedeu­te. Rela­ti­vis­mus und Syn­kre­tis­mus wer­den aus­drück­lich zurückgewiesen.

Das Doku­ment kann nichht als „Alle Reli­gio­nen sind gleich“ zusam­men­faßt wer­den. Der Wan­del liegt an einer ande­ren Stelle.

Nicht die Chri­sto­lo­gie wird auf­ge­ge­ben. Viel­mehr hat sich die theo­lo­gi­sche Bewer­tung der ande­ren Reli­gio­nen und des Dia­logs mit ihnen verändert.

Vom Missionsauftrag zum Dialog?

Hier liegt die eigent­li­che Anfra­ge. Die katho­li­sche Mis­si­on hat­te zu allen Zei­ten eine ein­deu­ti­ge Ziel­rich­tung: Die Men­schen sol­len Chri­stus erken­nen, an Ihn glau­ben und in die von Ihm gestif­te­te Kir­che eintreten.

Der Dia­log konn­te dabei dem Abbau von Vor­ur­tei­len, dem irdi­schen Frie­den und der Ver­kün­di­gung die­nen. Er war jedoch nicht selbst das eigent­li­che Ziel.

Die heu­ti­ge Spra­che setzt ande­re Akzen­te: Begeg­nung, gemein­sa­mes Han­deln, gegen­sei­ti­ges Zuhö­ren und – wie Koova­kad for­mu­liert – ein „theo­lo­gi­scher Raum“, in dem der Hei­li­ge Geist durch die Begeg­nung mit ande­ren wir­ken kann.

Chri­stus wird dabei nicht aus­drück­lich rela­ti­viert. Doch der Dia­log wird vom Mit­tel der Begeg­nung und des Zeug­nis­ses zu einer eigen­stän­di­gen Dimen­si­on kirch­li­cher Sen­dung aufgewertet.

Brüderlichkeit ist nicht dasselbe wie Gemeinschaft in Christus

Ähn­li­ches gilt für die „inter­re­li­giö­se Brüderlichkeit“.

Daß alle Men­schen Geschöp­fe Got­tes sind und eine gemein­sa­me Wür­de besit­zen, ist katho­li­sche Leh­re. Chri­sten kön­nen mit Anders­gläu­bi­gen für Frie­den, Gerech­tig­keit und das Gemein­wohl zusammenarbeiten.

Die christ­li­che Brü­der­lich­keit hat jedoch eine über­na­tür­li­che Bedeu­tung: Sie grün­det in Chri­stus und in der Ein­glie­de­rung in sei­nen mysti­schen Leib. Des­halb muß zwi­schen natür­li­cher mensch­li­cher Gemein­schaft und über­na­tür­li­cher Gemein­schaft in Chri­stus unter­schie­den werden.

Die eigentliche Streitfrage

Die drei Inter­views zei­gen, wie der inter­re­li­giö­se Dia­log heu­te als dau­er­haf­te Dimen­si­on kirch­li­cher Sen­dung ver­stan­den wird. Fernán­dez betont Frie­den und Ver­kün­di­gung, Koch das gemein­sa­me geist­li­che Erbe mit dem Juden­tum, Koova­kad den Dia­log als „theo­lo­gi­schen Raum“, in dem der Hei­li­ge Geist durch die Begeg­nung mit ande­ren wir­ken kann.

Zugleich hält der Vati­kan an der Ein­zig­keit Chri­sti fest und weist Rela­ti­vis­mus und Syn­kre­tis­mus zurück.

Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet daher: Ist die Begeg­nung mit ande­ren Reli­gio­nen vor allem Gele­gen­heit zum Zeug­nis für Chri­stus – oder selbst ein Ort, an dem die Kir­che auf theo­lo­gisch posi­ti­ve Wei­se etwas emp­fängt, das durch ande­re Reli­gio­nen ver­mit­telt wird?

An die­ser Fra­ge zeigt sich die Span­nung zwi­schen der über­lie­fer­ten katho­li­schen Auf­fas­sung und der heu­ti­gen Inter­pre­ta­ti­on von Nost­ra aet­a­te.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati­can­Me­dia (Screen­shot)

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