Der Vatikan veröffentlichte zum 60. Jahrestag der Erklärung Nostra aetate des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Verhältnis der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, ein gemeinsames Dokument. Die Interviews der Kardinäle Victor Manuel Fernández, Kurt Koch und Georg Jacob Koovakad zeigen, wie sehr der interreligiöse Dialog inzwischen als Bestandteil der kirchlichen Sendung verstanden wird. Daraus ergeben sich einige grundsätzliche Fragen.
Zum 60. Jahrestag der Konzilserklärung Nostra aetate haben drei vatikanische Dikasterien ein gemeinsames Dokument mit dem Titel „Ein Weg der Hoffnung. Sechzig Jahre Dialog und interreligiöse Brüderlichkeit im Licht der Konzilserklärung Nostra aetate“ veröffentlicht.
Papst Leo XIV. hatte die drei Dikasterienleiter bereits am vergangenen 22. Juni gemeinsam in Audienz empfangen, um das genannte Dokument zu unterzeichnen.
Begleitet wird die Veröffentlichung von Interviews mit allen drei zuständigen Kardinälen Fernández, Koch und Koovakad. Zusammengenommen zeichnen die Gespräche ein deutliches Bild: Der interreligiöse Dialog ist im heutigen Selbstverständnis der katholischen Kirche weit mehr als ein Instrument der Diplomatie oder des gesellschaftlichen Friedens. Er wird als Bestandteil der kirchlichen Sendung verstanden.

Gleichzeitig bemühen sich die Verantwortlichen um eine wichtige Klarstellung: Dialog bedeute weder Relativismus noch Synkretismus. Christus sei der einzige Erlöser, und die katholische Identität dürfe nicht aufgegeben werden.
Nach dem Pontifikat von Franziskus ist das eine wichtige und notwendige Präzisierung (siehe auch: Zum Probem des häretischen Papstes).
Damit ist die entscheidende Frage allerdings noch nicht beantwortet. Denn es geht nicht darum, ob Katholiken mit Angehörigen anderer Religionen sprechen, mit ihnen friedlich zusammenleben oder gemeinsam für das Gemeinwohl eintreten dürfen. Selbstverständlich dürfen und sollen sie das.
Die Frage lautet vielmehr: Welchen theologischen Stellenwert erhalten die anderen Religionen – und welchen Stellenwert erhält der Dialog mit ihnen innerhalb der Sendung der Kirche?
Tucho Fernández: „Alle Religionen sind für den Frieden“
Kardinal Víctor Manuel Fernández stellt den Friedensaspekt in den Mittelpunkt. Seine zentrale Aussage lautet:
„Alle Religionen sind für den Frieden. Niemals für den Krieg.“
Der Friede ist im christlichen Verständnis in der Person Christi begründet. Dieses spezifisch christliche Verständnis des Friedens wird in den Ausführungen des Kardinals leider nicht sichtbar. Er spricht nur vom Frieden der Welt.
Fernández hält allerdings ausdrücklich an der Verkündigung fest. Dialog und Evangelisierung sollen miteinander verbunden werden. Damit wird Christus als Mittelpunkt der christlichen Sendung nicht aufgegeben.
Dennoch bleibt die Frage, ob die starke Betonung des Dialogs in der kirchlichen Praxis nicht zu einer Verschiebung der Akzente führt: Wird der Dialog tatsächlich als ein Weg verstanden, der auf die Verkündigung Christi hin geöffnet bleibt? Oder tritt in der Praxis die gemeinsame ethische Zielsetzung stärker hervor als die Frage nach der Wahrheit der Offenbarung?
Koch: Christentum und Judentum
Kardinal Kurt Koch konzentriert sich auf das Verhältnis von Christentum und Judentum. Er spricht von der jüdischen Religion als der „Muttererde“, aus der das Christentum hervorgegangen sei, und betont das gemeinsame geistliche Erbe.
Seine deutlichste Aussage lautet:
„Es ist unmöglich, Jünger Jesu Christi und zugleich Antisemiten zu sein.“
Dagegen ist aus katholischer Sicht nichts einzuwenden. Die theologische Frage liegt an anderer Stelle. Zuvor stellt sich aber noch die Frage, warum die katholische Kirche im 21. Jahrhundert ihr Verhältnis zum Judentum vor allem unter dem Stichwort „Antisemitismus“ definiert, immerhin handelt sich dabei auch um ein politisches Instrument, das die Kirche als solches nicht bedienen sollte.
Die überlieferte Theologie unterscheidet zwischen dem alttestamentlichen Israel und der nachchristlichen jüdischen Religion. Sie erkennt die einzigartige heilsgeschichtliche Bedeutung Israels an, ohne daraus einen eigenständigen Heilsweg der nachchristlichen jüdischen Religion anzuerkennen.
Die nachkonziliare Sprache geht hier weiter. Sie spricht nicht nur von der gemeinsamen heilsgeschichtlichen Herkunft, sondern von einer gegenwärtigen positiven theologischen Beziehung zwischen Christentum und Judentum. Gibt es diese?
Das neue vatikanische Dokument bemüht sich allerdings um eine wichtige Grenze. Die besondere Beziehung zwischen Christen und Juden bedeute nicht, daß es zwei Heilswege gebe. Christus bleibe der einzige Erlöser.
Die brisante Frage bleibt jedoch bestehen: Welchen theologischen Status besitzt denn die gegenwärtige jüdische Religion, wenn Christus zugleich als einziger Erlöser bekannt wird?
Wie steht es um die Missionsabsage gegenüber Juden, die unter Franziskus ausgesprochen wurde? wie läßt sich dieser mit dem uneingeschränkten Missionsauftrag Jesu Christi an die Kirche vereinbaren.
Wann wird die katholische Seite die Frage des Talmud aufwerfen, der über beachtliche Strecken ein gräßliches antichristliches und gotteslästerliches Werk ist?
Koovakad: Der Dialog als „theologischer Raum“
Am deutlichsten wird die neue Akzentsetzung bei Kardinal George Koovakad.
Er versteht den interreligiösen Dialog nicht lediglich als Möglichkeit, Vorurteile abzubauen oder gemeinsam für den Frieden zu arbeiten. Der Dialog wird als Bestandteil der kirchlichen Sendung beschrieben.
Besonders bemerkenswert ist Koovakads Formulierung, der Dialog könne ein
„theologischer Raum“ sein, „in dem der Heilige Geist durch die Begegnungen mit den anderen wirkt“.
Hier liegt der theologisch interessanteste und brisanteste Satz der drei Interviews.
Die Begegnung mit Angehörigen anderer Religionen erhält eine eigene theologische Bedeutung.
Koovakad betont zwar zugleich, daß Dialog weder Relativismus noch Synkretismus bedeute. Die katholische Identität müsse gewahrt bleiben. Doch gerade deshalb stellt sich die Frage, was konkret damit gemeint ist, daß der Heilige Geist „durch die Begegnungen mit den anderen“ wirkt. Hier wäre eine genaue Unterscheidung notwendig.
Selbstverständlich kann Gott einen Menschen außerhalb der sichtbaren Grenzen der Kirche zur Wahrheit führen. Selbstverständlich kann aus einem Gespräch mit einem Nichtchristen Gutes entstehen. Daraus folgt jedoch noch nicht, daß die nichtchristliche Religion als solche zu einem positiven Instrument göttlicher Offenbarung oder Heilsvermittlung wird.
Der Unterschied ist entscheidend: Gott kann außerhalb der Kirche wirken, ohne daß deshalb die Religionen außerhalb der Kirche als solche zu Heilswegen werden.
Es wird betont, daß die Anerkennung von Wahrheitselementen in anderen Religionen nicht die Annahme mehrerer gleichberechtigter Heilswege bedeute. Relativismus und Synkretismus werden ausdrücklich zurückgewiesen.
Das Dokument kann nichht als „Alle Religionen sind gleich“ zusammenfaßt werden. Der Wandel liegt an einer anderen Stelle.
Nicht die Christologie wird aufgegeben. Vielmehr hat sich die theologische Bewertung der anderen Religionen und des Dialogs mit ihnen verändert.
Vom Missionsauftrag zum Dialog?
Hier liegt die eigentliche Anfrage. Die katholische Mission hatte zu allen Zeiten eine eindeutige Zielrichtung: Die Menschen sollen Christus erkennen, an Ihn glauben und in die von Ihm gestiftete Kirche eintreten.
Der Dialog konnte dabei dem Abbau von Vorurteilen, dem irdischen Frieden und der Verkündigung dienen. Er war jedoch nicht selbst das eigentliche Ziel.
Die heutige Sprache setzt andere Akzente: Begegnung, gemeinsames Handeln, gegenseitiges Zuhören und – wie Koovakad formuliert – ein „theologischer Raum“, in dem der Heilige Geist durch die Begegnung mit anderen wirken kann.
Christus wird dabei nicht ausdrücklich relativiert. Doch der Dialog wird vom Mittel der Begegnung und des Zeugnisses zu einer eigenständigen Dimension kirchlicher Sendung aufgewertet.
Brüderlichkeit ist nicht dasselbe wie Gemeinschaft in Christus
Ähnliches gilt für die „interreligiöse Brüderlichkeit“.
Daß alle Menschen Geschöpfe Gottes sind und eine gemeinsame Würde besitzen, ist katholische Lehre. Christen können mit Andersgläubigen für Frieden, Gerechtigkeit und das Gemeinwohl zusammenarbeiten.
Die christliche Brüderlichkeit hat jedoch eine übernatürliche Bedeutung: Sie gründet in Christus und in der Eingliederung in seinen mystischen Leib. Deshalb muß zwischen natürlicher menschlicher Gemeinschaft und übernatürlicher Gemeinschaft in Christus unterschieden werden.
Die eigentliche Streitfrage
Die drei Interviews zeigen, wie der interreligiöse Dialog heute als dauerhafte Dimension kirchlicher Sendung verstanden wird. Fernández betont Frieden und Verkündigung, Koch das gemeinsame geistliche Erbe mit dem Judentum, Koovakad den Dialog als „theologischen Raum“, in dem der Heilige Geist durch die Begegnung mit anderen wirken kann.
Zugleich hält der Vatikan an der Einzigkeit Christi fest und weist Relativismus und Synkretismus zurück.
Die entscheidende Frage lautet daher: Ist die Begegnung mit anderen Religionen vor allem Gelegenheit zum Zeugnis für Christus – oder selbst ein Ort, an dem die Kirche auf theologisch positive Weise etwas empfängt, das durch andere Religionen vermittelt wird?
An dieser Frage zeigt sich die Spannung zwischen der überlieferten katholischen Auffassung und der heutigen Interpretation von Nostra aetate.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: VaticanMedia (Screenshot)
Hinterlasse jetzt einen Kommentar